Soziotherapie
„Wenn die Sucht in die Jahre kommt ...“
Psychiatrische Therapie von chronisch alkoholkranken Menschen im Spannungsfeld von Komorbidität und alterspsychiatrischen Fragestellungen
Auf einer Fachtagung anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Suchthilfeeinrichtung „Haus Hirtenhof“ in Burgsinn beschäftigte sich Dr. med. J. Ev. P. Schrettenbrunner, leitender Oberarzt am Sozialzentrum Rosensee (Bezirk Unterfranken) in Aschaffenburg und langjähriger Konsiliararzt der Einrichtung, mit dem Thema der Wechselwirkungen einer langen Suchtmittelabhängigkeit und natürlicher Alterungsprozesse. Der folgende Beitrag greift in modifizierter Form auf diesen Fachvortrag zurück.
Der nicht unerhebliche Anteil älterer beziehungs- weise vorgealterter
Patienten in Einrichtungen der Suchthilfe verlangt vom behandelnden Psychiater
eine differenzierte Betrachtungsweise hinsichtlich Diagnostik und Therapie
alkoholassoziierter Folgeerkrankungen, komorbider psychischer Störungen
sowie häufig auch eine differential- diagnostische Auseinandersetzung
mit gerontopsychiatrischen Fragestellungen.
Fest steht, dass alkoholkranke Menschen einer höheren Gefahr der Ausprägung
zusätzlicher psychischer Erkrankungen unterliegen (Komorbidität).
Hier rangieren bei Frauen an erster Stelle depressive Störungen und Angsterkran-
kungen (in etwa gleichhäufig), bei Männern in abnehmender Häufigkeit
depressive Störungen, Angststörungen und Störungen der Persönlichkeitsstruktur.
Frühe Schädigungen des Gehirns
Zudem scheinen chronisch alkoholkranke Menschen
einem höheren Risiko
zu unterliegen, bereits zu früheren Lebenszeitpunkten in direkter Beziehung
zu Ausmaß und Dauer der Alkohol- einwirkung Symptome einer hirnorganischen
Funktionseinschränkung zu entwickeln (Tivis et al, 1995). Arendt et al.
(1995) konnten zeigen, dass deutliche Unterschiede zwischen „normal“ alternden
und vorgeschädigten Gehirnen - insbesondere bezogen auf die Neuronenanzahl
eines bestimmten Kerngebietes des menschlichen Gehirns (Ncl. Basalis-Meynert),
welches für die Synthese und Bereitstellung eines für die Kognition äußerst
wichtigen Botenstoffes (= Neurotransmitter: Acetylcholin) von entscheidender
Bedeutung ist - bestehen. Nicht unerheblich ist die Tatsache,
dass die Sensitivität des Gehirns gegenüber den schädlichen
Folgen des Alkohols mit zunehmendem Lebensalter erhöht ist. So ist eine
krankheitsbedingte Zellabnahme (Atrophie) in entsprechenden Kerngebieten des
Gehirns auf Grund verschiedener Alkoholfolgeerkrankungen bei meist noch jüngeren
Erkrankten (amnestisches Syndrom, Wernicke-Enzephalopathie) in ihrer Tragweite
durchaus vergleichbar mit einer Gehirnatrophie bei Patienten, die erst im späteren
Lebensalter zum Beispiel an einer Demenz erkranken.
Mit anderen Worten kann es also bei bestimmten Alkoholfolgeerkrankungen bereits
zu einem wesentlich früheren Lebenszeitpunkt zu Schädigungen des
Gehirns kommen, die in ihrem Ausmaß durchaus mit Erkrankungen vergleichbar
sind, die normalerweise erst in einem späteren Lebensalter (60 +) zu erwarten
sind. Aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig, Alkoholfolgeerkrankungen
bereits in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen und zu behandeln
beziehungsweise als Prädiktoren zu bewerten, die prognostische Aussagen über
das Ausmaß des bisher betriebenen Alkoholabusus beziehungsweise der bei
zukünftig nicht zu erreichender Abstinenz zu erwartenden Schädigungen
erlauben.
Eine Übersicht über die häufigsten Alkoholfolgeerkrankungen
gibt Abbildung 1.
Abb. 1 Alkoholismus

Symptomatik, Diagnose und Prophylaxe
Ein auf Grund der Ähnlichkeit der Symptome entstehendes Abgrenzungsproblem hinsichtlich eigentlicher gerontopsychiatrischer Krankheitsbilder besteht insbesondere bei organischen Persönlichkeitsveränderungen, organischen Psychosyndromen beziehungsweise der Alkoholdemenz. Die Hauptsymptome eines dementiellen Syndroms sind in Abbildung 2 zusammengefasst.

Um eine sichere Einschätzung beziehungsweise Differenzierung alkoholbedingter Psychosyndrome und insbesondere der Alkoholdemenz von anderen Demenzformen vornehmen zu können, ist es wichtig, sich die zahlreichen differentialdiagnos-tischen Möglichkeiten von Demenzursachen vor Augen zu halten und zumindest eine Ausschlussdiagnose herbei- zuführen, sofern dies beim Patienten bisher (eventuell klinische Voraufenthalte) nicht gesche- hen ist. Einen Überblick über die Differential- diagnose der Demenz bietet Abbildung 3.

Zur Beschreibung des Ausprägungsgrades und zur einfachen Verlaufsdiagnostik alkoholassoziierter Psychosyndrome, insbesondere aber alkoholdementieller Syndrome, eignen sich durchaus einfache und in der täglichen Praxis wenig zeitaufwendige Tests, wie zum Beispiel der Uhrentest. Dieser Test ist jederzeit wiederholbar, wenig störanfällig und bietet die einfache Möglichkeit der schnellen und quantitativen Feststellung von vorhandenen Störungen der räumlich-konstruktiven Praxie (Abbildung 4).

Die wichtigste Prophylaxe aber auch grundlegende Behandlung alkoholbedingter Psychosyndrome, Persönlichkeits-veränderungen, Alkoholdemenzen sowie komplexer neuropsychiatrischer Folgeschäden nach längerfristigem schädlichen Alkoholeinfluss auf das Gehirn ist prinzipiell in der Abstinenz beziehungsweise deren Erhaltung zu sehen.
Alkoholdemenz
Wie bei den häufigsten Formen der Demenzen (primär degenerative Demenz - Demenz vom Alzheimer Typ/DAT, vaskulär bedingte Demenz/VD) ist auch bei der Alkoholdemenz bei zusätzlich bestehenden psychopathologischen Symptomen (depressives Syndrom, psychotische Phänomene, Angst) eine symptomatische Behandlung dieser Krankheitserscheinungen wichtig. Bei zusätzlich bestehenden depressiven Störungen sollte eine Therapie mit Antidepressiva angestrebt werden, die keine anticholinergen Eigenschaften aufweisen (SSRI). Wahnhafte Phänomene sollten auf Grund der bereits bestehenden Vorschädigung des Gehirns idealerweise mit neueren/atypischen Antipsychotika erfolgen. Lediglich die Therapie von Angstsymptomen mit Benzodiazepinen erscheint beim alkoholkranken Menschen sui generis schwierig beziehungsweise riskant („Suchtgedächtnis“). Insbesondere beim amnestischen Syndrom und alkoholdementiellen Syndromen gibt es bisher keine gesicherte beziehungsweise ausreichende Datenlage, die eine Behandlung mit Acetylcholinesterase-Hemmstoffen (Ach-E-Inh.) – wie bei DAT und VD – als indiziert erscheinen ließe. Eigene Erfahrungen lassen jedoch darauf schließen, dass beim amnestischen Syndrom und bei alkoholdementiven Prozessen im Einzelfall durchaus eine positive Wirkung von Ach-E-Inh. zu verzeichnen ist (Abbildung 5).

Depressive Störungen
Hinsichtlich komorbid auftretender psychischer Erkrankungen bei chronischer Alkoholabhängigkeit muss das Augenmerk insbesondere auf das Erkennen und die Behandlung affektiver Störungen gelegt werden. Dies gilt insbesondere für die depressive Störung. Die typischen Symptome der depressiven Störung gibt Abbildung 6 wieder.

Eine Abgrenzung eines depressiv-pseudodementiellen gegenüber einem „echten“ dementiellen Syndrom ist bei der Population chronisch alkoholabhängiger Menschen von entscheidender Bedeutung (Abbildung 7).

Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung depressiver Störungen ist aus heutiger Sicht durch ermutigende psychopharmakologische Fortschritte gekennzeichnet. Ein gleich gutes beziehungsweise potenteres Wirkspektrum neuerer Substanzen steht in den meisten Fällen einer niedrigeren Nebenwirkungswahrscheinlichkeit gegenüber. In Abbildung 8 sind neuere medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten der depressiven Störung systematisch nach Zielsymptomen aufgezeigt. Gerade die erweiterten psychopharmakologischen Möglichkeiten sollten trotz Kostenintensität auch dieser Patientengruppe zugänglich gemacht werden.
Abb. 8 Neuere Behandlungsmöglichkeiten der depressiven Störung

Auch in stationären Einrichtungen der Suchthilfe sollte darauf hingearbeitet werden, dem Patienten nichtmedikamentöse antidepressive Therapieverfahren zu ermöglichen. Hierzu zählen insbesondere psychotherapeutische Verfahren, Lichttherapie und einfache Formen der Schlafentzugstherapie (zum Beispiel Teilschlafentzug).
Zusammenfassung
Chronisch alkoholkranke Menschen zeigen je nach
Ausprägung/Dauer der Gehirnschädigung
durch Alkohol bereits wesentlich frühzeitiger Symptome einer hirnorganischen
Funktionsbeeinträchtigung als „normal“ alternde Menschen.
Bei alkoholkranken Menschen besteht eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit
der Ausprägung zusätzlicher psychischer Erkrankungen (Depression,
wahnhafte Störung, Angsterkrankung). Von entscheidender Wichtigkeit sind
eine früh- beziehungsweise rechtzeitige Diagnose und umfassende differentialdiagnostische Überlegungen
hinsichtlich bestehender neuropsychiatrischer Auffälligkeiten des älter
werdenden alkoholkranken Menschen, um das bereits vorgeschädigte zentrale
Nervensystem (ZNS) frühzeitig und richtig zu behandeln. Nur so kann einer
weiteren Verschlechterung des psychosozialen Funktionsniveaus zeitgerecht vorgebeugt
werden.
J. Ev. P. Schrettenbrunner
Kontakt:
Sozialzentrum am Rosensee
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