Reha-Forum für kleinere Einrichtungen

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Eröffnung des Reha-Forums durch Christian Heise (bwlv)

Wie klein ist eine kleine Reha-Einrichtung? Diese Frage stand am Anfang des Reha-Forums, zu dem der Fachverband Drogen- und Suchthilfe e.V. (fdr+) in Kooperation mit dem Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V. (buss) eingeladen hatte. 70 Teilnehmende kamen am 28. November nach Frankfurt am Main. Zu ihnen gehörten Mitarbeiter/innen aus Suchtreha-Einrichtungen und der Leistungsträger. Die Tagung war geplant als Forum für Wissen, Erfahrung und Austausch für kleinere Suchtreha-Einrichtungen und wollte Gestaltungsmöglichkeiten und Perspektiven für Träger und Fachkräfte in der ambulanten und stationären Rehabilitation Suchtkranker ausloten.

Sportlich begann Prof. Dr. Andreas Koch mit seinem Eröffnungsvortrag, in dem er Tipps und Kniffe vermittelte, wie Anbieter in der medizinischen Rehabilitation Suchtkranker angesichts von Belegungsrückgang und höheren Anforderungen für die Reha einen sicheren Stand behalten. Er definierte „kleine Einrichtungen“ als Fachkliniken mit bis zu 50 Betten. Sie machen ca. 100 von insgesamt 180 Einrichtungen/Abteilungen aus und bieten rund 4.000 von 13.000 Plätzen. Den durch die Größe entstehenden Nachteilen im Kostenbereich und bei der Belegung setzte Prof. Koch Vorteile des Setting entgegen, die sich in Flexibilität, Vertrautheit und Wertschätzung ausdrücken. Durch Belegungsrückgang und Fachkräftemangel sind diese jedoch bedroht. Anhand der aktuellen Maßnahmen in der Reha-Steuerung zeichnete er Entwicklungslinien für die Suchtreha auf und gab Empfehlungen für die strategische Ausrichtung.

Umsetzung von Anforderungen in kleinen Einrichtungen

Graphic Recording zum Vortrag von Dr. Dorothee Deuker (DRV Bund)

Aus Sicht der Rentenversicherung schilderte Dr. med. Dorothee Deuker von der Deutschen Rentenversicherung Bund die Umsetzung von Personal-, Struktur- und Qualitätsanforderungen in kleinen Einrichtungen. Ausgehend von den gesetzlichen Grundlagen erläuterte sie, wie Reha- Leistungen auf dem Weg des Qualitätsmanagements  vergleichbar werden und welche Strukturanforderungen dazu zu erfüllen sind. Sie betonte, dass die DRV bei der Beurteilung von Einrichtungen nicht nach der Größe unterscheidet. Die DRV habe festgestellt, dass gerade bei den Abhängigkeitserkrankungen die Anforderungen häufig auf kleinere Abteilungsgrößen zu übertragen sind. Bezogen auf kleine Einrichtungen sagte Dr. Deuker: „Bei grundsätzlich gleichen Erwartungen an die Rehabilitationsleistungen müssen flexible Lösungen gefunden und Kooperationen in geeigneter Weise genutzt werden.“ Mit Beispielen zur Umsetzung der Strukturanforderungen und Ergebnissen der Rehabilitandenbefragungen veranschaulichte sie die statistischen Daten zum Thema Qualitätssicherung und ‑management. Ihren Beitrag rundete sie mit Ausführungen zum Wunsch- und Wahlrecht und zur MeeR- Studie (Merkmale einer erfolgreichen Rehabilitation) ab.

In der Region liegt die Kraft

Dr. Arthur Günthner und Georg Wiegand sind nach ihrer Tätigkeit bei der Deutschen Rentenversicherung mittlerweile Rentner, aber noch immer im wissenschaftlichen Beirat des Fachverbandes Drogen- und Suchthilfe e.V. aktiv. Sie nahmen sich des Themas „Arbeit in der medizinischen Rehabilitation mit regionalen Bezügen“ an. Dr. Günthner machte deutlich, dass die Strukturanforderungen der DRV Freiräume für den Dialog zwischen dem federführenden Leistungsträger und der Einrichtung lassen hinsichtlich der Berücksichtigung regional relevanter Kriterien und der Größe von Einrichtungen. Eine ausführliche Beschreibung der Beziehung zwischen regionalem Kontext und Reha-Erfolg führte zur Würdigung des Modells „Reha-Fallbegleitung“, das insbesondere in der Region wirksam ist. Dr. Günthner stellte fest: „Eine flächendeckende Versorgung erfordert die Einbeziehung auch kleiner Einrichtungen.“

Georg Wiegand widmete sich dem Aspekt Teilhabe und stellte fest, es sei „illusorisch anzunehmen, die Gesamtlast des Individuums ließe sich mit wenigen Wochen wohnortferner stationärer, abstinenzfokussierter medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung in eine langfristig stabile Teilhabe am Erwerbsleben transferieren“. Vielmehr gelte es, die Kräfte der Region für die Teilhabe zu nutzen, was er am Beispiel des Modells „Kombi Nord“ erläuterte. Als „Werkzeuge des Gelingens“ bezeichnete er regionale Verbünde aus Einrichtungen aller Reha-Formen mit gut aufeinander abgestimmten Konzeptionen, die eine nahtlose Weiterbehandlung in der Region gewährleisten.

Größe allein ist kein Erfolgsgarant

Themen der Diskussion

Nach den Vorträgen wurde diskutiert. Es zeigte sich, dass nicht die Einrichtungsgröße allein entscheidend ist, sondern Patientenorientierung, Durchlässigkeit und Diversifizierung maßgeblich zum Erfolg beitragen. Neben der konsequenten Weiterentwicklung von Konzepten müssen auch immer wieder die spezifischen Vorteile kleinerer Einrichtungen betont werden, wenn es um die großen Entwürfe von Maßnahmen der Qualitätssicherung und um Empfehlungen geht. Auch eine andere Struktur bei der Berechnung der Kostensätze, die die Basiskosten mehr in den Mittelpunkt rückt, wurde vorgeschlagen. Vor allem braucht das Versorgungssystem für Suchtkranke aber Unterstützung aus der Politik, die diesen Bereich zu lange ausgeblendet hat.

Illustriert und dokumentiert wurde die Tagung mit Graphic Recording von Tanja Föhr. Die entstandenen Plakatwände und die Präsentationen zu den Vorträgen können auf der Website des fdr+ betrachtet und heruntergeladen werden: https://fdr-online.info/project/fdrrehaforum-2017/

Jost Leune, Fachverband Drogen- und Suchthilfe e.V., 30.11.2017