Fachtagung 

Girls on the road.

Mädchen und Frauen in der Drogenprostitution

Respekt zeigen vor der Würde jedes einzelnen Menschen, und zwar jenseits aller Kostendiskussionen im Gesundheitsbereich – auch darum ging es bei der Tagung „Girls on the Road – Mädchen und Frauen in der Drogeprostitution“. Eingeladen hatte das Diakonische Werk anlässlich der kürzlich veröffentlichten Studie zu diesem Thema (KONTUREN 5-2003). In ihrem Grußwort betonte Bischöfin Maria Jepsen, künftig sollten sich auch Männer mit diesem Thema beschäftigen. Sie erinnerte an den Wunsch manchen Mädchens in der Drogenprostitution, einfach wegfliegen zu können, und sei es mit Hilfe von Drogen: „Dies ist, angesichts von erlebter Gewalt, von Missbrauch und Ausbeutung, verständlich und ein Rest menschlicher Würde.“ Wegfliegen – das bedeute, wieder die eigene Selbstachtung zu spüren und in der Lage zu sein, Hilfe zu suchen. Maria Jepsen forderte national und international ein Netzwerk für die Unterstützung der Mädchen und Frauen, denn: „Prostitution ist heute in erster Linie Drogenprostitution!“
Die Soziologin und Kriminologin Heike Zurhold – sie hat die Studie zum Thema vor kurzem vorgelegt – erklärte, für die Mädchen und Frauen seien Hilfen bei der Alltagsbewältigung und eine regelmäßige Betreuung wichtig, ebenso wie eine Art von betreutem Wohnen („in Einzelzimmern, nicht in Gruppenunterkünften!“). Diese Klientel habe schon lange vor der Drogenprostitution unter fortgesetzten Belastungen gelitten (Suchterkrankung eines Elternteils, Trennung oder Tod der Eltern, frühkindlicher sexueller Missbrauch). Einige der Mädchen seien daher auch Therapie erfahren. Nötig sei außerdem: „Diese Mädchen und Frauen brauchen eine Problem angemessene und individuelle Unterstützung, sie brauchen eine Vertrauensperson, die ihnen zuhört und ihnen Wertschätzung vermittelt!“

Aktuelle Zahlen

Um sich besser vorstellen zu können, woher die Klientel auf der Straße kommt, hier einige Zahlen: Nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes werden in Deutschland jedes Jahr etwa 20.000 Kinder – Mädchen wie Jungen – im Alter zwischen einem und 14 Jahren sexuell missbraucht. Zu 80 Prozent stammen die Täter aus dem Umfeld. Und: Etwa 200.000 Fällebleiben unentdeckt, werden nicht angezeigt, entziehen sich also der Statistik. Das erklärte Carmen Kerger von Dunkelziffer – Hilfe für sexuell missbrauchte Kinder e.V. in Hamburg. „Wissen Sie, was sexueller Missbrauch ist? – Orale, anale und vaginale Vergewaltigung, aber auch obszöne Anrufe und Exhibitionismus zählen wir dazu.“ Es handele sich also um eine Verletzung der körperlichen und psychischen Identität der Mädchen. Nicht jedes der Opfer (Jungen zählen dazu, wenn es auch weniger sind) wird psychisch auffällig, vielleicht auf Grund schützender und stützender Faktoren im Umfeld. 
Carmen Kerger nannte ein Beispiel: Ricarda, zwei Jahre, wird jeden Tag in die Kinderkrippe gebracht – das kleine Mädchen ist extrem verwahrlost, nicht gewaschen und erhält offenbar wenig Essen. Ricarda liegt verkrampft auf der Seite, schläft aber nicht, leidet unter gewaltigen Schlafstörungen. Die Zwei-jährige masturbiert häufig. Nach nur kurzer Beobachtung ergibt sich der Verdacht auf sexuellen Missbrauch, inzwischen laufen die Verhandlungen mit dem Jugendamt. Carmen Kerger stellte fest: „So etwas löst bei den Helferinnen oft eine Krise aus – sie glauben einfach nicht, was sie sehen!“ Ricarda aber habe Glück gehabt, ihre Hilferufe seien verstanden worden, es werde nun etwas für das kleine Mädchen getan: „Das ist leider nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft!“

Studie zum Thema Drogenprostitution:
Jede zweite Drogenprostituierte war bei Beginn der Sexarbeit noch minderjährig. Bereits als Minderjährige fangen Drogenprostituierte mit dem Konsum illegaler Drogen und der Sexarbeit an. Die meisten Mädchen und Frauen bedienen pro Stunde einen Freier. An einem typischen Tag halten sie sich etwa zehn Stunden auf dem Straßenstrich auf und haben Sexkontakte zu etwa sechs Freiern. Kaum ein Mädchen kommt ohne familiäre Vorbelastung in das Drogen- und Prostitutionsmilieu: Mehr als 60 Prozent erleben ihre Familie als Ort körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Familiäre Gewaltandrohung und Gewaltanwendung wurden bereits seit frühester Kindheit, das heisst mit sieben Jahren erinnert. Mehr als drei Viertel aller befragten Drogenprostituierten sind bereits mindestens einmal von zu Hause ausgerissen. Dabei waren sie durchschnittlich nicht einmal 13 Jahre alt. Mehr als 80 Prozent der Mädchen und Frauen haben bereits an Suizid gedacht. „Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Studie sind bislang einzigartig, denn es gibt weder in Deutschland noch international eine vergleichbare Untersuchung über minderjährige und junge Drogenprostituierte“, sagte Heike Zurhold. Die Soziologin und Diplom-Kriminologin begründete die Bedeutung der Studie damit, dass es gelungen sei, „zum einen die hohe Zahl von 94 Mädchen und Frauen zu ihrer Lebensgeschichte zu befragen und zum anderen sehr junge Mädchen und Frauen überhaupt zu erreichen.“ Das Durchschnittsalter der Befragten liegt bei 21,6 Jahren. 
In anderen Untersuchungen waren die Drogenkonsumenten in der Regel zehn Jahre älter. 
„Die Studie belegt“, so die Projektleiterin, „dass der Einstieg in den Drogenkonsum und/oder die Sexarbeit umso früher beginnt, je höher die Summe der Belastungen war, denen die Drogenprostituierten in Kindheit und Jugend ausgesetzt waren.“

Sucht als Selbstmedikation

Allzu häufig führe solch frühkindlicher sexueller Missbrauch über das Gefühl der Ohnmacht, gewaltige Enttäuschung und Hilflosigkeit (und zumindest anfangs loyalem Verhalten gegenüber dem Täter) zu einer Störung der Eigenwahrnehmung. Schuldgefühle kämen oft hinzu. Aber: „Es gibt kein einzelnes Symptom des sexuellen Missbrauchs, stets kommt es zu einer Häufung unterschiedlicher Symptome – es kommt also für jeden, dem etwas auffällt, darauf an, auch an sexuellen Missbrauch zu denken, wenn ein Kind über Schlafstörungen, Kopfweh und anderes klagt.“ Sexueller Missbrauch sei eine traumatische Erfahrung „die körperliche und seelische Spuren hinterlässt“. 
Es ergebe sich beinahe eine Reihenfolge: Erst vernachlässigt, dann Gewalt, dann Prostitution und schließlich Drogen. Die Sucht sei bei einem solchen Mädchen eine Form der Selbstmedikation, sie diene als eine Art Schutzmechanismus. „Denken Sie auch daran, dass Kinder oft schon frühzeitig mit Hilfe von Drogen gefügig gemacht werden. Drogen dienen später als Überlebensstrategie, die möglichst früh als solche erkannt werden muss.“

Das Kontaktgebiet

Auch um solche Frauen und Mädchen zu schützen, geht Köln inzwischen einen neuartigen Weg: Der Straßenstrich ist aus der Innenstadt verlegt worden. Ordnungs- und Gesundheitsamt haben gemeinsam außerhalb der Stadt eine so genannte Anschaffungszone zur Verfügung gestellt, in der knapp hundert Frauen tätig sind.

Solche, die Drogen gebrauchen und andere. 

Nach Angaben von Viktoria Kerschl vom Sozialpädagogischen Institut (SPI) inBerlin – sie evaluiert das Projekt – geht es dabei vor allem um die Reduktion von Gewaltübergriffen und die Unterstützung von sozialrechtlichen Ansprüchen. Die Mädchen und Frauen werden beispielsweise in Institutionen des Suchthilfesystems vermittelt und bekommen auf Wunsch eine Ausstiegsberatung und -begleitung; sie erhalten eine Mindestversorgung an Getränken, Essen, Spritzen und Kondomen sowie eine Beratung über Safer Sex: „Das ist nicht einfach bei drogenabhängigen Frauen“, sagte Viktoria Kerschl, „die jibbern erst mal nur nach dem nächsten Schuss.“ Wer möchte, werde zu einer Therapie vermittelt, es gebe regelmäßige ärztliche Versorgung bei Infektionen sowie die Anbindung an die medizinischen Angebote der Beratungsstelle beim Gesundheitsamt.
Die Evaluation des Projektes läuft noch, erste Zahlen belegen aber, dass die Klientel diesen Versuch weitestgehend annimmt. Dazu trägt bei, dass die Kommunikation zwischen Ordnungs- und Gesundheitsamt ohne Probleme funktioniert – „wichtig ist dabei die Freiwilligkeit der Dienst tuenden Polizeibeamten“, betonte Viktoria Kerschl. Im ersten Jahr hat es etwa 50 Vermittlungen zu anderen Hilfeeinrichtungen (inklusive Substitution) gegeben, in den ersten neun Monaten des Jahres 2003 waren es schon knapp 190. „Wie gesagt – Frauen und Kunden nehmen das Projekt an, es gibt deutlich weniger Gewalt, die Innenstadt ist weitgehend frei von der Straßenprostitution.“ Positiv sei die Anbindung an das Gesundheitssystem, daher, so Viktoria Kerschl, „sollte dieses Projekt unbedingt weiter geführt werden“.

„Qualitätskriterien frauengerechter Suchtarbeit in der Praxis“
Von einem außergewöhnlichen Vorgang berichtete Marie-Louise Ernst, Beraterin des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit: Dort hat der Staat initiiert und finanziell abgesichert, was unter dem Titel „Qualitätskriterien frauengerechter Suchtarbeit in der Praxis“ läuft. Das heißt, hier ist man sich von Staats wegen erst einmal klar darüber geworden, ob und welche entsprechenden Kriterien es überhaupt gibt. Damit gibt es die wissenschaftlichen Grundlagen, nun wird der Staat eine Hilfestellung bei der Umsetzung der erwarteten Ergebnisse in die Praxis geben. Die Entwicklung dieser Kriterien dient nach den Worten von Marie-Louise Ernst mehreren Zielen: 
Das Gesundheitsbewusstsein der Frauen fördern; ihnen helfen, aus der Opferrolle herauszufinden; das Beziehungsnetz (wieder)herstellen; sie in Beschäftigungs- und Arbeitsprozesse integrieren: „Schon jetzt lässt sich sagen, dass die Frauen größtenteils wieder ins öffentliche Gesundheitssystem integriert sind – das kann man auch daran festmachen: Die einen äußern einen Kinderwunsch, für andere spielt das Thema Verhütung plötzlich eine Rolle.“ Und wie das so ist in der Schweiz: Es hat zu Beginn des Projektes eine herausragende Öffentlichkeitsarbeit gegeben, kein Wunder, dass es nun nach zweijähriger Laufzeit weitgehend akzeptiert wird.

Podiumsdiskussion

Auch er habe aus der Zeitung erfahren, so Dr. Wolfgang Hammer vom Amt für Familie, Jugend und Sozialordnung, dass die Hamburger Innenbehörde offenbar plane, polizeiauffällige Mädchen und Frauen gleichsam zwangsweise unterzubringen: „Ich bin fest überzeugt“, sagte Hammer in einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung, „nur mit Zwang geht in diesem Bereich nichts, deshalb fördern wir auch weiterhin das Cafe Sperrgebiet, und wir diskutieren Ausstiegshilfen.“ 
Eine zwangsweise Unterbringung in Ausnahmefällen – etwa bei Selbstgefährdung wie Drogenmissbrauch und Prostitution – sei nicht abschließend besprochen worden.
Hammer erklärte, er habe auf Anfragen in der Bürgerschaft gesagt, weder beim Cafe Sperrgebiet noch bei einer Einrichtung wie KIDS, einer Anlaufstelle für Straßenkinder, werde es Kürzungen geben, „und dazu stehe ich!“ Zwar müsse in Teilbereichen gespart werden, das eingesparte Geld aber werde niedrigschwelligen Einrichtungen wie den eben genannten zugute kommen.
Anke Mohnert, Leiterin des Cafe Sperrgebiet, freute sich über die gezeigte Akzeptanz: „So etwas haben wir in dieser Stadt lange nicht gehört.“ Immer noch aber gebe es in einem Stadtteil wie St. Georg permanente Kontrollen und Vertreibungen der Mädchen, „und wenn eins von ihnen ein Kondom in der Handtasche hat, gilt das schon als Zeichen für Prostitution – so als hätten die Beamten noch nie etwas von Safer Sex gehört“. Offenheit und Kommunikation sollten als Motto über der Arbeit mit dieser Klientel stehen. Die Psychologin Marie-Louise Ernst vom schweizerischen Bundesamt für Gesundheit betonte, nachhaltige Veränderungen seien nur möglich, wenn drei Punkte berücksichtigt würden: „Können, müssen, wollen – nur einer reicht nicht aus, erst alle drei zusammen führen zu Veränderungen, und dazu ist eine langfristige Vertrauensperson nötig.“
Zwar habe man hinzugelernt, sei auch kompetenter als noch vor rund zehn Jahren, aber, so Wolfgang Hammer, immer noch sei das Frühwarnsystem unzureichend: „Wir sind zu weit weg von vorschulischen Einrichtungen. Ein zweiter Schwachpunkt ist sicher, dass zu früh zur Maßnahme Fremdunterbringung gegriffen wird, weil stützende Systeme fehlen.“ Hammer forderte bessere Rahmenbedingungen für derartige stützende Systeme, beispielsweise Pflegeeltern. Für die kontrollierenden Kräfte auf der Straße, aber auch für jeden Bürger sei nicht nur das Wissen wichtig: „Wichtig ist vor allem eine Verhaltenssicherheit, damit niemand wegschaut – davor sind auch unsere Mitarbeiter nicht gefeit.“
In ihren Thesen zum Thema hatte die Kriminologin Heike Zurhold festgestellt, Zwangsmassnahmen brächten keine Veränderungen, „denn in Einrichtungen wie der Psychiatrie oder der Untersuchungshaft gibt es keine entsprechenden Konzepte für diese Mädchen“. Daher müssten niedrigschwellige Einrichtungen einen großen Stellenwert bekommen. Allerdings seien in diesem Bereich in manchen Fällen Einzelpersonen, die Hilfe anbieten (Vertrauenspersonen) wichtiger als Hilfeeinrichtungen, und: „Junge Mädchen wissen genau, welche Hilfe sie brauchen. Es muss machbar sein, es darf sie nicht überfordern, und es muss überschaubare Perspektiven geben – kleine Schritte bedeuten dabei viele einzelne Erfolgserlebnisse.“ Heike Zurhold plädierte zudem für Wohnungen für die Mädchen und Frauen, denn: „Wenn sie wissen, wo sie wohnen können, sind sie auch bereit zu einer Entgiftung, sie brauchen also auch hier eine Perspektive.“ Insgesamt komme es darauf an, nicht nur auf die Mädchen zu schauen, „betrachten wir auch unsere Einrichtungen, denn in manchen davon sind die Mädchen schlecht aufgehoben. Vor allem aber muss sich diese Gesellschaft auch einmal um die Freier kümmern – warum sind sie so gewalttätig?“ Hier fehle nach wie vor eine Studie: „Die Männer sind das Problem – sie sind es, die Minderjährige benutzen.“ Auch solle einmal untersucht werden, warum manche Mädchen in die Drogenprostitution abrutschen und andere, bei gleichen Startbedingungen, nicht: „Es fehlt eine wissenschaftliche Untersuchung der protektiven Faktoren.“ 

Werner Loosen

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