Klaus Wölfling

Wenn Gaming und Online-Pornografie problematisch werden

Dr. Klaus Wölfling

Die problematische Nutzung digitaler Medien, insbesondere von Computerspielen, Sozialen Medien und Online-Pornografie, stellt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein zunehmendes, behandlungsrelevantes Phänomen dar. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung gewinnt das Thema der exzessiven Nutzung neuer elektronischer Medien zunehmend Aufmerksamkeit. So wurde in Australien kürzlich die Nutzung von Social Media für Jugendliche unter 16 Jahren gesetzlich eingeschränkt, um die psychische Gesundheit der Jugendlichen zu schützen und die Risiken durch exzessive Online-Nutzung zu verringern. Seit 10. Dezember 2025 ist das Gesetz in Australien in Kraft, das es Jugendlichen unter 16 Jahren untersagt, Konten auf Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, X (ehemals Twitter) und YouTube zu erstellen oder zu behalten.

Mit der Einführung der ICD-11 wurden durch die Expertinnen und Experten der WHO zwei Formen von psychischen Störungen mit direktem Bezug zur Internetnutzung als relevante Kategorien offiziell neu aufgenommen. Dabei handelt es sich zum einen um die Computerspielstörung (Internet Gaming Disorder, IGD, Code 6C51), die durch ein anhaltendes oder wiederkehrendes Computerspielverhalten gekennzeichnet ist, das Kontrollverlust, steigende Priorisierung des Spielens über andere Lebensbereiche und Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen umfasst. Zum anderen handelt es sich um die „Sonstigen internetbezogenen Störungen“ (Other specified disorders due to addictive behaviors, Code 6C5Y), die problematische, nicht näher klassifizierte Online-Nutzungsmuster abbilden – z. B. übermäßige Nutzung Sozialer Medien oder von Streaming-Angeboten oder exzessive Pornografienutzung –, die ähnliche klinische Symptome wie die IGD hervorrufen können.

Auf nationaler Ebene heben die S1-Leitlinien zu den Internetnutzungsstörungen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hervor, dass neben der Computerspielstörung auch sonstige internetbezogene Störungen (ICD-11 Code 6C5Y) wie exzessive Social-Media-Nutzung, problematische Online-Pornografienutzung, zwanghaftes Recherchieren oder exzessives Online-Shopping klinisch relevant sind und in Diagnostik und Therapie Beachtung finden sollten (DG-Sucht, 2024).

Derzeit finden Überlegungen und Diskussionen in den Gremien der Deutschen Rentenversicherung (DRV) und der Krankenkassen darüber statt, wie und in welcher Form Patientinnen und Patienten Behandlung erhalten können, die Diagnosen im Bereich der Internetnutzungsstörungen (ICD-11 Code 6C5Y) aufweisen. Obwohl diese Störungen offiziell Anerkennung erfahren haben, gibt es im Gegensatz zur Internet Gaming Disorder bislang nur eine begrenzte wissenschaftliche Evidenz, was bisher die Kostenübernahme in der flächendeckenden Versorgung erschwert. Es gibt Hinweise darauf, dass die Kostenerstattung für die Behandlung von Internet- bzw. Mediennutzungsstörungen in Deutschland regional unterschiedlich und abhängig vom Kostenträger gehandhabt wird. Während vereinzelt Behandlungen genehmigt wurden, bestehen bei anderen Kostenträgern noch Unsicherheiten oder Bedingungen. Die DRV prüft derzeit, inwieweit internetbezogene Störungen als behandlungsbedürftig in der medizinischen Rehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen anerkannt werden können und welche spezifischen Settings und Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich sind, um eine erfolgreiche Rehabilitation zu gewährleisten.

Prävalenz

In einer repräsentativen Stichprobe an über 9.000 Jugendlichen in Deutschland zeigten Müller et al. bereits 2017, dass eine Prävalenz von 2,6 % für Internetsucht besteht, was auf ein ernstzunehmendes und zunehmendes Problem hinweist. Betroffene Jugendliche wiesen eine deutlich erhöhte psychopathologische Belastung und funktionelle Einschränkungen auf; zudem zeigten sie geringere Gewissenhaftigkeit und höhere negative Affektivität. Beide Merkmale wurden als stabile, alters- und geschlechtsunabhängige Risikofaktoren identifiziert.

Für den Erwachsenenbereich untersuchte eine multizentrische Querschnittsstudie von Wölfling et al. (2022) die Prävalenz von Verhaltenssüchten an 801 behandlungssuchenden Patientinnen und Patienten in acht psychosomatischen Universitätskliniken. Die Teilnehmenden hatten ausschließlich wegen nicht-suchtbezogener psychischer Probleme (v. a. Angsterkrankungen, affektive Störungen, PTSD [Posttraumatic Stress Disorder] und somatoforme Störungen) die Kliniken aufgesucht. Die Ergebnisse zeigten, dass 24,1 % der Teilnehmenden Symptome einer Verhaltenssucht aufwiesen, wobei Gaming (3,4 %) und die hypersexuelle Störung (5,4 %) häufige Diagnosen waren. Die Studie hebt hervor, dass Verhaltenssüchte oft mit anderen psychischen Störungen komorbid auftreten und in der psychosomatischen Versorgung bislang häufig unterdiagnostiziert werden.

In klinisch geprägten Settings werden die Entstehung und spätere Aufrechterhaltung exzessiver Mediennutzungsmuster häufig mit

  • der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS),
  • ungebremster Impulsivität,
  • emotionalen Dysregulationen
  • sowie traumatischen Kindheitserfahrungen

in Verbindung gebracht. Ziel dieses Artikels ist es, diese wissenschaftlich belegten Risikofaktoren zu erläutern, differenzierte Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und verschiedenen problematischen Online-Verhaltensformen herauszuarbeiten und praxisnahe Empfehlungen für die therapeutische Arbeit abzuleiten.

Risikofaktoren für problematische Nutzung digitaler Medien

ADHS und neuropsychologische Vulnerabilität

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gilt als einer der zentralen Risikofaktoren für eine problematische Internetnutzung über die Lebensspanne. Eine systematische Metaanalyse von Wang et al. (2017), die 15 Beobachtungsstudien (zwei Kohorten- und 13 Querschnittsstudien) zusammenfasste, zeigte beispielsweise, dass Personen mit Internetsucht signifikant höhere Werte in Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität aufwiesen. (Die gepoolte Odds Ratio betrug 3,76 und blieb nach Kontrolle für potenzielle Konfundierungsvariablen bei 2,51.) Zudem war das männliche Geschlecht mit höherer Prävalenz assoziiert, während das Alter keinen Einfluss zeigte.

Längsschnittliche Analysen erweitern dieses Bild: Wang et al. (2024) untersuchten 865 chinesische Jugendliche über drei Zeitpunkte und berichteten hier bidirektionale Zusammenhänge: ADHS-Symptome führten zu steigender Internetsucht, während problematische Internetnutzung Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität über die Zeit verstärkte. Niu et al. (2025) wiesen in einer cross-lagged panel network analysis nach, dass Unaufmerksamkeit als zentrales Brückensymptom zwischen ADHS und Internetsucht wirken könnte. Hyperaktivität in der frühen Adoleszenz und Unaufmerksamkeit in späteren Entwicklungsphasen fungieren als zeitabhängige Risikofaktoren. Lyvers et al. (2024) zeigten zudem, dass negative Stimmung und Impulsivität den Risikofaktor ADHS für die Ausprägung von exzessiver Internetnutzung verstärkend beeinflussen.

Aber auch genetische Einflüsse sind bedeutsam: Zwillingsstudien (Lee & Hur, 2024) zeigen, dass ein großer Teil der Überschneidung zwischen ADHS und Gaming Addiction auf gemeinsame genetische Faktoren zurückgeht. Für die klinische Praxis bedeutet das: Bei der Behandlung von ADHS sollte aktiv überprüft werden, ob gleichzeitig eine Computerspielsucht vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Erkrankungen parallel (interkurrent) auftreten, ist hoch, sodass therapeutische Maßnahmen idealerweise beide Problembereiche berücksichtigen sollten.

In einer weiteren Studie zeigten Derin et al. (2025), dass soziale Defizite den größten Anteil an der Beziehung zwischen ADHS und riskanter Internetnutzung erklären. Soziale Hemmnisse sind demnach also der entscheidende gemeinsame Faktor, der beiden Erkrankungen zu Grunde liegt.

Wechselseitiger Zusammenhang zwischen problematischer Internetnutzung und Impulsivität

Ghiaccio et al. (2025) betonten in einem Scoping Review, dass Impulsivität, emotionale Dysregulation, familiäre Konflikte und mangelnde soziale Unterstützung zentrale Risikofaktoren für den sogenannten Problematic Internet Use (PIU) und die Internet Gaming Disorder (IGD) darstellen. Li et al. (2025) identifizierten Gedankenabschweifen („Mind Wandering“) und Angst als vermittelnde Prozesse, durch die Internetsucht Hyperaktivität und Impulsivität verstärkt. In ihrer Querschnittsstudie untersuchten Li et al. 2.042 chinesische Jugendliche (53,2 % Jungen; M = 13,7 Jahre, SD = 1,55), um den Zusammenhang zwischen Internetsucht und Hyperaktivität–Impulsivität (HI) sowie die vermittelnde Rolle von „Mind Wandering“ (Gedankenabschweifen) und Angst zu analysieren. Die Teilnehmenden füllten standardisierte Selbstberichtsskalen aus, darunter den Internet Addiction Test (IAT), den Mind Wandering Questionnaire (MWQ), die Generalized Anxiety Disorder Scale (GAD-2) und die Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS-CSVN). Die Daten wurden mittels serieller Mediationsanalysen ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigten, dass Internetsucht signifikant positiv mit Hyperaktivität–Impulsivität zusammenhängt (r = .42, p < .001). Der serielle Pfad Internetsucht → Mind Wandering → Angst → Hyperaktivität–Impulsivität erklärte nahezu die Hälfte (48,8 %) des Gesamteffekts, wodurch beide Variablen als zentrale vermittelnde Mechanismen identifiziert wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass übermäßige Internetnutzung bei Jugendlichen Hyperaktivität und Impulsivität teils über kognitive (Gedankenabschweifen) und teils über emotionale (Angst) Prozesse verstärken kann. Präventive Programme sollten daher darauf abzielen, sowohl die Aufmerksamkeitskontrolle als auch die emotionale Regulation zu fördern, um das Risiko dysfunktionaler Internetnutzung zu reduzieren.  Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, bei der Behandlung über die reine Abstinenz hinauszugehen und psychologische Grundfunktionen, Traumafolgen sowie emotionale Dysregulation zu adressieren.

Geschlecht, Alter und psychosoziale Einflussfaktoren

Die Datenlage zu Geschlechtsunterschieden ist heterogen: Wang et al. (2017) berichteten von einer höheren Prävalenz bei Jungen, während Wang et al. (2024) keine geschlechtsspezifischen Effekte auf die bidirektionalen Zusammenhänge zwischen ADHS und Internetsucht fanden. Soziale Unterstützung, elterliche Selbstwirksamkeit und familiäre Konflikte modifizieren das Risiko zusätzlich (Ghiaccio et al., 2025). Negative Stimmung und Impulsivität erhöhen die Vulnerabilität junger Erwachsener weiter (Lyvers et al., 2024).

Spezifische Muster bei Gaming und Pornografienutzung

Aufmerksamkeitsdefizite und Internet Gaming Disorder (IGD)

Kinder und Jugendliche mit ADHS weisen eine besonders hohe Prävalenz für die IGD auf. Placini (2024) fand, dass 44 % der ADHS-Gruppe den IGD-Cut-off überschritten, verglichen mit 9,5 % in der Kontrollgruppe. Innerhalb der ADHS-Stichprobe korrelierte Unaufmerksamkeit am stärksten mit IGD. Simonelli et al. (2024) zeigten, dass bei Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung Aufmerksamkeitsdefizite den größten Risikofaktor für IGD darstellen und dass ADHS die höchste IGD-Prävalenz aufweist. Diese Befunde werden durch weitere Studien gestützt, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen ADHS und Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen dokumentieren. Eine Untersuchung von Barth (2015) kam zu dem Schluss, dass ADHS als Risikofaktor für die Entwicklung einer Mediensucht angesehen werden muss und eine adäquate Therapie der ADHS dieses Risiko verringern kann. Zusätzlich zeigt eine Analyse von Drews (2011), dass bei jungen Erwachsenen mit pathologischer Mediennutzung eine deutlich erhöhte Prävalenz von ADHS von etwa 45 % festgestellt wurde, häufig in Kombination mit anderen psychiatrischen Begleiterkrankungen.

Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, ADHS als Risikofaktor für Mediensucht zu erkennen und entsprechende Präventions- sowie Interventionsstrategien zu entwickeln, die sowohl die Aufmerksamkeitsregulation als auch den Umgang mit digitalen Medien adressieren.

Traumatische Kindheitserfahrungen und Pornografienutzungsstörung bzw. Computerspielstörung

 In der zunehmend digitalisierten Welt gewinnen internetbasierte Aktivitäten wie exzessive Computerspielnutzung oder Onlinesex als dysfunktionale Copingstrategie eine wachsende Relevanz, da sie jederzeit verfügbar sind und sofortige Belohnungserfahrungen bieten. Die Pornografienutzung ermöglicht anonymes Ausleben sexueller Fantasien, häufig einhergehend mit sozialer Isolation und Problemen in realweltlicher Intimität. Die Computerspielstörung hingegen ist durch intensives und wiederkehrendes Spielen charakterisiert, das die Kontrolle über Alltagsfunktionen beeinträchtigen kann. Beide Störungsbilder fallen unter die Kategorie der Internetnutzungsstörungen und zeigen hohe psychische, soziale und körperliche Belastungen.

Neben neuropsychologischen Risikofaktoren wie ADHS erhöhen traumatische Kindheitserfahrungen, sogenannte Adverse Childhood Events (ACEs), die Anfälligkeit für die problematische Nutzung digitaler Medien. Ein kürzlich erschienener Vergleichsartikel von Wölfling et al. (2025) zeigt, dass sowohl die Pornografienutzungsstörung (PNS, oft auch als Onlinesexsucht bezeichnet) als auch die Computerspielstörung (IGD) durch spezifische traumatische Erfahrungen determiniert werden können, und zwar auf differenzierte Weise. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit wie körperliche, emotionale oder sexuelle Misshandlungen sowie Vernachlässigung stellen bedeutende Risikofaktoren für die Entwicklung von Verhaltenssüchten dar.

Die o.g. Studie von Wölfling et al. (2025) hatte das Ziel, spezifische Kindheitstraumata als Prädiktoren für die Symptomschwere von IGD und PNS zu identifizieren. Dabei wurde angenommen, dass unterschiedliche Traumata die beiden Suchtformen unterschiedlich beeinflussen: Sexueller Missbrauch sollte insbesondere die PNS, emotionale Vernachlässigung hingegen die IGD prägen. Zusätzlich wurde ein Dreigruppenvergleich zwischen Patienten mit PNS, Patienten mit IGD und einer Kontrollgruppe ohne Suchtstörung durchgeführt, um Unterschiede in Symptomschwere und Traumata zu erheben. Die Stichprobe umfasste 260 männliche Patienten einer Spezialambulanz für Verhaltenssüchte, von denen 119 auf PNS und 141 auf IGD diagnostiziert wurden. Nach der klinischen Eingangsdiagnostik wurden 93 Patienten der PNS- und 93 der IGD-Gruppe zugeordnet; die verbleibenden 74 Personen wurden als nicht-pathologisch diagnostiziert und bildeten so die Kontrollgruppe. Die Symptomschwere wurde mittels des Assessment for Internet and Computer Addiction (AICA-Skala, Wölfling et al., 2012) gemessen. Die AICA-Skala umfasst Kriterien wie Gedankeneingenommenheit, Kontrollverlust, Entzugssymptome und erfolglose Abstinenzversuche. Kindheitstraumata wurden retrospektiv mit dem Childhood Trauma Screener (CTS, Grabe et al., 2012) erfasst, der emotionale und körperliche Vernachlässigung sowie emotionalen, körperlichen und sexuellen Missbrauch differenziert abbildet. Die Daten wurden durch Korrelationen, multiple lineare Regressionen und Varianzanalysen (ANOVA) ausgewertet.

Die Gruppen unterschieden sich kaum hinsichtlich Alter, beruflichem Status oder Symptomschwere. Auffällig war jedoch der Beziehungsstatus: PNS-Patienten waren häufiger verheiratet, während IGD-Patienten überwiegend ledig waren. Die Analysen zeigten, dass sexuelle Missbrauchserfahrungen signifikant mit der Symptomschwere von PNS korrelierten (r = 0,146; p < 0,01), während emotionale Vernachlässigung stärker mit IGD verbunden war (r = 0,217; p < 0,01). Andere Formen von Misshandlung waren in beiden Gruppen weniger stark assoziiert. Multiple Regressionen bestätigten, dass sexueller Missbrauch der einzige signifikante Prädiktor für die Ausbildung einer PNS war, während für IGD keine Traumakategorie die Symptomschwere vorhersagte.

Eine Varianzanalyse (ANOVA) zeigte zudem signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen: Beide Suchtgruppen wiesen deutlich höhere AICA-S-Scores auf als die Kontrollgruppe. Bei den Items des Childhood Trauma Screener zeigte sich, dass IGD-Patienten höhere Werte für emotionale Vernachlässigung aufwiesen, während PNS-Patienten höhere Werte für sexuellen Missbrauch berichteten. Körperliche Misshandlung oder Vernachlässigung unterschieden sich nicht signifikant.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass verschiedene Verhaltenssüchte spezifisch durch unterschiedliche Kindheitstraumata geprägt werden können. Sexueller Missbrauch stellt demnach einen relevanten Prädiktor für die Entwicklung und Schwere der PNS dar, während emotionale Vernachlässigung besonders die IGD beeinflusst. Die vergleichbare Symptomschwere von PNS und IGD zeigt, dass beide Suchtformen erhebliche Belastungen mit sich bringen. Unterschiede im Beziehungsstatus deuten darauf hin, dass PNS-Patienten eher partnerschaftliche Nähe suchen, während IGD-Patienten tendenziell sozial isolierter leben. Dies könnte therapeutische Implikationen haben, da soziale Bindungen und emotionale Regulation als zentrale Faktoren für Prävention und Therapie von Verhaltenssüchten gelten.

Therapeutisch gesehen, weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Behandlungsstrategien spezifisch auf die individuellen Erfahrungen und Traumata ausgerichtet sein sollten. Bei PNS empfiehlt sich ein Fokus auf die Verarbeitung sexueller Missbrauchserfahrungen, während IGD-Interventionen eher emotionale Vernachlässigung und den Aufbau sozialer Kompetenzen adressieren sollten. Die Studie ist jedoch nicht frei von Einschränkungen: Die retrospektive Erhebung von Kindheitstraumata über Fragebögen ist anfällig für Erinnerungsverzerrungen, und belastende Erfahrungen wie intra-familiäre Konflikte oder Verlust von Bezugspersonen wurden nicht berücksichtigt. Eine Kausalität zwischen Traumata und Suchtverhalten kann aufgrund des Studiendesigns nicht abgeleitet werden. Selektionsbias und die Tatsache, dass nur männliche Patienten untersucht wurden, schränken die Generalisierbarkeit hier ein.

Insgesamt liefert die Untersuchung von Wölfling et al. (2025) jedoch wichtige Evidenz dafür, dass spezifische traumatische Kindheitserfahrungen die Entstehung der Pornografienutzungs- und Computerspielstörung unterschiedlich beeinflussen. Sexueller Missbrauch korreliert signifikant mit der Symptomschwere der PNS, während emotionale Vernachlässigung die Entstehung der IGD stärker prägt. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit traumaorientierter, individualisierter Therapieansätze, die auf die spezifischen Risikofaktoren und Lebensumstände der Betroffenen eingehen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass weitere Forschung notwendig ist, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Kindheitstraumata und internetbasierten Verhaltenssüchten zu verstehen und evidenzbasierte Präventions- und Interventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Therapeutische Implikationen und Praxisempfehlungen

Auf Basis der hier geschilderten Befunde lassen sich folgende praxisrelevante Empfehlungen ableiten:

  1. Früherkennung und Screening: ADHS-Symptome, ACEs und auffällige Online-Nutzungsmuster sollten frühzeitig erfasst werden, um präventiv intervenieren zu können.
  2. Abstinenzorientierte Suchttherapie: Die Reduktion problematischer Nutzung (Gaming, Pornografie) bildet die Basis der Intervention (siehe auch S1-Leitlinie zu den Internetnutzungsstörungen)
  3. Bearbeitung von ADHS-Symptomen: Obwohl die Studienlage zum Zusammenhang zwischen ADHS und Suchtsymptomatik noch unzureichend ist, sollten Aufmerksamkeits- und Impulskontrolle gezielt gefördert werden, z. B. durch kognitive Trainings und additive verhaltenstherapeutische Module in der Suchttherapie
  4. Traumafokussierte Interventionen: Insbesondere bei der Pornografienutzungsstörung sollten traumatische Kindheitserfahrungen (sexueller Missbrauch) anamnestisch erfasst und therapeutisch bearbeitet werden.
  5. Förderung sozialer Kompetenzen: Die Arbeit an sozialen Fähigkeiten und Emotionsregulation ist entscheidend, um das Risiko für exzessive Online-Nutzung zu reduzieren.
  6. Integrierte Therapieansätze: Kombination von kognitiv-verhaltenstherapeutischen, traumasensiblen und psychoedukativen Interventionen, ggf. unter Einbezug der Familie und digitaler Aufklärungsprogramme.

Schlussfolgerungen

  1. Risikofaktoren für problematische Mediennutzung
    Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für exzessive Nutzung digitaler Medien, insbesondere für Internet Gaming Disorder (IGD) und Pornografienutzungsstörung (PNS). Neben ADHS spielen impulsives Verhalten, emotionale Dysregulation und negative Stimmung eine zentrale Rolle, genetische Faktoren erhöhen die Vulnerabilität weiter. Traumatische Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Events, ACEs) wirken differenziert auf die Entstehung von IGD und PNS: Sexueller Missbrauch prägt vorrangig PNS, emotionale Vernachlässigung stärker IGD.
  2. Vermittelnde Mechanismen
    Kognitive Prozesse wie Gedankenabschweifen („Mind Wandering“) sowie emotionale Faktoren wie z. B. Angst verstärken die Wechselwirkung zwischen Internetsucht und Hyperaktivität bzw. Impulsivität. Diese Befunde verdeutlichen, dass dysfunktionale Internetnutzung sowohl über kognitive als auch emotionale Mechanismen auf Verhalten und Selbstregulation einwirkt.
  3. Differenzierung nach Medienform
    Die problematische Nutzung von Online-Spielen und Pornografie zeigt spezifische Risikoprofile: IGD ist stärker mit Unaufmerksamkeit und emotionaler Vernachlässigung assoziiert, PNS hingegen mit sexuellen Traumata und häufigeren partnerschaftlichen Bindungswünschen. Therapeutische Maßnahmen sollten diese Unterschiede berücksichtigen.
  4. Prävention und Versorgung
    Frühe Interventionen, gezielte Prävention und die Berücksichtigung individueller Risikoprofile sind entscheidend, um die Entwicklung problematischer Mediennutzungsmuster zu verhindern. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Versorgungslage, dass eine standardisierte Integration von Patientinnen und Patienten mit Internetnutzungsstörungen (ICD-11 Code 6C5Y) in die Therapie und Kostenerstattung noch ausgebaut werden muss.

Fazit

Die Evidenz verdeutlicht, dass problematische Internetnutzung multifaktoriell bedingt ist und unterschiedliche Suchtformen differenzierte Risikoprofile aufweisen. Therapie und Prävention sollten diese Unterschiede berücksichtigen, kognitive, emotionale und soziale Mechanismen adressieren und sowohl neuropsychologische Vulnerabilitäten als auch traumatische Erfahrungen einbeziehen, um nachhaltige Behandlungserfolge zu erzielen.

Angaben zum Autor und Kontakt:

Dr. Klaus Wölfling: Einrichtungsleitung und Therapeutische Leitung, Therapeutische Gemeinschaft Jenfeld, Alida Schmidt-Stiftung, Hamburg; Leitung der Arbeitsgruppe Spielsucht, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
E-Mail: woelfling.tgj(at)alida.de

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