Leseprobe
Schnittstelle deutscher und italienischer Suchthilfe.
Modellprojekt in Schlosspark-Klinik
Italien, Land jenseits der Alpen, liegt vielen Urlauber aus dem Norden am Herzen. Und für Italiener, welche unter EU-Ausländern in Deutschland immer noch die größte Gruppe bilden, liegt die Bundesrepublik mit ihren Arbeitsmöglichkeiten sehr nah. In Südtirol überschneiden sich die Sprachräume. In dieser deutschsprachigen Enklave auf italienischem Staatsgebiet orientiert sich auch die Drogenpolitik einerseits nach Österreich und Deutschland, andererseits nach den Richtlinien der italienischen Sozialgesetzgebung. Die originären Ansätze italienischer Suchthilfe werden weiter südlich im oberitalienischen Verona deutlicher. Im folgenden Artikel stellt der Autor einige Grundcharakteristika und Unterschiede italienischer Suchthilfe bei Drogenabhängigkeit dar. Er ist Therapeut und Mitarbeiter in der Schlossparkklinik in Bergisch-Gladbach. Die Klinik bietet nach Vorgesprächen ein Programm an, welches teilweise auf Italienisch stattfinden kann.
Zentrale Koordination der Suchthilfe durch ambulante Beratungsstellen (SerT)
Gleich mehrere therapeutische Gemeinschaften haben sich zwischen Gardasee
und den Ausläufern der Dolomiten um die norditalienische Großstadt
Verona und ihren rund einer Viertelmillion Einwohnern (ca. 270.000 Einwohner)
gruppiert. Ihre Entstehungsgeschichten sind unterschiedlich: kirchlich, privat,
von der Kommune initiiert. Ihre Koordination ist einheitlich. Alle Fäden
der regionalen Suchthilfe laufen im städtischen Beratungsdienst des Gesundheitsamtes/Abteilung
Abhängigkeitserkrankungen zusammen. Die Zentrale dieses vernetzten Systems
ist mit Sozialarbeitern und Ärzten, Psychologen und Verwaltungsbeamten
besetzt. Ihr Name SerT (servicizio tossicodipendenze) steht in allen italienischen
Städten für die regionale Koordination ambulanter und stationärer
Suchthilfen. Der Beratungsdienst ist als eigene Abteilung der örtlichen
Gesundheitsbehörde angesiedelt. Soziale Arbeit im öffentlichen Dienst
kann unter direkter Verwaltung des Innen- oder Justizministeriums stehen, wie
die Sozialarbeit in Gefängnissen. Die Suchthilfe hingegen ist mit einigen
wenigen anderen Bereichen der öffentlichen Gesundheitsversorgung in den
Lokalverwaltungen der Provinzen und Kommunen angesiedelt, welche die SerT Beratungsstellen
einrichten. Gesonderte Zulassungsprüfungen entscheiden über den beamtenähnlichen
Status der akademisch ausgebildeten Mitarbeiter bei SerT. Sozialarbeiter können
in Italien seit einigen Jahren mit einem vierjährigem Universitätsstudium
den gleichen akademischen Grad wie andere Studiengänge erwerben. Absolventen
mit diesem akademischen Titel können nach einem Bewerbungsverfahren und
Prüfung in Rom zum öffentlichen Dienst in der Beratungsstelle SerT
zugelassen werden. Die Zugangskriterien garantieren einerseits eine gewisse
Qualität, erscheinen andererseits recht bürokratisch. Dieses Reglement
existiert nicht für die Partner von SerT, wie niedergelassene Therapeuten,
Arbeitsinitiativen und Genossenschaften, soziale Ausbildungsbetriebe, Entgiftungen
und therapeutische Gemeinschaften.
Genossenschaften und Kooperativen als Therapeutische Gemeinschaften
Die stationären Therapien in Italien haben zwar in ihrer Geschichte Ähnlichkeiten
mit der Entstehung der therapeutischen Gemeinschaften in Deutschland, sind
jedoch mit den heutigen therapeutischen Standards in deutschen Fachkliniken
in der Regel nicht zu vergleichen. Sie weisen auch untereinander große
Unterschiede hinsichtlich ihrer Größe und Organisation, ihrer Ziele
und Finanzierungen, Überzeugungen und ihrer politischen Kooperationspartner
auf. Gruppentherapie hat überwiegend eine große Bedeutung. Fundierte
Psychotherapie und Einzeltherapiegespräche können auch zusätzlich
extern stattfinden, nicht selten bei den gleichen Fachpersonen von SerT, die
bereits in der Vorbereitung zur Therapie Berater waren. Ein Vorteil bei dieser
Lösung ist, dass diese konstanten Bezugspersonen damit ansatzweise ein
praktikables und vorbildliches case-management ermöglichen können.
Eine der stationären Therapien für Verona ist die Gemeinschaft „La
Genovesa“ am Stadtrand gelegen. Sie ist ausnahmsweise nicht aus einer
kirchlichen Initiative hervorgegangen, sondern entstand nach einem Ratsbeschluss
von 1982 und wurde später als Kooperative privatisiert. Seitdem regelt
sie in eigener Regie Anbau und Verkauf biologischer Produkte, die ihren Weg
häufig in die Regale deutscher Bioläden finden. Therapeutische Gemeinschaften
sind meist als Gesellschaft privaten Rechts in Form einer Kooperative oder
eines Vereins organisiert. Das Lohnniveau der angestellten Mitarbeiter liegt
unter dem des öffentlichen Dienstes. Während des Interviews auf „La
Genovesa“ schaut die Leiterin Signora Giacometti plötzlich auf den
Kalender und stellt fest, dass die Therapie genau vor 20 Jahren aus der Taufe
gehoben wurde. Man geht unsentimental mit der Vergangenheit um. Zukunftsperspektiven
wiegen hier schwerer als der Rückblick. Die Kooperative hat eine breite
Angebotspalette von der Entgiftung bis zur externen Psychotherapie, von der
Selbsthilfegruppe bis zum handwerklichen Ausbildungsgang für etwa 30 abhängige
Frauen und Männer entwickelt.
Alltagsnahe Therapieprogramme und Eigenfinanzierungen
Die ehernen Grundsätze traditioneller Therapiegemeinschaften wurden gründlich überarbeitet.
Das Programm ist so realitätsnah wie möglich. So besuchen nach einem
langen Therapietag 22 der Patienten die Abendschule oder zusätzliche Ausbildungsgänge
in der Innenstadt von Verona. Um dorthin zu gelangen steht jedem selbstverständlich
einer der typischen italienischen Motorroller zur Verfügung. Die Finanzierung
muss neben öffentlichen Zuschüssen aus Kommune und Provinz zu einem
Drittel aus Eigenmitteln geschehen. Pflegesatzähnliche Vereinbarungen
liegen selten über 50 Euro - nur eine therapeutische Gemeinschaft in Oberitalien
hat einen mit deutschen Fachkliniken vergleichbaren Pflegesatz für Betreuungsschlüssel
und Ausstattung.
Der Schwerpunkt des Programms liegt somit häufig in Arbeitsbereichen,
in denen Handwerksmeister Ausbildung und Anleitung als Maurer, KFZ-Mechaniker
oder Landschaftsgärtner ermöglichen, aber auch eine gewisse Selbstfinanzierung
garantieren. Möglich ist dies auch durch die lange Aufenthaltsdauer, die
häufig zwei Jahre überschreitet und damit, im Gegensatz zu deutschen
Fachkliniken, andere Schwerpunkte und Ziele verfolgen kann.
Die Psychotherapie ist unter diesen Finanzierungsbedingungen zum Teil an die
Angebote der SerT. delegiert, indem sie parallel zur stationären Therapie
ihre Betreuung beibehält oder auch selber Gruppenangebote in der Therapie
gestaltet. Diese sowohl notwendige wie nützliche Kooperation ist einer
der Gründe für die zentrale Position der Beratungsstellen von SerT.
Gleichzeitig erhält die ambulante Beratungsstelle damit eine besondere
Rolle als gemeindenahes Angebot, welche in der Lage ist, Abhängige vor
Ort ambulant und stationär zu begleiten ohne Bruch der Beziehung.
Familie wird in Therapie einbezogen
So stammt ein Großteil der Patienten aus der Region und bleibt in ihr. Familien können leicht an Veränderungsprozessen beteiligt werden und im Laufe des Therapieprozesses unterstützende Funktionen übernehmen oder ausbauen. Für die weiterentwickelten systemischen und familientherapeutischen Zusatzausbildungen, die häufig von Beratern und Therapeuten gewählt werden und ihre historischen Wurzeln zu einem wesentlichen Teil in der fast schon legendären ehemaligen Mailänder Schule um Mara Selvini haben, sind das vorteilhafte und gut nutzbare Voraussetzungen. Weiter entfernte Vermittlungen kommen eher unter bestimmten Indikationen in Frage, etwa in Therapien mit Spezialangeboten oder wenn ein Ortswechsel angezeigt ist.
Konzepte aus einem Guss
Der Start in diese hohen Anforderungen wird über eine erste Phase ermöglicht.
Ein Steinwurf von der Gemeinschaft entfernt befindet sich ein Aufnahmehaus
in der auch eine direkte Entgiftung möglich ist. Entgiftung geschieht
allgemein nur nachgeordnet in Krankenhäusern, stattdessen – nach
Möglichkeit – ambulant bei Vertrauensärzten von SerT oder mit
deren Betreuung direkt in stationären Therapien. Bei „La Genovesa“ leben
die zehn Entgiftungspatienten unter intensiver Betreuung in einer Art Orientierungsstufe
bis zu drei Monaten, um sich zu stabilisieren und über ihren weiteren
Weg zu entscheiden.
Während der nachfolgenden Zeit in der Therapie hat die Selbstorganisation
und Selbstverwaltung einen hohen Stellenwert. Die Selbsthilfe als Nachsorgegruppe
besteht auch noch über die Therapie hinaus, sowie eine Wohngruppe im Stadtzentrum.
Das Gesamtkonzept von Entgiftung über Therapie bis Ausbildung unter möglichst
realistischen Bedingungen und in aufgeschlossener Atmosphäre hat eine
gute Bilanz: trotz oder wegen dieser Offenheit sind Rückfälle eher
selten und die Haltequote mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 18
Monaten gut.
Moderne Suchthilfe im Spannungsfeld politischer Interessen
In der Vergangenheit machten in Italien sehr große Gemeinschaftsgruppierungen
mit bisweilen Hunderten von Patienten nicht immer rühmliche Schlagzeilen.
Sehr konservative Politikkreise unterstützen teilweise solche Organisationen
in der zweifelhaften Annahme, die negativen Begleiterscheinungen von Sucht
damit aus der Öffentlichkeit wegwischen und kontrollieren zu können.
Die Beratungsstellen SerT gehen hier mit den wegweisenden Gesetzgebungen früherer
Regierungen der 90er-Jahre andere und modernere Wege. Gleichwohl ist die Diskussion
etwa um Substitution, welche kommunal von SerT vielfach bereits erfolgreich
praktiziert und dokumentiert wird, auf der politischen Bühne immer noch
heiß umkämpft und –
unter den derzeitigen Regierungsverhältnissen – wohl noch keinesfalls
abschließend entschieden.
Suchtkranke Italiener in Deutschland – Ein Angebot in Bergisch-Gladbach
Auch wenn Italiener unter EU-Ausländern in Deutschland zahlenmäßig
am stärksten vertreten sind, betragen sie doch nur etwa ein gutes Drittel
der Klientel in Therapieeinrichtungen im Vergleich zu Türken als der größten
Gruppe von Ausländern in Deutschland insgesamt.
Italiener mit Suchtproblemen finden zwar im ambulanten Setting gute Hilfsangebote,
weniger jedoch im stationären Bereich, wenn es sich um manifeste Abhängigkeitsstrukturen
mit illegalen Suchtmitteln handelt und Deutsch nur ansatzweise verstanden wird.
In der Einrichtung in Bergisch-Gladbach wollen wir nach einem Probevorlauf
mit diesem Personenkreis eine Behandlung in zeitweise italienischer Sprache
weiter entwickeln und auswerten. Das Konzept sieht dazu neben den normalen
Gruppentherapieangeboten zur Integration in die deutschsprachige therapeutische
Gemeinschaft eine zusätzliche individuelle Vereinbarung über wöchentliche
Einzeltherapiegespräche in Italienisch vor. Mit diesem Setting wird eine
individuelle Therapiegestaltung angestrebt, in der die besondere Problematik
italienischer Drogenabhängiger mit geringen Deutschkenntnissen teilweise
berücksichtigt werden kann.
Richard Gorges
Kontakt:
Schlosspark-Klinik • Richard Gorges
Paffrather Strasse 26551469 • Bergisch-Gladbach
Tel. 02202/29 430