Leseprobe

Neurobiologie

Welche Rolle spielt das Gehirn für Suchterkrankungen?

expoDas Gehirn ist das komplexeste Organ im menschlichen Organismus.
Jede der 100 Milliarden Nervenzellen hat durchschnittlich mehrere Tausend Synapsen, über die sie mit den anderen Nervenzellen kommuniziert. In den letzten Jahren ist es der Suchtforschung gelungen, den Suchtmechanismus, die Irreversibilität der Suchtkrankheit und das Entzugsphänomen biochemisch nachzuweisen. So gibt es eine relativ genaue Vorstellung davon, was im Gehirn durch stimulierende oder berauschende Mittel geschieht.
Nach neuesten Erkenntnissen sind bei jeder Art von Sucht auch körpereigene Substanzen im Spiel. Diese sind haupt- oder zumindest mitverantwortlich für das Abhängigwerden und das Abhängigbleiben.

Psychoaktive Stoffe verändern die Signalübertragung in unserem Gehirn und erzeugen dadurch „psychische “ Effekte: Wir fühlen uns wacher oder müder, mutiger oder ängstlicher, sanftmütiger oder aggressiver, intro- oder extravertierter, schwermütiger oder hochgestimmter.
Jegliches Verhalten eines „höheren “ Tieres wird durch sein Nervensystem gesteuert. Die wichtigste Rolle spielt bei den Wirbeltieren, zu denen auch der Mensch zählt, das Gehirn. Fallen bestimmte Gehirnpartien aus (durch Verletzung, Tumore, Operationen, Schlaganfall oder alternsbedingte Degeneration), so treten charakteristische Störungen auf, die einen Rückschluss auf die Funktionen dieser Gehirnpartien gestatten.

Für das Drogeneinnahmeverhalten (einschließlich Alkohol und Nikotin) spielen das Mittelhirn und das Vorderhirn eine wichtige Rolle, in letzterem aber weniger die beim Menschen stark ausgeprägte Großhirnrinde (Cortex), sondern eher tiefere Hirnabschnitte, die unter der Rinde liegen (sogenannte subcorticale Areale).

Hier verlaufen Bahnen der Signalübertragung, die wesentlich an der Kontrolle des belohnungs- / bestrafungsgesteuerten Verhaltens beteiligt sind. Wenn Mensch oder Ratte beispielsweise erste Erfahrungen mit einer neuen Nahrungssorte machen, dann können diese positiv (schmeckt gut, macht satt) oder negativ sein. Je nach dieser Erfahrung wird das ausprobierende Individuum häufiger oder seltener auf diese Nahrungssorte zugreifen (man spricht von „Verhaltensverstärkung “) und dabei eine Vorerwartung entwickeln. Diese ist in subcorticalen Arealen direkt über veränderte Konzentrationen von Überträgerstoffen messbar.

Belohnungssystem und Drogeneinnahme

Das Gehirn „wartet “ gleichsam auf die bevorstehende Belohnung. Die gleichen Signalübertragungswege und Hirnareale sind bei der Drogeneinnahme aktiviert, auch hier haben wir es mit einer Verhaltensverstärkung zu tun, die auf den belohnenden Wirkungen des psychoaktiven Wirkstoffs (Alkohol, Heroin, Kokain etc.) beruht. Wenn sich beim Konsumenten eine Sucht entwickelt hat, gehen Kontrolle über die Einnahme und Abwägung gegenüber anderen Verhaltensalternativen verloren. Offenbar muss sich damit auch die Rolle der verhaltenskontrollierenden Gehirnpartien geändert haben. Einige Suchtforscher meinen, dass dieselben Übertragungsbahnen sich geändert haben, die auch schon vorher, im sogenannten „kontrollierten Konsum “, das Verhalten reguliert haben. Andere vermuten eher, dass eine neue Art der Verrechnung mit zwanghaftem Charakter hinzugekommen ist. Welche Vorstellung der Wirklichkeit am nächsten kommt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

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