Kontrollierter Substanzgebrauch nach Suchtmittelabusus
Abstinenz oder kontrollierter Konsum?
Spannungen begleiten den wissenschaftlichen Diskurs.
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Dr. Raphael Gaßmann |
Beim Vorliegen einer Suchtproblematik galt lange Zeit Abstinenz als die einzige mögliche Lösung. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland auch Programme zum kontrollierten Konsum. Ende der 90er Jahre führte Professor Joachim Körkel Programme zum kontrollierten Trinken in Deutschland ein. Im angloamerikanischen Ausland gibt es sie schon seit längerer Zeit. Auslöser für den wissenschaftlichen Diskurs zum kontrollierten Konsum war ein 1962 veröffentlichter Bericht des britischen Psychiaters D. L. Davies über sieben von 93 Alkoholpatienten am Maudsley Hospital. Bei einer Langzeit-Nachuntersuchung wurde festgestellt, dass diese wieder kontrolliert tranken. Davies‘ Entdeckungen standen im Gegensatz zu der geltenden Ansicht, dass Alkoholiker die Kontrolle über die Fähigkeit verloren hätten, ihr Trinken in Grenzen zu halten, und daher ihr Leben lang auf Alkohol verzichten müssten. Ein wissenschaftlicher Diskurs entwickelte sich und zahlreiche Studien folgten. Seit kurzem gibt es hierzulande neben Angeboten zum kontrollierten Trinken auch Therapieangebote zum kontrollierten Rauchen. Das Verhältnis zwischen den Vertretern der abstinenzorientierten Therapie und denen des kontrollierten Konsums ist durch Spannungen gekennzeichnet. KONTUREN sprach mit dem Stellvertretenden Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Dr. Raphael Gaßmann, über die Entstehung der Suchthilfe, den Konflikt zwischen den Abstinenzvertretern und den Befürwortern des kontrollierten Konsums sowie über potentielle Zielgruppen für diese beiden sehr unterschiedlichen Therapieformen.
KONTUREN: Berichte über Schwierigkeiten im Umgang mit Rauschmitteln gibt es bereits aus historischen Quellen. Seit wann gibt es Ansätze zur Abstinenz oder zum maßvollen, kontrollierten Umgang?
Dr. Gaßmann: Negativ konnotierte Schilderungen von Menschen, die unter dem Einfluss von Rauschmitteln sozial auffällig werden oder auch kontinuierlich Probleme entwickeln, gibt es seit einigen Jahrhunderten. Es handelte sich früher aber um Einzelfälle. Ein ganz entscheidender historischer Einschnitt war die Erfindung der Destillation und die Entwicklung des Branntweins im 16. Jahrhundert in England. Anfang des 18. Jahrhunderts kam er dann über die Gesellschaft wie die Pest. Zur Destillation benötigte man bestimmte Gerätschaften und Techniken, die erst erfunden werden mussten. Bis dahin gab es auch auf anderen Kontinenten und in anderen Kulturen nur die Herstellung von Alkohol durch Gärungsprozesse. Der Alkoholgehalt von Bier und Wein liegt etwa zwischen zwei und acht Volumenprozent. Durch die Destillation bewegen wir uns dann mit einem Mal zwischen 30 und 60 Prozent. Das entscheidende war, dass dieser neue Suchtstoff so wesentlich hochprozentiger war, als alles bisher gewohnte. Der Branntwein verbreitete sich schnell in den unteren sozialen Schichten, denn die Arbeiter in den Spirituosenfabriken wurden teilweise damit entlohnt. Branntwein wurde nun auch von Teilen der Bevölkerung getrunken, die bis dahin nicht viel Alkohol konsumiert hatten, vor allem auch unter Jugendlichen und Frauen - ein Phänomen, das wir mit anderen Hintergründen heute wieder beobachten. Die soziale und rituelle Einbindung dieser neuen Droge gestaltete sich schwierig und gelang nicht. Dadurch ergaben sich gravierende soziale Probleme. Der hohe Alkoholgehalt des Branntweins war jedoch nicht der alleinige Auslöser für den zunehmenden Alkoholismus in der Gesellschaft. Auch historische und soziale Faktoren spielen eine Rolle. Die Verbreitung des Branntwein verlief zeitlich in etwa parallel mit der beginnenden Industrialisierung und der damit verbundenen Auflösung sozialer Strukturen: Wandel von der Großfamilie zur Kleinfamilie, Kinderarbeit, Entstehung eines Industrieproletariats, Ausbeutung in den Fabriken. Die Alkoholproblematik gab es zwar vorher schon, aber ab diesem Punkt nahm sie einen großen sozial auffälligen Umfang an. Es gab nicht mehr nur einen „Dorftrottel“, der Alkoholmissbrauch betrieb, sondern problematischen Konsum über Schichten hinweg: untere Einkommensgruppen waren besonders betroffen, junge Menschen, Kinder und Arbeitslose. Es gab zunehmend Klagen über öffentliche Exzesse und ruinierte Existenzen. Als Reaktion darauf entstand die Abstinenzbewegung und damit einher ging eine gesellschaftliche Strömung der „Verteufelung“. Das Wort ist ganz entscheidend in diesem Zusammenhang, weil die neu entstandene Bewegung auch religiös motiviert war und religiöse Hintergründe hatte. Letztlich setzte man den Alkohol mit dem Bösen in der Welt gleich. Noch heute sind vier der fünf großen Selbsthilfeverbände in Deutschland kirchlich orientiert oder direkt angebunden. Die Bewegung war sicherlich lange Zeit von den Ursprüngen ausgehend eher eine Abstinenz-, als eine Mäßigkeitsbewegung. Auf der einen Seite gab es sehr polarisierte gesellschaftliche Sichtweisen. Die Alkoholkonsumenten vertraten die Auffassung: „Wir lassen uns unser Genussmittel nicht wegnehmen.“ Die Forderung der Abstinenzbewegung lautete dagegen: „Das ist des Teufels, lasst die Finger davon!“ Die Mäßigkeitsbewegung war zahlenmäßig in geringerem Umfang vertreten. Sie lag mit ihrer Position „Solange man es nicht übertreibt, ist es doch in Ordnung“ zwischen diesen beiden Polen.
Kommt die Mäßigkeitsbewegung aus dem Bürgertum?
Dr. Gaßmann: Mäßigkeit ist ein bürgerlicher Wert, man darf aber - solange es um industriell hergestellte Suchtmittel geht - nicht vergessen, dass das die klassische Propaganda der Hersteller ist. Anders kann man sich als Hersteller auch heutzutage gar nicht präsentieren, aber andererseits werden heute etwa 38 Prozent des reinen Alkohols in Deutschland an acht Prozent der Alkoholkonsumenten verkauft. Das bedeutet, ein kleiner Teil der Konsumenten mit schwerwiegenden Alkoholproblemen trinkt fast 40 Prozent des gesamten Alkohols. Würden sie das nicht tun und der Herstellerpropaganda folgen, indem sie alles in Maßen konsumieren, dann hätten die Hersteller einen extremen Umsatzrückgang. Genau das wollen aber die Alkoholproduzenten nicht. Sie sagen ausdrücklich: „Wir wollen keine Gesamtmengenreduktion.“ Aber an wen wollen sie diese 40 Prozent denn verkaufen, wenn nicht an Menschen mit schweren Alkoholproblemen. Die Hersteller machen das große Geschäft mit Abhängigen. Genauso die Zigarettenindustrie: In Deutschland werden pro Jahr 145 Milliarden Zigaretten verkauft. Teilt man diese durch die 19 Millionen Raucher, die in diesem Land leben, dann ergeben sich 21 Zigaretten, die jeder Raucher am Tag raucht. Das sind keine Genuss-Zigaretten, das ist abhängiges Rauchen. Das ist der Unterschied zwischen der Propaganda bei den Herstellern und der Realität. Andererseits ist natürlich das Abstinenzpostulat für alle und unter allen Umständen eine zu hohe Hürde, an der viele nur scheitern können.
Abstinenz oder kontrollierter Konsum? Für welche Zielgruppe ist welcher Ansatz besser geeignet?
Dr. Gaßmann: Der Abstinenzansatz ist sicher als Mittel erster Wahl ideal geeignet für die abhängig Konsumierenden egal welcher Suchtstoffe. Einem schwer Abhängigen kontrollierten Konsum zu empfehlen, halte ich in den meisten Fällen für ein aussichtsloses Unterfangen. Das wird seine Problematik eher verlängern. Nur wenn es mit der Abstinenz nachweislich nicht klappt, kann man - möglicherweise - über einen kontrollierten Konsum sprechen. Aber diese Möglichkeit sollte erst in Betracht gezogen werden, wenn es keine anderen Alternativen gibt. Genauso wie man auch bei jemandem, der zum ersten Mal versucht, von Heroin loszukommen, nicht gleich Methadon einsetzt, sondern erst einmal prüft, ob es nicht auch ohne Substitution geht. Der kontrollierte Ansatz ist sicher geeignet für alle diejenigen, die einen problematischen, aber nicht abhängigen Konsum haben und die auf keinen Fall abstinent leben wollen. Für diese Zielgruppe ist der kontrollierte Konsum sicher der Ansatz der ersten Wahl, denn diese Menschen kann man mit der Forderung nach Abstinenz nicht erreichen.
Wie kann man den Konflikt zwischen Abstinenzvertretern und Vertretern des kontrollierten Konsums am besten - überspitzt formuliert - auf den Punkt bringen? Was werfen beide Seiten einander vor?
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Leitartikel zum 1. Mai gegen die
drei Großmächte
Kirche, Kapital und Kneipe. Zeitschrift „Der abstinente Arbeiter“ des
deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes von 1904. |
Dr. Gaßmann: Die Vertreter der Abstinenzbewegung werfen den Anhängern des kontrollierten Konsums vor, dass sie keine Angebote für die hochproblematisch konsumierenden Abhängigen haben und dass es verantwortungslos sei, einem Abhängigen den kontrollierten Konsum anzubieten. Erst recht in den Fällen, in denen jemand bereits abstinent lebt und dann mit dem Konsum erneut beginnt, weil er glaubt, er hätte die Problematik hinter sich gelassen. Das wird in der Regel schief gehen. Überspitzt lautet der Vorwurf der Abstinenzvertreter: Verführung zum Konsum. Umgekehrt werfen die Vertreter des kontrollierten Konsums den Abstinenzvertretern vor, dass ihre Forderung ein sehr rigides Diktat sei, das gar nicht auf jeden passt und das aus moralischen Vorstellungen heraus Menschen eine Lebensweise aufzwingt, die für sie gar nicht erforderlich ist. Inzwischen haben die Vertreter beider Richtungen aber erkannt, dass die jeweiligen Ansätze für eine bestimmte Zielgruppe gut geeignet sind, für andere Zielgruppen dagegen nicht. Es stellt sich die Frage, inwieweit dies nur ein Bekenntnis ist, weil man festgestellt hat, dass man mit der hundertprozentig harten Linie nicht durchkommt, und inwiefern die entsprechende Zielgruppe dann auch tatsächlich das jeweils für sie passende Angebot erhält. Bei der abstinenzorientierten Selbsthilfe ist dies sicher eher der Fall, denn hier werden in der Regel keine Menschen mit problematischem Konsum vorstellig. Sie kommen nicht auf die Idee, sich hier vorzustellen, denn sie glauben, kein Alkoholproblem zu haben. In der Regel wird man von einem Arzt in eine entsprechende Selbsthilfegruppe geschickt, denn diese Gruppen gehören in den Bereich der Nachsorge. Menschen, die einen Entzug hinter sich haben, gehen dort hin. Menschen mit einem problematischen, aber noch nicht abhängigen Konsum werden in der Regel in einer Arztpraxis nicht auffällig und bekommen daher auch keine Empfehlung, eine entsprechende Gruppe aufzusuchen. Insofern liegt es in der Natur des Angebotes, dass die abstinenzorientierte Selbsthilfe die richtigen Bedürfnisse befriedigt und die Menschen findet, zu denen sie auch passt. Das ist beim kontrollierten Konsum nicht notwendigerweise der Fall. Den fragen auf der einen Seite natürlich auch Menschen nach, für die es ein guter Weg ist, aber eben auch Menschen, für die es ein ungeeigneter Weg ist. Inwieweit die Vertreter des kontrollierten Konsums sicherstellen, dass die mit Sicherheit auch bei ihnen vorstelligen Abhängigen nicht durch Teilnahme an den Angeboten eine Verzögerung des Hilfeprozesses erfahren, das kann ich nicht beurteilen.
Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Gaßmann.
Das Interview führte Beate Maria Bollig.
Kontakt:
Dr. Raphael Gaßmann
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Westring 2 • 59065 Hamm
Tel. 02381/90 15 17 • Fax 02381/90 15 30
E-Mail: gassmann@dhs.de