Alkoholismus im Alter.

Ältere Suchtkranke sind derzeit noch unterversorgt.

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Dr. Martin Beutel

In den Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe werden zunehmend ältere Menschen betreut. Die früher übliche Meinung, dass Sucht eine Krankheit nur des jüngeren Lebensalters sei, lässt sich offensichtlich nicht mehr halten. Dieser Artikel will untersuchen, warum zunehmend ältere Patienten in die Beratung und Therapie kommen, er will die verschiedenen Arten der Suchterkrankung im Alter darstellen und die Besonderheiten des Krankheitsverlaufs. Vor allem aber will er dem immer noch üblichen therapeutischen Nihilismus entgegentreten.

Dieser Beitrag beschränkt sich auf das Suchtmittel Alkohol. Zur Medikamentenabhängigkeit im Alter gibt es noch zu wenig gesicherte Kenntnisse. Gerade bei älteren Menschen, bei denen oft viele Medikamente verordnet werden, ist es schwer, den bestimmungsgemäßen Gebrauch eines Medikamentes von einem Missbrauch abzugrenzen. Medikamentenkonsum im Alter wird von den Betroffenen selten als Problem erlebt. Der Konsum von illegalen Drogen beziehungsweise von Substitutionsmitteln im Alter entwickelt sich derzeit erst in dem Maße, wie die substituierten Patienten älter werden.

1. Alkoholabhängigkeit im Alter - ein zunehmendes Problem

Das Ausmaß von Alkoholproblemen im Alter hängt von verschiedenen Faktoren ab, die derzeit in dem Sinne zusammenwirken, dass das Problem insgesamt zunimmt:

• Die Deutschen werden älter. Mit der Veränderung der Bevölkerungspyramide nimmt die Zahl der Menschen, die über 60 Jahre alt sind, deutlich zu. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Rentenversicherungskassen. Auch die Zahl der Personen, die im Alter suchtkrank werden können, wird größer. Ältere Menschen fühlen sich heute gesünder und leistungsfähiger als Gleichaltrige noch vor 20 Jahren, so dass sie keine Veranlassung sehen, ihren Alkoholkonsum einzuschränken.

• Ältere Menschen konsumieren weniger Alkohol als Jüngere. Allerdings nimmt dieser Unterschied ab. Die Nachkriegsgeneration, die schon aus wirtschaftlichen Gründen weniger Alkohol getrunken hat, wird jetzt ersetzt durch eine Generation, die während ihres gesamten Erwachsenenalters gewohnt war, Alkohol zu konsumieren und die diese Gewohnheit auch als Rentner fortsetzen wird. Menschen, die regelmäßigen Alkoholkonsum gewöhnt sind, haben ein größeres Risiko, suchtkrank zu werden.

• Auch Personen, die bereits in früherem Alter begonnen haben, zu trinken, haben aufgrund der besseren medizinischen Versorgung heute eine größere Lebenserwartung als früher. Abstinenzphasen, oft aufgrund verschiedener Therapien, tragen dazu bei, die Lebenserwartung zu steigern.

Die Häufigkeit, mit der Alkoholabhängigkeit bei älteren Menschen auftritt, ist naturgemäß schwer zu bestimmen. Eine amerikanische Studie berichtet, dass 10 Prozent aller Menschen, die wegen Alkoholproblemen in eine Krankenhaus-Notaufnahme kommen, älter als 60 sind. Die Häufigkeit von Alkoholismus in der Bevölkerung wird bei Männern auf 2 bis 3 Prozent und bei Frauen auf 1 Prozent geschätzt. Mit einem Anstieg dieser Zahl ist in den nächsten Jahren aufgrund des veränderten Konsummusters (siehe oben) zu rechnen. Ältere Suchtkranke sind heute noch unterversorgt. Der Anteil älterer Männer in Fachkliniken für Suchtkranke liegt bei etwas über 4 Prozent, bei Frauen sind es etwas über 7 Prozent. Dies hat natürlich auch strukturelle Ursachen: Unser Hilfesystem wurde gemeinsam mit der Rentenversicherung entwickelt, die aufgrund ihrer Zuständigkeit nur Menschen im arbeitsfähigen Alter im Blick hat.

2. Klassifikation

Man unterscheidet üblicherweise drei Gruppen älterer Suchtkranker:

• Early onset Trinker haben früh, das heißt zwischen 25 und 35 Jahren ihr problematisches Trinkmuster verfestigt. Bei ihnen hat häufig bereits ein sozialer Abstieg stattgefunden. Sie haben häufiger körperliche oder psychiatrische Begleiterkrankungen und hirnorganische Abbauerscheinungen.

• Late onset Trinker haben in höherem Lebensalter begonnen, problematisch Alkohol zu konsumieren. Sie haben ihr Berufsleben meist sozial integriert verbracht und sind dann in Verbindung mit einem belastenden Lebensereignis abhängig geworden. Bei Frauen ist oft der Tod eines langjährigen Partners Auslöser gewesen, bei Männern besteht das auslösende Verlusterlebnis häufig im Ende des Berufslebens.

• Rückfall nach Abstinenz: Bei dieser Gruppe handelt es sich um Personen, die in früheren Jahren Alkoholprobleme hatten, nach einer Therapie langjährig abstinent waren und im Alter wieder rückfällig werden. Häufig lässt sich auch bei dieser Gruppe ein belastendes Lebensereignis als Auslöser identifizieren.

Diese Klassifikation ist nicht immer ganz trennscharf. Manchmal berichten late onset Alkoholiker bei genauerem Nachfragen über Phasen höheren Alkoholkonsums während früherer Lebensabschnitte. Dennoch ist die Prognose der zweiten Gruppe am günstigsten. Diese Patienten können auf ein sozial integriertes Leben zurückblicken und verfügen über die notwendigen Ressourcen, auch in Zukunft abstinent leben zu können. Die dritte Gruppe steht, was die Prognose angeht, der zweiten Gruppe nahe, weil auch hier Erfahrungen mit Abstinenz zur Verfügung stehen. Eine Einteilung, die im Blick auf die therapeutischen Konsequenzen und die Therapieplanung oft empfohlen wird, ist, nach dem allgemeinen Gesundheitszustand und der körperlichen und geistigen Mobilität zwischen „jungen Alten“ und „älteren Alten“ zu unterscheiden. Das ist jedoch in der Praxis vor einer Therapie kaum möglich. Gerade bei älteren Suchtkranken können sich die körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei Abstinenz geradezu dramatisch verbessern.

3. körperliche und soziale Folgen

Ältere Menschen sind sowohl körperlich als auch sozial empfindlicher gegenüber Alkohol als Junge. Die körperliche Veränderung ist gut bekannt, die soziale Problematik ist jedoch mindestens ebenso wichtig. Ältere Menschen haben bei gleicher Alkoholmenge einen höheren Blutalkoholspiegel als Jüngere, weil sich Alkohol im Körperwasser verteilt und der Wasseranteil mit zunehmendem Alter geringer wird. Sie haben eine stärkere Alkoholwirkung im Gehirn, weil die Empfindlichkeit (Rezeptorsensitivität) zunimmt. Der Alkoholabbau ist verlangsamt und Tierversuche weisen darauf hin, dass vermehrt giftige Stoffwechselprodukte (Acetaldehyd) erzeugt werden. Körperliche Folgekrankheiten wie Leberzirrhose treten im Alter wesentlich schneller auf als bei jungen Menschen, und die Wahrscheinlichkeit, bald daran zu sterben, ist wesentlich höher. Nicht vergessen sollte man in diesem Zusammenhang, dass Alkohol zu den krebsfördernden Substanzen gehört und dass die im Alter ohnehin erhöhte Gefahr, eine Krebserkrankung zu haben, dadurch weiter zunimmt. Im psychiatrischen Bereich steht als typische Begleiterkrankung die Depression im Vordergrund. Auch die Suizidalität ist bei älteren Alkoholikern deutlich erhöht. In sozialer Hinsicht sind ältere Menschen besonders empfindlich. Die Zahl der sozialen Kontakte geht im Alter normalerweise zurück. Durch die Beendigung der Berufstätigkeit fallen die damit verbundenen Beziehungen weg. Hinzu kommen die geringere Mobilität älterer Menschen und das Ableben gleichaltriger Freunde und Bekannter. Ältere Menschen haben oft hohe moralische Anforderungen an sich selbst. Wenn sie zu viel trinken, löst das massive Scham- und Schuldgefühle aus. Dadurch ziehen sie sich weiter zurück, was wiederum zum Aufrechterhalten des Trinkens beiträgt.

4. Diagnose

Für ältere Suchtkranke gelten die gleichen Diagnosekriterien wie für junge Menschen. In der Praxis ist es dennoch oft schwer, zu beurteilen, ob die von der ICD-10 geforderten Kriterien auf den Alkoholkonsum zurückzuführen sind. Eine Toleranzentwicklung kann wegen der stärkeren Alkoholwirkung bereits bei vergleichbar geringen Mengen stattfinden. Die Vernachlässigung anderer Interessen ist oft schwer von einem altersbedingten Rückzug zu unterscheiden. Soziale Folgeschäden wie Arbeitsplatzverlust, Trennung vom Partner und Führerscheinverlust treten eher selten ein. Dagegen treten dementielle Prozesse, Stürze und Magenschleimhautentzündungen auch normalerweise im Alter häufiger auf. Dennoch gilt auch im Alter, dass an die Diagnose Alkoholabhängigkeit eher zu wenig als zu oft gedacht wird.

5. Motivation und Therapie

Die Personengruppe, die für eine angemessene Behandlung suchtkranker Älterer am dringendsten motiviert werden muss, sind die Hausärzte. Praktisch alle älteren Menschen, die ein Alkoholproblem haben, sind bei einem Hausarzt in kontinuierlicher Betreuung. Es ist erschreckend, mit welcher Indifferenz viele Ärzte der Suchterkrankung ihrer Patienten begegnen. Dies resultiert häufig aus einer Unkenntnis über die tatsächlichen Erfolge einer modernen Suchttherapie. Einen 90-jährigen Patienten wird jeder Hausarzt sofort zu einem Ersatz des Hüftgelenkes einweisen, sofern das notwendig wird. Einem 70-Jährigen wird zugleich mit dem Hinweis auf seine begrenzte Lebenserwartung die Entwöhnungsbehandlung verweigert. Die Initiative zu einer Entwöhnungsbehandlung geht bei älteren Patienten oft von den Kindern aus, die nicht akzeptieren wollen, dass man ihrem Vater oder ihrer Mutter nicht helfen kann. Hausärzte geben äußerst selten den Anstoß. Auch in Suchtberatungsstellen sind ältere Menschen unterrepräsentiert, spezielle Beratungsangebote sind bisher nur vereinzelt entwickelt worden. Für ältere Menschen ist eine Suchterkrankung, wie oben schon erwähnt, mit starken Schuld- und Schamgefühlen verbunden. Sich in eine Therapie zu begeben heißt, es öffentlich zuzugeben. Auf der anderen Seite stehen hohe moralische Ansprüche an sich selbst und das eigene Leben, die auch Menschen mit absehbar begrenzter Lebenserwartung veranlasst, ihr Leben noch einmal grundlegend neu zu organisieren. Selbstachtung und Würde sind gerade für Personen, die in ihren körperlichen Fähigkeiten eingeschränkt sind, hohe Werte. Wichtig ist auch die Erfahrung, die Fähigkeit zur Bewältigung des Alltagslebens und zur Selbstversorgung unter Alkoholeinfluss verloren zu haben. Zur Therapie steht die gesamte Breite heutiger Suchtbehandlung zur Verfügung. Häufig ist im frühen Stadium bereits durch eine so genannte Kurzintervention des Hausarztes zu helfen. Auch die ambulante Therapie in der Beratungsstelle ist möglich, sofern eine ausreichende Mobilität gegeben ist. Eine tagesklinische Behandlung setzt eine noch größere körperliche Leistungsfähigkeit voraus. Die stationäre Therapie ist für körperlich oder geistig eingeschränkte Personen zu empfehlen. Die Behandlungsdauer ist natürlich individuell anzupassen. Im Vergleich zu jüngeren Alkoholikern entfällt das Therapieziel der beruflichen Wiedereingliederung, allerdings ist die langsamere Veränderungsgeschwindigkeit älterer Menschen und eine eventuell verlängerte Eingewöhnungsphase zu berücksichtigen. Bewohner/innen von Pflegeheimen sind meist nicht mehr in der Lage, sich selbst mit Alkohol zu versorgen. Bei dieser (kleinen) Gruppe kann die Reduktion der Trinkmenge im Sinne eines (extern) kontrollierten Trinkens ein realistisches Ziel sein. Im stationären Kontext gibt es prinzipiell zwei Behandlungsmodelle: ein gerontologisch spezialisiertes, milieutherapeutisch ausgerichtetes Konzept, bei dem die älteren Patienten in speziellen Gruppen zusammengefasst werden. Dieses Setting scheint für größere Kliniken vorzuziehen zu sein. Auf der anderen Seite steht ein integriertes Behandlungskonzept, in dem ältere Patienten in eine Mehrgenerationengemeinschaft aufgenommen werden. Diese Möglichkeit ist für kleinere, überschaubare Kliniken gut geeignet. In jedem Falle ist eine besonders gründliche Vorbereitung auf die Zeit nach der Therapie notwendig, in der vor Ort der Besuch tagesstrukturierender Angebote eingeübt werden sollte. Die Finanzierung der Therapie älterer Alkoholiker ist über die Krankenkasse problemlos möglich.

Zusammenfassung

Die Behandlung älterer Suchtkranker wird eine zunehmend wichtige Aufgabe für das Suchthilfesystem. Sie trägt durch die Wiederherstellung der Alltagskompetenz, der Selbstachtung und Würde ganz wesentlich zur Lebendqualität älterer Menschen bei. Sie ist bei den beiden Gruppen der late onset Alkoholiker und der Rückfälligen erfolgreicher als bei jungen Patienten. Sie wird heute vor allem durch Unkenntnis im medizinischen Versorgungssystem behindert.

Martin Beutel

 

Kontakt:

Dr. med. Martin Beutel
Leitender Arzt der Kraichtal-Kliniken
Am Mühlberg • 76703 Kraichtal
martin.beutel@kraichtal-kliniken.de