Therapiekonzepte auf dem Prüfstand

  Sucht: Zwischen Legalisierung und Verbot.

 Therapiekonzepte - Zukunfts- oder Auslaufmodelle?

  Mit Therapiekonzepten und ihrer Rolle als Zukunfts- oder Auslaufmodell beschäftigt sich Prof. Dr. Wolfgang Heckmann, Professor für Sozialpsychologie an der Fachhochschule Magdeburg, im folgenden Beitrag. In der Kritik stehen eindimensionale Lösungsvorschläge von Politikern und selbst ernannten Fachleuten, die nur darauf gerichtet sind, öffentliche Aufmerksamkeit und Profil zu gewinnen. Vielmehr müssen nach Ansicht des Autors in Therapeutischen Gemeinschaften vielfältige Therapieziele entwickelt werden, die alle Bereiche Suchtkranker einbeziehen. Sein Fazit: Als zukunftsfähig haben sich gerade die Einrichtungen erwiesen, die in der Vergangenheit vielen einzelnen Menschen eine drogenfreie Zukunft geboten haben. Die Lehren aus drei Jahrzehnten Drogenhilfe sind vergleichsweise schlicht: Manche Menschen können mit Drogen umgehen. Das ist eine für uns Therapeuten nicht sehr angenehme Wahrheit. Natürlich gilt sie auch unterschiedlich je nach konsumierter Droge. Mit Alkohol beispielsweise können durchaus mehr Menschen umgehen als mit Nikotin - und mit Cannabis beispielsweise mehr als mit Heroin. Aber für jede, buchstäblich für jede Droge, gibt es auch Ausnahmen: Menschen, die gepflegt konsumieren können, die kaum jemals zu maßlosem Konsum übergehen, die nicht abhängig werden. Für diese Menschen sind wir, ist die Drogenhilfe, nicht zuständig.

Viele Menschen können nicht mit Drogen umgehen. In diesem Fall gibt es nicht viele Optionen. Natürlich ist es möglich, vom missbräuchlichen Konsum in den maßvollen Konsum zurückzufinden. Das versuchen auch viele, die bemerken, dass ihnen die Sache entgleitet. Aber sicher ist nur ein Weg: Wer mit einer bestimmten Droge nicht umgehen kann, sollte von ihr lassen. Die Mehrheit derer, die Drogen konsumieren, halten sich für Kategorie 1. Denn der allergrößte Teil unserer Klientel kämpft mit sich, mit den Angehörigen, mit den Organen der Rechtspflege, mit uns, vor allem aber immer wieder mit sich selbst gegen die Erkenntnis an, dass man zur Kategorie 2 gehören könnte. Selbst nach der einmal erfolgten Kapitulation vor der Droge, selbst nach Zusammenbruch, Entzug und Entwöhnung kehrt die Idee zurück, man könnte es doch noch einmal miteinander probieren. Der Rückfall ist selten ein brutal und rauschhaft eintretendes Ereignis, sondern ein schleichender Prozess, begleitet von der Illusion, doch nur gelegentlich und maßvoll mit dem Stoff umgehen und morgen wieder davon lassen zu können. Nicht wenige Menschen können sich selbst aus der Abhängigkeit befreien. Auch so eine unangenehme Erkenntnis für engagierte Helfer und Helferinnen: Spontanremissionen, maturing out, gibt es nicht einmal selten. Man kann Schätzungen kaum widersprechen, nach denen ebenso viele Menschen ohne Therapie clean oder trocken werden wie mit professioneller Unterstützung. Bei genauerer Betrachtung findet man auch bei den Prozessen des Herausreifens aus der Abhängigkeit quasi-therapeutische Prozesse und soziale Unterstützung, gute und pädagogisch begabte Freunde, unerwartete positive Perspektiven und materielle Anreize, aber es bleibt dabei: Nicht alle Süchtigen brauchen die Suchtkrankenhilfe.

  Therapieerfahrungen aus 30 Jahren

  Aber sehr viele Drogenkonsumenten und –konsumentinnen brauchen Hilfe zur Selbsthilfe. Der Anstoß zum Ausstieg kommt weder bei den Spontanheilern, noch bei den auf die helfende Hand Angewiesenen ganz von allein, ganz von innen heraus. Von der Idee einer Veränderung bis zur wirklichen Verhaltensmodulation braucht es stetige Unterstützung: von Angehörigen, von ehrenamtlichen Helfern in Selbsthilfegruppen, von sozialen, psychologischen und medizinischen Diensten, die mitnichten spezialisiert, sondern nur im richtigen Moment aktiv sein müssen. Hilfe zur Selbsthilfe kann auch und muss in bestimmten Fällen professionell sein. Für die Profis bleibt ein Rest von Leuten, die ihrer bedürfen. Und er ist groß genug, dass sie nicht um ihre Existenz fürchten müssen. Größer ist immer noch und auf lange Sicht das Risiko, dass sie zu wenig sind, um die große Zahl derer, deren Krankheitsverlauf so komplex und so dramatisch ist, dass sie ohne professionelle Diagnostik, Therapie und Rehabilitation nicht wieder ins Leben zurückfinden können. Professionelle Hilfe darf nicht aufgeben und nicht ausschließen. Soweit zu den einfachen Wahrheiten aus 30 Jahren Therapieerfahrung mit Drogen-, insbesondere mit Opiatabhängigen. Aber haben so schlichte Erkenntnisse noch eine Zukunft? Geht nicht vielmehr das Konzept derer auf, die die Angst vor den illegalen Stoffen nutzen, um sich selbst wichtig zu machen und zu ungewöhnlichen, radikalen Maßnahmen aufrufen? Muss der Mystifizierung des Drogenkonsums nicht die Mystifizierung der Drogenhilfe und Drogenpolitik folgen? Therapie ist nicht zu verwechseln mit Management. In vielen Diskursen über „das Drogenproblem“ steht städtisches oder regionales Krisenhandling im Vordergrund. Der verständliche Wunsch, Drogenkonsum zu einem „managable problem“ zu entwickeln oder zu definieren, führt zu globalen oder Patent- Lösungen, die oft auf den ersten Blick auch überzeugen. Aber: Hilfe ist zwar möglich, aber sie erscheint zu umständlich, zu aufwändig, zu teuer, zu anstrengend, zu schwer in Zuständigkeiten einpassbar, zu wenig stromlinienförmig eben. Das Drogenproblem hat ähnlich wie später das Aids-Problem, die eingefahrenen Gleise unseres scheinbar perfekten medizinischen Versorgungssystems gesprengt und verlangte nach Innovationen. Die erste Reaktion in den 60er und 70er-Jahren hieß bei der Bundesärztekammer: Klinik oder Nicht-Befassung. Mit anderen Worten: Wer in seiner Praxis einen Drogen-Konsumenten sichtete, sollte ihn unmittelbar in die Klinik, also in die stationäre Behandlung überweisen, oder aber sich mit ihm nicht befassen, ihn letztlich abweisen. Heute sehen wir eher eine Remedizinisierung, also ein hohes Interesse des ärztlichen Berufsstandes, sich auch mit diesen „Schmuddelkindern“ zu befassen. Motor für diese Entwicklung sind vermutlich einerseits die „Mediziner-Schwemme“ der 90er-Jahre, andererseits die zunehmende Akzeptanz medizinischer Antworten auf das Drogenelend – wie Ersatzdrogen und Originalstoff-Programme. Diese kommen dem naturwissenschaftlichen Kausal-Prinzip „Hier das Symptom, dort das Heilmittel“ entgegen. Sie entheben der Mühe, tiefer zu forschen. Die Entdeckung von Synapsen, die für den Prozess der Suchtentwicklung bedeutsam sein mögen, die Isolierung von Botenstoffen, die wenn sie nur rechtzeitig nachgefüllt werden, den Entzug zu einem Spaziergang verwandeln können - und nicht zuletzt die Vermarktung solcher Erkenntnisse als Durchbruch bei der „Lösung“ des Drogenproblems - fördern die Erwartungshaltung in die auf dem Gebiet der ursächlichen Behandlung von Süchten in Wirklichkeit längst und gründlich gescheiterte medizinische Wissenschaft.

 Wer oder was aber hilft?

  Grundsätzlich gilt, dass eindimensionale Lösungsvorschläge Politikern und Politikerinnen und so genannten Experten und Expertinnen helfen, öffentliche Aufmerksamkeit und Profil zu gewinnen, den Suchtkranken helfen sie weniger. Beispiele für solche eindimensional angelegten Drogendebatten sind der „Krieg dem Rauschgift“ (Bundesregierung, alt) oder die „Originalstoff-Vergabe“ (Bundesregierung, neu). Das Thema Drogenpolitik ist wohlfeil für hohe öffentliche Aufmerksamkeit bei geringer Investition. Man braucht nur einige von den Forderungen zu erfüllen, die die alte Bundesregierung konsequent abgewiesen hat. Es reicht sogar schon, deren Erfüllung anzukündigen - und schon erscheint man im Gewand des Fortschritts. Der resignative Ansatz Originalstoffvergabe von Heroin an Heroinabhängige, gelegentlich auch euphemistisch als „Substitution mit Original-Substanzen“ bezeichnet, ist besonders bei den grünen Gesundheitspolitikern ebenso beliebt wie die Idee der staatlich lizensiertenshooting galeries“ oder „Spritze-Hüsli“, in Deutschland euphemistisch gern mit „Gesundheitsräume“ übersetzt. Gibt es Gesundes im Kranken? Es bleibt also in Deutschland bei dem erstklassigen gesundheitspolitischen Skandal, dass nur zwei bis fünf Prozent derjenigen, die einer Behandlung bedürften, überhaupt ein ernst zu nehmendes und wirksames Angebot erhalten. Alle anderen bleiben in den Warteschleifen, in den bürokratischen Schlingen, in der Nichtbeachtung, im Stigma der Nichtmotivierbarkeit und in den Fallstricken der Repression hängen. Die neue symbolische Politik der Heroinvergabe und der Gesundheitsräume nützt neben den Politikern nur wenigen Menschen – wenn sie nützt. Internationaler Durchbruch: Vierfach-Strategie Die eindimensionalen Lösungsvorschläge haben eine wechselnde Konjunktur und bleiben seit Jahrzehnten dieselben: Zwangs-Therapie, (Ersatz-)Drogenvergabe, Legalisierung einzelner oder aller Drogen. Die mehrdimensionalen Strategien haben sich in der internationalen Fachdiskussion weiterentwickelt und umfassen heute vier Aspekte: Reduzierung der Nachfrage, Reduzierung des Angebotes, Reduzierung der Risiken, Reduzierung der Not und des Elends. Deshalb liegt schon ein großes Verdienst in den Aktivitäten, die sich mit Forderungen nach Verminderung von Risiken und des Elends in Form von spektakulären Methoden wie Gesundheitsräumen Gehör verschafft haben. Es ist aber auch ein Verdienst der internationalen Fachdiskussion, wie sie von Organisationen wie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) und dem ICAA (Internationaler Rat gegen Alkohol und Abhängigkeiten) getragen wird, eine umfassende Strategie zu entwickeln, die alle bedeutenden Aspekte integriert und nun nicht in den umgekehrten Fehler verfällt, nur noch auf harm und risk reduction zu setzen. Auf dieser Grundlage ist es unter seriösen Fachleuten zu der weltweit empfohlenen Vierfach- Strategie gekommen. Allerdings bedarf es nach wie vor einiger Klarstellungen und Festlegungen zur Terminologie, denn ideologische Positionen und Heilslehren verengen den Blick auf eine wirklich umfassende strategische Orientierung. Zukunft wird nur sein, wenn sie für strategische Erweiterungen offen bleibt. Das ist ein sehr hoher Anspruch und seine Einlösung wird durch die sehr menschliche Neigung, für komplexe Probleme einfache Lösungen zu wünschen, behindert. Dass dieser Wunsch insbesondere auch im politischen Alltag immer wieder das Handeln bestimmt, verpflichtet uns zu geduldigem Umgang, gleichwohl hartnäckiger Überzeugungsarbeit gegenüber politisch  Verantwortlichen.

 Therapieziele mehrdimensional ausrichten

  Therapieziele für Suchtkranke können ebenfalls nicht eindimensional (beispielsweise auf Abstinenz) orientieren. In Therapeutischen Gemeinschaften werden sie in der Regel vielfältiger entwickelt als Lebensfähigkeit, die gleichgesetzt werden kann mit differenzierten Teilzielen wie Arbeitsfähigkeit, Liebesfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Abstinenzfähigkeit und Genussfähigkeit. Letztere wird leider zu sehr vernachlässigt und es zeigt sich nicht eben selten in einer therapeutischen Einrichtungen, dass Mitarbeiter teilweise selbst Schwierigkeiten haben, das Leben zu genießen oder genussvoll zu leben. Andererseits kann man auch im therapeutischen Klima deutliche Unterschiede erkennen zwischen Einrichtungen, in denen ein Misstrauen gegenüber allen Formen von Lust und Genuss vorherrscht, und solchen, in denen bewusst positive, genussreiche Alternativen zum Drogenkonsum gelebt werden. Die Therapeutische Gemeinschaft hat hier grundsätzlich mehr zu bieten als ein stärker auf Behandlung, Reparatur und Anpassung orientiertes Regime, weil sie selbst von ihren Ursprüngen und Kernelementen her einen Gegenentwurf zur Gesellschaft darstellt, der weniger Konkurrenz, mehr soziale Unterstützung und Selbstverwirklichung ermöglicht. Ähnlich wie mit der tendenziell misstrauisch oder missgünstig betrachteten Sache mit dem Genuss ist es mit der Liebe. Weil es mit der Liebe so schwierig ist und weil sie auf jeden Fall den therapeutischen Prozess stört, verlieren wir das Teilziel Liebesfähigkeit allzu leicht aus den Augen. Obwohl wir zumindest bei den allermeisten Klienten und Klientinnen einen Begriff davon haben, dass sie beziehungsgestört sind und obwohl wir innerhalb der Gemeinschaft auch die Entwicklung und Pflege personaler Beziehungen fördern, tun wir meiner Beobachtung nach noch immer viel zu wenig, um die spezifische Partner-Problematik und ein befriedigendes Liebesleben als Teil des therapeutischen Auftrags anzunehmen. Es wären gewiss weitere Teilziele zu nennen, die in einzelnen Einrichtungen verfolgt werden – und diese zusätzlichen Ziele machen in der Regel ja auch das Spezifische einer jeden Therapie aus. Ich möchte hier nur noch einige Ziele nennen, die selten ausdrücklich benannt werden, die mir jedoch besonders wichtig sind. Es sind dies Nächstenliebesfähigkeit, Traumfähigkeit und Transzendenzfähigkeit. Die gegenwärtige öffentliche Auseinandersetzung lebt von pauschalen Zuschreibungen wie „Scheitern der bisherigen Drogenpolitik“, „Es gibt keinen Königsweg“ etc.. Ihre Zukunftsfähigkeit haben derzeit merkwürdigerweise gerade die Einrichtungen nachzuweisen, die in der Vergangenheit vielen einzelnen Menschen eine (drogenfreie) Zukunft geboten haben.

  Königsweg drogenfreie Therapie

 

Es wäre sehr reizvoll, die nationalen und regionalen Drogenpolitiken zu untersuchen und die Frage ihres Scheiterns wirklich mit wissenschaftlicher Akribie zu prüfen: Welche Ziele sind definiert? Welche Mittel werden eingesetzt? Welche Effekte wurden/werden erzielt? Seit kurzem hat die Europäische Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon mit einer längst überfälligen Untersuchung der Investitionen europäischer Staaten in die Drogenpolitik begonnen: Wie viel kostet die Repression, wie viel die primäre Prävention, wie viel die Rehabilitation ? Bisher liegen derartige Detailstudien nur über die USA, die Niederlande und die Schweiz vor – und sie kommen unisono zu dem Schluss, dass in diesen Staaten in die Repression weitaus überproportional investiert wird. Man darf gespannt sein auf die Ergebnisse des europäischen Politik-Vergleichs. Nun aber zum „Königsweg“: Der Königsweg heißt für mich drogenfreie Therapie. Das ist der beste Weg für einen Suchtkranken. Ich habe mich entschlossen, notfalls der letzte Fachmann in Deutschland zu sein, der sich noch getraut, das auszusprechen: Es gibt einen Königsweg für Leute, die nicht mit Drogen umgehen können, nämlich ganz von den Drogen zu lassen. Es gibt natürlich noch andere Wege außer Königswegen. Der Königsweg ist begrifflich, genau genommen, ein Synonym für höchste Qualität, weil sich die Könige, zumal sie es sich leisten konnten, die schönsten Kleider verschafft haben, den wertvollsten Schmuck, das schmackhafteste Essen, das Beste zu Trinken und auch die Wege, die am sichersten zum Ziel führten. Weil er stattdessen aber überall so kleingeredet wird, der Königsweg, könnte man meinen, er sei doch ein Auslaufmodell. Es gibt einige Anzeichen, die uns das befürchten lassen. Indikatoren für Auslaufmodelle Die Komplexität des Phänomens Sucht wird heute kaum noch zum Thema. Als einen Indikator dafür möchte ich aus einem Tagungsprogramm zitieren, in dem u.a. ein Vortrag unter dem Titel „Was führt zum Nebenkonsum in heroingestützten Programmen?“ angekündigt wird. Die Frage wird gestellt, als sei das ein Nebenthema, das nun auch noch zu klären und dann zu managen sei. In Tat und Wahrheit aber offenbart die seit Beginn der Heroinexperimente in Zürich bekannte Erscheinung, dass mit Heroin legal versorgte Heroinabhängige sich plötzlich illegal mit Kokain versorgen, das ganze Dilemma der Stoffabgabestrategie: Sie trifft eben nicht auf Menschen mit einem Insulinmangel und Einsicht in die Diabeteserkrankung, sondern sie wendet sich an Menschen mit Haltungen und Gewohnheiten, die ganz erheblich durch Devianz und durch eine mit Stoff eben nicht zu befriedigende Sehnsucht geprägt sind. Daran würde auch die von Züricher Kollegen gelegentlich geforderte zusätzliche legale Vergabe von Kokain nichts ändern. Die Kassen gelten als leer, die Finanzierbarkeit des Königsweges und auch anderer Wege gerät in Gefahr. Es gab nie goldene Zeiten für Suchttherapien, sondern meist nur für wenige der objektiv Therapiebedürftigen ein Angebot. Aber unter Hinweis auf den allgemein verbreiteten Therapiepessimismus kann noch leichter als früher ein Antrag von Betroffenen verschleppt oder ein Angebot für eine neue Einrichtung abgewiesen werden. Ein Indikator dafür ist die Tatsache, dass Bundesmodellmittel, wie sie die Entwicklung der Drogenhilfe in der Republik seit Beginn der 70er-Jahre begleitet und auch voran gebracht haben, überhaupt nicht mehr fließen. Nach den vollmundig versprochenen Originalstoff-Experimenten bleibt nichts für dringend notwendige andere Vorhaben im Bereich der Sekundärprävention. Die Akzeptanz der neuen symbolischen Politik besteht noch. Das Konzept der neuen Regierung geht bisher auf, weil nach den langen Jahren der konservativen drogenpolitischen Töne aus dem Innenministerium auf diesem Gebiet endlich ein Wandel erhofft wurde und es manche Fachleute schon erfreut, dass sich überhaupt etwas bewegt. Andere halten die neue Politik der liberalen Geste sogar für einen Durchbruch. Auch das Umfeld der Abhängigen ist nicht unzufrieden mit den neuen Vorschlägen, manche Eltern hoffen sogar darauf, dass ihr abhängiges Kind ins Heroinprogramm kommt, das doch auf den ersten Blick verspricht, dass es etwas Ruhe auch in die sozialen Beziehungen bringen könnte. Die Unterschiede zwischen Stoff- und Abstinenzorientierung sind außerhalb der engeren Fachdiskussion kaum noch vermittelbar. Die Propaganda läuft unter dem Beifall der Medien auf hohen Touren und lässt für Zwischentöne nur wenig Platz. Die Mitarbeiter in niedrigschwelligen und ambulanten Angeboten halten sich bedeckt oder schielen halb interessiert auf das neue Budget für Heroinexperimente, halb ängstlich auf das eher schrumpfende Budget für die klassischen Aufgaben. Allein in den Therapeutischen Gemeinschaften, wo die Humanistische Psychologie ihre Spuren in Köpfen und Händen hinterlassen hat, wo man nach wie vor vom positiven Entwicklungspotenzial auch suchtkranker Menschen ausgeht und deshalb resignative Strategien nicht einmal als Ausnahme zulassen will, ist die Haltung der meisten Mitarbeiter klar. Es scheint, als hätte die Langnese-Pädagogik eine Renaissance:  Benimm dich richtig, dann bekommst du ein Eis; benimmst du dich falsch, dann bekommst du kein Eis. Nach den heftigen pädagogischen Debatten der 70er-Jahre hätte man glauben können, dass sich solche Methoden vielleicht noch in einigen Reservaten von unaufgeklärten Eltern gehalten haben. In der Drogenhilfe jedenfalls galten etwas höher entwickelte pädagogische Formen wie das Lernen am Modell und die Beziehungsarbeit als recht gut etabliert. Als Indikator für die Rückkehr der Langnese-Pädagogik in die Drogenhilfe mag das Beispiel Bern gelten, wo in der Heroin-Vergabe-Praxis die Frage auftauchte, was man denn tun könne, wenn sich die Klienten und Klientinnen nicht an das strenge Behandlungsregime halten. Man kam auf die Idee, den schlecht kooperierenden Abhängigen an diesen Tagen „nur“ Methadon zu geben und nicht das gewünschte und versprochene Heroin.

 Es bleibt das Prinzip Hoffnung

  Die oben genannten Indikatoren dafür, dass wir uns auf dem Weg ins Rückschrittliche befinden, sollten unseren Blick für die Zukunft schärfen:

• Wir sollten realistischerweise damit rechnen, dass die Zeiten für abstinenzorientierte Maßnahmen noch schwieriger werden. Inikatoren dafür finden sich genug in den Niederlanden und der Schweiz, aber auch bereits in den östlichen Bundesländern.

  • Wir können eine noch stärkere Biologisierung des Suchtproblems und damit eine noch stärker somatisch orientierte Behandlung erwarten.

  • Wir stehen vermutlich erst am Beginn einer Ära der symbolischen politischen Akte und wir werden in Zukunft wahrscheinlich ein Primat der Politik und der politischen Grabenkämpfe an die Stelle der fachlichen Auseinandersetzungen treten sehen.

  • Wir werden aber auch nicht mehr lange darauf warten müssen, dass sich die unmittelbar und mittelbar Betroffenen zur Wehr setzen, die Selbsthilfe wieder stärker wird und den ganzen Zauber in Frage stellt.

  • Etwas länger wird es vielleicht dauern, bis sich auch die sozialen Berufe wieder auf ihre Qualität und ihren genuinen Beitrag zur Drogenhilfe besinnen.

  Es bleibt also als Prinzip Hoffnung, dass die ganzheitliche Förderung des Mensch-Seins als bio-psycho-soziales Wesen auch in der Drogenhilfe noch kein Auslaufmodell ist. Die ganzheitliche Sicht auf den von Stoffen abhängigen Menschen verpflichtet uns zu sehen, dass Drogen für ihn ein bio-psychischer Ersatz für psycho-soziale Bedürfnisse sind und dass deren Substitution durch andere bio-psychische Lösungen nur ein Betrug am psychischen und sozialen Leben sein können.

Wolfgang Heckmann