Leseprobe 05 / 2006

„Es war wie ein Zwang; ich musste es einfach immer wieder tun.“

Rückfallprophylaxe bei Sexualstraftätern

wernerRückfallprophylaxe ist nicht nur ein Thema, welches bei Missbrauch lau und Abhängigkeit eine Rolle spielt. So hat die Rückfallforschung bei Abhängigkeitserkrankungen (Cummings, Gordon & Marlatt, 1980) drei Determinanten identifiziert, die sich auch in der Behandlung von Sexualstraftätern* als wesentlich herausgestellt haben: Schwierigkeiten im Umgang mit negativen Gefühlen, Probleme bei der angemessenen Lösung interpersoneller Konflikte und sozialer Druck. Das bedeutet, dass Rückfälle - in eine Sucht oder in die erneute Sexualdelinquenz - nicht nur durch interne Gefühlszustände ausgelöst werden können; sowohl der interpersonelle und als auch der situative Kontext spielen weitere wichtige Rollen. Vor diesem Hintergrund können durchaus Parallelen in der Behandlung von Sexualstraftätern und der von Abhängigkeitskranken hergestellt werden. Unter Berücksichtigung der umfangreichen Literatur zur Rückfallforschung bei Sexualdelinquenz soll es im vorliegenden Artikel darum gehen, zentrale Aspekte der rückfallpräventiven Arbeit mit Sexualdelinquenten vorzustellen. Dabei soll vor allem ein grober Überblick über die wichtigen Inhalte in der Therapie mit Sexualstraftätern gegeben werden.

Zunächst muss angemerkt werden, dass es DEN Sexualstraftäter nicht gibt. Differenziert wird z.B. nach der Art des Sexualdelikts; nach Einfach- und Mehrfachtätern; danach, ob beim Sexualdelinquenten eine psychische Störung vorliegt (häufig komorbid mit einer Alkholabhängigkeit); strafrechtlich relevant ist auch, ob beim Täter zum Zeitpunkt der Tat die volle Schuldfähigkeit erhalten war - dann kommt er ins Gefängnis - oder eine verminderte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit vorlag - dann wird u. U. eine Maßregelvollzugsunterbringung angeordnet. Das deutsche Strafrecht sieht seit 1998 im „Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten“ die therapeutische Behandlung von Sexualstraftätern mit einer Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren im Strafvollzug bzw. der Sozialtherapeutischen Anstalt obligatorisch vor (§ 9 Abs.1 S.1 StVollzG). In der Arbeit mit Sexualstraftätern - die in der Regel im Straf- oder Maßregelvollzug stattfindet; in seltenen Fällen auch ambulant - steht die Rückfallprävention im Fokus. Dabei geht es vornehmlich darum, den Straftäter zu befähigen, perspektivisch Risikosituationen zu identifizieren und Kontrolle in Bezug auf das eigene Handeln zu entwickeln und somit einem erneuten Rückfall vorzubeugen. Konkrete Ansätze für die Behandlung von Sexualstraftätern gibt es seit ca. 40 Jahren. In den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts herrschte jedoch ein therapeutischer Nihilismus („Nothing works“) vor. Durch umfangreiche Effektivitätsforschung konnte allerdings gezeigt werden, dass eine gezielte Arbeit mit Sexualstraftätern durchaus Sinn macht und Rückfälligkeit reduzieren kann. Die Erkenntnisse dieser Forschung schlugen sich auch in der Konzeption von meist manualgeleiteten Behandlungsprogrammen nieder. Vor allem im angloamerikanischen Raum wurden im Justizvollzug solche speziell auf Sexualstraftäter zugeschnittene Programme entwickelt (Marshall et al., 1998). Das mittlerweile wohl bekannteste ist das englische SOTP (Sexual offender treatment program; u. a. Marschall, 1990), dessen Effektivität in mehreren Studien gut belegt werden konnte (Lau, 2006). Im deutschsprachigen Raum wird am häufigsten das an das SOTP angelehnte Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS) angewandt (Rehder & Wischka, 2001). Bei der Behandlung von Sexualstraftätern lassen sich grob zwei verschiedene Vorgehensweisen in der Behandlung unterscheiden: kognitiv-behaviorale (Beck & Freeman et al., 1990) und eher psychodynamisch orientierte Strategien (u. a. Schorsch et al., 1985): bei der kognitiv-behavioralen Methode geht es darum, dass der Sexualdelinquent lernt, sein sexuelles Verhalten zu analysieren und zu „beherrschen“ („No cure - but control“); beim psychodynamischen Vorgehen dagegen steht „Heilung“ im Vordergrund, d. h. dass z. B. die Objektpräferenz des Sexualdelinquenten verändert wird (van Beek & Mulder,1998).

Behandlung von Sexualstraftätern

Häufig wird darauf verwiesen, dass insbesondere die Behandlung von Sexualstraftätern viel vom Behandler abverlangt: Auseinandersetzung mit - möglicherweise - perversen Phantasien und gewalttätigen Straftaten und die Berücksichtigung einer politischen Lage, die Sexualdelinquenten stigmatisiert. (u. a. Turner, 1992). Gerade deshalb erscheint es besonders wichtig, strukturierte Programme - neben regelmäßiger Supervision als qualitätssichernde Maßnahme etc. - zu entwickeln und anzuwenden, weil diese auch einen sicheren Handlungsspielraum und einen Rahmen geben können, innerhalb dessen der Therapeut sich vor allzu viel Unberechenbarkeit schützen kann. Studien haben gezeigt, dass sich wirksame Therapieverfahren - v. a. in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen - dadurch auszeichnen, dass sie gut strukturiert sind, die Compliance des Patienten fördern, einen klaren Behandlungsfokus und Zielsetzung beinhalten, eine tragfähige und flexible therapeutische Beziehung und Langzeitbehandlung ermöglichen (Bateman & Fonagy, 2000)
Behandlungssetting

Eine Vielzahl von Studien belegt, dass die gruppentherapeutische Behandlung von Sexualstraftätern Vorteile gegenüber der Einzelbehandlung aufweist (u. a. Bauer & Kielisch, 2005); die höhere Effektivität lässt sich auch schon insofern belegen, dass mit weniger Aufwand mehr Personen erreicht werden können. Einzel- und Gruppenbehandlungen unterscheiden sich dahingehend wesentlich, dass bei ersteren die Behandlungsstrategien gezielter dem Sexualdelinquenten angepasst werden können, währenddessen eine Gruppenbehandlung sich immer an dem orientiert, was die Mehrzahl der Gruppenteilnehmer voranbringt. In der Gruppe kann der Delinquent aber Solidarität und Gruppenkohäsion erleben, andere akzeptieren lernen etc. (Warmuth, 1998). Bisher existieren lediglich strukturierte Behandlungsprogramme für Gruppentherapien mit Sexualstraftätern; für Einzeltherapien liegen derartige Programme nicht vor. Die bekannten Behandlungsprogramme haben eine Dauer von ein bis drei Jahren; die meisten arbeiten mit ein bis zwei Sitzungen wöchentlich.

Voraussetzungen für die Therapie

Nahe liegend erscheint es, dass nur ein veränderungsmotivierter Klient letztendlich von einer Therapie profitieren kann. Daneben spielen oft auch die intellektuellen Voraussetzungen, das Alter und andere Faktoren eine Rolle. Dahle und Steller (2000) haben in ihrer fundierten Studie gezeigt, dass die Entwicklung von Compliance und einer fundierten Veränderungsmotivation beim Sexualdelinquenten zentrale Voraussetzungen für den Erfolg der Therapie darstellen. Zusätzlich dazu müssen psychiatrische und comorbide Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und Abhängigkeitserkrankungen Berücksichtigung finden.

Behandlungsinhalte

In Bezug auf die Behandlungsinhalte der verschiedenen Programme gibt es wesentliche Unterschiede, aber im Groben lassen sich drei wesentliche Faktoren benennen, die in der Behandlung Beachtung finden:
1. Biographie und Persönlichkeit des Sexualdelinquenten
2. Soziale Lebenswelt des Sexualdelinquenten
3. konkrete Straftat(en) unter Betrachtung aller sie beeinflussenden Faktoren
Alle Behandlungsziele lassen sich auf eine der drei o. g. Faktoren beziehen, wobei im Rahmen der Behandlung die Faktoren interagieren, sich verknüpfen und als Gesamtkonstrukt „Rückfallprävention“ betrachtet werden müssen.

Zu 1. Biographie und Persönlichkeit des Sexualdelinquenten

Analog zur „klassischen“ Therapie geht es bei Sexualstraftätern darum, sich mit der eigenen Lebensgeschichte noch einmal fundiert auseinanderzusetzen. Es sollte gelingen, insbesondere den Bezug zu den Details der Straftaten herzustellen, die mit der eigenen Biographie zu tun haben. Die wohl am häufigsten zitierten Fälle sind die von pädophilen Straftätern, die mit den Kindern die eigene frühkindliche Situation mit einem sie missbrauchenden Vater wiederherstellen; gerade für diese Straftäter ist Sexualität und das Gefühl von Nähe oft unlösbar miteinander verknüpft. In diesem Zusammenhang muss vor allem die Sexualentwicklung der Straftäter differenziert betrachtet werden; dazu gehören auch das individuelle Männlichkeitsbild, das Frauenbild, die Wahrnehmung der eigenen Rolle in der Familie und in der Gesellschaft und die sexuelle Orientierung. Häufig spielen straftatfördernde kognitive Schemata eine Rolle: „Wenn Frauen nicht Nein sagen, meinen sie Ja.“ oder das Bild eines Mannes, der nur ein Mann ist, wenn er permanent seine Potenz unter Beweis stellt. Sind einmal diese verzerrten und irrationalen Überzeugungen identifiziert, geht es in der weiteren Arbeit um eine Auflösung derselben und um den Aufbau von Normen und Werten, die prosozial wirkend einer erneuten Sexualdelinquenz entgegenstehen. In diesem Zusammenhang stehen in der therapeutischen Arbeit sexuelle Phantasien bzw. die sexuelle Orientierung im Fokus. Der Sexualdelinquent muss sich offen eingestehen, was in ihm ein sexuelles Interesse hervorruft, was sexuelle Hinweisreize für ihn sind, was er als lustvoll erlebt. Gerade dieses Thema ist - insbesondere bei Sexualdelinquenten, die häufig unter suppressiven Bedingungen aufgewachsen sind - sehr schambesetzt und erfordert viel Feingefühl vom Therapeuten. Auch ist es oft erstaunlich, wie wenig faktisches Wissen über Sexualität Sexualdelinquente haben; eine fundierte Wissensvermittlung z. B. über anatomische Besonderheiten, aber auch die sexuelle Entwicklung von Kindern ist diesbezüglich als essentiell anzusehen. Die Besonderheiten in der Biographie des Sexualdelinquenten schlagen sich auch in der Persönlichkeit der Straftäter nieder: ein niedriges Selbstwertgefühl, welches oft mit Demonstrationen von Macht kaschiert wird; Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen und vielerlei Probleme im sozialen Bereich. Diesbezüglich sollte der Sexualdelinquent gewillt sein, seine eigenen Abwehrstrategien - z. B. Bevorzugung bestimmter Partner, um eine gleichberechtigte Beziehung zu vermeiden - und eigene, stereotype Verhaltensmuster - z. B. Trinken als Konfliktlösungsmöglichkeit - in Frage zu stellen. Zentrale Ziele der Therapie stellen hierbei eine Verbesserung der Selbstwahrnehmung, des Selbstwertgefühls und ein verbesserter Umgang mit negativen Gefühlen dar. Insbesondere im zwischenmenschlichen Kontakt ist es wesentlich, dass der Delinquent die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme erwirbt und zunehmend in der Lage ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und nicht mehr anderen die Schuld für sein Versagen zuweist.

Zu 2. Soziale Lebenswelt des Sexualdelinquenten

Betrachtet man die Lebenswelten von Sexualstraftätern, so fällt auf, dass diese sich zum Zeitpunkt der Straftaten häufig in desolaten sozialen Verhältnissen befanden. Studien belegen beispielsweise, dass nur ein geringer Teil der Straftäter in einer Partnerschaften gelebt hatte (Kröber & Dahle, 1998). Arbeitslosigkeit und Alkoholabhängigkeit sind ebenso überdurchschnittlich häufig zu finden. Im Gespräch mit diesen Menschen ist oft ein ausgeprägter Mangel an Fähigkeiten in Bezug auf eine Kontaktaufnahme und -aufrechterhaltung zu beobachten. In der therapeutischen Arbeit steht diesbezüglich im Vordergrund, den Sexualstraftäter zu unterstützen, die eigenen Mechanismen der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung zu überprüfen und zu verbessern, eine realistischere soziale Wahrnehmung zu entwickeln und das eigene Verhalten in Bezug darauf zu planen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Förderung offenen Verhaltens. Dies bezieht sich auf z. B. so genannte Alibibeziehungen, die u. a. eine nicht offen ausgelebte homosexuelle Orientierung oder pädophile Intentionen verschleiern sollen, aber dadurch zu einer Lebenslüge werden, die sehr anfällig dafür ist, wie ein Kartenhaus zusammenzufallen.

Zu 3. konkrete Straftat(en) unter Betrachtung aller sie beeinflussenden Faktoren

Die Beschäftigung mit den begangenen Delikten stellt einen zentralen Baustein in der Therapie von Sexualstraftätern dar. Über die Analyse der Vortatbedingungen/Voraussetzungen für die Straftat und der damaligen persönlichen Lebensumstände bis hin zur eigentlichen Straftat und dem Nachtatverhalten sollte alles mit der Straftat im Zusammenhang Stehende genau betrachtet werden. Es geht dabei nicht um ein vordergründiges Schuldeingeständnis. Vielmehr soll der Sexualstraftäter in die Lage versetzt werden, Verantwortung für die Tat zu übernehmen und er muss ein Verständnis für die Dynamik und die einzelnen Entwicklungsstufen der Tat entwickeln. In diesem Zusammenhang sollten „Denkfehler“, die ursächlich mit der Tat in Zusammenhang stehen, identifiziert werden. So berichten Vergewaltiger beispielsweise häufig, dass das spätere Opfer in der Bar durch ihr Verhalten signalisiert habe, dass sie mit Sex einverstanden sei; beim Geschlechtsverkehr sei sie dann einfach „zickig“ geworden. An dieser Schnittstelle von Missinterpretation der Realität, einem eher feindlichen Frauenbild und inadäquaten Strategien zur Kontaktaufnahme kommt es häufig zu Sexualstraftaten. Einen weiteren zentralen Stellenwert in der Therapie nimmt die Entwicklung von Opferempathie ein, d. h. Verständnis für die Gefühle und für die Folgen für die Opfer zu haben. In vielen Programmen ist es üblich, einen so genannten Opferbrief zu schreiben - welcher selbstverständlich nicht abgeschickt wird -, anhand dessen die Spezifität der Täter-Opfer-Beziehung und der dazugehörigen Opferbilder („Kinder können schon selbst entscheiden, ob sie Sex haben wollen oder nicht.“) sichtbar gemacht werden kann. Schließlich geht es essentiell um die Auseinandersetzung mit den sexuell devianten Phantasien, die möglicherweise in der Straftat kulminierten. Im Rahmen eines Stufenmodells von der abweichenden Phantasie bis hin zur Sexualstraftat wird die Rolle der Phantasien sehr deutlich. Weiterhin gilt es inzwischen als gut belegt, dass - entgegen der landläufigen Meinung, dass man zwar alles denken, aber nicht alles tun dürfe - die Veränderung und Abmilderung sexuell abweichender Phantasien notwendig ist. Hintergrund dabei ist, dass im Sinne operanter Konditionierung der Sexualstraftäter seine abweichenden Phantasien häufig verstärkt, indem er z. B. durch Masturbation diese lustvoll erlebt und somit Lust und abweichende Phantasie miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung kann später die Schwelle zur Begehung weiterer Sexualstraftaten senken.

Von 1. bis 3. zur individuellen Rückfallprävention

Der langwierigste und aufwendigste Teil der Arbeit mit Sexualstraftätern ist die Erarbeitung einer individuellen Rückfallprophylaxe. Erst wenn alle Informationen über den Sexualstraftäter, seine Persönlichkeit, die Straftat selbst usw. usf. bekannt sind und sich differenziert damit auseinandergesetzt wurde, kann fundiert eine Analyse von Risikosituationen durchgeführt werden. Als Risikosituationen werden dabei Situationen verstanden, in denen die Gefahr besteht, dass der Sexualdelinquent - wieder - Kontrolle über das eigene Verhalten verliert und sich fehlverhält. Als nachvollziehbarstes Beispiel könnte der pädophile Straftäter genannt werden, der trotz des Gefühls, dass nie wieder etwas passieren wird, keine Kindergruppe anleiten sollte. Aber auch der Exhibitionist, der in der Vergangenheit z. B. in sexuell frustrierenden Situationen exhibierte, sollte seine Beziehung zu einer dominanten Frau, die kein sexuelles Interesse an ihm hat, noch einmal überprüfen. Es geht um das Erarbeiten alternativer Befriedigungs- und Kompensationsmechanismen, die keine abweichenden Phantasien oder gar straftatrelevantes Verhalten beinhalten. Der Sexualstraftäter wird zunehmend in die Lage versetzt, die für eine effektive Rückfallprävention notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu identifizieren und an einem Erwerb derselben zu arbeiten. Diese Erhöhung der Selbstkontrollmechanismen beeinflusst auch das innere Erleben in der Art, dass Risikosituationen eben nicht mehr als unkontrollierbar, sondern als beeinflussbar erlebt werden. Dazu gehört auch, dass der Sexualdelinquent Warnsignale für seine individuelle Rückfallgefahr erkennen und gegensteuern lernt. Neben all diesen innerpsychischen Prozessen geht es aber auch darum, eine stabile und befriedigende äußere Lebenswelt aufzubauen: ein unterstützendes Netzwerk mit Freunden, Bekannten oder einer Partnerschaft, sinnvolle Freizeitaktivitäten inklusive der Fähigkeit zum Strukturieren von Zeit und solchen Dingen wie Arbeit und Wohnung. Die Stabilität der Veränderungen wird im Rahmen von gesteigerten Belastungen (Lockerungen, Freigängerstatus) geprüft.

Ausblick

Die umfangreiche Forschung zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern hat dazu beigetragen, dass speziell auf Sexualstraftäter zugeschnittene Behandlungsprogramme konzipiert wurden und durchgeführt werden. Erste Ergebnisse zur Effektivität solcher Behandlungsprogramme - leider kaum im deutschsprachigen Raum - zeigen, dass diese einen positiven Effekt auf die Rückfallquoten von Sexualstraftätern haben (Hanson & Bussiere, 1998). Der vorliegende Artikel hatte das Anliegen, aus einem Querschnitt der Inhalte von bekannten Behandlungsprogrammen und eigenen Erfahrungen zentrale Aspekte in der Therapie von Sexualstraftätern vorzustellen. Die Erfahrungen in den nächsten Jahren und weitere Studien zur Rückfälligkeit von Sexualstraftätern werden zeigen, inwieweit bestehende Behandlungsprogramme noch modifiziert oder neue therapeutische Methoden erschlossen werden müssen.
Mandy Werner, Dr. Steffen Lau

 

(* In der vorliegenden Arbeit wird immer nur von männlichen Sexualstraftätern gesprochen werden. Zum einen werden ca. 95 Prozent der Sexualstraftaten von Männern begangen (Polizeiliche Kriminalstatistik 2005) und zum anderen stützen sich auch die meisten Studien auf die Arbeit mit männlichen Sexualdelinquenten.

 

Kontakt:

Klinik für Forensische Psychiatrie
Sächsisches Krankenhaus Altscherbitz
Leipziger Str. 59• 04435 Schkeuditz
Tel. 034204 87 2311 • Fax 034204 87 2314
mandy.werner@skhal.sms.sachsen.de
steffen.lau@skhal.sms.sachsen.de
www.skh-altscherbitz.de

Angaben zu den Autoren:

Dipl.-Psych. Mandy Werner, Studium der Psychologie in Jena und Leipzig, beschäftigt seit 2002 in der Forensischen Psychiatrie, Weiterbildung zur Fachpsychologin für Rechtspsychologie

Dr. med. Steffen Lau, Medizinstudium in Hamburg und London, Facharztweiterbildung in Berlin, langjähriger Mitarbeiter am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Schwerpunkt Forensische Psychiatrie, Zertifikat „Forensische Psychiatrie“ der DGPPN, Forensischer Sachverständiger, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie Altscherbitz seit 2005

 

Literatur:

• Bateman AW & Fonagy P (2000). Effectiveness of psychotherapeutic treatment of personality disorder. British journal of psychiatry 177: 138-143.
• Bauer P & Kielisch S (Hrsg.) (2005). Differenzierte Behandlungskonzepte im psychiatrischen Maßregelvollzug. - Lengerich: Pabst Science Publishers.
• Beck A T & Freeman A, et al. (1990). Cognitive therapie of personality disorders. New York: Guilford.
• Cummings C; Gordon J R & Marlatt G A: Relapse: Prevention and prediction. In: Miller W R, ed. The Addictive Behaviors: Treatment of Alcoholism, Drug Abuse, Smoking and Obesity. New York: Pergamon Press, 1980. pp. 291-321.
• Dahle K-P & Steller M (2000). Trends und Perspektiven forensischer Sozial- und Psychotherapie. In M A Rothschild (Hrsg.), Das neue Jahrtausend: Anforderungen an die Rechtsmedizin (S. 255-270). Lübeck: Schmidt-Römhild.
• Hanson R K & Bussiere M T (1998). Predicting relapse: a meta-analysis of sexual offender recidivism studies. Journal of Consulting and Clinical Psychology 66:348-362.
• Kröber H-L & Dahle K-P (Hrsg.) (1998) Sexualstraftaten und Gewaltdelinquenz: Verlauf, Behandlung, Opferschutz. Heidelberg: Kriminalistik Verlag.
• Lau S (2006) Internationale Perspektiven der Kriminaltherapie: Großbritannien. In: Kröber H-L, Dölling D, Leygraf N, Saß H (Hrsg.) Handbuch der Forensischen Psychiatrie. Bd. 3: Psychiatrische Kriminalprognose und Kriminaltherapie. Darmstadt: Steinkopff, S. 369-389
• Marshall W L & Barbaree H E (1990). Outcome of comprehensive cognitive-behavioral treatment programs. In Marshall W L, Laws D R & Barbaree H E (Eds.), Handbook of Sexual Assault (pp. 363-385). New York: Plenum.
• Marshall W L et al. (Ed.) (1998). Sourcebook of treatment programs for sexual offenders.New York: Plenum Press.
• Polizeiliche Kriminalstatistik (2005). http://www.bka.de/pks/pks2005/index2.html
• Wischka B, Foppe E, Griepenburg P, Nuhn-Naber C, Rehder U (2001). Das Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPD) im niedersächsischen Justizvollzug. In: Rehn G, Wischka B, Lösel F & Walter M (Hrsg.). Behandlung „gefährlicher Straftäter“: Grundlagen, Konzepte, Ergebnisse. Herbolzheim: Centaurus. 249-263.
• Schorsch et al. (1985). Perversion als Straftat. Dynamik und Psychotherapie. Berlin: Springer
• Turner C (1992). The experience of staff conducting the core programme. Unpublished m.Sc.thesis. University of London.
• Van Beek D. & Mulder J (1998). Sexually aggressive offenders. In: Sourcebook of treatment programs for sexual offenders; ed. Marshall W L
• Warmuth M (1994). Ambulante Gruppentherapie mit Sexualstraftätern. In: Straftäterbehandlung. Hrsg. Steller M et al. Pfaffenweiler: Centaurus.

 

KASTEN

Angstzustände, Alpträume, Depressionen - viele Opfer von Gewaltverbrechen oder Überlebende von Katastrophen leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTB). Das Erlebte kann nicht richtig verarbeitet werden, die Ereignisse laufen immer wieder wie ein Film vor dem „inneren Auge“ ab. Die Folge sind massive körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Psychologen der Universität Göttingen haben jetzt ein neuartiges Therapiekonzept entwickelt. Das Programm kombiniert EMDR, eine in den USA entwickelte Behandlungsmethode für Trauma-Betroffene aus der Psychotraumatologie, mit Verhaltenstherapie und Biofeedback. Eine Begleitstudie hat gezeigt, dass das Göttinger Konzept in wesentlichen Bereichen wirksamer ist als bereits etablierte Therapieverfahren. „Die PTB-Symptome bei den 16 auf diese Weise behandelten Patienten konnten in kurzer Zeit, das heißt durchschnittlich 16 Sitzungen, deutlich reduziert werden. Wir haben in allen Fällen eine Entlastung nachgewiesen, die stärker ausfällt als bei anderen Behandlungsprogrammen“, betont Dr. Stefan Jacobs, der an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie des Georg- Elias-Müller-Instituts für Psychologie forscht. Aktuelle Befunde in den Neurowissenschaften deuten darauf hin, dass die Herausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung davon abhängt, wie das Ereignis in das Gedächtnis eingespeichert wird. Während das implizite Gedächtnis die emotionale Qualität einer Erinnerung bestimmt, speichert das explizite Gedächtnis alle autobiographischen Erlebnisse episodisch ab. „Vereinfacht gesagt entsteht eine Störung dann, wenn das Trauma übermäßig stark im ‚Gefühlsgedächtnis‘ verankert ist. Dieses Ungleichgewicht kann dazu führen, dass die mit dem traumatischen Erlebnis verbundenen Emotionen wie intensive Angstzustände durch bestimmte Reize immer wieder ausgelöst werden“, erläutert Dr. Jacobs. Das Göttinger Behandlungskonzept soll helfen, das Erlebte in einem geschützten Rahmen neu zu verarbeiten und gleichzeitig die emotionale Erinnerung zu hemmen. Die Therapie setzt sich aus mehreren Modulen zusammen: Die Betroffenen erhalten durch einen Lehrfilm für Patienten gezielt Informationen über die Störungszusammenhänge. Sie berichten dann ausführlich von ihren traumatischen Erlebnissen. Gemeinsam mit dem Therapeuten sollen die daran gekoppelten negativen Gedanken und Gefühle herausgearbeitet und positive Zielkognitionen nach der Trauma- Verarbeitung formuliert werden. Zusätzlich zu den Interventionstechniken der Verhaltenstherapie kommt die Methode des EMDR zum Einsatz. Die Abkürzung steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“: Dabei stimuliert der Therapeut das Gehirn des Patienten mit bestimmten Augenbewegungen, die dann die Prozesse zur Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse auslösen. Parallel dazu wird das Biofeedback eingesetzt: Als Parameter für die innere Anspannung des Patienten wird dazu der Hautleitwert gemessen. „Mit diesen Daten können wir die Traumaexposition für die Betroffenen ‚sichtbar‘ machen. Sie zeigen zugleich das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen subjektivem Belastungsgrad und physiologisch messbarem Erregungszustand“, betont Dr. Jacobs. „Die Ergebnisse unserer Studie haben dabei deutlich gemacht, dass EMDR ein Hauptwirkfaktor in unserem Therapiekonzept ist. Die mit dieser Methode bearbeiteten traumatischen Erinnerungen werden weniger belastend, was sich sowohl in einem Rückgang der autonomen Erregung als auch im eigenen Empfinden niederschlägt.“
Pressestelle der Universität Göttingen

 

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