Leseprobe 1 / 2010

 

Drogenpolitik

Vorbeugen ist besser als Heilen
Interview mit der neuen Bundesdrogenbeauftragten Mechthild Dyckmans

      Lüdecke   
 

Mechthild Dyckmans

 

Am 19. November 2009 trat Mechthild Dyckmans ihre neue Stelle als Drogenbeauftragte der Bundesregierung an. In dieser Eigenschaft ist es ihre Aufgabe, die Drogen- und Suchtpolitik der Bundesressorts zu koordinieren und sie gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten. Die Bundesdrogenbeauftragte ist für verschiedenste Institutionen, Verbände und Funktionsträger im In- und Ausland Kontaktperson und Repräsentantin der deutschen Drogenpolitik. Sie unterhält z. B. enge Beziehungen zur Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), zur Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD), zur Commission on Narcotic Drugs in Wien oder zu Vertretern der Länder. Auch für die Presse ist sie die wichtigste Ansprechpartnerin in Sachen Drogenpolitik. Zu ihren Tätigkeiten gehört es außerdem, sich durch Besuche in Suchthilfeeinrichtungen und Gespräche mit Mitarbeitern Einblick in die Praxis und in Entwicklungsfelder zu verschaffen. In ihrer Funktion als Repräsentantin und Koordinatorin hat die Drogenbeauftragte keine exekutive Gewalt, aber sie kann durch Veranstaltungen wie Tagungen, Werkstattgespräche und runde Tische bestimmte Themen in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und Initiativen und Kampagnen in Abstimmung mit den zuständigen Ressorts anstoßen. Die Geschäftsstelle der Bundesdrogenbeauftragten bringt zudem Veröffentlichungen wie den Drogen- und Suchtbericht heraus. Wie Mechthild Dyckmans ihre Aufgabe als Drogenbeauftragte gestalten möchte und welche Schwerpunkte sie sich für die Arbeit der kommenden Jahre setzt, erläuterte sie KON­TU­REN gegenüber bei einem Interview im Februar 2010.

KONTUREN: Sehr geehrte Frau Dyckmans, was reizt Sie an der neuen Aufgabe als Drogenbeauftragte der Bundesregierung?

Mechthild Dyckmans: Mich reizt daran das Thema. Drogen- und Suchtpolitik betrifft ganz viele Menschen, und zwar aus unterschiedlichen Bereichen. Es ist kein schichtenspezifisches Thema, sondern viele Menschen haben in ganz unterschiedlicher Art und Weise damit zu tun. Zum einen, wenn sie selbst abhängig sind, zum anderen betrifft es die Angehörigen von Abhängigen.

Haben Sie für dieses Thema ein besonderes persönliches Interesse, eine besondere persönliche Motivation?

Mechthild Dyckmans: Als Mutter von zwei nun erwachsenen Kindern, die die Jugendzeit gut ohne große Probleme mit Alkohol oder Drogen oder Zigaretten überstanden haben, weiß ich, wie wichtig das Thema für Eltern ist. Und wie notwendig es ist, dass Eltern Grenzen setzen und so ihre Kinder – das hören Jugendliche natürlich nicht gerne – auch schützen. Gleichzeitig ist es wichtig, sie stark und kompetent für das Leben zu machen. Das ist meine persönliche Motivation, um in diesem Bereich tätig zu werden.

In dem kurzen Interview auf Ihrer Homepage sprechen Sie davon, dass Sie selbst aktiv mitgestalten und Dinge nicht als gegeben hinnehmen wollen. Was sehen Sie als Ihre dringendste Aufgabe an?

Mechthild Dyckmans: Das Wichtigste ist, dass wir ein Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen, wie wichtig uns Gesundheit sein muss. Das heißt, die Prävention, die Vorbeugung vor Gesundheitsschäden und also auch vor Suchtgefahren muss an erster Stelle stehen. Wenn es uns gelingt, die Menschen in dieser Hinsicht besser zu erreichen, dann erübrigen sich auch viele Probleme, die aus Suchtkrankheiten entstehen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie bei Ihrer Tätigkeit als Drogenbeauftragte?

Mechthild Dyckmans: Ein großer Schwerpunkt sind die legalen Suchtmittel wie Alkohol, aber auch neue Suchtprobleme wie die Online-Spielsucht. Hier sind besonders junge Menschen betroffen. Beim Alkohol machen mir die exzessiv trinkenden Kinder und Jugendlichen große Sorgen. Ich glaube, da müssen wir noch bessere Lösungen finden. Wir müssen daran arbeiten, die Kinder und Jugendlichen davon zu überzeugen, wie schädlich zu früher Alkoholkonsum für sie ist.

Bei Jugendlichen stehen Verbote nicht gerade hoch im Kurs. Mit welchen Strategien oder Mitteln wollen Sie den riskanten Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe reduzieren?

Mechthild Dyckmans: Das ist richtig, Verbote stehen nicht sehr hoch im Kurs. Das ist das eine, aber das andere ist, dass Jugendliche Grenzen gesetzt bekommen wollen. Beides ist notwendig. Man darf nicht radikale Verbote aussprechen. Das kommt bei den Kindern und Jugendlichen nicht an, aber man muss Grenzen aufzeigen und diese als Eltern auch kontrollieren. Wir haben vom Bundesgesundheitsministerium eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wie es zum Rauschtrinken, zum so genannten Binge drinking, kommt. Die befragten Jugendlichen sagten nicht etwa: „Wir trinken, weil wir keine Zukunftsaussicht haben!“ Es war oft der schlichte Spaßfaktor, der sie dazu trieb, am Rauschtrinken in der Gruppe teilzunehmen. Hier müssen wir noch die richtigen Wege finden, den Jugendlichen etwas anderes anzubieten, was ihnen Spaß machen könnte und keine so riskanten Folgen hat.

Als weiteren Schwerpunkt nannten Sie in der Presse die Aufklärung von Schwangeren über die Gefahren von Tabak- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Wie kann diese Zielgruppe Ihrer Meinung nach erreicht werden?

Mechthild Dyckmans: Ich bin selbst Mutter von Zwillingen und weiß noch, wie das war, als ich schwanger war. Da kommt einem immer wieder der Gedanke „Mein Gott, hoffentlich kommen meine Kinder gesund zur Welt.“ Und wenn man weiß, dass Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu Schäden führen kann und man diesen Schaden wirklich zu 100 Prozent vermeiden kann, indem man keinen Alkohol trinkt, müssen wir dieses Wissen an die jungen Frauen herantragen. Dabei setze ich auf die Hilfe der Gynäkologen. Es gibt gute Informationsmaterialien, die Ärzte jeder Schwangeren aushändigen können und sollen. Das geschieht schon, aber das wollen wir noch flächendeckender erreichen. Ich möchte, dass die Gynäkologen sich verpflichten, Schwangere auf diese Risiken hinzuweisen und zu beraten. Die Botschaft muss klar sein: „Du darfst nicht trinken und rauchen, denn dein Kind raucht und trinkt mit.“ Ich möchte unsere Informationsmaterialien auch über die Apotheken weitergeben, denn eine junge Frau, die meint, sie sei schwanger, geht in die Apotheke und holt sich dort einen Schwangerschaftstest. Wenn sie bei dieser Gelegenheit bereits das Infomaterial bekommt, ist sie vielleicht auch bereit, es zu lesen und sich daran zu halten.

Sie möchten keine weiteren Werbeverbote für Alkohol und Zigaretten, sondern setzen auf verstärkte Präventionsmaßnahmen. Nach Angaben des Geschäftsführers der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Raphael Gaßmann, wird in Werbung für alkoholische Getränke und Tabak in Deutschland jährlich eine Milliarde Euro investiert, in die Prävention dagegen nur etwas mehr als 30 Millionen, also drei Prozent davon. Gaßmann fordert eine Milliarde Euro für die Prävention, um Alkoholmissbrauch und Tabakkonsum effektiv begegnen zu können. Werden Sie sich dafür einsetzen?

Mechthild Dyckmans: Das ist einfach unrealistisch, zu sagen, wir müssen eine Milliarde einsetzen. Nicht nur bei der gegenwärtigen Haushaltssituation, sondern auch insgesamt. Es ist sicher richtig: Prävention und Aufklärung haben eine große Bedeutung. Wir setzen insgesamt über 15 Millionen Euro ein. Im Haushalt ist auch eine Erhöhung der Mittel für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vorgesehen, die ja einen großen Teil der Präventionsarbeit, die von Bund geleistet wird, macht. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir das Geld, das wir haben, effektiv einsetzen. Wir müssen prüfen: Sind die Programme und die Informationsschriften, die wir zu Präventionszwecken einsetzen, zielgerichtet? Kommen die an? Man muss immer wieder die einzelnen Programme evaluieren und gegebenenfalls eben auch neue Wege beschreiten.

Ein wichtiges Thema in der Suchthilfe ist momentan die Umsetzung des Gesetzes zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung bzw. die Neuregelung der Richtlinien zur Substitutionsbehandlung generell. Warum ist dieser Themenkomplex nicht Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit als Drogenbeauftragte?

Mechthild Dyckmans: Als Drogenbeauftragte begleite ich den Prozess der Umsetzung. Die Umsetzung der diamorphingestützten Substitutionsbehandlung selbst geschieht aber durch die Länder, den Gemeinsamen Bundesausschuss sowie durch das Bundesinstitut für Arzneimittel. Die Zulassung des Medikaments sowie die Richtlinien der Bundesärztekammer liegen bereits vor. In Kürze wird der Gemeinsame Bundesausschuss seine neuen Richtlinien verabschieden.

Bei der Abstimmung im Bundestag über das Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung stimmte als einzige Fraktion die Union dagegen. In der FDP gab es zwei Enthaltungen, eine davon war Ihre Stimme. Aus welchen Gründen haben Sie sich enthalten und wie vereinbaren Sie das mit Ihrem Amt als Drogenbeauftragte?

Mechthild Dyckmans: Ich habe mich nicht deshalb enthalten, weil ich die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung ablehne, sondern ich habe mich gegen die in dem Gesetz vorgesehene Finanzierung der Maßnahme ausgesprochen. Ich bin der Auffassung, dass die Kosten für diese Behandlung aus allgemeinen Steuermitteln und nicht aus den Mitteln der Versichertengemeinschaft aufgebracht werden sollten. Das war der Grund, weshalb ich mich bei der Abstimmung im Bundestag enthalten habe. Es ging um die Kostenfrage und nicht um die Behandlung an sich. Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, die Diamorphinbehandlung auf eine rechtlich einwandfreie Grundlage zu stellen, und hoffe jetzt, dass die notwendigen Regelungen schnell gefunden werden und dass man Regelungen findet, die es ermöglichen, in allen Bundesländern solche Behandlungen durchzuführen.

In Berlin konnte die Kostenfrage bisher noch nicht geklärt werden. Könnten Sie sich für schnellere Entscheidungsprozesse einsetzen?

Mechthild Dyckmans: Das liegt, wie gesagt, nicht in meiner Zuständigkeit, sondern beim Gemeinsamen Bundesausschuss. Da habe ich als Drogenbeauftragte keinen direkten Einfluss. Bei den Dingen, die ich selbst mitbeeinflussen kann, versuche ich natürlich, dass wir schnellere Prozesse bekommen.

Wenn Sie vor allem Maßnahmen im Bereich „legale Drogen“ planen, vernachlässigen Sie dann nicht die große Gruppe derjenigen, die von illegalen Drogen abhängig sind?

Mechthild Dyckmans: Die vernachlässigen wir auf keinen Fall. Aber die legalen Suchtmittel stehen einfach mehr im Fokus, weil davon viel mehr Menschen betroffen sind: 33 Prozent aller Erwachsenen rauchen. 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in riskanter Form, davon gelten 1,3 Millionen als alkoholabhängig. Es gibt fast zwei Millionen Menschen, die medikamentenabhängig sind. Bei den illegalen Drogen dagegen gehen wir von 600.000 Menschen aus, die einen missbräuchlichen oder abhängigen Cannabiskonsum aufweisen. Weitere 200.000 Menschen konsumieren illegale Drogen wie Heroin oder Kokain etc. Aufgrund der Menge der Menschen, die betroffen ist und Hilfen benötigt, liegt der Schwerpunkt also nicht bei den illegalen Suchtmitteln. Aber das heißt natürlich nicht, dass wir uns darum nicht weiter kümmern. Gerade vor drei Wochen habe ich die Heroinambulanz in Frankfurt am Main besucht und mir ein Bild von der Arbeit dort gemacht. Ich habe mit einem Substituierten und mit vielen Ärzten gesprochen, die Substitution vornehmen. Sie haben mir aufgezeigt, wo Probleme in der Praxis entstehen. All das müssen wir und werden wir auch angehen. Im März nehme ich an einer Konferenz in Wien teil, wo es um das weltweite Drogen- und Suchtproblem mit illegalen Drogen geht. Also wir vernachlässigen das in keiner Weise.

In einem Interview mit der Kölnischen Rundschau vom 29.11.09 befürworten Sie die Verwendung von Cannabis zu medizinischen Zwecken. Welche Schritte in diese Richtung möchten Sie konkret umsetzen?

Mechthild Dyckmans: Wenn Cannabis zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden kann, dann muss es erstmal als Arzneimittel zugelassen sein. Das heißt, es muss ein entsprechender Antrag gestellt und ein Zulassungsverfahren durchlaufen werden. Damit ein Arzneimittel zugelassen wird, ist ein zusätzlicher Nutzen gegenüber auf dem Markt befindlichen Arzneimitteln erforderlich. Das muss zunächst geprüft werden.

Als Juristin sind Sie nah dran am Thema Strafverfolgung der Dogenkonsumenten. Sehen Sie hier Handlungsbedarf? Sind z. B. das Strafmaß oder die Festlegung der „geringen Mengen“ angemessen?

Mechthild Dyckmans: Was wir meiner Meinung nach brauchen, ist, dass man in den einzelnen Bundesländern die Fälle wirklich gleich behandelt. Dass „geringe Menge“ in Baden-Württemberg nicht etwas anderes ist als in Bayern oder Hessen. Ein anderes Problem ist das Autofahren nach Cannabis- oder anderem Drogenkonsum. Bei Alkohol wissen wir, wenn wir mehr als 0,5 Promille im Blut haben, sind wir fahruntüchtig. Da weiß jeder, wo er dran ist. Wir wissen, dass auch Cannabis die Aufmerksamkeit beim Fahren beeinträchtigt. Das wird aber völlig unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern behandelt. Da müssen wir zu einer größeren Vereinheitlichung kommen. Ansonsten finde ich Strafmaß und Strafvorschriften, was den Drogenhandel betrifft, durchaus angemessen.

Sehen Sie Handlungsbedarf im Bereich Party- und Designerdrogen? Dies ist zum Großteil eine ganz andere Klientel, die beruflich sehr erfolgreich ist und am Wochenende einen exzessiven Ausgleich zum hochkonzentrierten Arbeiten unter der Woche sucht. Trägt unsere Gesellschaft gar zum erhöhten Amphetaminkonsum bei?

Mechthild Dyckmans: Das ist ein schwieriges Problem. Dem wollen wir uns im nächsten Jahr verstärkt annehmen, wenn wir über Medikamentenmissbrauch sprechen. Denn es gibt viele Menschen, die glauben, mit den Leistungsanforderungen im Beruf, in der Schule oder im Studium nicht mehr zurechtzukommen, und deshalb zu Medikamenten greifen. Aufputschmittel oder Beruhigungsmittel zu nehmen, um abschalten zu können oder von dem Stress loszukommen, ist ein gefährlicher Weg. Da müssen wir wirklich in der Gesellschaft etwas tun. Wir können nicht unter der Woche jeden Tag 200 Prozent präsent sein und dann am Wochenende versuchen, das alles zu vergessen, indem wir uns berauschen. Da sehe ich tatsächlich große Gefahren, die breit diskutiert werden müssen. Gefahren sehe ich auch insbesondere bei Partydrogen, weil ständig Neues auftaucht, das erstmal als ganz harmlos angeboten wird: „Du fühlst dich gut und es ist nicht weiter gefährlich.“ Im Nachhinein stellt sich dann heraus, dass es abhängig macht oder psychotische oder depressive Folgen hat. Da müssen wir reagieren und die Menschen darüber informieren, was es mit diesen Drogen auf sich hat und dass oftmals der kurze Kick oder die kurze Entspannung nicht das ist, was auf lange Sicht vernünftig ist, weil die Folgen dramatisch sein können.

Der Auslöser für den Konsum ist ja offenbar der Druck, unter dem so viele Leute stehen. Wenn man aber nur die Symptome bekämpft und vor den Drogen warnt, dann wird ja die Ursache nicht behoben.

Mechthild Dyckmans: Hier müssen alle hinsehen und Verantwortung tragen. Die Unternehmen müssen beispielsweise entsprechende Beratungen anbieten, die klären: Warum ist der Stress da? Was verursacht den Stress? Ist es nicht nur eine Anforderung, die zwar von außen an einen herangetragen wird, der man aber persönlich begegnen kann, indem man sagt: „Ich bin nicht 24 Stunden erreichbar“, „Ich stell das Handy auch mal ab“? Das alles sind Dinge, bei denen wir einfach wieder umdenken und mehr auf uns achten müssen. Es kann nicht sein, dass ein Teil der Menschen im Beruf sehr angespannt ist, der Arbeit für zwei und drei leisten muss, und wir auf der anderen Seite eine große Anzahl von Arbeitslosen haben, die gerne in den Beruf kommen würden, aber keine Arbeit finden. Da müssen wir von der Gesellschaft her umdenken. Leistung ist wichtig, aber nur im Rahmen des körperlich Leistbaren.

Kann es nicht auch sein, dass die Angst vor Hartz IV umgeht und die Leute deshalb alles tun, um dem Druck standzuhalten?

Mechthild Dyckmans: Die Menschen haben Angst, arbeitslos zu werden. Das zeigt sich auch an der Statistik der Fehltage: Die Menschen gehen teilweise krank in den Dienst, um nicht zu fehlen. Auch da ist es Aufgabe der Vorgesetzten einzuwirken. Wer krank ist, soll zu Hause bleiben und sich erholen, abgesehen davon, dass er dort nicht noch den Rest der Mannschaft ansteckt. Es ist Aufgabe der Vorgesetzten, deutlich zu machen, wo wirklich die Prioritäten liegen.

Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie für das relativ neue Problem immer älter werdender Suchtkranker? Wie sollen die in diesem Fall gleichzeitig anfallenden Kosten für Pflege und Suchterkrankung gedeckt und die Betreuung für beide Bereiche sichergestellt werden?

Mechthild Dyckmans: Das ist eine neue Herausforderung, die an Bedeutung weiter zunehmen wird. Ihre Frage bezieht sich auf die Drogenabhängigen und diejenigen, die substituiert werden. Diese Frage stellte sich früher nicht in diesem Umfang. Damals sind die meisten Menschen, die jahrelang drogenabhängig waren, nicht alt geworden. Jetzt kommt es darauf an, die Hilfsangebote an diese Gruppe der älteren Abhängigen anzupassen. Es gibt in Deutschland schon einige Beispiele für gelungene Lösungen, die einen Mix der Finanzierungsmöglichkeiten aus dem Bereich des Betreuten Wohnens nach SBG XII und der Pflege nach SGB XI nutzen. In der Umsetzung existieren bereits gute Beispiele wie ZIK, Zuhause im Kiez, ein Wohnprojekt in Berlin, das ein spezialisiertes Pflegeteam hat. In München gibt es die therapeutische Wohngemeinschaft „Betreutes Wohnen 40Plus“ für Menschen ab 40 und älter, die von der Drogenhilfeeinrichtung Condrobs angeboten wird. Dieses und andere Modelle werde ich mir im April in München anschauen. Solche Modelle müssen wir mehr publik machen, damit sie auch an anderen Standorten genutzt werden können, um eine adäquate Versorgung gerade für ältere Drogenabhängige zu sichern.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dyckmans.

 

 

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