Lesprobe 6 / 2001
Lebenszeit-Kostenbudgets.
Der Faktor Zeit im Gesundheitswesen
Prof. Dr. Dr. h. c. Ekkehard Kappler (geb.1940 in Breslau), Dipl.-Kfm., Dr.
rer. soc. oec., Dr. rer. pol. h. c. o. Univ.-Prof. für Betriebswirtschaftslehre,
Vorstand des Instituts für Organisation und Lernen und Leiter der Abteilung
Controlling und Organisationskultur der Universität Innsbruck (seit 1995).
Der unmittelbare Anlass für die Einladung zu diesem Workshop ist eine Diskussion, in der gefordert wird, dass die im Gesundheitswesen herumgeisternden Vorschläge, beispielsweise für Suchtpatienten eine Art Lebenszeit- Krankenkassen- Konto einzuführen, d. h. als z. B. nur zwei Therapien zu finanzieren und anschließend den Betroffenen als „hoffnungslos “ in das soziale Netz zu platzieren. Hinter der Einladung stand also das Motiv, dass vielleicht ein Wirtschaftswissenschaftler zeigen können müsste, welche Konsequenzen aus betriebswirtschaftlicher und makroökonomischer Sicht sich aus einer solchen Verlagerung der Kostenträger ergeben könnten.
Ist es besser, die Kranken- und Rentenversicherungsträger zu belasten
oder den Steuerzahler über die Finanzierung der übrigen sozialen
Sicherungssysteme (erneut) zur Kasse zu bitten? Lassen sich Nutzen- Kosten-
Relationen für die Gesellschaft und / oder die einzelnen Betroffenen darstellen?
Könnte es sein,dass die Ver weigerung von Therapieleistungen und ein einfaches
Platzieren im sozialen Netz höhere Kosten verursacht als die therapeutische
Dauer- oder Langzeitbetreuung, von der Veränderung der individuellen Lebensqualität
und die Beschädigung der betroffenen Individuen durch das „gesellschaftliche
Bauernopfer “ ganz zu schweigen??
Sucht nach Zahlen
Es gibt eine „Sucht “ nach Zahlen und eine Zahlengläubigkeit.
Und es gibt eine Hoffnung ,die sich, immer wenn es um Geld, Nutzen, Kosten
und Zahlen geht, auf die Betriebswirtschaftslehre bzw. die Wirtschaftswissenschaften
richtet.
Die Einführung eines betriebswirtschaftlichen Wortschatzes unter wirft
insofern bereits unter eine Logik, deren Relevanz gerade im Bereich der Suchthilfe
als äusserst eingeschränkt, um nicht zu sagen problematisch anzusehen
ist.Betriebswirtschaftslehre beschäftigt sich unter ganz bestimmten Bedingungen
mit Effizienz. Ihre Wertmaßstäbe sind nicht gegeben, sondern im
Sinne von Konventionen vor dem Hintergrund bestehender Macht verhältnisse
durchgesetzt und für Organisationen mit Profitinteresse in der kapitalistischen
Gesellschaft konzipiert.
Das heisst nicht, dass non- profit- Organisationen nicht effizient sein müssen,
sondern das heißt nur, dass die Diskussion um die Effizienz solcher non-
profit- Organisationen nicht durch die blinde Übernahme betriebswirtschaftlicher
Effizienz überflüssig wird.
„Begriffe greifen “, weiß Bert Brecht.
„Meaning is constituted in use “– wenn solche Freiheit nicht
schon vorher abgeschafft ist.
Lassen Sie mich ein Beispiel erwähnen.