Stationäre Drogenrehabilitation
Chronische Hepatitis C.
Ergebnisse integrierter Behandlungsansätze im stationären Setting.
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| Andreas Reimer, Jg. 57, studierte von 1990 bis 1995 Medizin in Frankfurt/Main. Seit 1995 arbeitet er zunächst als ärztlicher Leiter, seit 1997 als Gesamtleiter in der Fachklinik Villa unter den Linden. Seit 1.6.2003 ist er leitender Arzt der DO Suchthilfe |
Der Begriff Hepatitis bezeichnet eine Entzündung
der Leber, die verschiedene Ursachen haben kann. Neben Alkohol und anderen
Giften als Auslöser einer Leberentzündung kommen als Erreger der
infektiösen Hepatitis verschiedene Viren und Bakterien in Frage. Die
Virushepatitis im engeren Sinne wird im wesentlichen durch fünf Viren
verursacht (Hepatitis A - E), von denen die Hepatitis C wegen ihrer weiten
Verbreitung und dem häufig chronischen Verlauf besondere Bedeutung hat.
Die Hepatitis C ist eine Virusinfektion der Leber, die in der Regel über
den Blutweg übertragen wird. Weltweit sind etwa 200 Millionen Menschen mit
dem Hepatitis C Virus infiziert, und jährlich werden drei bis vier Millionen
neue Fälle dokumentiert. Während in Europa etwa ein Prozent der Bevölkerung
betroffen ist, liegt die Durchseuchungsrate im östlichen Mittelmeerraum
und in Afrika bei annähernd fünf Prozent und darüber (WHO, 2000).
60 bis 80 Prozent der Fälle verlaufen chronisch und können zu schwerwiegenden
Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose oder Leberkrebs führen.
In Deutschland sind nach Schätzungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) ca.
500.000 Menschen chronisch infiziert. Andere Schätzun-gen gehen von 600.000
bis 800.000 Fällen aus. Daraus resultieren für Deutschland ca. 5.000
jährliche Neuinfektionen. Etwa 50 Prozent dieser Neuinfektionen treten in
der Gruppe der i. v. Dro-genabhängigen auf. Diese Drogenabhängigen
stellen die größte Risikogruppe dar. Bei ca. 35 bis 40 Prozent aller
Hepatitis C Infizierten in Deutschland muss der i. v. Drogenkonsum als Ursache
der Erkrankung angenommen werden. Damit sind die Drogenabhängigen diejenigen,
die im wesentlichen für die Weiterverbreitung des Virus verantwortlich sind.
Dies hat sich eindrucksvoll u. a. auch in einer Arbeit gezeigt, die der Autor
zusammen mit der Abteilung für Virologie des Universitätsklinikums
Hamburg Eppendorf veröffentlicht hat. Die Zunahme des Genotypen 3a in der
Gesamtbevölkerung ist im wesentlichen auf die Verbreitung durch die Gruppe
der Drogenabhängigen zurückzuführen. Damit kommt der Aufklärung,
Diagnostik und Behandlung der drogenabhängigen Menschen besondere Bedeutung
zu.
Interferon-Ribavirin-Behandlung
Die Behandlung der chronischen Hepatitis C mit Interferon und Ribavirin stellt
die heute einzige wissenschaftlich gesicherte Therapiemethode dar. Alternative
Verfahren sind, obwohl teilweise durchaus viel versprechend, bis heute leider
noch nicht ausreichend untersucht und sollten daher nicht als Verfahren der
ersten Wahl angewendet werden. Bei Patienten und Patientinnen, bei denen
eine Interferon-Ribavirin-Behandlung nicht möglich ist, kann zum Beispiel die Behandlung mit einem Mistelpräparat
indiziert erscheinen und vor allem eine deutliche Besserung der Lebensqualität
bringen.
Interferon ist ein Botenstoff unseres Immunsystems,
der Signale unter den Zellen vermittelt und der, in verschiedenen Subtypen,
für die Abwehr vor allem
von Virusinfektionen eine wichtige Rolle spielt. Heute wird Interferon gentechnisch
hergestellt. Zusammen mit Ribavirin ist Interferon in der Lage, die Vermehrung
des Hepatitis C Virus zu verhindern beziehungsweise zu reduzieren. Dabei werden
bei verschiedenen Untertypen (sogenannten Genotypen) unterschiedliche Ergebnisse
erzielt. Am besten lassen sich Patienten und Patientinnen mit den Genotypen 2
a/b, 3a behandeln. Hier sind nach einer Behandlungszeit von 24 Wochen bis zu
80 Prozent der Behandelten langfristig virusfrei und damit als gesund anzusehen.
Patienten und Patientinnen mit anderen Genotypen (1a, 1b, 4a u.a.) müssen
48 Wochen behandelt werden. Die Chance einer langfristigen Ausheilung liegt bei
ca. 50 Prozent. Insgesamt werden heute ca. 60 Prozent aller mit Interferon und
Ribavirin behandelten Menschen langfristig virusfrei. Die Genotypen 1a und 1b
sind mit etwa 75 Prozent in Europa am häufigsten vertreten. Der Genotyp
3a nimmt jedoch vor allem unter den jungen drogenabhängigen Menschen deutlich
zu.
Das heute verwendete sogenannte pegylierte
Interferon wird nur noch einmal die Woche unter die Haut gespritzt. Ribavirin
wird in Tablettenform täglich morgens und abends eingenommen. Ca. zwei bis vier
Stunden nach Injektion des Interferons treten die bekannten als grippeähnlich
beschriebenen Nebenwirkungen auf. Dazu gehören u. a. Fieber, Schüttelfrost,
Glieder- und Kopfschmerzen, die von Drogenabhängigen in der Regel wie
ein schwerer Entzug erlebt werden. Nicht selten werden deshalb bekannte Bewältigungsmechanismen
aktiviert. Der Drogenabhängige wird zur Verminderung der Symptomatik
Drogen konsumieren. Interferon und Ribavirin können außerdem zu
ausgeprägten Veränderungen im Blutbild führen, was unter Umständen
zur Dosisreduzierung oder auch selten zum Behandlungsabbruch zwingen kann.
Diese Blutbildveränderungen können sich im Wesentlichen als allgemeine
Müdigkeit und Verminderung der körperlichen Leistungsfähigkeit
bemerkbar machen. Die genannten Nebenwirkungen lassen nach einer Dauer von
ca. zwei bis vier Wochen deutlich nach. Gefürchtet sind die durch das
Interferon ausgelösten Depressionen, die etwa nach zwei bis drei Monaten
Behandlungszeit bei bis zu 30 bis 40 Prozent der Patienten und Patientinnen
auftreten können und dann häufig zu Behandlungsabbrüchen beziehungsweise
bei süchtigen Menschen zum Rückfall führen können. Mit
Interferon und Ribavirin behandelte Patienten und Patientinnen müssen
bis sechs Monate nach Abschluss der Therapie eine absolut konsequente Schwangerschaftsverhütung
betreiben, da Missbildungen bei während der Behandlung vorkommenden
Schwangerschaften häufig sind. Zuletzt sei noch erwähnt, dass unter
der Behandlung mit Interferon und Ribavirin sogenannte Autoimmunerkrankungen
auftreten können, bei
denen sich das aktivierte Immunsystem gegen körper-eigenes Gewebe wendet.
Am häufigsten sind Störungen im Schild-drüsenhormonhaushalt, die
eine unter Umständen langfristige medikamentöse Behandlung erforderlich
machen. Insgesamt sind diese Folgen einer Interferon-Ribavirin-Behandlung jedoch
selten.
Chronische Hepatitis C und Lebensqualität
Verschiedene Untersuchungen haben den Zusammenhang zwischen der Verminderung
der allgemeinen Lebensqualität ( beispielsweise körperliches und emotionales
Wohlbefinden, Vitalität) und der Diagnose einer chronischen Hepatitis C
bestätigt. So hat zuletzt eine Untersuchung an der Universitätsklinik
in Freiburg gezeigt, dass Menschen mit einer chronischen Hepatitis C eine deutliche
Verminderung der Lebensqualität auch dann erleben, wenn ihnen die Diagnose
nicht bekannt ist. Diese verschlechtert sich nochmals nach Bekanntgabe der Diagnose,
wahrscheinlich aufgrund der mit der Diagnose verbundenen psychischen Belastung.
Im Verlauf einer Interferon-Ribavirin-Behandlung kommt es dann durch die genannten
Nebenwirkungen zu einer weiteren Verschlechterung der Lebensqualität. Patienten
und Patientinnen nach erfolgreicher Behandlung erleben eine Lebensqualität,
die nahezu das Niveau der Normalbevölkerung erreicht.
Behandlung der chronischen Hepatitis C
in der Fachklinik Villa unter den Linden
Die oben genannten Ausführungen haben zur Fortentwicklung unseres Behandlungskonzeptes
geführt, das die Besonderheiten bei drogenabhängigen Menschen berücksichtigt.
Dabei spielt insbesondere der Aspekt der Lebensqualität eine zentrale Rolle.
Die Wiederherstellung von körperlicher Leistungsfähigkeit und damit
Arbeits-fähigkeit
entspricht zum einen dem Auftrag der Kostenträger, zum anderen gelten diese
als zentrale stabilisierende Faktoren nach erfolgter stationärer Drogenrehabilitation.
Im folgenden sollen zunächst die Ziele und danach die Behandlung selbst
beschrieben werden.
Ziele der Behandlung
Reduktion der erlebten Nebenwirkungen
– Verhinderung von manifesten Depressionen
– Beibehaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit
– Verhinderung von Drogenverlangen
– Normalisierung der Transaminasen (Leberwerte)
– Negativierung der Virus-PCR
In der Fachklinik Villa unter den Linden wurden bereits in den Jahren 1997 bis
1999 Patienten und Patientinnen mit chronischer Hepatitis C mit Interferon behandelt.
Die damals gemachten schlechten Erfahrungen haben jedoch zur Abkehr von dieser
Behandlungsmethode geführt. Die Nebenwirkungen führten häufig
zu Therapieabbrüchen und Rückfälligkeit, die Aussicht auf eine
langfristige Heilung waren mit der alten Interferonmonotherapie deutlich schlechter
als heute. Mit der Einführung der Kombination aus Interferon und Ribavirin
und dem neuen pegylierten Interferon konnten einerseits die Nebenwirkung verringert
werden, andererseits stieg die Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Ausheilung
dramatisch an.
Patienten und Patientinnen mit einer chronischen Hepatitis C, die in das Behandlungsprogramm
aufgenommen werden, müssen verschiedene Kriterien erfüllen. In der
Regel werden zunächst nur Patienten und Patientinnen mit den Genotypen 2a/b
oder 3a behandelt, da hier ein wesentlicher Teil der Behandlung in die Zeit des
stationären Aufenthaltes fällt. Sie müssen als allgemein zuverlässig
und kooperativ gelten. Mit ihnen wird ein Behandlungs- vertrag geschlossen, in
dem der Einzug in eine Nachsorgewohngemeinschaft nach Abschluss der stationären
Behandlung mindestens bis zum Ende der Interferon-Ribavirin-Behandlung vereinbart
ist.
Die Behandlung basiert auf drei Pfeilern:
– Antivirale medikamentöse Behandlung
– Antidepressive medikamentöse Behandlung
– Hypnotherapeutische Behandlung
Antivirale medikamentöse Behandlung
Die Dosis des Interferons und Ribavirins wird gewichtsangepasst festgelegt.
Unter Umständen müssen während der Behandlung Veränderungen
der Dosierungen vorgenommen werden. Regelmäßige Kontrollen der Laborparamater
werden durchgeführt.
Antidepressive
medikamentöse Behandlung
Interferon kann durch Veränderungen im Serotoninstoffwechsel zu manifesten
Depressionen führen. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, bei
dessen Mangel depressive Symptome auftreten. Zum Einsatz kommen bei unseren Patienten
und Patientinnen sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, die die Wirkung
des Serotonins im synaptischen Spalt verlängern und dadurch eine etwaige
Verringerung der Konzentration ausgleichen. Die Patienten und Patientinnen erhalten
vom ersten Tag der Interferonbehandlung ein solches Medikament in Tablettenform.
Die Wirkung tritt allerdings erst nach zwei bis drei Wochen auf, da erst ein
therapeutischer Spiegel aufgebaut werden muss. Depressive Symptome spielen aber
auch nach unserer Erfahrung in den ersten Wochen der Behandlung keine wesentlich
Rolle.
Hypnotherapeutische Behandlung
Durch die Nebenwirkungen nach
den ersten Injek- tionen wird die Aufmerksamkeit auf die negativen
Aspekte der Behandlung fokussiert. Das Erleben positiver Inhalte
in Trance soll den Patienten und Patientinnen helfen, die Aufmerksamkeit
von den negativen, vor allem körperlich erlebten, Inhalten abzuwenden.
Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich der Serotoninspiegel
im Gehirn durch tiefe Entspannungszustände positiv beein- flussen
lässt.
Bereits vor der ersten Injektion werden die Patien- ten und Patientinnen in einer
in der Regel nur ein- maligen Sitzung in einem imaginativen Verfahren geschult.
Dabei werden sie nach einer kurzen Tranceinduktion aufgefordert, eine Situation
aus der Vergangenheit zu erinnern, in der sie sich körperlich wie auch
emotional besonders wohl, sicher, geborgen und entspannt gefühlt haben.
| Grafik 1: Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit Gesamt |
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| Grafik 2: Drogenverlangen
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| Grafik 3: Gesamtnebenwirkungen
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Die Patien- ten und Patientinnen werden in Trance aufgefordert, diese Situation mit allen ihren Sinnen zu erfassen. Auf diesen Aspekt wird besonderen Wert gelegt. Nach dieser Sitzung wird ihnen eine vom Autor entwickelte CD ausgehändigt, die ihnen helfen soll, immer wieder in diese als angenehm und entspannt erlebte Situation einzutauchen. Die Patienten und Patientinnen werden aufgefordert, zu Beginn der Behandlung, und vor allem an den Tagen der Interferoninjektionen, mit der CD zu Bett zu gehen und diese bis zum Einschlafen zu hören.
Ergebnisse
Bisher wurden elf Patienten und Patientinnen behandelt (zehn Männer und
eine Frau). Allen fiel die imaginative Arbeit sehr leicht. Ein Patient brach
die Behandlung wegen starker Nebenwirkungen in der vierten Behandlungswoche
ab. Ein Patient hatte die Entwöhnungsbehandlung abgebrochen und ein Patient
war disziplinarisch entlassen worden. Vier haben die sechsmonatige Behandlung
bisher regu- lär abgeschlossen, weitere vier sind noch in Behandlung.
Bei allen acht letztgenannten Patienten und Patientinnen war das Virus nach
drei Monaten nicht mehr nachweisbar. Die Transami- nasen hatten sich zwischen
der zweiten und der vierten Behandlungswoche normalisiert.
Nebenwirkungen
IDie Patienten und Patientinnen haben einmal vor Beginn der Behandlung und dann
wöchentlich die unten genannten Symptome auf einem Selbst- bewertungsfragebogen
dokumentiert. Gefragt wurde nach folgenden Nebenwirkungen: Fieber, Schüttel-
frost, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Ein- schränkungen der körperlichen
Leistungsfähigkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Lustlosigkeit,
Drogen- verlangen, Abbruchgedanken (bezüglich der Interferontherapie)
und Übelkeit. Die Intensität der Nebenwirkungen konnte auf einer
Skala von null bis zehn angegeben werden. An dieser Stelle sollen nur zwei
der für den Rehabilitationserfolg besonders wichtigen Nebenwirkungen
exemplarisch dargestellt werden. Die Einschränkung der körperlichen
Leistungsfähigkeit ist nach der ersten Injektion besonders ausgeprägt
und lässt dann deutlich nach (Grafik 1). Überraschend ist, dass
die behandelten Patienten und Patientinnen kaum Drogenverlangen entwickelten. Über
die Behandlungszeit stieg der Wert kaum über den Ausgangswert (Grafik
2). Insgesamt sind die Nebenwirkungen bei dem beschriebenen Behandlungssetting
ebenfalls nur gering (Grafik 3). Die Abbruchquote bezüglich der Entwöhnungsbehandlung
liegt unter der von nicht behandelten Patienten und Patientinnen.
Fazit
Die Interferon-Ribavirin-Behandlung von drogenabhängigen
Patienten und Patientinnen während stationärer Rehabilitation
ist erfolgreich. Die Lebensqualität ist nur vorübergehend
und in der Regel gering eingeschränkt. Voraussetzung ist,
dass die Patienten und Patientinnen gut aufgeklärt sind
und vorher eine sorgfältige Auswahl der Patienten und
Patientinnen erfolgt. Begleitende Maßnahmen wie die medikamentöse
antidepressive Therapie und die Arbeit mit der oben genannten
Entspannungs-CD scheinen die Wahrnehmung der Nebenwirkungen
deutlich zu verringern.
Andreas Reimer