Die Augen müssen nicht wandern

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Den Fingern des Therapeuten mit den Augen folgen: Diese Therapieform ist seit den 1980er Jahren Bestandteil der so genannten EMDR-Therapie zur Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Schließlich steht das Kürzel EMDR für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, zu Deutsch: Desensibilisierung und Aufarbeitung mithilfe von Augenbewegungen. Eine aktuelle Studie deutet nun jedoch darauf hin, dass der Erfolg der Therapie nicht davon abhängt, dass die Augen sich tatsächlich bewegen. Wie die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) betont, wirft das Ergebnis Fragen zum Mechanismus der Therapie auf.

„Es reicht offenbar aus, wenn der Patient sich auf einen unbewegten Punkt konzentriert“, sagt Professor Dr. med. Martin Sack von der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar in München, der die Studie geleitet hat. Die EMDR-Methode wurde Ende der 1980er Jahre von der amerikanischen Psychologin Dr. Francine Shapiro für die Traumatherapie entwickelt. Sie hatte bei sich selbst beobachtet, dass fokussierte Augenbewegungen Erleichterung bringen können, wenn die Gedanken um schwere Probleme kreisen. Die EMDR gestaltete sie dann gezielt als Expositionstherapie, bei der ein Patient das traumatische Geschehen in Gedanken noch einmal wachruft. Während er sich der belastenden Erinnerung stellt, richtet er seine Aufmerksamkeit aber zugleich auf die Hand des Therapeuten, die sich hin und her bewegt. Bei ruhig gehaltenem Kopf werden seine Augen so zu gerichteten Bewegungen animiert.

In der aktuellen Studie wurden insgesamt 139 Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) behandelt. Die Therapeuten folgten dabei entweder dem klassischen EMDR-Konzept mit Handbewegungen oder sie wandelten es leicht ab und hielten die Hand still. Patienten einer dritten Gruppe wurden nur zur gedanklichen Exposition aufgefordert, ohne dass ihnen ein spezieller optischer Fokus angeboten wurde. Bei der Auswertung zeigte sich, dass alle drei Behandlungsgruppen von der Therapie, die bis zu acht Sitzungen umfasste, profitierten: PTSD-Symptome wie unfreiwillige Rückblenden (Flashbacks), Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Unruhe und Angstzustände hatten am Ende der Therapiephase deutlich abgenommen. Der positive Effekt war bei den beiden Gruppen, die einen externen Fokus angeboten bekommen hatten, wesentlich stärker ausgeprägt als bei der Gruppe ohne Fokus. „Überraschend war jedoch, dass es keinen zusätzlichen Nutzen brachte, wenn der Therapeut die Hand bewegte“, sagt Studienleiter Professor Sack. Das lasse darauf schließen, dass es für den Therapieerfolg nicht entscheidend sei, dass die Augen sich bewegten.

Einer verbreiteten Theorie zur EMDR zufolge führen die Augenbewegungen dazu, dass das Gehirn bilateral stimuliert wird – dass also beide Gehirnhälften zugleich angesprochen und vernetzt werden. Dem wurde eine harmonisierende und ausgleichende Wirkung zugesprochen. „Offenbar ist die Bilateralität aber nicht entscheidend“, sagt Professor Dr. med. Johannes Kruse, Präsident der DGPM, der ebenfalls an der Studie mitwirkte. Die Ergebnisse deuteten vielmehr darauf hin, dass der therapeutische Effekt auf der geteilten Aufmerksamkeit beruhe. Womöglich lasse sie das traumatisierende Geschehen in den Hintergrund treten, nehme ihm seine dominierende Stellung und ermögliche es, eine schützende Distanz aufzubauen. Es sei denkbar, dass auf diese Weise eine Umbewertung der traumatischen Situation stattfinde.

Wünschenswert wäre nach Ansicht der Autoren, die der EMDR zugrundeliegenden Mechanismen in weiteren Studien genauer zu erforschen, um den Effekt der geteilten Aufmerksamkeit noch besser für therapeutische Behandlungen nutzbar machen zu können.

Quelle:
M. Sack et al.: A Comparison of Dual Attention, Eye Movements, and Exposure Only during Eye Movement Desensitization and Reprocessing for Posttraumatic Stress Disorder: Results from a Randomized Clinical Trial. Psychother Psychosom 2016;85:357-365. DOI: 10.1159/000447671

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.,  30.03.2017