Diagnostik der Internetsucht

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Seit Jahren ist eine zunehmende Zahl von Personen zu verzeichnen, die auf Grund ihres Internetnutzungsverhaltens Probleme in verschiedenen Lebensbereichen entwickeln sowie Symptome und Einschränkungen aufweisen, die für Suchterkrankungen typisch sind. Vor diesem Hintergrund wird die Existenz von internetbezogenen Störungen (auch Internetsucht) kaum noch bezweifelt. Stattdessen finden sich immer mehr Anlaufstellen, die Betroffenen Beratung oder Psychotherapie anbieten.

Auch die wissenschaftliche Forschung hat seit der erstmaligen Beschreibung der „Internet Addiction“ vor annähernd 20 Jahren Fortschritte gemacht. Zahlreiche Prävalenzstudien geben über die Verbreitung des Störungsbildes in unterschiedlichen Bevölkerungsschichten Auskunft, experimentelle Studien untersuchen die neurowissenschaftlichen Korrelate, und erste klinische Studien überprüfen die Wirksamkeit unterschiedlicher Interventionsformen.

Selbsteinschätzung durch Fragebogenverfahren

Auch in der Diagnostik internetbezogener Störungen wurden zuletzt große Fortschritte erzielt. Mittlerweile stehen mehrere Fragebogenverfahren zur Verfügung, die auf der Basis von Selbstbeurteilungen eine erste Klassifikation des individuellen Nutzungsverhaltens ermöglichen. Besonders verbreitet sind in Deutschland die Compulsive Internet Use Scale (CIUS), der Internet Addiction Test (IAT) sowie die Skala zum Onlinesuchtverhalten (AICA-S bzw. OSV-S). Diese Instrumente wurden erfolgreich validiert und stehen jeweils auch als ökonomische Kurz-Screenings zur Verfügung.

Die Entwicklung von AICA-SKI:IBS

Demgegenüber sind klinische Beurteilungsinstrumente, die sich nicht auf die Selbsteinschätzung, sondern den klinischen Eindruck stützen, rar gesät. Bei der Diagnostik psychischer Störungen spielen Fragebogenverfahren zwar zweifellos eine wichtige Rolle, jedoch stützen sich klinische Diagnosen im Wesentlichen auf andere Informationsquellen. Einen wichtigen Zugang zur Bestimmung klinischer Störungen stellen seit jeher klinische Checklisten zur Fremdeinschätzung dar sowie strukturierte klinische Interviews, welche für die meisten psychischen Erkrankungen verfügbar sind. Für internetbezogene Störungen fehlten derartige Instrumente hingegen bislang, was zu Unsicherheiten in der klinisch diagnostischen Beurteilung führte.

Um diese Lücke zu schließen, wurde durch Mitarbeiter der Ambulanz für Spielsucht der Klinik für Psychosomatische Medizin an der Universitätsmedizin Mainz nun ein solches Interview entwickelt. AICA-SKI:IBS (Strukturiertes Klinisches Interview zu Internetbezogenen Störungen) basiert auf den neun diagnostischen Kriterien, die im DSM-5 für die „Internet Gaming Disorder“ formuliert wurden. Der Aufbau ist übersichtlich gehalten und sieht eine strukturierte Exploration jedes einzelnen Kriteriums über vorformulierte Fragen und klare Beurteilungsregeln vor.

Da sich der diagnostische Prozess bei internetbezogenen Störungen erfahrungsgemäß als anspruchsvoll erweist und individuelle Besonderheiten zu berücksichtigen sind, ermöglicht AICA-SKI:IBS bei der Diagnostik ein adaptives Vorgehen. Dies bedeutet, dass eine individuelle Anpassung des Interviews möglich ist und im Bedarfsfall auf ergänzende Fragen zur Exploration der Thematik zurückgegriffen werden kann, bis eine ausreichende diagnostische Sicherheit besteht.

Einsatzmöglichkeiten und Versionen von AICA-SKI:IBS

AICA-SKI:IBS ist das Produkt der langjährigen klinischen Erfahrung der Ambulanz für Spielsucht Mainz und wurde in einer Kurzversion (AICA-Checkliste) ebenfalls erfolgreich im Rahmen der klinischen Studie STICA eingesetzt. Somit eignet sich AICA-SKI:IBS nicht nur zur Erstdiagnostik, sondern kann ebenfalls zur Therapieplanung und zur Abbildung von Therapieverläufen (individuell und im Rahmen klinischer Studien) genutzt werden. Dementsprechend bietet sich ein Einsatz in unterschiedlichen Kontexten an, etwa in psychosozialen Beratungsstellen, Ambulanzen und Kliniken.

Um AICA-SKI:IBS einem möglichst großen Personenkreis zugänglich zu machen, steht es Interessierten kostenfrei zur Verfügung. Aktuell kann es auf Anfrage über die Mailadresse AICA.diagnostik@uni-mainz.de oder als Download auf der Seite des Fachverbandes Medienabhängigkeit e.V. (www.fv-medienabhaengigkeit.de) bezogen werden.

Dr. Kai W. Müller, Ambulanz für Spielsucht, Mainz, 10.08.2017