„Es war wie ein Zwang; ich musste
es einfach immer wieder tun.“
Rückfallprophylaxe bei Sexualstraftätern
Rückfallprophylaxe
ist nicht nur ein Thema, welches bei Missbrauch und
Abhängigkeit eine Rolle spielt. So hat die Rückfallforschung
bei Abhängigkeitserkrankungen (Cummings, Gordon & Marlatt,
1980) drei Determinanten identifiziert, die sich auch in der Behandlung
von Sexualstraftätern* als wesentlich herausgestellt haben:
Schwierigkeiten im Umgang mit negativen Gefühlen, Probleme bei
der angemessenen Lösung interpersoneller Konflikte und sozialer
Druck. Das bedeutet, dass Rückfälle - in eine Sucht oder
in die erneute Sexualdelinquenz - nicht nur durch interne Gefühlszustände
ausgelöst werden können; sowohl der interpersonelle und
als auch der situative Kontext spielen weitere wichtige Rollen. Vor
diesem Hintergrund können durchaus Parallelen in der Behandlung
von Sexualstraftätern und der von Abhängigkeitskranken
hergestellt werden. Unter Berücksichtigung der umfangreichen
Literatur zur Rückfallforschung bei Sexualdelinquenz soll es
im vorliegenden Artikel darum gehen, zentrale Aspekte der rückfallpräventiven
Arbeit mit Sexualdelinquenten vorzustellen. Dabei soll vor allem
ein grober Überblick über die wichtigen Inhalte in der
Therapie mit Sexualstraftätern gegeben werden.
Zunächst muss angemerkt werden, dass es DEN Sexualstraftäter
nicht gibt. Differenziert wird z.B. nach der Art des Sexualdelikts;
nach Einfach- und Mehrfachtätern; danach, ob beim Sexualdelinquenten
eine psychische Störung vorliegt (häufig komorbid mit einer
Alkholabhängigkeit); strafrechtlich relevant ist auch, ob beim
Täter zum Zeitpunkt der Tat die volle Schuldfähigkeit erhalten
war - dann kommt er ins Gefängnis - oder eine verminderte oder
gar aufgehobene Schuldfähigkeit vorlag - dann wird u. U. eine
Maßregelvollzugsunterbringung angeordnet. Das deutsche Strafrecht
sieht seit 1998 im „Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten
und anderen gefährlichen Straftaten“ die therapeutische
Behandlung von Sexualstraftätern mit einer Freiheitsstrafe von
mehr als zwei Jahren im Strafvollzug bzw. der Sozialtherapeutischen
Anstalt obligatorisch vor (§ 9 Abs.1 S.1 StVollzG). In der Arbeit
mit Sexualstraftätern - die in der Regel im Straf- oder Maßregelvollzug
stattfindet; in seltenen Fällen auch ambulant - steht die Rückfallprävention
im Fokus. Dabei geht es vornehmlich darum, den Straftäter zu
befähigen, perspektivisch Risikosituationen zu identifizieren
und Kontrolle in Bezug auf das eigene Handeln zu entwickeln und somit
einem erneuten Rückfall vorzubeugen. Konkrete Ansätze für
die Behandlung von Sexualstraftätern gibt es seit ca. 40 Jahren.
In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts herrschte jedoch ein
therapeutischer Nihilismus („Nothing works“) vor. Durch
umfangreiche Effektivitätsforschung konnte allerdings gezeigt
werden, dass eine gezielte Arbeit mit Sexualstraftätern durchaus
Sinn macht und Rückfälligkeit reduzieren kann. Die Erkenntnisse
dieser Forschung schlugen sich auch in der Konzeption von meist manualgeleiteten
Behandlungsprogrammen nieder. Vor allem im angloamerikanischen Raum
wurden im Justizvollzug solche speziell auf Sexualstraftäter
zugeschnittene Programme entwickelt (Marshall et al., 1998). Das
mittlerweile wohl bekannteste ist das englische SOTP (Sexual offender
treatment program; u. a. Marschall, 1990), dessen Effektivität
in mehreren Studien gut belegt werden konnte (Lau, 2006). Im deutschsprachigen
Raum wird am häufigsten das an das SOTP angelehnte Behandlungsprogramm
für Sexualstraftäter (BPS) angewandt (Rehder & Wischka,
2001). Bei der Behandlung von Sexualstraftätern lassen sich
grob zwei verschiedene Vorgehensweisen in der Behandlung unterscheiden:
kognitiv-behaviorale (Beck & Freeman et al., 1990) und eher psychodynamisch
orientierte Strategien (u. a. Schorsch et al., 1985): bei der kognitiv-behavioralen
Methode geht es darum, dass der Sexualdelinquent lernt, sein sexuelles
Verhalten zu analysieren und zu „beherrschen“ („No
cure - but control“); beim psychodynamischen Vorgehen dagegen
steht „Heilung“ im Vordergrund, d. h. dass z. B. die
Objektpräferenz des Sexualdelinquenten verändert wird (van
Beek & Mulder,1998).
Behandlung von Sexualstraftätern
Häufig wird darauf verwiesen, dass insbesondere die Behandlung
von Sexualstraftätern viel vom Behandler abverlangt: Auseinandersetzung
mit - möglicherweise - perversen Phantasien und gewalttätigen
Straftaten und die Berücksichtigung einer politischen Lage,
die Sexualdelinquenten stigmatisiert. (u. a. Turner, 1992). Gerade
deshalb erscheint es besonders wichtig, strukturierte Programme -
neben regelmäßiger Supervision als qualitätssichernde
Maßnahme etc. - zu entwickeln und anzuwenden, weil diese auch
einen sicheren Handlungsspielraum und einen Rahmen geben können,
innerhalb dessen der Therapeut sich vor allzu viel Unberechenbarkeit
schützen kann. Studien haben gezeigt, dass sich wirksame Therapieverfahren
- v. a. in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen
- dadurch auszeichnen, dass sie gut strukturiert sind, die Compliance
des Patienten fördern, einen klaren Behandlungsfokus und Zielsetzung
beinhalten, eine tragfähige und flexible therapeutische Beziehung
und Langzeitbehandlung ermöglichen (Bateman & Fonagy, 2000)
Behandlungssetting
Eine Vielzahl von Studien belegt, dass die gruppentherapeutische
Behandlung von Sexualstraftätern Vorteile gegenüber der
Einzelbehandlung aufweist (u. a. Bauer & Kielisch, 2005); die
höhere Effektivität lässt sich auch schon insofern
belegen, dass mit weniger Aufwand mehr Personen erreicht werden können.
Einzel- und Gruppenbehandlungen unterscheiden sich dahingehend wesentlich,
dass bei ersteren die Behandlungsstrategien gezielter dem Sexualdelinquenten
angepasst werden können, währenddessen eine Gruppenbehandlung
sich immer an dem orientiert, was die Mehrzahl der Gruppenteilnehmer
voranbringt. In der Gruppe kann der Delinquent aber Solidarität
und Gruppenkohäsion erleben, andere akzeptieren lernen etc.
(Warmuth, 1998). Bisher existieren lediglich strukturierte Behandlungsprogramme
für Gruppentherapien mit Sexualstraftätern; für Einzeltherapien
liegen derartige Programme nicht vor. Die bekannten Behandlungsprogramme
haben eine Dauer von ein bis drei Jahren; die meisten arbeiten mit
ein bis zwei Sitzungen wöchentlich.
Voraussetzungen für die Therapie
Nahe liegend erscheint es, dass nur ein veränderungsmotivierter
Klient letztendlich von einer Therapie profitieren kann. Daneben
spielen oft auch die intellektuellen Voraussetzungen, das Alter und
andere Faktoren eine Rolle. Dahle und Steller (2000) haben in ihrer
fundierten Studie gezeigt, dass die Entwicklung von Compliance und
einer fundierten Veränderungsmotivation beim Sexualdelinquenten
zentrale Voraussetzungen für den Erfolg der Therapie darstellen.
Zusätzlich dazu müssen psychiatrische und comorbide Erkrankungen
wie Persönlichkeitsstörungen und Abhängigkeitserkrankungen
Berücksichtigung finden.
Behandlungsinhalte
In Bezug auf die Behandlungsinhalte der verschiedenen Programme
gibt es wesentliche Unterschiede, aber im Groben lassen sich drei
wesentliche Faktoren benennen, die in der Behandlung Beachtung finden:
1. Biographie und Persönlichkeit des Sexualdelinquenten
2. Soziale Lebenswelt des Sexualdelinquenten
3. konkrete Straftat(en) unter Betrachtung aller sie beeinflussenden
Faktoren
Alle Behandlungsziele lassen sich auf eine der drei o. g. Faktoren
beziehen, wobei im Rahmen der Behandlung die Faktoren interagieren,
sich verknüpfen und als Gesamtkonstrukt „Rückfallprävention“ betrachtet
werden müssen.
Zu 1. Biographie und Persönlichkeit des Sexualdelinquenten
Analog zur „klassischen“ Therapie geht es bei Sexualstraftätern
darum, sich mit der eigenen Lebensgeschichte noch einmal fundiert
auseinanderzusetzen. Es sollte gelingen, insbesondere den Bezug zu
den Details der Straftaten herzustellen, die mit der eigenen Biographie
zu tun haben. Die wohl am häufigsten zitierten Fälle sind
die von pädophilen Straftätern, die mit den Kindern die
eigene frühkindliche Situation mit einem sie missbrauchenden
Vater wiederherstellen; gerade für diese Straftäter ist
Sexualität und das Gefühl von Nähe oft unlösbar
miteinander verknüpft. In diesem Zusammenhang muss vor allem
die Sexualentwicklung der Straftäter differenziert betrachtet
werden; dazu gehören auch das individuelle Männlichkeitsbild,
das Frauenbild, die Wahrnehmung der eigenen Rolle in der Familie
und in der Gesellschaft und die sexuelle Orientierung. Häufig
spielen straftatfördernde kognitive Schemata eine Rolle: „Wenn
Frauen nicht Nein sagen, meinen sie Ja.“ oder das Bild eines
Mannes, der nur ein Mann ist, wenn er permanent seine Potenz unter
Beweis stellt. Sind einmal diese verzerrten und irrationalen Überzeugungen
identifiziert, geht es in der weiteren Arbeit um eine Auflösung
derselben und um den Aufbau von Normen und Werten, die prosozial
wirkend einer erneuten Sexualdelinquenz entgegenstehen. In diesem
Zusammenhang stehen in der therapeutischen Arbeit sexuelle Phantasien
bzw. die sexuelle Orientierung im Fokus. Der Sexualdelinquent muss
sich offen eingestehen, was in ihm ein sexuelles Interesse hervorruft,
was sexuelle Hinweisreize für ihn sind, was er als lustvoll
erlebt. Gerade dieses Thema ist - insbesondere bei Sexualdelinquenten,
die häufig unter suppressiven Bedingungen aufgewachsen sind
- sehr schambesetzt und erfordert viel Feingefühl vom Therapeuten.
Auch ist es oft erstaunlich, wie wenig faktisches Wissen über
Sexualität Sexualdelinquente haben; eine fundierte Wissensvermittlung
z. B. über anatomische Besonderheiten, aber auch die sexuelle
Entwicklung von Kindern ist diesbezüglich als essentiell anzusehen.
Die Besonderheiten in der Biographie des Sexualdelinquenten schlagen
sich auch in der Persönlichkeit der Straftäter nieder:
ein niedriges Selbstwertgefühl, welches oft mit Demonstrationen
von Macht kaschiert wird; Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen
und vielerlei Probleme im sozialen Bereich. Diesbezüglich sollte
der Sexualdelinquent gewillt sein, seine eigenen Abwehrstrategien
- z. B. Bevorzugung bestimmter Partner, um eine gleichberechtigte
Beziehung zu vermeiden - und eigene, stereotype Verhaltensmuster
- z. B. Trinken als Konfliktlösungsmöglichkeit - in Frage
zu stellen. Zentrale Ziele der Therapie stellen hierbei eine Verbesserung
der Selbstwahrnehmung, des Selbstwertgefühls und ein verbesserter
Umgang mit negativen Gefühlen dar. Insbesondere im zwischenmenschlichen
Kontakt ist es wesentlich, dass der Delinquent die Fähigkeit
zur Perspektivenübernahme erwirbt und zunehmend in der Lage
ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und nicht
mehr anderen die Schuld für sein Versagen zuweist.
Zu 2. Soziale Lebenswelt des Sexualdelinquenten
Betrachtet man die Lebenswelten von Sexualstraftätern, so fällt
auf, dass diese sich zum Zeitpunkt der Straftaten häufig in
desolaten sozialen Verhältnissen befanden. Studien belegen beispielsweise,
dass nur ein geringer Teil der Straftäter in einer Partnerschaften
gelebt hatte (Kröber & Dahle, 1998). Arbeitslosigkeit und
Alkoholabhängigkeit sind ebenso überdurchschnittlich häufig
zu finden. Im Gespräch mit diesen Menschen ist oft ein ausgeprägter
Mangel an Fähigkeiten in Bezug auf eine Kontaktaufnahme und
-aufrechterhaltung zu beobachten. In der therapeutischen Arbeit steht
diesbezüglich im Vordergrund, den Sexualstraftäter zu unterstützen,
die eigenen Mechanismen der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung
zu überprüfen und zu verbessern, eine realistischere soziale
Wahrnehmung zu entwickeln und das eigene Verhalten in Bezug darauf
zu planen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Förderung offenen
Verhaltens. Dies bezieht sich auf z. B. so genannte Alibibeziehungen,
die u. a. eine nicht offen ausgelebte homosexuelle Orientierung oder
pädophile Intentionen verschleiern sollen, aber dadurch zu einer
Lebenslüge werden, die sehr anfällig dafür ist, wie
ein Kartenhaus zusammenzufallen.
Zu 3. konkrete Straftat(en) unter Betrachtung aller sie beeinflussenden
Faktoren
Die Beschäftigung mit den begangenen Delikten stellt einen zentralen
Baustein in der Therapie von Sexualstraftätern dar. Über
die Analyse der Vortatbedingungen/Voraussetzungen für die Straftat
und der damaligen persönlichen Lebensumstände bis hin zur
eigentlichen Straftat und dem Nachtatverhalten sollte alles mit der
Straftat im Zusammenhang Stehende genau betrachtet werden. Es geht
dabei nicht um ein vordergründiges Schuldeingeständnis.
Vielmehr soll der Sexualstraftäter in die Lage versetzt werden,
Verantwortung für die Tat zu übernehmen und er muss ein
Verständnis für die Dynamik und die einzelnen Entwicklungsstufen
der Tat entwickeln. In diesem Zusammenhang sollten „Denkfehler“,
die ursächlich mit der Tat in Zusammenhang stehen, identifiziert
werden. So berichten Vergewaltiger beispielsweise häufig, dass
das spätere Opfer in der Bar durch ihr Verhalten signalisiert
habe, dass sie mit Sex einverstanden sei; beim Geschlechtsverkehr
sei sie dann einfach „zickig“ geworden. An dieser Schnittstelle
von Missinterpretation der Realität, einem eher feindlichen
Frauenbild und inadäquaten Strategien zur Kontaktaufnahme kommt
es häufig zu Sexualstraftaten. Einen weiteren zentralen Stellenwert
in der Therapie nimmt die Entwicklung von Opferempathie ein, d. h.
Verständnis für die Gefühle und für die Folgen
für die Opfer zu haben. In vielen Programmen ist es üblich,
einen so genannten Opferbrief zu schreiben - welcher selbstverständlich
nicht abgeschickt wird -, anhand dessen die Spezifität der Täter-Opfer-Beziehung
und der dazugehörigen Opferbilder („Kinder können
schon selbst entscheiden, ob sie Sex haben wollen oder nicht.“)
sichtbar gemacht werden kann. Schließlich geht es essentiell
um die Auseinandersetzung mit den sexuell devianten Phantasien, die
möglicherweise in der Straftat kulminierten. Im Rahmen eines
Stufenmodells von der abweichenden Phantasie bis hin zur Sexualstraftat
wird die Rolle der Phantasien sehr deutlich. Weiterhin gilt es inzwischen
als gut belegt, dass - entgegen der landläufigen Meinung, dass
man zwar alles denken, aber nicht alles tun dürfe - die Veränderung
und Abmilderung sexuell abweichender Phantasien notwendig ist. Hintergrund
dabei ist, dass im Sinne operanter Konditionierung der Sexualstraftäter
seine abweichenden Phantasien häufig verstärkt, indem er
z. B. durch Masturbation diese lustvoll erlebt und somit Lust und
abweichende Phantasie miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung
kann später die Schwelle zur Begehung weiterer Sexualstraftaten
senken.
Von 1. bis 3. zur individuellen Rückfallprävention
Der langwierigste und aufwendigste Teil der
Arbeit mit Sexualstraftätern
ist die Erarbeitung einer individuellen Rückfallprophylaxe.
Erst wenn alle Informationen über den Sexualstraftäter,
seine Persönlichkeit, die Straftat selbst usw. usf. bekannt
sind und sich differenziert damit auseinandergesetzt wurde, kann
fundiert eine Analyse von Risikosituationen durchgeführt werden.
Als Risikosituationen werden dabei Situationen verstanden, in denen
die Gefahr besteht, dass der Sexualdelinquent - wieder - Kontrolle über
das eigene Verhalten verliert und sich fehlverhält. Als nachvollziehbarstes
Beispiel könnte der pädophile Straftäter genannt werden,
der trotz des Gefühls, dass nie wieder etwas passieren wird,
keine Kindergruppe anleiten sollte. Aber auch der Exhibitionist,
der in der Vergangenheit z. B. in sexuell frustrierenden Situationen
exhibierte, sollte seine Beziehung zu einer dominanten Frau, die
kein sexuelles Interesse an ihm hat, noch einmal überprüfen.
Es geht um das Erarbeiten alternativer Befriedigungs- und Kompensationsmechanismen,
die keine abweichenden Phantasien oder gar straftatrelevantes Verhalten
beinhalten. Der Sexualstraftäter wird zunehmend in die Lage
versetzt, die für eine effektive Rückfallprävention
notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu identifizieren und
an einem Erwerb derselben zu arbeiten. Diese Erhöhung der Selbstkontrollmechanismen
beeinflusst auch das innere Erleben in der Art, dass Risikosituationen
eben nicht mehr als unkontrollierbar, sondern als beeinflussbar erlebt
werden. Dazu gehört auch, dass der Sexualdelinquent Warnsignale
für seine individuelle Rückfallgefahr erkennen und gegensteuern
lernt. Neben all diesen innerpsychischen Prozessen geht es aber auch
darum, eine stabile und befriedigende äußere Lebenswelt
aufzubauen: ein unterstützendes Netzwerk mit Freunden, Bekannten
oder einer Partnerschaft, sinnvolle Freizeitaktivitäten inklusive
der Fähigkeit zum Strukturieren von Zeit und solchen Dingen
wie Arbeit und Wohnung. Die Stabilität der Veränderungen
wird im Rahmen von gesteigerten Belastungen (Lockerungen, Freigängerstatus)
geprüft.
Ausblick
Die umfangreiche Forschung zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern
hat dazu beigetragen, dass speziell auf Sexualstraftäter zugeschnittene
Behandlungsprogramme konzipiert wurden und durchgeführt werden.
Erste Ergebnisse zur Effektivität solcher Behandlungsprogramme
- leider kaum im deutschsprachigen Raum - zeigen, dass diese einen
positiven Effekt auf die Rückfallquoten von Sexualstraftätern
haben (Hanson & Bussiere, 1998). Der vorliegende Artikel hatte
das Anliegen, aus einem Querschnitt der Inhalte von bekannten Behandlungsprogrammen
und eigenen Erfahrungen zentrale Aspekte in der Therapie von Sexualstraftätern
vorzustellen. Die Erfahrungen in den nächsten Jahren und weitere
Studien zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern werden
zeigen, inwieweit bestehende Behandlungsprogramme noch modifiziert
oder neue therapeutische Methoden erschlossen werden müssen.
Mandy Werner, Dr. Steffen Lau
(* In der vorliegenden Arbeit wird immer nur von männlichen
Sexualstraftätern gesprochen werden. Zum einen werden ca. 95
Prozent der Sexualstraftaten von Männern begangen (Polizeiliche
Kriminalstatistik 2005) und zum anderen stützen sich auch die
meisten Studien auf die Arbeit mit männlichen Sexualdelinquenten.
Kontakt:
Klinik für Forensische Psychiatrie
Sächsisches Krankenhaus Altscherbitz
Leipziger Str. 59• 04435 Schkeuditz
Tel. 034204 87 2311 • Fax 034204 87 2314
mandy.werner@skhal.sms.sachsen.de
steffen.lau@skhal.sms.sachsen.de
www.skh-altscherbitz.de
Angaben zu den Autoren:
Dipl.-Psych. Mandy Werner, Studium der Psychologie in Jena und Leipzig,
beschäftigt seit 2002 in der Forensischen Psychiatrie, Weiterbildung
zur Fachpsychologin für Rechtspsychologie
Dr. med. Steffen Lau, Medizinstudium in Hamburg und London, Facharztweiterbildung
in Berlin, langjähriger Mitarbeiter am Institut für Forensische
Psychiatrie der Charité, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, Schwerpunkt Forensische Psychiatrie, Zertifikat „Forensische
Psychiatrie“ der DGPPN, Forensischer Sachverständiger,
Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie Altscherbitz
seit 2005
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In: Kröber H-L, Dölling D, Leygraf N, Saß H (Hrsg.) Handbuch
der Forensischen Psychiatrie. Bd. 3: Psychiatrische Kriminalprognose und Kriminaltherapie.
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Sourcebook of treatment programs for sexual offenders; ed. Marshall W L
• Warmuth M (1994). Ambulante Gruppentherapie mit Sexualstraftätern.
In: Straftäterbehandlung. Hrsg. Steller M et al. Pfaffenweiler: Centaurus.
KASTEN
Angstzustände, Alpträume, Depressionen - viele Opfer von
Gewaltverbrechen oder Überlebende von Katastrophen leiden unter
einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTB). Das Erlebte
kann nicht richtig verarbeitet werden, die Ereignisse laufen immer
wieder wie ein Film vor dem „inneren Auge“ ab. Die Folge
sind massive körperliche und psychische Beeinträchtigungen.
Psychologen der Universität Göttingen haben jetzt ein neuartiges
Therapiekonzept entwickelt. Das Programm kombiniert EMDR, eine in
den USA entwickelte Behandlungsmethode für Trauma-Betroffene
aus der Psychotraumatologie, mit Verhaltenstherapie und Biofeedback.
Eine Begleitstudie hat gezeigt, dass das Göttinger Konzept in
wesentlichen Bereichen wirksamer ist als bereits etablierte Therapieverfahren. „Die
PTB-Symptome bei den 16 auf diese Weise behandelten Patienten konnten
in kurzer Zeit, das heißt durchschnittlich 16 Sitzungen, deutlich
reduziert werden. Wir haben in allen Fällen eine Entlastung
nachgewiesen, die stärker ausfällt als bei anderen Behandlungsprogrammen“,
betont Dr. Stefan Jacobs, der an der Abteilung Klinische Psychologie
und Psychotherapie des Georg- Elias-Müller-Instituts für
Psychologie forscht. Aktuelle Befunde in den Neurowissenschaften
deuten darauf hin, dass die Herausbildung einer Posttraumatischen
Belastungsstörung davon abhängt, wie das Ereignis in das
Gedächtnis eingespeichert wird. Während das implizite Gedächtnis
die emotionale Qualität einer Erinnerung bestimmt, speichert
das explizite Gedächtnis alle autobiographischen Erlebnisse
episodisch ab. „Vereinfacht gesagt entsteht eine Störung
dann, wenn das Trauma übermäßig stark im ‚Gefühlsgedächtnis‘ verankert
ist. Dieses Ungleichgewicht kann dazu führen, dass die mit dem
traumatischen Erlebnis verbundenen Emotionen wie intensive Angstzustände
durch bestimmte Reize immer wieder ausgelöst werden“,
erläutert Dr. Jacobs. Das Göttinger Behandlungskonzept
soll helfen, das Erlebte in einem geschützten Rahmen neu zu
verarbeiten und gleichzeitig die emotionale Erinnerung zu hemmen.
Die Therapie setzt sich aus mehreren Modulen zusammen: Die Betroffenen
erhalten durch einen Lehrfilm für Patienten gezielt Informationen über
die Störungszusammenhänge. Sie berichten dann ausführlich
von ihren traumatischen Erlebnissen. Gemeinsam mit dem Therapeuten
sollen die daran gekoppelten negativen Gedanken und Gefühle
herausgearbeitet und positive Zielkognitionen nach der Trauma- Verarbeitung
formuliert werden. Zusätzlich zu den Interventionstechniken
der Verhaltenstherapie kommt die Methode des EMDR zum Einsatz. Die
Abkürzung steht für „Eye Movement Desensitization
and Reprocessing“: Dabei stimuliert der Therapeut das Gehirn
des Patienten mit bestimmten Augenbewegungen, die dann die Prozesse
zur Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse auslösen. Parallel
dazu wird das Biofeedback eingesetzt: Als Parameter für die
innere Anspannung des Patienten wird dazu der Hautleitwert gemessen. „Mit
diesen Daten können wir die Traumaexposition für die Betroffenen ‚sichtbar‘ machen.
Sie zeigen zugleich das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen
subjektivem Belastungsgrad und physiologisch messbarem Erregungszustand“,
betont Dr. Jacobs. „Die Ergebnisse unserer Studie haben dabei
deutlich gemacht, dass EMDR ein Hauptwirkfaktor in unserem Therapiekonzept
ist. Die mit dieser Methode bearbeiteten traumatischen Erinnerungen
werden weniger belastend, was sich sowohl in einem Rückgang
der autonomen Erregung als auch im eigenen Empfinden niederschlägt.“
Pressestelle der Universität Göttingen
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