Leseprobe 04 / 2009

 

Traumabehandlung in der Sucht mit EMDR
Ein integrativer Behandlungsansatz bei Doppeldiagnosepatienten Trauma und Sucht

      Lüdecke   
 

Christel Lüdecke

 

Posttraumatische Belastungsstörung und Suchterkrankung halten sich bei Doppeldiagnosepatienten Trauma und Sucht in einem Teufelskreis gegenseitig aufrecht oder verstärken sich. Am Asklepios Fachklinikum Göttingen werden Suchtkranke, die an Traumafolgestörungen leiden, daher schon seit fast zehn Jahren mit psychotraumatologischen Methoden behandelt. Dazu zählt auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Der folgende Artikel berichtet von den positiven Erfahrungen, die in Göttingen mit einem integrativen Behandlungskonzept bei Trauma und Sucht gemacht wurden.

Im klinischen Alltag wird dem gemeinsamen Auftreten von Suchterkrankungen und Traumafolgestörungen immer mehr Interesse zuteil. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind bei Patienten, die an Suchterkrankungen leiden, Traumatisierungen sehr häufig. Dies zeigen die Ergebnisse einer relativ jungen Forschung aus den letzten zwei Jahrzehnten. Die meisten Studien (Brown 1994, Giakunia et al 2000, Schäfer et al 2002, Langeland 2002, Driessen et al. 2008) belegen eine hohe Rate an Traumatisierungen und posttraumatischen Belastungsstörungen bei Suchterkrankungen. Demnach haben durchschnittlich 70 bis 90 Prozent der Suchtkranken schwere Traumatisierungen erlitten. Auch die Rate sexueller oder körperlicher Gewalterfahrungen in der Kindheit ist hoch. Opiatabhängige Frauen gaben in 40 bis 60 Prozent der Fälle sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit an (Schäfer et al. 2000, Schmidt 2000, Krausz u. Briken 2002). Insgesamt ist die Traumatisierungsrate bei Alkohol- und Drogenabhängigen gegenüber der Gesamtbevölkerung um das fünf- bis fünfzehnfache erhöht. Eine neue deutsche Studie (Traumab-Studie, Driessen, Suthmann, Lüdecke et al. 2008) ergab, dass durchschnittlich 25 Prozent der Suchtkranken, die sich zum Untersuchungszeitpunkt in ambulanter oder stationärer Behandlung befanden, an einer akuten oder chronischen posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) litten. Insgesamt war der Anteil an Patienten, die polytoxikomane Konsummuster aufwiesen, besonders hoch. Von diesen Patienten mit schwersten Formen der Suchterkrankung hatten 34 Prozent eine comorbide posttraumatische Belastungsstörung. Frauen waren doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Die Abwärtsspirale aus Trauma und Sucht

Als Erklärungsmodell für den Zusammenhang von Traumafolgestörungen und Suchterkrankungen dient nach neueren Forschungsergebnissen unter anderem die Selbstmedikationshypothese, die von Edward Khantzian schon 1985 formuliert wurde. Hiernach benutzen Menschen psychoaktive Substanzen bei Traumafolgestörungen, um deren Symptome zu kontrollieren und zu mildern. Dabei halten sich posttraumatische Belastungsstörung und Abhängigkeitserkrankung in einem Teufelskreis gegenseitig aufrecht oder verstärken sich. Neben der Linderung von Hyperarousal-Symptomen (vegetativer Übererregung) durch Suchtmittel können auch Stimuli, die eine traumatische Situation antriggern (wieder hervorrufen), bewusst durch Suchtmittelkonsum vermieden werden. Mit Alkohol und Drogen lassen sich flashbacks (das Wiedererleben) traumatischer Ereignisse vorübergehend verringern, und Vermeidungsstrategien können kurzfristig aufgebrochen werden. Patienten mit sexuellen Traumatisierungen berichten oft, dass es ihnen nur unter Einwirkung von Drogen möglich ist, Sexualität zu ertragen.
Schon Abhängigkeitserkrankungen allein können zu sozialem Abstieg, persönlichen Funktionsstörungen und einer vielfältigen psychosozialen Symptomatik führen. Diese Störungsbilder sind bei Menschen mit zusätzlicher PTSD erheblich ausgeprägter. Diese Erkenntnisse haben auch praktische Re­le­vanz. Heute weiß man, dass Suchtpatienten mit comorbider posttraumatischer Belastungsstörung weniger günstig auf fokussierte Suchtbehandlung reagieren. Diese Patienten haben nach der Suchtbehandlung häufiger Rückfälle, die auch schwerer ausfallen. Dabei liegt das schlechtere Abschneiden der Suchtpatienten mit Traumastörungen neben unspezifischen Faktoren an der nicht behandelten Traumastörung. Erste Studien (Brown 1998, 2000) zeigen, dass eine gleichzeitige Behandlung der Trauma- und der Suchtstörung zu erheblich besseren Behandlungsergebnissen dieser Patientengruppe führt. Die Therapie folgt den vertrauten Schemata, die sowohl in der Behandlung Suchtkranker als auch in der Behandlung Traumatisierter angewandt werden.

Neurobiologische Zusammenhänge

Unser neurobiologisches Wissen hat die Behandlungsmethoden in der Psychiatrie und Psychotherapie erheblich verändert. Dies gilt insbesondere für Erkrankungen, die heute dem Stressverarbeitungssystem zugeordnet werden. Bei diesen Störungen, zu denen Suchterkrankungen und posttraumatische Belastungsstörungen gleichermaßen zählen, bieten Behandlungsmethoden, die psychotherapeutisch nicht nur explizite (bewusste, rationale), sondern auch implizite (unbewusste, emotionale) Gedächtnissysteme mit einbeziehen, neue und erfolgversprechende Behandlungskonzepte. Der Abteilung Allgemeinpsychiatrie/Sucht im Asklepios Fachklinikum Göttingen hat die Auseinandersetzung mit psychotraumatologischen Behandlungsansätzen in der Behandlung Suchtkranker einen doppelten Gewinn gebracht. Es zeigte sich, dass psychotraumatologische Behandlungsmethoden bei Suchtkranken zur Behandlung von Traumafolgestörungen in einem integrativen Behandlungskonzept - das heißt ohne zuvor erfolgte Suchtbehandlung - angewendet werden können. Dies hat zur Folge, dass Suchtmittelrückfälle aufgrund der Besserung traumaassoziierter Symptome günstig beeinflusst werden können. Weiterhin konnten aufbauend auf den psychotraumatologischen Behandlungsmethoden neue Behandlungskonzepte, die auf Veränderungen in impliziten Gedächtnissystemen abzielen, auch zur Behandlung der Sucht entwickelt werden. Dabei geht es, ob bei Trauma oder Sucht, jeweils darum, Verhalten im state-dependent learning (zustandsgebundenen Lernen) zu verändern: Bei Traumasynthese-Behand­lun­gen werden Patienten kontrolliert in Trauma-states (traumaassoziierte physiologische Erregungszustände) geführt, um Traumaverarbeitung zu erreichen, und in der Suchtbehandlung werden Patienten kontrolliert in Sucht-states geführt, um zum Beispiel bei craving (Suchtverlangen) alternative Handlungsstrategien zum Suchtmittelkonsum entwickeln zu können.

Symptome von Traumatisierungen

Selbst unter günstigen Bedingungen befinden sich Menschen in der Zeit der Traumaverarbeitung mehrere Monate in wechselnden Zuständen zwischen "abgeschaltet" sein, geringer Wahrnehmung der Außenwelt und traumaassoziierten Überflutungszuständen (Intrusionen). Die verschiedenen Ebenen traumatischer Erlebnisse (Worte, Gefühle, Körpersensationen und Bilder) müssen, um verarbeitet werden zu können, zusammengeführt werden. Danach können sie besser in das sprachliche Wachbewusstsein gelangen. Hier setzt die nächste Stufe der Verarbeitung ein, denn Sprache schafft Distanz. Aus Traumatisierungen können (belastende) Erinnerungen werden, oder anders ausgedrückt: Aus "hot memories" (mit hoher vegetativer Erregung) werden "cold memories". Dies versucht die Psyche durch darüber-reden, sich ablenken und träumen zu erreichen. Wenn Intrusionen nicht verarbeitet werden, kann jederzeit das traumatische Ereignis durch Außenreize, die mit Reizen der Traumatisierung in Verbindung gebracht werden, angetriggert werden. Inhalte von Intrusionen und flashbacks können sich aus der gesamten traumatischen Situation, die oft übergenau erinnert wird, generieren. Sie werden dann ganz treffend als "Erinnerungsabszesse" (Sachsse 2004) bezeichnet.
Manche Menschen haben ungünstige Bedingungen bei der Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses. Sie besitzen keine Freunde, die geduldig zuhören, und haben Alpträume, die sie nicht aushalten können. Sie finden keine Ruhe und können sich durch Aktivitäten nicht genügend ablenken. Besonders gefährdet, ein Trauma nicht verarbeiten zu können, sind Menschen, die in ihrer Kindheit Bindungstraumatisierungen erlitten haben. Sie sind mit weniger Ressourcen ausgestattet und entwickeln häufiger posttraumatische Belastungsstörungen. Wenn Menschen in dieser Situation bemerken, dass Alkohol und Medikamente Entlastung bringen, dann sind sie stark gefährdet, eine Suchterkrankung zu entwickeln.

Traumabehandlung allgemein

Eine Traumabehandlung gliedert sich in drei Behandlungsphasen: Stabilisierung, Traumasynthese und Neuorientierung. Bei Suchtkranken mit Traumafolgestörungen beinhaltet die Stabilisierungsphase zusätzlich eine Stabilisierung im Hinblick auf die Suchterkrankung (Entzug, therapeutische und medikamentöse Behandlung). Hier kommen im Asklepios Fachklinikum Göttingen neben medikamentöser Behandlung regelmäßig Techniken zum Einsatz, die von psychotraumatologischen Behandlungsmethoden abgeleitet wurden. Sie vereinen verhaltenstherapeutische, hypnotherapeutische und imaginative Therapieansätze. Ziel ist es, mit diesen Techniken (Anticravingtechnik, Filmtechnik) auch Veränderungen in impliziten Gedächtnissystemen zu erreichen. Sie werden therapeutisch zur Rückfallprophylaxe und zur besseren Auseinandersetzung mit der Suchterkrankung eingesetzt. In der Phase der Neuorientierung spielt zusätzlich die Auseinandersetzung mit einer emotional akzeptierenden Haltung gegenüber der Suchterkrankung eine große Rolle.

Traumasynthese-Behandlung mit EMDR

Eine sehr gut untersuchte Methode zur Traumasynthese-Behandlung bei Traumafolgestörungen ist EMDR. In der fast zehnjährigen Arbeit am Asklepios Fachklinikum Göttingen mit Suchtkranken, die an Traumafolgestörungen leiden, kommt diese Methode zur Behandlung von Doppeldiagnosepatienten Trauma und Sucht regelmäßig und klinisch erfolgreich zum Einsatz.
Fallbeispiel: Traumabehandlung mit der EMDR-Methode im niedrigschwelligen Drogenentzug. Herr Z. wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik eingeliefert. Er hatte sich überdosiert mit Opioiden, Benzodiazepinen und Alkohol. Herr Z. wurde einer Entgiftungsbehandlung zugeführt. Die Benzodiazepin-Dosis wurde langsam reduziert. Er wurde auf Methadon eingestellt, das ebenfalls langsam ausgeschlichen wurde. Sein Entzug auf der Spezialstation gestaltete sich äußerst schwierig, da er eine erhebliche Angst vor dem Einschlafen hatte und aktiv alles tat, um nicht in Schlaf zu fallen. Dies führte natürlich dazu, dass er nach wenigen Tagen unter erheblichem Schlafmangel litt und dadurch zusätzlich dünnhäutig, gereizt, labilisiert und "überdreht" war. Er berichtete, dass es ihm seit zwei Jahren schlechter gehe. Er lebte damals mit seiner ebenfalls drogenabhängigen Partnerin zusammen. Beide waren rückfällig geworden. Eines Morgens wurde er wach, drehte sich auf die Seite, berührte mit der Hand seine Partnerin und spürte ihre kalte Haut: Sie war in der Nacht verstorben. Er selbst war in dieser Situation nicht mehr durch Drogen abgeschirmt. Sein Erlebnis und besonders das Gefühl der kalten Haut an seiner rechten Hand verfolgten ihn seitdem als permanente Intrusion und Körper-flashback. In der Klinik wurde überlegt, ob es bei einem so umschriebenen Mono-Trauma nicht sinnvoll sein könnte, Trauma-Expositionen zu versuchen. Mit Herrn Z. wurden drei Sitzungen EMDR durchgeführt. Während der Trauma-Expositions-Behandlung sistierte der weitere Entzug (blieb auf gleichem Niveau). Schon nach der ersten Sitzung erlebte Herr Z. eine deutlich spürbare Symptomreduktion. Er hatte nicht mehr so viel Angst vor dem Einschlafen, seine Alpträume und Hypermnesien (übergenaue Erinnerungen) ließen merklich nach. Wesentlich war auch, dass sich seine negativen Kognitionen bzw. Schuldgefühle veränderten. Er hatte sich schuldig am Tod der Partnerin gefühlt, denn sie hatten sich gemeinsam intoxikiert. Dieses Schuldgefühl veränderte sich durch die EMDR-Sitzungen deutlich, und Herr Z. konnte die Sichtweise entwickeln: "Meine Partnerin war für ihren Drogenkonsum und ihr Leben selbst verantwortlich." In zwei weiteren Sitzungen sank die Symptomatik weiter. Herr Z. fühlte sich äußerst entlastet und konnte relativ bald in eine Entwöhnungsbehandlung verlegt werden, nachdem die Entgiftung abgeschlossen war.

Die Entwicklung von EMDR

Die Methode EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro in den späten 80er Jahren in Kalifornien entwickelt. Sie bemerkte eher zufällig bei einem Spaziergang durch einen Park, dass belastende Ereignisse leichter erträglich wurden und sich Lösungswege für bestimmte Probleme darstellten, als sie spontan ihre Augen in schnellen Saccaden hin und her bewegte. Es wird berichtet, dass sie selbst zu dieser Zeit an einer Krebserkrankung gelitten habe. Sie begann zunächst bei Freunden und Bekannten, ihre persönlichen Eindrücke zu überprüfen, anschließend wurde diese Methode systemisch bei Patienten mit Traumatisierungen untersucht und zeigte sich äußerst wirkungsvoll. EMD, so wurde die Methode bis Anfang der 90er Jahre genannt, entwickelte sich immer weiter. Die saccadischen (schnellen, sprunghaften) Augenbewegungen wurden in einzelnen Sets (30 Saccaden) geführt, die später der Therapeut mit dem Finger vorgab wie bei der Hypnose. Die Patienten wurden aufgefordert, sich ihren Traumaerinnerungen zu stellen, während sie gleichzeitig die vom Therapeuten geführten Augenbewegungen durchführten. Dabei nahm Francine Shapiro eine Veränderung der von den Patienten geäußerten Traumainhalte in Richtung Durcharbeitung wahr. Deshalb wurde in den frühen 90er Jahren EMD noch ein "R" für Reprocessing, also für Durcharbeitung, hinzugefügt. Heute gilt EMDR als eine der am besten untersuchten Therapiemethoden bei Patienten mit Traumafolgestörungen und als therapeutisch hochwirksam. Dies scheint bei Patienten mit zusätzlichen Suchterkrankungen nicht anders zu sein. Welche Prozesse letztendlich durch die EMDR-Methode angestoßen werden und zur Besserung der Traumastörungen führen, ist bisher trotz vieler unterschiedlicher Erklärungsmodelle noch nicht bewiesen und wird zur Zeit beforscht.

Die acht Phasen der EMDR-Methode

Der Behandlungsplan einer Traumasynthese-Behandlung mit EMDR wird in acht Phasen unterteilt (Shapiro 2001), wobei die ersten zwei Phasen im Vorfeld der EMDR-Sitzung stattfinden.
Stabilisierung (Phasen 1 und 2)
1. Anamneseerhebung und Planung der Behandlung: Es wird eine Traumalandkarte erstellt. Traumata werden nach Schweregrad und Art der Traumatisierung (man-made-Traumata wie sexualisierte, körperliche Gewalt oder Bindungstraumatisierungen, Unfälle, Naturkatastrophen etc.) geordnet und dem Alter, in dem die Traumatisierungen stattgefunden haben, zugeordnet. Bei Suchtkranken wird zusätzlich eine Suchtlandkarte erhoben. Wichtig ist hierbei, auf Überschneidungen zu achten. Wenn Traumatisierungen in direktem Zusammenhang mit Suchtmittelkonsum standen, ist die Gefahr, während der Konfrontationssitzung Suchtverlangen auszulösen, größer. Es wird ein individueller Behandlungsplan erstellt, Kontraindikationen werden ausgeschlossen.
2. Stabilisierung: Die Patienten erlernen imaginative Verfahren (Reddemann 2001), damit sie sich selbst beruhigen können. Häufig wird das Beherrschen wenigstens einer Imaginationsübung wie zum Beispiel "Der innere sichere Ort" als Voraussetzung für die Durchführung einer EMDR-Sitzung gefordert. Auch Medikamente können, falls notwendig, zur Stabilisierung eingesetzt werden. Die zweite Phase kann bei zuverlässigen Patienten ambulant eingeleitet werden, da sie über einen längeren Zeitraum andauern kann. Parallel zum Erlernen der Stabilisierungstechniken wird im stationären Bereich bei Suchtpatienten in dieser Phase auch die Suchterkrankung stabilisiert: Alkohol wird entgiftet, Medikamente werden entzogen, psychische Störungen verhaltenstherapeutisch und, falls notwendig, medikamentös behandelt. Bei Patienten mit Opiatabhängigkeit wird eine Anpassung oder Neueinstellung auf ein Substitut und, falls notwendig, eine Nebenkonsumentgiftung durchgeführt.
Traumasynthese (Phasen 3 bis 8)
3. Evaluation einer belastenden Erinnerung: Es werden negative Kognitionen (Gedanken) gesucht, die in Zusammenhang mit der Traumatisierung gebracht werden, wie "Ich bin nichts wert", "Ich habe Schuld", "Ich bin hilflos". Dann wird eine Zielkognition (wie würde ich in dieser Situation gerne über mich denken) als positive Kognition erarbeitet, wie "Ich bin wertvoll", "Ich habe keine Schuld", "Ich habe getan, was ich tun konnte". Die Stimmigkeit der Zielkognition wird mit der Skala "Validity of Cognition" (VoC) eingeschätzt: 1 bedeutet "Es stimmt überhaupt nicht", 7 bedeutet "Ja, es stimmt völlig". Wird die Zielkognition mit 7 beurteilt, muss die Indikation einer Traumabehandlung im Hinblick auf ihre Notwendigkeit neu überdacht werden. Weiterhin wird der subjektive Schweregrad der Traumatisierung auf der SUD-Skala nach Wolpe ("Subjective Units of Disturbance") von 1 bis 10 eingeordnet, wobei 10 die größtmögliche Belastung darstellt. Nach Abschluss der Sitzung findet eine erneute Einschätzung des Belastungsgrades durch den Patienten statt. In der Regel kommt es zu einem deutlichen Abfall der Trau­ma­belastung.
4. Desensibilisierung und Durcharbeitung: Hier findet die Traumasynthese im engeren Sinne statt. Der Patient wird aufgefordert, ein Bild, welches die Traumatisierung in der Erinnerung symbolisiert, zu visualisieren. Parallel dazu wird er aufgefordert, in Kontakt mit den Gefühlen, die das Trauma auslöst, und in Kontakt mit der zuvor erarbeiteten negativen Kognition zu gehen. Dieses wird vom Therapeuten angeleitet. Gleichzeitig wird durch den Therapeuten, meist über Augenbewegungen oder tapping (wechselseitige Berührung zum Beispiel an den Händen), eine bilaterale Stimulation ausgelöst. Dies geschieht in mehreren Sets (einer bestimmter Anzahl von Augenbewegungen oder anderen Stimulationen), bis eine Verarbeitung des traumatischen Ereignisses stattgefunden hat. Auf diese Weise wird der Prozess der Verarbeitung vom Therapeuten eingeleitet und gesteuert. Die affektive (emotionale) Beteiligung des Patienten wird während der Verarbeitungsphasen durch Dissoziation und Assoziation gelenkt. Häufig kommt es in diesem Prozess zu Abreaktionen (stärkeren Emotionen). Diese werden von den Patienten als entlastend erlebt. Zeitgleich verändern sich die Kognitionen in Richtung der zuvor erarbeiteten positiven Zielkognition. Eine Besonderheit in der Behandlung Substituierter ist, dass sich bei diesen Patienten mit schweren traumatischen Erlebnissen vergleichsweise milde Abreaktionen beobachten lassen.
5. Verankerung: Die Verankerung schließt sich an die Phase der Durcharbeitung an. Die emotionale Belastung und die affektive Beteiligung des Patienten haben hier deutlich nachgelassen. Jetzt wird die positive Kognition durch bilaterale Stimulation noch einmal verstärkt. Die erarbeitete Zielkognition wird nochmals wiederholt und ins Gedächtnis gebracht.
6. Körper-Test: Der Therapeut befragt den Patienten nach unangenehmen Körperempfindungen. Hiermit soll verhindert werden, dass durch das Trauma ausgelöste Körperempfindungen (Körpererinnerungen) noch fortbestehen. Falls dies der Fall ist, wird die körperbezogene Traumakomponente zu einem erneuten Einstieg in Phase 4 benutzt, es findet eine so genannte Nachbearbeitung statt.
7. Abschluss: Häufig wird in dieser Phase eine Imagination angeschlossen als Gegengewicht zu der emotional belastenden Traumaarbeit. Falls noch unbearbeitete Reste bestehen, werden diese meist durch die Imaginationsübung des "Tresors" oder andere Distanzierungstechniken "verpackt", damit sie bis zur nächsten Sitzung möglichst nicht virulent sind. Suchtpatienten werden nach craving befragt. Es wird an das Stabilisierungsprogramm, welches die Patienten in der Regel vor Beginn der Traumakonfrontationen erstellt haben, erinnert und nach der Gestaltung des noch verbleibenden Tages gefragt. Hiermit soll der Blick von den belastenden Inhalten der Traumasitzung weg auf das Dasein im Hier und Jetzt gelenkt werden. Außerdem wird an den "Notfallkoffer" erinnert. Dieser wurde zur Bewältigung von Krisen und Hochstress­situationen erarbeitet und enthält, teilweise symbolisch, verschiedene Interventionsmöglichkeiten.
8. Nachbearbeitung: Zu Beginn der nächsten Sitzung wird die Befindlichkeit, die der Patient im Anschluss an die Traumasitzung hatte, exploriert. Es wird versucht, die aufgetretenen Symptome zu erklären und einzuordnen. Oft klagen die Patienten über Symptome wie Aufgewühltheit, Alpträume und wechselhafte Stimmung, die in der Regel drei bis vier Tage anhalten. Weiterhin werden nächste Sitzungen mit noch verbliebenen Themen geplant.
Neuorientierung
In dieser Phase der Traumabehandlung versuchen die Patienten, mit ihren schweren Lebensumständen und ihren traumatischen Erlebnissen aus der Vergangenheit abzuschließen. Vielen Suchtpatienten fällt jetzt erst auf, in welch belastendem sozialen Umfeld sie leben. Manche Patienten schließen eine Rehabilitationsbehandlung in Bezug auf ihre Suchterkrankung an und sehen darin für sich eine realistische Perspektive, ihr Leben positiv zu verändern. Oft haben Patienten unterstützt durch die Traumabehandlung zu sich selbst gefunden und gelernt, ein Stück weit besser für sich zu sorgen. Viele Patienten haben gelernt zu akzeptieren, dass sie zwar keine Schuld an ihrer Erkrankung trifft, es aber dennoch nur an ihnen selbst liegt, eine Besserung herbeizuführen.

Fazit: Erfolge bei der integrativen Behandlung

Die Erfahrungen mit Traumasyntheseverfahren bei Suchtkranken im Asklepios Fachklinikum Göttingen basieren auf der Arbeit mit illegal Drogenabhängigen, die zum Zeitpunkt der Traumabehandlung substituiert waren, oder mit Alkoholkranken, die sich vor der Traumabehandlung in der Stabilisierungsphase einer Alkoholentgiftung unterzogen haben. In der Regel fand die Traumakonfrontation mit der EMDR-Methode unter stationären Bedingungen statt. In seltenen Fällen wurden auch ambulante Behandlungen mit EMDR bei Patienten mit stabiler Suchterkrankung durchgeführt. Dann befanden sich die Patienten bereits seit längerer Zeit im Fachklinikum in Behandlung, kannten die Methode und besaßen genügend Fertigkeiten, sich selbst zu stabilisieren, ohne suchtmittelrückfällig zu werden. Wichtig ist dann - und hieran scheitert es oft -, dass die Patienten ein stabiles, beschützendes Umfeld haben und Freunde, die sie in den nächsten Tagen nach der Sitzung begleiten können.
Viele der mit Drogenpatienten durchgeführten EMDR-Sitzungen wurden in Super- und Intervisionsgruppen vorgestellt. Dort zeigten sich die Therapeuten überrascht, wie effektiv und zugleich komplikationslos diese Sitzungen abliefen. Gemeinsam mit Dr. Jacobs vom Psychologischen Institut der Universität Göttingen führte die Allgemeinpsychiatrie/Sucht im Asklepios Fachklinikum Göttingen eine Studie zur Wirksamkeit der EMDR-Methode in der Behandlung substituierter Opiatabhängiger mit comorbider PTBS durch. Die Wirksamkeit der EMDR-Methode konnte bestätigt werden. Es zeigten sich sowohl Verbesserungen der traumaspezifischen Symptome als auch in anderen Problembereichen wie Depressivität, Persönlichkeitsstörungen etc. Diese blieben im Katamnesezeitraum von drei Monaten stabil. Bei Traumaverarbeitung und Traumasynthese unter Substitutionsbedingungen wurde immer beachtet, dass die Patienten möglichst mit ihrem Substitut optimal eingestellt waren - also wie immer: nicht zu viel und nicht zu wenig! Häufig wird die These vertreten, dass Traumakonfrontationen unter Substitution vergebene Liebesmüh sind, weil in einem opiatgefluteten Hirn sowieso nichts wirken kann. Von dieser Theorie muss wohl angesichts der neuen Forschungsergebnisse Abstand genommen werden.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Traumatherapie, wenn sie mit einer Suchtbehandlung kombiniert wird, bei Doppeldiagnosepatienten Trauma und Sucht durchführbar ist. Dabei müssen die Drogenpatienten weder abstinent sein, noch ihre Drogenabhängigkeit unter Ausschluss ihrer PTSD bereits behandelt haben. Auch Alkoholpatienten müssen im Vorfeld keine längerfristige Abstinenz nachweisen. Im Rahmen einer integrativen Behandlung können beide Erkrankungen zugleich behandelt werden. Traumakonfrontative Techniken wie die EMDR-Methode führen zur Besserung der traumaspezifischen Symptomatik und comorbider Begleiterkrankungen. Dies zieht regelmäßig eine Besserung der Suchterkrankung nach sich. Mit einer integrativen Behandlung kann Patienten geholfen werden, die Abwärtsspirale beider Erkrankungen, die sich gegenseitig negativ beeinflussen, zu durchbrechen. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass trotz Besserung der Traumastörung eine Suchterkrankung fortbesteht und mit den bewährten Behandlungsstrategien der Suchttherapie weiterbehandelt werden sollte.
Christel Lüdecke

Literatur bei der Autorin

Weiterführende Literatur:
. Stefan Jacobs (Hrsg.): Neurowissenschaften und Trauma­therapie. Grundlagen und Behandlungskonzepte, Göttingen 2009
. Christel Lüdecke, Ulrich Sachsse, Hendrik Faure: Sucht - Bindung - Trauma. Stuttgart: Schattauer Verlag, erhältlich ab 4/2010
. Ulrich Sachsse: Traumazentrierte Psychotherapie. Stuttgart 2004

Kontakt:
Christel Lüdecke
Asklepios Fachklinikum Göttingen, Station11.1
Rosdorfer Weg 70
37081 Göttingen
Tel. 0551/402-1777
c.luedecke@asklepios.com

Angaben zur Autorin:
Christel Lüdecke, geb. 1961, leitet als Chefärztin den Funktionsbereich Allgemeinpsychiatrie Schwerpunkt Sucht im Asklepios Fachklinikum Göttingen. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Spezialisierung auf Suchterkrankungen. Neben der stationären Tätigkeit leitet sie eine ambulante Rehabilitation für Alkoholkranke bei der Caritas in Duderstadt und eine Ermächtigungspraxis zur Substitutionstherapie illegal Drogenabhängiger in Göttingen. Seit 2002 hat sie sich auf comorbide Störungen wie Traumatisierungen bei Suchterkrankungen spezialisiert und spezifische Behandlungsangebote entwickelt.

 

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