„Die Situation der Menschen ohne Arbeit wird zunehmend hoffnungsloser“
Interview mit der Psychiaterin Monika Schäfer-Ligustro
Arbeit ist wichtig für die meisten Menschen, denn sie ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Doch sie ist ungleich verteilt. Während die einen aus der Dauerarbeitslosigkeit nicht mehr herauskommen, leiden andere unter anhaltender Arbeitsüberlastung.
Armutsstress durch Existenznot auf der einen Seite, Erschöpfungssymptome auf der anderen - viele Betroffene werden körperlich oder seelisch krank. Das Robert-Koch-Institut und die Universität Leipzig
stellten in voneinander unabhängigen Studien fest, dass Arbeitslose erhöht gefährdet sind, krank zu werden und früher sterben als Erwerbstätige. Eine finnische Studie belegte darüber hinaus, dass Arbeitnehmer, die bei einer Entlassungswelle nicht betroffen waren, überdurchschnittlich an psychischen Beeinträchtigungen leiden und deswegen mehr Psychopharmaka einnehmen.
Die Psychiaterin Monika Schäfer-Ligustro eröffnete in der Nachwendezeit auf der Grenze von Ost- nach Westberlin ihre Praxis. Ihre Patienten leiden überwiegend an Depressionen und Psychosen sowie an Suchterkrankungen, die häufig im Zusammenhang mit ökonomisch-sozialen Ursachen stehen. Die meisten von ihnen sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen und erkrankten im Zuge der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt nach der Wende 1990. KONTUREN sprach mit Monika Schäfer-Ligustro über die gesundheitlichen Folgen der ungleichen Arbeitsverteilung.
KONTUREN: Welche Rolle spielt das Thema Arbeit bei den Erkrankungen Ihrer Patienten und wie ist der „typische“ Krankheitsverlauf?
Monika Schäfer-Ligustro: Die Bezirke Lichtenberg und Friedrichshain, die zum Einzugsgebiet meiner Praxis gehören, sind relativ krisenhafte Stadtteile, die stark durch Arbeitslosigkeit geprägt sind. Hier leben viele Menschen, die vorher Sozialhilfe bezogen haben und jetzt auf Hartz IV angewiesen sind. Ich habe den Eindruck, dass mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit, Armut und dem Verlust ökonomischer Sicherheit das psychische Leiden deutlich stärker wird. In der Regel ist es so, dass Menschen, die ihre berufstätigen Jahre psychisch relativ stabil verbracht haben, mit dem Beginn der Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen Herausfallen aus den sozialen Bezügen nicht mehr klar kommen. Das ist ein langsamer Prozess. Am Anfang besteht immer noch viel Hoffnung, Arbeit zu finden. Die Betroffenen schreiben Bewerbungen und suchen von sich aus die Arbeitsämter auf. Meiner Erfahrung nach haben die Männer häufig größere Probleme mit der Arbeitslosigkeit als die Frauen, die sich offenbar flexibler solchen schwierigen Bedingungen anpassen können. Wenn die erste Phase vorbei ist und klar wird, dass nicht schnell wieder Arbeit zu finden ist, folgen
oft Schlafstörungen, Grübeln, dysphorische Zustände, Verlust von Interessen und Lebensfreude. Aktivitäten lassen nach, weil der soziale Kontext sich verändert hat, weil die Scham darüber, arbeitslos zu sein, dazu führt, dass man alte Kreise nicht mehr aufsucht, und weil Arbeitslosigkeit
natürlich zu finanziellen Problemen führt. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kostet in der Regel mehr Geld als ihnen zur Verfügung steht. Diese Probleme verstärken den sozialen Rückzug, und dadurch entstehen andere Probleme: Die Betroffenen sitzen viel zu Hause, und dann kommt häufig der Alkohol ins Spiel, besonders bei Männern, aber auch bei Frauen. Während der Rauschphase, wenn man die Dinge leichter nimmt, wird das erniedrigte Selbstwertgefühl in scheinbarer Selbsterhöhung umgekehrt. Dieser Aspekt spielt immer wieder eine Rolle.
Wie finden die Patienten den Weg zu Ihnen?
Monika Schäfer-Ligustro: Oft sind es die Partnerinnen, die dafür sorgen, dass ihre Männer in meine Praxis kommen. Die Scham, zu mir zu kommen, ist immens. Ich glaube, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die in Not sind, die aber die Hemmschwelle nicht überwinden können, psychiatrische oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Warum bricht so häufig das soziale Umfeld auseinander, wenn Menschen arbeitslos werden?
Monika Schäfer-Ligustro: Wenn Arbeitslose gemeinsam mit arbeitenden Freunden etwas unternehmen, ergibt sich häufig die schwierige Situation, dass sie sagen müssen „ich kann das nicht bezahlen“. Ein Hartz-IV-Empfänger hat nach Abzug der Kosten für Wohnung, Kleidung, Ernährung usw. ungefähr fünf Euro pro Tag zur Verfügung. Das reicht nicht einmal für eine Kinokarte. Auch für die arbeitenden Menschen im sozialen Umfeld ist es oft schwierig einzuschätzen, ob und wie häufig sie die Kosten übernehmen können, ohne die Betroffenen zu kränken. Das Ungleichgewicht zwischen Menschen, die Arbeit haben, und denen, die keine Arbeit haben, ist sehr viel größer geworden. Die Situation der Menschen ohne Arbeit wird zunehmend hoffnungsloser. Manchmal bringen mir Patienten riesige Aktenordner mit, in denen sie mir alle ihre Bewerbungen zeigen. Es ist, als müssten sie mir immer wieder demonstrieren, dass sie etwas dafür tun, Arbeit zu finden, dass sie keine Simulanten sind oder Menschen, die sich in der „sozialen Hängematte“ ausruhen. Es besteht eine Diskrepanz
zwischen dem negativen Bild des Arbeitslosen in der Öffentlichkeit, von dem man glaubt, dass er schwarz arbeitet und daneben noch Arbeitslosenhilfe kassiert, und der Realität dieser Menschen, die wirklich in Armut leben und alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um Arbeit zu finden.
Wie ist die Situation auf den Arbeits- und Sozialämtern? Mit welchen Schwierigkeiten haben Bedürftige zu kämpfen und wie werden sie dort von den Sachbearbeitern behandelt?
Monika Schäfer-Ligustro: Das Fatale ist, dass es sich häufig um wenig durchdachte Beschäftigungsprogramme handelt. Wenn gut ausgebildete, qualifizierte Menschen plötzlich zu unqualifizierten Arbeiten gezwungen werden oder in Bewerbungskurse geschickt werden, in denen man lernt, wie Lebensläufe verfasst werden, und sie dort hingehen müssen, weil ihnen sonst die Leistungen gekürzt werden, ist das unglaublich kränkend. Es entsteht das Gefühl, in der eigenen Qualifikation nicht mehr wahrgenommen zu werden und statt dessen in einer großen Masse von Menschen, die keine Arbeit mehr haben, einfach nur herumgeschoben und verwaltet zu werden. Auch das Schreiben von Bewerbungen selbst ist häufig nur ein lächerlicher Akt, weil eigentlich von vornherein klar ist, dass es sowieso nicht zum Erfolg führen wird. Und der Zwang dazu stellt für die Betroffenen eine Demütigung dar. Ich habe darüber hinaus auch einige Patienten, die auf den Arbeitsämtern arbeiten. Das Jobcenter des Arbeitsamtes ist einer der Bereiche, an dem der berufliche Stress am höchsten ist. Die Mitarbeiter sind permanent mit der Verzweiflung von Arbeit suchenden Menschen konfrontiert und sind ihnen gegenüber hilflos und ohnmächtig. Auf der einen Seite haben die Mitarbeiter des Arbeitsamtes selbst Arbeit, auf der anderen Seite ist die soziale Spannung in diesem Bereich so hoch, dass die Situation kaum auszuhalten ist. Das führt häufig dazu, dass die Mitarbeiter sich aggressiv oder entwertend verhalten und das Leid der Menschen gar nicht an sich heranlassen können. Arbeitslose leiden daher gar nicht so selten unter dem unfreundlichen Verhalten von Behördenvertretern. Wenn dann eine depressive Symptomatik besteht, das Selbstwertgefühl immer mehr einbricht und das Gefühl, erfolgreich irgendwo auftreten oder Forderungen stellen zu können immer weniger vorhanden ist, dann werden die Gänge zum Arbeitsamt immer qualvoller. Denn dort bekommen sie gespiegelt, was sie in den Augen der betreffenden Sachbearbeiter
sind: Sie sind wertlos und werden auch so behandelt. Das sind Situationen, in denen ich häufig vorschlage, einen anderen Menschen zu den Terminen mitzunehmen.
Wie erfolgreich kann eine Behandlung sein, wenn sozioökonomische Probleme der Auslöser für eine Erkrankung sind?
Monika Schäfer-Ligustro: Ungefähr ein Drittel meiner depressiven Patienten müssten wahrscheinlich nicht zu mir kommen, wenn sie Arbeit hätten. Das ist eine ausgesprochen schwierige Situation für mich als Ärztin, denn es stellt sich die Frage, wie ich diesen Menschen helfen kann? Ich kann ihnen ja leider keine Arbeit verschaffen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Betroffenen ihr Selbstwertgefühl
aus anderen Quellen beziehen müssen, als die in dieser Gesellschaft üblichen. Wir sind so daraufhin sozialisiert, dass wir Leistungen
erbringen und am Arbeitsleben teilhaben, dass es für mich ganz schwer ist, den Menschen zu sagen: „Da müssen Sie etwas anderes für sich finden.“ Was soll das sein? Das hat keiner gelernt.
Das müssen psychisch ja auch ganz stabile Menschen sein. Denn wenn das soziale Umfeld Menschen ohne Arbeit immer wieder vermittelt, dass sie wertlos sind, ist es schwer, dagegen innerlich anzukommen.
Monika Schäfer-Ligustro: Ja, das ist wirklich schwer, und ich kann den Betroffenen bei dem Bemühen, sich nicht vereinzeln zu lassen, nur wenig Hilfestellung geben. Ich empfehle ihnen, den Kontakt zu Arbeitslosenorganisationen, Initiativen und Selbsthilfegruppen aufzunehmen.
Häufig aber fehlt den Menschen, wenn sie zu mir kommen, dazu schon die Kraft. Sie erleben sich selbst nicht mehr als handlungsfähig und zwar in einem so umfassenden Sinn, dass sie in eine radikale Passivität verfallen.
In diesem Zustand wird den Betroffenen dann ja mitunter vorgeworfen, sie wären faul und würden nur die Hand aufhalten. Das ist ein übler Teufelskreis.
Monika Schäfer-Ligustro: Ganz genau. Und es ist ein Teufelskreis, den die Betroffenen auch nicht mehr unterbrechen können. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das immer wieder nur individuell ausgetragen wird. Obwohl so viel darüber geschrieben und öffentlich diskutiert wird, ist es immer noch so, dass Menschen ihre Arbeitslosigkeit als subjektives Problem erleben und als ganz persönliches Versagen innerhalb ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte. Wenn ich meinen Patienten dann sage, dass es kein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, dann sind das Kategorien, die überhaupt keine Bedeutung für sie haben. Es irritiert mich immer wieder, wie wenig der Gedanke eine Relevanz für sie hat, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse das hervorbringen, was ihre Lebenssituation ausmacht. Das hat für sie überhaupt keine Bedeutung. Was für sie zählt ist, dass sie keine Arbeit haben, dass sie sozial isoliert sind und dass sie nicht mehr die Dinge tun können, die sie früher getan haben. Mittlerweile besteht auch ein hohes Maß an ökonomischer Bedrohtheit. Die Situation ist anders als noch vor zehn Jahren. Damals konnten Arbeitslose ja noch einen gewissen Standard halten. Mittlerweile bedeutet Hartz IV Armut, das heißt ‚das Auto verkaufen’ oder ‚die Datsche [Schrebergartenhütte] aufgeben’. Das ist das letzte bisschen Freude, das den Menschen in ihrem traurigen Alltag noch geblieben ist. Und es ist natürlich existenziell, wenn sie das dann auch noch aufgeben müssen. Nicht selten geben die Patienten dann auch sich selbst auf.
Welche Behandlungsmöglichkeiten haben Sie?
Monika Schäfer-Ligustro: Ich selbst arbeite nicht psychotherapeutisch, aber ich vermittle in Psychotherapie, wenn ich den Eindruck habe, dass auf Patientenseite eine Offenheit dafür besteht. Eine Therapie kann dabei helfen, Erfahrungsräume außerhalb des Arbeitsbereichs zu finden, die wieder Mut machen, und die Beziehungen zu klären. Paarbeziehungen können besonders kompliziert sein, wenn die Frau noch Arbeit hat und der Mann keine. Eine medikamentöse Behandlung ist nur dann sinnvoll, wenn bereits eine schwerwiegende Symptomatik vorliegt und die Patienten nur noch Hoffnungslosigkeit, Leere und Antriebslosigkeit empfinden oder an Suizid denken. Mit den Medikamenten verändern sich bestimmte Grundhaltungen, das Leid ist nicht mehr so quälend, die Antriebslosigkeit nimmt ab und die Grundstimmung bessert sich. Die Patienten bekommen die Möglichkeit, wieder initiativer zu werden und ihr Verhalten zu ändern, z. B. Kontakte aufzunehmen, die Wohnung zu verlassen und Schritte zu unternehmen, um in gesellschaftliche Zusammenhänge hineinzukommen, wenn es auch nicht über die Arbeit ist.
Wenn die Menschen Arbeit hätten, würden sie diese Therapien wahrscheinlich
gar nicht brauchen.
Monika Schäfer-Ligustro: Richtig. Paarkonflikte mag es zwar geben, aber die sind nicht so existenziell. Allerdings scheitern Beziehungen häufig an der Arbeitslosigkeit.
Wie oft tritt eine Suchterkrankung im Zusammenhang mit dem Thema Arbeitslosigkeit auf?
Monika Schäfer-Ligustro: Das ist schwer zu sagen. Wenn Paare in stabilen Zeiten schon missbräuchlich getrunken haben, dann nimmt der Alkoholkonsum in solchen Stressphasen zu. Wenn vorher noch kein Missbrauch vorlag, ist es meiner Erfahrung nach eher ein Problem der männlichen Patienten, die anfangen zu trinken. Wenn die Kontrolle über die eigene Lebenssituation beim Eintreten der Arbeitslosigkeit völlig verloren geht, dann hat man im Alkohol zumindest für Momente wieder eine illusionäre Beherrschung der äußeren Realität. Dann fühlt man sich wieder handlungsfähiger und das Selbstwertgefühl ist im alkoholisierten Zustand zumindest partiell wieder hergestellt. Das bricht natürlich alles später wieder ein.
Welchen Einfluss kann eine dauerhafte berufliche Überlastung auf den Gesundheitszustand haben?
Monika Schäfer-Ligustro: Auch in Behörden und Versicherungen, wie beispielsweise in der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, ist die Stressbelastung durch Personalabbau und Überforderung der verbleibenden Mitarbeiter mittlerweile sehr hoch. Ich kenne nur wenige Bereiche, wo ich den Eindruck habe, dass die Bedingungen dort solidarisch sind und die Menschen sich dort aufgehoben fühlen. Häufig führt der hohe Arbeitsdruck nicht zu einer Solidarisierung, sondern eher zu einer Desolidarisierung; einer geht gegen den anderen vor. Mobbing nimmt gerade unter Stress zu. Ich habe auch einige Patienten, die lange arbeitslos waren und dann wieder eine Arbeit gefunden haben, z. B. bei einem privaten Postzustellungsunternehmen. Die Angst, diese Arbeit erneut zu verlieren, führt häufig dazu, dass Arbeitsbedingungen toleriert werden, die an das 19. Jahrhundert erinnern. Ich habe Menschen erlebt, die 14 Tage durchgearbeitet haben, immer unter Ausnahmebedingungen, wenn z. B. ein Kollege ausgefallen war. Diese Unternehmen arbeiten ja mit unglaublich geringen Personalzahlen, um die Niedrigpreise überhaupt halten zu können. Wenn die Angestellten dann am Rande ihrer Kräfte angelangt sind, haben sie keine Möglichkeit regulär zu kündigen, weil sie sonst eine Sperre vom Arbeitsamt bekommen. Ich erlebe Menschen in depressiven Krisen, die komplett erschöpft und völlig überfordert sind, und das Gefühl haben, in dieser wichtigen Situation auch noch versagt zu haben. Der letzte Ausweg ist dann häufig eine Krankschreibung oder - wenn sich an den Arbeitsbedingungen nichts ändert - auch eine Kündigung aus Gesundheitsgründen. Ich bescheinige den Patienten in einem solchen Fall, dass unter den bestehenden Arbeitsbedingungen nicht mit einer psychischen Stabilisierung zu rechnen ist und dass sie aus gesundheitlichen Gründen kündigen müssen. Dann bekommen die Betroffenen in der Regel keine Schwierigkeiten vom Arbeitsamt. Es ist bekannt, dass es Unternehmen gibt, die nur so arbeiten. Andere Unternehmen stellen Langzeitarbeitslose ein, um die Fördergelder von Seiten des Arbeitsamtes zu kassieren. Die Arbeitnehmer werden aber häufig dann gekündigt, wenn die Fördergelder auslaufen. So werden Menschen, deren Gesundheitszustand ohnehin schon angegriffen ist, noch weiter demoralisiert und entmutigt. Neulich hatte ich eine Angestellte der deutschen Bundespost als Patientin hier, die lange krank gewesen war und deswegen ihre Stunden auf einen Halbtagsjob reduziert hatte. Ihr war gerade ein neuer Zustellbezirk zugewiesen worden, der so arbeitsintensiv ist, dass sie gezwungen war, wieder über ihre Kräfte hinaus zu arbeiten. Sie hat zwar die Möglichkeit, Überstunden aufzuschreiben, aber was nützt ihr das, wenn sie dem Arbeitsdruck nicht Stand hält und es auch keine Möglichkeit gibt, die Überstunden wieder abzubauen.
Wäre da nicht der Betriebsrat die einzige Rettung?
Monika Schäfer-Ligustro: Ich habe den Eindruck, dass die Betriebsräte unter den derzeit schwierigen Bedingungen sehr in der Defensive sind. Da ist wenig Unterstützung zu erwarten. Zumindest berichten mir die Patienten das häufig. Es ist allerdings schwer zu überprüfen, denn es ist auch denkbar, dass die Patienten nur glauben, der Betriebsrat täte sowieso nichts und sich scheuen, dessen Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber häufig ist es vermutlich auch so, dass die Möglichkeiten einzugreifen, relativ gering sind.
Kann es sein, dass Sie in einer Situation sind, in der Sie nur die Möglichkeit haben, Schadensminimierung zu betreiben? Wie groß sind die Chancen, den Betroffenen wirklich zu helfen?
Monika Schäfer-Ligustro: Es gibt immer wieder Fälle, in denen es Patienten doch noch gelingt, einen Arbeitsplatz zu finden - auch im Rahmen der psychiatrischen Behandlung, wenn jemand wieder mehr Mut und Selbstwertgefühl entwickelt hat durch die Therapie, oder auch unter Umständen durch die medikamentöse Behandlung. Wenn die Arbeitssuchenden beim Vorstellungsgespräch einen vitaleren Eindruck machen, gelingt es ihnen mitunter doch noch, einen guten Arbeitsplatz zu finden. Und es gibt natürlich auch Begegnungen oder Erfahrungen, die Menschen aus dieser bedrückenden Situation herausholen, z. B. ehrenamtliche Tätigkeiten oder die Mitarbeit in einem Jugendwohnheim. Auch das sind Erfahrungen, die tragen und die helfen können. Manchmal ist es auch nur einfach so, dass im Rahmen der Behandlung das Grundgefühl oder die depressive Symptomatik abnimmt und doch wieder ein Stück weit Lebensfreude da ist ohne Arbeit - auch das gibt es. Ich denke, der Ausschnitt der Bevölkerung, den ich im Rahmen meiner psychiatrischen Tätigkeit sehe, ist nicht unbedingt repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Denn die Menschen, die zu mir kommen, sind bereits an den Rand der Gesellschaft gedrängt und erleben sich häufig als krank. Es gibt ein breites Mittelfeld,
das solche Belastungen besser toleriert und dabei für sich selber handlungsfähig bleibt. Insgesamt ist es nur so, dass die Erkenntnis, dass die gesellschaftliche Situation so viel soziales Elend verursacht, individuell bei den Menschen keine Rolle spielt und dass ihnen dieser Gedanke auch nicht hilft.
Was glauben Sie? Wie wird sich die Situation in Zukunft weiterentwickeln?
Monika Schäfer-Ligustro: Ich glaube, dass Menschen hoch anpassungsfähig sind. Die Arbeitslosigkeit wird ein Phänomen sein, das uns in Zukunft begleiten wird, und insofern wird es auch Anpassungsprozesse daran geben. Menschen werden unter diesen Bedingungen anders aufwachsen. Ich glaube, dass eine veränderte Haltung zur Arbeit auch zur Folge haben wird, dass der Druck abnimmt, dass die Menschen anpassungsfähiger werden an die wechselhaften Bedingungen und mehr auch das Eigene schätzen oder leben können, im Gegensatz zu der klassischen Arbeitergeneration, die mit ihrer Arbeit hoch identifiziert war und nichts anderes sehen konnte.
Ein positiver Aspekt wäre vielleicht auch schon, wenn die soziale Akzeptanz Arbeitslosen gegenüber zunehmen würde.
Monika Schäfer-Ligustro: Absolut. Wenn das öffentliche Bild der Arbeitslosen sich verändert, wenn Arbeitslosigkeit nicht mehr als persönliches Versagen angesehen wird, wenn die Presse nicht mehr einseitig nur davon berichtet, dass sich Arbeitslose Leistungen erschleichen und gar nicht arbeiten wollen, wenn diese Ansichten einem realistischen Bild weichen, nämlich dem, dass Menschen Arbeit suchen und einfach keine da ist, das wäre schon ein großer Fortschritt.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schäfer-Ligustro.
Das Interview führte Beate Maria Bollig.
Angaben zur Interviewpartnerin:
Monika Schäfer-Ligustro begann 1971 mit dem Studium der Philosophie und Germanistik in Köln, danach, von 1977 bis 1984, Studium der Medizin in Berlin. Es folgte eine langjährige ärztliche Tätigkeit in der Abteilung für Psychiatrie im Krankenhaus am Urban in Berlin Kreuzberg.
Seit 1998 arbeitet sie als niedergelassene Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie in den Bezirken Friedrichshain und Lichtenberg. Monika Schäfer-Ligustro ist Vorstandsmitglied im Berliner Verein für Psychiatrie und seelische Gesundheit, der sich für eine verbesserte Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen einsetzt. |