Fachtagung
„Rückfall in der Suchtarbeit – Behandlungsende oder Behandlungsimpuls?“
Diskussion über Gemeinsamkeiten im Umgang mit Rückfall im legalen und illegalen Bereich und über Lösungsansätze
Mit Rückfällen muss leben, wer mit Sucht zu tun hat - der Betroffene ebenso wie der Therapeut und der Leistungsträger. Das klingt banal, ist aber alles andere als selbstverständlich, vor allem in einer Zeit knapper Ressourcen und zunehmend staatlicher Eingriffe in das Gesundheitssystem. Dennoch führt der Rückfall nicht mehr automatisch zur Beendigung der einmal begonnenen therapeutischen Arbeit, er kann vielmehr Anstoß und Neubeginn sein. Dies als gleichsam vorweggenommenes Ergebnis einer Tagung zum Thema, zu der in Hamburg die therapiehilfe e.V., NADA (Deutsche Sektion der National Acupuncture Detoxification Association) und das Sozialtherapeutisches Zentrum für Suchtkranke (STZ) eingeladen hatten.
Rückfall gleich Scheitern gleich Tabu: Am besten gar nicht darüber
sprechen? - Das wird in unserer Gesellschaft zwar gern so gesehen. Es lohnt
aber, diesen Teufelskreis aufzubrechen. Scheitern - was heißt denn das? „Nicht
ans Ziel gelangen“, „zunichte werden“, „zerschellen“:
Diese Definitionen bot Wulf-Volker Lindner, Professor für praktische Theologie
und Psychoanalytiker, vor dem Hintergrund an, dass es sich nicht um eine objektive
Kategorie handele, sondern um einen Fall von Selbstinterpretation: „Ein
Stück Macht verlieren - ist das schon Schande, ist das Scheitern?“,
fragte Lindner und verwies auf das individuelle Selbstverständnis jedes
einzelnen Menschen. Zugleich zeigte er auf, dass in unserer Gesellschaft sowohl
eine schwere Krankheit als auch ein Suizid akzeptabler erscheinen als das Scheitern.
Dabei findet das so genannte Scheitern jeden Tag in unzähligen Fällen
statt, festgemacht an gesellschaftlichen Normen und dem, was der Einzelne daraus
macht, was für ihn negativ oder positiv besetzt ist.
Wenn solche persönlichen Vorstellungen, auch die soziale Identität
genannt, ins Wanken kommen, ist das Scheitern quasi vorprogrammiert, erklärte
Lindner und sprach damit sicher so manchem Suchtpatienten aus der Seele. Der
Therapeut brachte ein aktuelles Beispiel: „Die lebenslange bezahlte Arbeit
im einmal erlernten Beruf ist wohl unwiderruflich vorbei - erlebt als Scheitern,
wer gezwungen ist, dies zu akzeptieren?“ Schlimm sei so etwas vor allem
für diejenigen, die nicht gelernt haben, über die entsprechenden
Schwierigkeiten zu reden: „Führt das nicht geradezu zwangsläufig
zu Rückzug, Schlaflosigkeit und Sucht?“
Aus solcher Überlegung entsteht zugleich der Hinweis, wie das Überwinden
dieses Tabus des Scheiterns am besten gelingen kann: indem der Betroffene die
eigenen Vorstellungen im Kopf verändert. Dies aber gelinge am erfolgreichsten,
so Wulf-Volker Lindner, zusammen mit anderen, im Gespräch. Dazu gehöre,
sich von der möglicherweise selbst gegebenen Opferrolle abzuwenden und
zu verabschieden. Es gehört dazu, dass jeder die eigene berufliche Karriere
auf der Suche nach Vorstellungen durchleuchten sollte, die auf Grund gesellschaftlicher
Normen entstanden sein könnten: „Es kommt darauf an, sich klar zu
machen, dass man die eigenen hohen Vorstellungen von sich selbst mäßigen
muss.“
Was bleibt von diesem Vortrag? Das Scheitern ist geradezu eine Eintrittskarte
für den Süchtigen. Das Suchtmittel bietet dann die Möglichkeit,
scheinbar Unerträgliches erträglicher zu machen, die Hürden
des Daseins sozusagen abzufedern.
Wulf-Volker Lindner fasste es so zusammen: „Die Überwindung der
Beschämung muss bei der Behandlung im Vordergrund stehen.“
Vor- oder Rückfall?
Mit dieser Frage setzte sich Dr. Johannes Lindenmeyer,
Leiter der Salus Klinik in Lindow, auseinander. Rückfall – Gefahr und Krise: „Welchen
Umgang mit Rückfälligen können wir uns leisten?“, damit
müsse sich jeder Arzt und jeder Therapeut auseinandersetzen; das hängt
sehr von den jeweiligen therapeutischen Bedingungen ab, aber auch von anderen: „Als
ich vor mehr als 20 Jahren meine Arbeit mit Alkoholabhängigen begann“,
so Lindenmeyer, „war ein Rückfalls stets ein Entlassungsgrund.“ Seitdem
habe sich dank intensiver Rückfallforschung vieles getan, man wisse mehr über
den Rückfall, etwa, dass er meist in zwei Phasen ablaufe: Nicht sofort
und automatisch verfalle der Betroffene in altes Verhalten. Und: Ob aus einem
erneuten ersten Konsum ein Rückfall werde, „das hängt nicht
nur vom Süchtigen ab, sondern auch von den Gegebenheiten“, erläuterte
Lindenmeyer. Die Forschung habe aber auch mit einigen Trugschlüssen aufgeräumt,
etwa dem: Je länger jemand trockener ist, desto übermütiger
wird er, und desto eher wird er rückfällig: „Das stimmt nicht,
vielmehr passieren die meisten Rückfälle in den ersten Monaten nach
der Behandlung.“ Auch habe sich als irrig erwiesen, Vorhersagen eher
an der Person des Süchtigen festzumachen, was zu widersprüchlichen
Ergebnissen geführt habe. Erfolgversprechender sei es, genau zu beobachten,
wann, in welchem Kontext jemand rückfällig wird: Sind beispielsweise
die unangenehmen Gefühle der Auslöser, oder findet so etwas wie eine
soziale Verführung statt? Nach den Worten Lindenmeyers ist der Einzelne
in ganz bestimmten Situationen rückfallgefährdet (woraus sich naturgemäß Hinweise
für die Prophylaxe ergeben), und dann kommt es zu drei Handicaps: Er erlebt
einen so genannten Abstinenzverletzungseffekt und erleidet einen Rückfallschock;
der Suchtstoff setzt erneut alle Mechanismen frei, die zu weiterem Konsum führen,
etwa das Belohnungssystem; es setzt eine erneute Sensitivierung gegenüber
dem Suchtstoff ein. Auch der Therapeut empfindet den Rückfall seines Klienten
als Krise, vielleicht gar als Scheitern: „Der Behandler muss gelassen
bleiben und deutlich machen, dass er stets auf der Seite des Patienten ist – für
eine Entlassung spricht beim Rückfall absolut nichts!“
Vielmehr komme es darauf an, diese Phase des unkontrolliert/unbewusst Handelnden
möglichst schnell zu beenden, „um die stabile Phase, die vor dem
Rückfall da war, wieder zu erreichen“. Als nötig sieht Johannes
Lindenmeyer dafür auch Transparenz in der therapeutischen Institution
an: „Wir haben uns daran gewöhnt, nicht nur den Klienten zu erklären,
wie wir bei einem Rückfall vorgehen, sondern auch dem jeweiligen Leistungsträger.
Und: Unser Vorgehen muss sich daran messen lassen, ob und in welchem Maß es
uns gelingt, die Rückfallraten zu begrenzen.“
Soll der Therapeut gleichsam endlos weiter behandeln? Das kommt darauf an,
ob es medizinisch vertretbar ist, ob keine aktive Vertuschung des Rückfalls
seitens des Patienten vorliegt und ob er im Augenblick des Rückfalls kooperiert: „Ist
dies alles gegeben, dann haben wir eine therapeutische Basis für die Weiterbehandlung“,
stellte Lindenmeyer fest und fügte hinzu, auf Motivierungshürden
könne man verzichten. Wichtig sei stattdessen, den Patienten nicht zu überfordern: „Er
ist nicht in der Lage, seinen Rückfall verbal zu erklären - wer kann
das schon! Auch sagt die vorgebliche Motivierung im Moment des Rückfalls überhaupt
nichts über die tatsächliche Behandlungsbereitschaft des Patienten
aus.“
Behandlungspraxis in Brandenburger Klinik
Wie die Therapeuten im brandenburgischen Lindow mit
einem Rückfall umgehen?
Zunächst gibt es eine medizinische Abklärung beziehungsweise Versorgung
des Patienten, er wird dem Arzt vorgestellt, seine mögliche Suizidalität
wird erörtert und eine medikamentöse Anfallsprophylaxe überprüft.
Bei der anschließenden Ausnüchterung muss der Patient kooperieren: „Vermeiden
Sie dabei aber seine Überbeanspruchung ebenso wie längere Gespräche!“,
mahnte Lindenmeyer. Auch unsystematische Zuwendung sei in dieser Phase fehl
am Platz, da der Rückfall sonst in den Augen des Patienten eine neue Qualität
bekomme. Daran schließt sich die Therapie- und Abstinenzerörterung
an. Eine demoralisierende Ursachenforschung muss unbedingt vermieden werden.
Die Angehörigen werden informiert, dem Patienten wird erklärt, wie
er sich verhalten sollte, um die nächsten Tage abstinent zu bleiben. „Wichtig
ist dabei, ob der Patient weiterhin Vertrauen in den Therapeuten setzt und/oder
ob vielleicht die Therapieplanung geändert werden muss“, erklärte
Lindenmeyer.
Dieses Rückfallkonzept wird in Lindow in den Therapiealltag eingegliedert;
das Informationsmaterial ist entsprechend gestaltet. Schon im Erstgespräch
wird der Rückfall thematisiert, die Risikodiagnostik und deren Auswertung
werden gemeinsam mit dem Patienten diskutiert. Schließlich gibt es Routinekontrollen,
aber auch Vorträge zum Thema Rückfall, sowie entsprechende Informationen
für Angehörige.
Hinzu kommen Notfallpläne, Partnerseminare und viele (therapeutisch abgeklärte)
Heimfahrten der Patienten. Und: „Der Rückfall ist bei uns Gegenstand
jeder Einzeltherapie.“
Zur Statistik: In der Salus Klinik gibt es rund 180 Therapiebetten; zu etwa
80 Prozent sind die Patienten Männer, darunter etwa 70 Prozent Arbeitslose;
es handelt sich vorwiegend um LVA-Patienten im Alter von durchschnittlich 42
Jahren. Im Jahr 2000 gab es 142 Rückfälle, die Hälfte davon
haben die Patienten selbst gemeldet oder deren Angehörige. In 85 Prozent
der Fälle wurde weiterbehandelt, elf Prozent wurden disziplinarisch entlassen,
vier Prozent bestanden auf Selbstentlassung.
69 Prozent der Patienten sind zufrieden mit dem Klinikprogramm, 88 Prozent
der Zuweiser (zum Beispiel Beratungsstellen) akzeptieren es ebenfalls. In einer
Ein-Jahres-Katamnese ist man der Frage nachgegangen: Lohnt solcher Aufwand?
Das Ergebnis: 54 Prozent der Klienten waren nach dem genannten Zeitraum abstinent,
bei den disziplinarisch Entlassenen waren es nur zwölf Prozent. Lindenmeyers
Fazit: „Ein differenziertes Vorgehen bei einem Rückfall ist notwendig.
Es muss sich nach der Ausstattung der Klinik ebenso richten wie nach dem Trainingsstand
der Mitarbeiter.“
Definition Rückfall?
Ist ein einmaliger Rauschmittelkonsum nach längerer Abstinenz schon ein
Rückfall? Ist es tatsächlich richtig, dies auch dem Behandler anzulasten,
womöglich als dessen Versagen? Wenn mit dem Rückfall korrelierte
Verhaltensweisen auftreten, ohne dass der Betroffene erneut zum Suchtmittel
greift - spricht man dann von einem sogenannten trockener Rückfall? Ist
ein geringfügiger einmaliger Konsum nur ein Ausrutscher? Wann ist jemand
abstinent: Wenn er nach der Behandlung nie wieder zum Suchtstoff greift, oder
erst dann, wenn er nach einem Rückfall abstinent bleibt? Diese Fragen
ließen sich endlos fortsetzen. Bleibt offen, ob es sinnvoll ist, solche
Fragen überhaupt zu stellen. Der kritische Beobachter der Suchtszene
wird dies bejahen, denn: die Antworten belegen, was sich in den letzten zwanzig
Jahre verändert hat in der Therapie und der Bewertung des Rückfalls.
Prof. Dr. Uwe Koch, Leiter der Abteilung Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik
Hamburg-Eppendorf, stellte fest, die Rückfallhäufigkeit von Alkoholkranken
liege zwischen 52 und 66 Prozent. Das größte Risiko bestehe innerhalb
der ersten drei Monate nach der Therapie. Frauen greifen offenbar häufiger
wieder zur Flasche. Und: Nach einer Kurztherapie häufen sich Rückfälle
ganz besonders. Aber: Im deutschen Suchthilfesystem ist die Zahl der Rückfälle
geringer als in den USA, Großbritannien und Skandinavien; das spricht
für das deutsche System.
Auch jüngste Untersuchungen haben nach den Worten Kochs bestätigt,
dass Rückfälle sich in den ersten Monaten nach der Therapie häufen: „Dieser
Prozess setzt sich aber offensichtlich fort, das heißt: Rückfall
ist ein dynamischer Prozess.“ Anders ausgedrückt: Langfristig sind
diejenigen am stabilsten, die in den ersten Monaten nach der Behandlung abstinent
bleiben. „Auch wurde herausgefunden, dass so genannte Ausrutscher nicht
automatisch und abrupt in schwere Rückfälle übergehen!“.
Etwas besser weiß man heute über das Rückfallgeschehen Bescheid,
weil Rückfallforscher hilfreiche Anleihen bei der Complianceforschung
machen. Beispielsweise hat sich dort herausgestellt, dass durchschnittlich
40 bis 60 Prozent der unterschiedlich Erkrankten compliant sind: „Das
sind ziemlich exakt die identischen Zahlen wie bei Suchtkranken“, bemerkte
Uwe Koch.
Zu den Risikofaktoren für einen Rückfall (sie geben den einen oder
anderen Hinweis auf die Rückfallprophylaxe) gehören die zunehmenden
Kurztherapien und eine unzureichende Kommunikation mit dem Therapeuten. Hinzu
kommen Informationsdefizite und negative Vorerfahrungen mit einer Behandlung,
gefolgt von psychischen Störungen, schwerwiegenden Beziehungskonflikten
und sozio-ökonomische Belastungen. „In der Zielhierarchie für
eine Suchtbehandlung liegt die dauerhafte Suchtmittelfreiheit weit oben“,
ergänzte Uwe Koch. Allerdings steht inzwischen die Sicherung des Überlebens
beziehungsweise die Sicherung des gesunden Überlebens bei allen therapeutischen
Bemühungen im Vordergrund.
Fazit des medizinischen Psychologen: „Für mich ist ein Suchtkranker
eindeutig ein chronisch Kranker. Dafür sprechen der irreversible Verlauf
der Krankheit und die reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit,
die Einschränkungen im Beruf sowie die langdauernde Abhängigkeit
vom medizinischen Versorgungsbetrieb. Ganz wichtig: In beiden Fällen ist
nicht von Heilung die Rede - das sollte man sich bei der Zielsetzung in der
Behandlung von Suchtpatienten stets klar machen!“
Schnelle Behandlung nach Rückfall nötig
Nach einem Rückfall besteht die Bedeutung der Entzugsbehandlung in einer
Verringerung der Symptomatik. Dies bestätigte Wolfgang Weidig von der
Fachklinik Bokholt. Er ist dort für den Erwachsenenentzug zuständig
und weiß: „Die Suchtmittelabhängigkeit ist eine chronische
Erkrankung, der eine (meist frühzeitige) psychische Störung zu Grunde
liegt.“ Fest stehe aber auch: Je zügiger die Rückfallfolgen
behandelt werden, desto größer ist die Chance eines Behandlungserfolges
und der mittelfristigen Vermeidung weiterer Rezidive.
Die Gründe für einen Rückfall, die der erfahrene Therapeut nannte,
weisen zugleich auf die Rückfallprophylaxe: sich nicht mehr selbst im
Blick haben, Einsamkeit und das Fehlen von Beziehungspersonen. „Deshalb
nehmen wir Betroffene auch dann auf, wenn der Rückfall noch nicht realisiert
ist, der Patient ihn aber nicht aus eigener Kraft verhindern kann.“ Wünschenswert
wäre es nach seiner Meinung, wenn die Kostenträger dem mehr Rechnung
trügen.
Cathrin Tilsner-Gleiss von der „therapiehilfe“ berichtete über
besondere Erfahrungen mit Kokainkonsumenten - „es handelt sich bei ihnen
um ein chronisch-rezidivierendes Konsummuster, das Monate bis Jahre andauern
kann“ - und behandelt im Projekt Seehof ambulant alle Berufssparten: „Derzeit
sind es besonders viele Krankenpfleger, sie kommen mit dem Wunsch nach einer
Reparatur ihres Defektes.“ Als gefährlich nannte die Ärztin
die labile Abstinenz zu Beginn der Behandlung: „Der Patient möchte
dann alles, und zwar sofort unter Kontrolle bekommen, damit ist der Rückfall
oft schon vorprogrammiert.“ Ein solches Verhalten müsse man eingehend
bearbeiten, denn sonst ändere sich nichts beim Patienten, und er müsse
die erneute Rückfälligkeit vielleicht mit einer notwendigen stationären
Therapie bezahlen. Bei einer gelungenen Behandlung hingegen, unterstützt
mit Akupunktur, nimmt die Affinität zu Kokain nach ihren Erfahrungen ab.
Therapieabbruch ist keine Alternative
Ähnliche Erfahrungen machte Dr. Johanne Feldkamp bei der ambulanten (akupunkturgestützten)
Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigen in der STZ-Beratungsstelle „Die
Hummel“. Die Erfolgsquote liege derzeit bei etwa 65 Prozent. Immer wieder
aber komme es „zu Rückfällen, auch nach längerer Abstinenz
und trotz der Entscheidung zur Abstinenz“. Weil dies so sei, sehe man
den Rückfall als Symptom einer chronischen Krankheit und bette ihn ein
in die Behandlung der Krankheit. Die nötigen Schritte der Therapeuten
nennt Johanne Feldkamp mühsam, denn: „Infolge des Rückfalls
eines Klienten sind sie in ihrem Selbstverständnis oft stark eingeschränkt.“ Andererseits
gebe jeder Rückfall die Chance zum (Be-)Handeln. Einen Therapieabbruch
nach
einem Rückfall sehe sie nicht als Alternative. Herausgestellt habe sich
in der Therapie dieser Klientel, dass die Betroffenen Beziehungskonstanz und
nicht Strafe in Form von Abbruch brauchen. Besonders treffe dies für Frauen
zu, die meist viel Kraft dadurch verlieren, „dass sie die Fassade länger
aufrecht halten“.
Günstig sind nach Erfahrung von Johanne Feldkamp die Voraussetzungen für
eine Weiterführung der Therapie, wenn der Patient selbst den Rückfall
als Symptom seiner Krankheit sieht und wenn er keinen Therapieabbruch befürchten
muss: „Er muss die Symptomatik kennen und sie offen ansprechen können.
Nach einem Rückfall sollte die Behandlung möglichst bei dem Therapeuten
stattfinden, bei dem der Patient schon einmal war.“ Der Behandler sollte
möglichst auch in der Lage sein, den Rückfall als Krankheitssymptom
zu sehen und nicht etwa als (eigenes) Versagen: „Er muss die Beziehungskonstanz
wahren, statt sich vom Patienten abzuwenden.“
Für die Kostenträger hatte Johanne Feldkamp aufmunternde Worte parat:
Sie sollten sich zu einer Betrachtung des Rückfalls als Symptom der Suchterkrankung
durchringen und die Gesamtdauer der therapeutischen Maßnahmen zumindest
beibehalten. Sie sollten angemessene Behandlungsmöglichkeiten für
schwer betroffene Patienten und schnell Kriseninterventions- und Entgiftungsmöglichkeiten
schaffen. „Auch brauchen wir für viele Patienten nach der ambulanten
Rehabilitation kurzfristig eine Auffangbehandlung beim bereits vertrauten Therapeuten.“
Mit dem Rückfall leben – und arbeiten
Egal, ob es sich um legale oder illegale Drogen handelt:
Nach Erfahrung von Ulrich Bloemeke von der STZ-Fachklinik gibt es beim Rückfallgeschehen
kaum einen Unterschied: „Daher setzen wir alles daran, unsere Patienten
mit dem Umgang mit einem Rückfall vertraut zu machen.“ Die Weiterarbeit
nach einem Rückfall sei vor allem dann möglich, wenn der Patienten
ihn selbst meldet. Anschließend wird in der therapeutischen Gemeinschaft über
den Vorfall gesprochen.
Zu den Zahlen im STZ: Seit 1999 sind zwischen vier und 22 Prozent der rückfällig
gewordenen Patienten disziplinarisch entlassen worden: „Unser Rückfallkonzept
führt also überwiegend zum Verbleib in der Einrichtung“, so
Ulrich Bloemeke.
Beatrice Havenstein - im STZ für die stationäre Langzeittherapie
mitverantwortlich - berichtete über ihre Erfahrung mit der Rückfallarbeit.
Diese habe gezeigt, dass es sinnvoll sei, zusammen mit dem Patienten vorzugehen, „auch
und vor allem hinsichtlich der den Rückfall auslösenden Phasen“.
Dazu gehörten gelegentlich Rollenspiele, etwa wenn man einem Drogenpatienten
signalisieren möchte, wie in einem anderen Suchtbereich der Rotwein beim
Essen oder die Zigarette danach durchaus schon einen Rückfall vorbereiten
könnten. Der jeweilige Klient müsse dann seinen Rückfall so
konkret wie möglich in allen Einzelheiten schildern. Er werde dazu angehalten,
auch auf die Vorgeschichte einzugehen. Eine solche Therapieeinheit dauert nach
Beatrice Havenstein mindestens zwei Wochen, inklusive individuellen Trainingsprogramms,
des Erstellens eines Wochenplanes sowie der Analyse des aktuellen Krankheitsgeschehens;
begleitet und kontrolliert durch das therapeutische Team.
Akupunktur verbessert Akzeptanz für Therapie
In Deutschland arbeiten derzeit rund 200 Suchthilfeeinrichtungen - ambulant oder stationär - mit Ohrakupunktur. Die Tendenz steigt nach den Worten von Dr. Ralph Raben von der Deutschen Sektion der NADA (National Acupuncture Detoxification Association). Erfolgreich ist die Behandlung - auch hinsichtlich einer möglichen Rückfallprophylaxe -, wenn sich der Therapeut an einige Regeln hält, die die NADA entwickelt hat: Drei bis fünf Nadeln beidseitig 35 bis 45 Minuten, anfangs täglich - Raben nennt das Ergebnis „eine stabilisierende Wirkung ohne Stoff“ - ; Behandlung in der Gruppe - „offen, ruhig, wenig verbal, wenig ängstigend“; unterschiedliche Tees für besseren Schlaf; Urinanalyse unabhängig vom Therapeuten, „der stets auf der Seite des Patienten sein soll“; verstärkte Intervention, wenn der Patient dafür offen ist, also Beratung und/oder Therapie. Diese Kombination führt nach Aussage von Ralph Raben zu einer Linderung von somatischen Symptomen wie starkem Herzklopfen, sie lindert die innere Unruhe, führt zu Entspannung und tieferem Schlaf, zu weniger Angst und einer geringeren Abwehrhaltung - „der Patient kann mehr aushalten, er entwickelt ein Gefühl von Stärke und Stabilität“ - in wenigen Worten: Die Akzeptanz der Therapie wird verbessert.
Kostenträger
Die Rehabilitation von Abhängigkeitskranken nimmt zu. Christiane Härdel von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin (BfA) begründete dies mit der gesetzlichen Aufgabe der Wiederherstellung der Erwerbsmöglichkeit. Knapp ein Drittel aller mehr als 900 Kliniken, mit denen die BfA kooperiert, behandeln Abhängigkeitskranke. Im Jahr 2001 bewilligte die BfA 17.544 Anträge; die Kosten für die Suchtrehabilitation liegen bei 110 Millionen Euro im Jahr. Christiane Härdel verwahrte sich gegen den oft kolportierten Vorwurf, die BfA beschränke die Dauer der Rehabilitationsbehandlungen: „Das lässt sich mit Zahlen nicht belegen, wir haben auch nicht weniger bewilligt als in früheren Zeiten, es gibt inzwischen sogar weniger Einschränkungen, so dass mehr Abhängigkeitskranke eine Rehabilitationsmaßnahme beantragen können.“ Den Rückfall sehe der Kostenträger keineswegs als Tabu: „Er gehört zur Krankheit und ist längst integriert ins Rehabilitationsgeschehen - wenn wir von 50 Prozent Rückfällen ausgehen, ist er sogar die Regel.“ Bezogen auf die Notwendigkeit der Rehabilitationsbehandlung betonte sie: „Wir stehen auch aus rein pekuniären Gründen voll hinter der Rehabilitationsbehandlung, denn: Wenn der Betroffene danach wieder arbeitet und seine Sozialabgaben bezahlt, hat sich die Behandlung schon nach neun Monaten amortisiert!“
Dies sei mit ein Grund dafür, dass nach einem Rückfall die Rehabilitation
so schnell wie möglich bewilligt werde. An die Kliniken appellierte Christiane
Härdel, den Rückfall generell in die Therapie einzubeziehen - „nur
dann können wir unser gemeinsames Ziel erreichen: die Erhaltung oder Wiederherstellung
der Arbeitsfähigkeit“.
Diese Aussagen bestätigte Sabine Zerdick von der LVA Hamburg: „Ausgehend
von der wissenschaftlichen Forschung, hat auch bei den Rentenversicherern ein
Umdenken in Sachen Suchtkrankheiten und Rückfall eingesetzt. Es geht uns
letztlich nur darum, die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Erkrankungen
zu beseitigen!“ Bedacht werden müsse bei jedem neuen Antrag die
gesetzlich vorgeschriebene Zielsetzung: „Abstinenz zu erzielen oder zu
erhalten sowie generell die Gesunderhaltung, körperliche und seelische
Störungen weitgehend zu beheben oder auszugleichen sowie die Eingliederung
in Arbeit, Beruf und Gesellschaft möglichst dauerhaft zu erhalten beziehungsweise
zu erreichen.“
Welcher Suchtpatient in welche Klinik eingewiesen werde - darüber entscheiden
die Kostenträger mit. Die Rückfallquote in der jeweiligen Einrichtung
spielt dabei eine Rolle. Die Kostenträger entscheiden außerdem mit,
ob nach einem Rückfall eine weitere Therapie sinnvoll ist. Seit 2001 verfügen
aber die Einrichtungen über einen größeren Spielraum, die Leistung
hängt ab vom individuellen Rehabilitationsbedarf, und: „Ein Rückfall
gilt bei uns nicht länger als bloß negativer Indikator, wir sehen
ihn auch als Chance zur Aufarbeitung der Krankheit.“ Voraussetzungen
sind, dass der Versicherte seinen Rückfall selbst meldet und dass er das
Therapieverfahren fortsetzen möchte. Ein Problem besteht nach den Worten
von Sabine Zerdick dann, wenn beides nicht gegeben ist, dann wird die LVA möglicherweise
von der betreffenden Einrichtung eingeschaltet, um den eventuellen Therapieabbruch
zu besprechen: „Wir befürworten aber, die Entscheidung darüber
ebenfalls in die Einrichtung zu verlegen.“
Aus der Diskussion
Offenbar sehen es die Einrichtungen nicht ganz so
rosig, wie die Kostenträger
ihr Vorgehen beschrieben haben. Dr. Jost Fischer vom STZ erklärte, neue
Rahmenbedingungen seien nötig, „auch vor dem Hintergrund, dass wir
nun wissen, wie schnell sich eine Therapie amortisiert!“ Bisher sei es
leider so, dass immer mehr am Geld gekappt und damit die Arbeit erschwert werde.
Karin Harries-Hedder von der „therapiehilfe“ pflichtete bei, zuletzt
habe man viele Leistungskürzungen erfahren, obwohl jede Einrichtung an
Tarifverträge gebunden sei: „Wir müssen uns teilweise um Europamittel
bemühen, um so weiterbehandeln zu können, dass die Patienten nicht
rückfällig werden.“ Christina Baumeister vom Referat Drogen
und Sucht in der Hamburger Behörde für Umwelt und Gesundheit gab
zu, dass der entsprechende Zuwendungsbereich in der Hansestadt stark gekürzt
worden sei, „was ich sehr bedauere, weil das die Arbeit der Drogenhilfe
insgesamt beeinträchtigt!“ In ihrer Fachabteilung bemühe man
sich, dass weiterhin dezentral gearbeitet werden und mehr Rückfallprophylaxe
stattfinden könne. Sie befürwortete zudem die Förderung von
Selbsthilfegruppen im Drogenbereich, wie im Bereich Alkoholismus schon üblich: „Das
wäre in meinen Augen aktive Rückfallprophylaxe!“
Günter Ploß vom Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) stellte
Hoffnung in den Raum: Der Drogen- und Rehabilitationsbereich sei vom Vorschaltgesetz
nicht betroffen, außerdem habe der Gesetzgeber den entsprechenden Leistungskatalog
der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht ausgedünnt. Schließlich
würden die Krankenkassen verpflichtet, mehr im Bereich Drogenhilfe zu
tun, etwa eine Substitutionsbehandlung auch dann zu bezahlen, wenn keine schwere
Nebenerkrankung vorliege.
Konsens in der Diskussion bestand darüber, dass die Entgiftungszeiten
zu kurz seien; zahlreiche Rückfälle seien die Folge.
Werner Loosen