Techno und Drogen

 

Drogenkonsum Jugendlicher in der Techno-Party-Szene europäischer Metropolen

 

Von Peter Tossmann, Marc-Dennan Tensil

 

Einleitung

 

Die Love Parade wurde in diesem Jahr bereits elf Jahre alt und auch dieses Mal tanzten wieder ungefähr eine Million Raver und Schaulustige durch den Berliner Tiergarten. Die Techno-Szene ist zwar schon oft totgesagt worden – und möglicherweise lässt sich die ursprüngliche “Szene” auch kaum noch finden - elektronische Musik jedoch hat ihren Siegesmarsch durch die Jugendkultur vor allem europäischer Länder vollzogen. So finden sich heute in vielen Metropolen Europas eine Vielzahl von szenespezifischen Bars und Klubs sowie Ableger der Love Parade.

Schon zu Beginn der 90er-Jahre wurde von den Medien ein enger Zusammenhang zwischen “Techno” und Drogenkonsum postuliert. So konnte man in einer Ausgabe des Stern lesen: “Techno und Ecstasy gehören zusammen wie Bratwurst und Senf” (Heft 3/1996). Und tatsächlich wurde spätestens seit den ersten veröffentlichten Forschungsarbeiten zum Drogenkonsum in der Techno-Szene deutlich, dass die Besucher von Techno-Partys eine wesentlich höhere Konsumerfahrung mit Ecstasy aufweisen als eine altersentsprechende “Normalbevölkerung”. In mehreren Forschungsarbeiten zeigte sich auch, dass der Konsum von Ecstasy eng mit dem Konsum anderer Drogen zusammenhängt. So konnte gezeigt werden, dass fast alle Ecstasykonsumenten auch Cannabis, Speed (Amphetamine), Halluzinogene und/oder Kokain konsumieren (Ayer, Gmel, & Schmid, 1997, Tossmann, 1997, Rakete, & Flüsmeier, 1997, Künzel, Kröger, Bühringer, Tauscher & Walden, 1997; Tossmann & Heckmann, 1997, Tossmann, Boldt & Tensil, 1999).

Wie viele andere Jugendkulturbewegungen vorher auch schon ist “Techno” ein internationales Phänomen. Sollen adäquate präventive Strategien auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene konzipiert bzw. weiterentwickelt werden, so sind differenzierte Erkenntnisse über die Verbreitung spezifischer Konsummuster und deren soziokulturellen Zusammenhängen erforderlich. Mit dieser Zielsetzung wurde in den Jahren 1998-99 eine Studie zum Drogenkonsum Jugendlicher in der Techno-Party-Szene von sieben europäischen Metropolen durchgeführt (Tossmann, Boldt & Tensil, 2000). Im Rahmen dieser Ausgabe von Konturen sollen nun einige Ergebnisse dieser Forschungsarbeit zusammenfassend dargestellt werden.

 

Untersuchungsmethode

 

Mit Hilfe eines in die jeweilige Landessprache übersetzten Erhebungsbogens wurden in Amsterdam, Berlin, Madrid, Prag, Rom, Wien und Zürich jeweils 500 Besucher unterschiedlicher Techno-Partys nach ihrer sozialen Situation, ihrem Drogenkonsum und ihrem Szenebezug befragt. Insgesamt konnten 3.503 Besucher von Techno-Veranstaltungen für die Befragung gewonnen werden. Dabei wurde nach einem Erhebungsplan vorgegangen, der eine vergleichbare Rekrutierung in den beteiligten Metropolen sicherstellen sollte.

Tabelle 1: Anzahl erhobener Fragebögen in den Metropolen (N=3503)

 

Amsterdam

Berlin

Madrid

Prag

Rom

Wien

Zürich

n = 496

n = 501

n = 500

n= 505

n = 496

n = 505

n = 500

 

 

Soziodemografische Merkmale der Untersuchungsteilnehmer

Bevor nun auf die Frage nach dem Drogenkonsum in der Techno-Party-Szene einzugehen ist, soll die Untersuchungsstichprobe hinsichtlich einiger wesentlicher Charakteristika beschrieben werden. Nach den hier vorliegenden Daten aus den beteiligten Metropolen Europas ist der durchschnittliche Techno-Besucher 22 Jahre alt und männlich (68 Prozent in der Gesamtstichprobe), wohnt noch bei seinen Eltern und macht gerade seine Berufsausbildung bzw. studiert oder arbeitet schon.

Tabelle 2:     Soziale Situation der Untersuchungsteilnehmer in der Gesamtstichprobe (N=3503)

 

 

Anteil an der Gesamtstichprobe

(%)

absolute Häufigkeiten

n

aktuelle Tätigkeit

 

Schule / Universität

berufstätig

erwerbslos

sonstiges

31,6

44,2

6,4

4,0

1440

1530

220

140

 

 

 

 

Berufsausbildung

hat eine Berufsausbildung

befindet sich in einer Berufsausbildung

41,3

42,8

1420

1481

 

 

 

 

Wohnsituation

bei den Eltern

alleine

Wohngemeinschaft

mit Partner(in)

sonstiges

59,1

17,9

10,1

9,3

3,6

2041

620

348

320

127

 

Entsprechend der vorliegenden soziodemografischen Daten kann angenommen werden, dass sich die Techno-Szene Europas aus vergleichsweise unauffälligen jungen Menschen zusammensetzt, die eine eher gute soziale Integration aufweisen. Abgesehen von den “harten” Daten, die wir per Fragebogen erhoben haben, konnten wir natürlich auch Eindrücke vor Ort sammeln: So fällt auf, dass "Techno-nahen" Jugendliche unterschiedlicher Länder ein relativ ähnliches Outfit tragen. Man könnte meinen, dass kulturelle Unterschiede durch Techno gewissermaßen minimiert werden.

 

Ergebnisse

Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammengefasst [1] dargestellt. Zum einen wird (1.) auf die Verbreitung des Drogenkonsums in der Techno-Party-Szene europäischer Metropolen und (2.) auf spezifische Konsummuster einzugehen sein. Abschließend soll dann (3.) geklärt werden, ob ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Drogen einerseits und der Zugehörigkeit zur Techno-Szene andererseits besteht.

1.  Prävalenz des Drogenkonsum in den Metropolen

Einige nationale Studien sind bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Techno-Veranstaltungen besuchen ein vergleichsweise hoher Anteil an drogenkonsumierenden Personen zu finden ist. Bisher gab es aber keine verlässliche Grundlage, auf der auch ein internationaler Vergleich möglich war. Mit der oben beschriebenen methodischen Vorgehensweise konnten vergleichbare Daten gewonnen werden. Tabelle 3 vermittelt einen Überblick über die Lebenszeitprävalenz in den Metropolen. D.h. es wurde danach gefragt, wie viele Personen mindestens 1 Mal in ihrem Leben eine der aufgelisteten Substanzen schon einmal genommen haben.

Tabelle 3:         Lebenszeitprävalenz des Konsums illegaler Substanzen in den Metropolen (%)

 

Amsterdam

Berlin

Madrid

Prag

Rom

Wien

Zürich

Cannabis

91,7

78,6

87,0

88,2

65,5

71,5

85,8

Ecstasy

83,4

44,6

64,1

38,2

30,5

37,5

51,8

Speed

61,3

46,1

51,7

46,1

21,1

36,2

38,6

Halluzinogene

66,8

41,6

55,8

48,7

21,1

34,9

54,4

Kokain

59,6

33,2

68,3

21,3

31,5

29,0

37,8

Opiate

6,0

7,0

6,1

20,6

3,9

10,7

11,4

Interessant sind nun zum einen die unterschiedlichen Prävalenzen der Substanzen und zum anderen die Unterschiede zwischen den Metropolenstichproben. Das heisst, die Ergebnisse können horizontal (Vergleich der Metropolen im Hinblick auf eine Substanz) und vertikal (Vergleich der Substanzen innerhalb der Metropolen) gelesen werden. Fasst man die wichtigsten Ergebnisse auf der vertikalen Ebene zusammen, so kann zunächst gesagt werden, dass Cannabis in jeder Metropole die am weitesten verbreitete Substanz ist. In Amsterdam haben sogar neun von zehn Befragten mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Hingegen gehören die Opiate zu den Substanzen, mit denen bisher am wenigsten Erfahrung gemacht wurde, wobei aber in Prag immerhin jeder Fünfte schon einmal Opiate konsumiert hat. Im Hinblick auf die übrigen Substanzen ergeben sich unterschiedliche Rangplätze in den Metropolen. Hier zeigt der horizontale Vergleich, dass die Konsumerfahrung mit Ecstasy vor allem in der Amsterdamer Techno-Szene weit verbreitet ist. Erstaunliche 83 Prozent haben bereits Erfahrung mit Ecstasy gemacht. Das sind fast doppelt so viele Konsumerfahrene wie in Berlin. Am wenigsten Erfahrung haben die Untersuchungsteilnehmer aus Rom, wobei der Anteil von zwei Dritteln Erfahrener immer noch weit über dem in der altersgleichen Normalbevölkerung liegen dürfte.

Ein weiteres erstaunliches Ergebnis ist der Konsum von Kokain. Ungefähr zwei Drittel der Befragten in Amsterdam und Madrid haben Konsumerfahrung mit Kokain. In Rom ist die Rate zwar deutlich niedriger, der Anteil der Konsumerfahrenen rangiert allerdings schon auf dem zweiten Platz. Angesichts des vergleichsweise hohen Gesundheitsrisikos des Kokainkonsums müssten diese Ergebnisse einer weiteren differenzierten Überprüfung unterzogen werden.

 

2.  Konsummuster in der Techno-Party-Szene

Ein konstituierendes Merkmal für Drogenkonsummuster ist die Konsumfrequenz. Mit diesem Parameter lässt sich die Bindung des Konsumenten an die Substanz beschrieben. Die nächste Abbildung gibt Aufschluss über die Häufigkeit des Substanzkonsums in der untersuchten Gesamtstichprobe aller 3503 Besucher von Techno-Partys.

Sieht man einmal vom Cannabiskonsum ab, so hat die Mehrheit der Befragten in den letzten 30 Tagen zum Zeitpunkt der Untersuchung gar keine illegale Droge konsumiert. Wenn Ecstasy, Speed, Halluzinogene oder Kokain konsumiert wurden, so sind ein bis vier Konsumtage am wahrscheinlichsten, wobei in Bezug auf Ecstasy immerhin 20 Prozent der Befragten diese Konsumfrequenz aufweisen. Vermutlich beschränkt sich der Konsum dieser Substanzen noch vorwiegend auf das Wochenende. Opiate werden nur von einer kleinen Minderheit aktuell konsumiert und können unter epidemiologischen Gesichtspunkten betrachtet zumindest in dieser Analyse vernachlässigt werden. Besondere Beachtung soll aber dem Konsum von Cannabis geschenkt werden. Zwar haben knapp 40 Prozent der Befragten keinen aktuellen Konsum, aber fast 20 Prozent aller Untersuchungsteilnehmer der sieben Metropolen konsumieren Cannabis täglich.

Im Rahmen der Studie wurde weiterhin untersucht, ob es denn auch zum Mischkonsum dieser Substanzen kommt, was ja die ähnlichen Konsumfrequenzen der Substanzen nahe legen. Mischkonsum von Substanzen – so die konzeptionelle Überlegung – liegt dann vor, wenn mindestens zwei Substanzen mit psychotropem Wirkspektrum in einem so engen zeitlichen Rahmen konsumiert werden, dass sich die Rauschwirkungen überlagern (können). Um den Interpretationsspielraum einzugrenzen, wurde festgelegt, dass von Mischkonsum in Zusammenhang mit dem Ecstasykonsum gesprochen werden kann, wenn sechs Stunden vor oder nach dem Konsum von Ecstasy noch andere psychotrope Substanzen eingenommen werden.

Um einen ersten Überblick über das Phänomen des Mischkonsums zu erhalten, werden nun zunächst die Prävalenzen der einzelnen Substanzen vor und nach sowie vor und/oder nach dem Konsum von Ecstasy im Überblick dargestellt. Alkohol wurde mit in die Analyse einbezogen, da es sich dabei ebenfalls um eine potente psychotrope Substanz handelt.

Tabelle 4:         Mischkonsum von Ecstasy und anderen Substanzen* (N=1594)

 

6 Stunden vor und / oder nach dem Konsum von Ecstasy

6 Stunden vor dem Konsum von Ecstasy

6 Stunden nach dem Konsum von Ecstasy

Cannabis

70,7

55,5

55,9

Alkohol

66,2

57,3

42,2

Speed

29,3

19,4

20,3

Kokain

25,2

16,2

18,1

Halluzinogene

12,4

7,0

8,7

Opiate

2,9

1,4

2,1

*Angaben in Prozent

Im Hinblick auf die Substanzen haben Ecstasykonsumenten offenbar bestimmte Präferenzen, da die Drogen sonst gleiche Wahrscheinlichkeiten aufweisen müssten. Mehr als zwei Drittel der Ecstasykonsumenten hat innerhalb des definierten Zeitrahmens zusätzlich Cannabis konsumiert, und nur etwas weniger Befragte haben zusätzlich Alkohol getrunken. Angeblich wird Cannabis ja gerne als Drogen zum “Runterkommen” vom Ecstasyrausch benutzt. Betrachtet man sich die nächsten beiden Spalten, so ist jedoch zu erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit des Cannabiskonsums vor der Einnahme von Ecstasy genauso hoch ist, wie hinterher. Und der Mythos von den alkoholabstinenten Ecstasykonsumenten kann mit diesen Zahlen wohl auch begraben werden. Speed, Kokain und auch die Halluzinogene werden ebenfalls von vielen zusätzlich konsumiert, wobei letzteres schon deutlich weniger mit Ecstasy gemischt wird. Nur die Opiate scheinen im Zusammenhang mit Ecstasy keine Rolle zu spielen, was aber in Anbetracht der geringen Konsumprävalenzen zu erwarten war. Bedenkt man nun, dass Dutzende von Informationsbroschüren in jedem Land auf die Gefahren des Mischkonsums hinweisen, so gibt es auch in diesem Punkt wohl eine internationale Übereinkunft, sich nicht dran zu halten. Zwar kann mit diesen Zahlen keine Aussage über die Quantität der zusätzlich konsumierten Substanzen gemacht werden, man kann aber davon ausgehen, dass die Gefahr gesundheitlich Schaden zu nehmen oder eine Abhängigkeit zu entwickeln mit der Anzahl zusätzlich konsumierter Drogen steigt.

3.  Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und der Zugehörigkeit zur Techno-Szene

Was kann nun über den Zusammenhangs zwischen dem Drogenkonsum und der Affinität für die Techno-Szene gesagt werden? Stehen hoch involvierte Techno-Fans dem Konsum von Substanzen näher? Um diesen Zusammenhang untersuchen zu können haben wir zwei Maße herangezogen: die Ausgehhäufigkeit und die Ausgehdauer, wobei angenommen wird, dass die Eingebundenheit in die Szene umso stärker ist, je häufiger jemand auf Techno-Veranstaltungen geht und je länger der/diejenige sich dort aufhält. Aus diesem beiden Maßen wurden nun vier “Extremgruppen” der Involviertheit in die Techno-Party-Szene gebildet, die sich folgendermaßen aufschlüsseln:

·   Gruppe I:    hohe Ausgehfrequenz und lange Ausgehdauer (mind. 1x/Woche & >16 h)

·   Gruppe II:    niedrige Ausgehfrequenz und kurze Ausgehdauer (< 1x/Monat & <8 h)

·   Gruppe III:   niedrige Ausgehfrequenz und lange Ausgehdauer (< 1x/Monat & >16 h)

·   Gruppe IV:  hohe Ausgehfrequenz und kurze Ausgehdauer (mind. 1x/Woche & <8 h)

Die ersten beiden Gruppen sind homogen, was die beiden Maße betrifft. Gruppe III und IV sind Mischgruppen. Aus den Ergebnissen dieser Gruppen lässt sich später ablesen, welche der beiden Involviertheitsmaße stärker mit dem Drogenkonsum zusammenhängt. Differenziert nach den Substanzen ergibt sich nun folgende Abbildung:

Wie zu erwarten war, bestehen große Unterschiede in der Prävalenz zwischen der hoch involvierten Gruppe I und den niedrig involvierten Personen der Gruppe II. Die Prävalenzraten der Gruppe III und IV müssen jedoch differenziert betrachtet werden. In Bezug auf Ecstasy, Speed und Halluzinogene zeigt sich, dass die Ausgehdauer stärker mit der Prävalenz des Konsums zusammenhängt als die Ausgehfrequenz. Die Monatsprävalenz des Cannabiskonsums ist zwar unter der Bedingung einer langen Ausgehdauer ebenfalls höher, die Unterschiede sind aber vergleichsweise gering. In Hinblick auf den Kokainkonsum zeigen sich allerdings so gut wie keine Unterschiede, und die Prävalenzen des Opiatkonsums sind insgesamt so niedrig, dass praktisch kein Zusammenhang mit der Szene-Involviertheit besteht.

Somit kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Konsum von Ecstasy, Speed, Halluzinogenen und Kokain stark mit der Involviertheit in die Techno-Party-Szene zusammen hängt. Je häufiger eine Person auf Techno-Veranstaltungen geht und je länger sie dort bleibt desto wahrscheinlicher wird der Konsum der genannten Substanzen. Die Prävalenz des Cannabiskonsum ist insgesamt sehr hoch, steigt dann zwar auch mit zunehmender Ausgehdauer und -frequenz, erreicht aber relativ schnell ein vergleichsweise hohes Niveau. Ob jemand mittelmäßig oder hoch involviert ist, macht in Bezug auf den Cannabiskonsum kaum noch einen Unterschied. Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass die Ausgehdauer stärker mit dem Drogenkonsum zusammenhängt als die Ausgehfrequenz. Dies gilt vor allem für den Konsum von Ecstasy, Speed und Halluzinogenen. Bei Cannabis ist der Unterschied sehr gering und bei Kokain so gut wie nicht vorhanden.

 

Fazit

 

Ob man nun in Berlin, Amsterdam oder Madrid tanzen geht, wo Techno ist, da werden auch Drogen konsumiert. Dieser Zusammenhang besteht in jeder Metropole, da die Prävalenz des Drogenkonsums sich jeweils deutlich von der in der altersentsprechenden Normalbevölkerung unterscheidet. Erstaunlich sind insbesondere die Prävalenzraten für den Cannabiskonsum. In jeder der untersuchten Metropolen hat die Mehrzahl des Party-Publikums Konsumerfahrung mit Marihuana oder/und Haschisch. Unterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich der Substanz, die in der jeweiligen Szene von nächst größerer Bedeutung sind. Während die meisten Techno-Fans in Amsterdam und Wien Konsumerfahrung mit Ecstasy haben, zeigen die Raver in Madrid und Rom eine stärkere Affinität zu Kokain. In Prag und Zürich haben die meisten zusätzlich schon mal Halluzinogene konsumiert, wohingegen das Berliner Party-Publikum offenbar eine etwas größere Erfahrung im Umgang mit Amphetaminen hat. Eine Erklärung dieser differenziellen Unterschiede kann mit dem hier vorliegenden Datenmaterial nicht geleistet werden. Wahrscheinlich gehen diese Unterschiede jedoch stärker auf regionale Marktgegebenheiten als auf subjektive Präferenzen zurück.

Was bedeuten nun die hier dargestellten Ergebnisse für die Praxis der Drogenprävention? Zuerst einmal fordert der in allen Ländern Westeuropas festzustellende epidemiologische Trend zu synthetischen Drogen politisch Verantwortliche wie Prak­tiker heraus, eine kritische Bestandsaufnahme aktueller drogenpräventiver Maß­nahmen durchzuführen, um gege­benenfalls neue Programme zu entwickeln. Eine Expertengruppe, die im Auftrag des European Monitoring Centre for Drugs and Dug Addiction EMCDDA eine Übersicht aktueller Präventionsprogramme in Ländern der Europäischen Gemeinschaft durchführte, kommt zu dem Schluss: “Most Member States run, or are planning to run, activities specifically related to synthetic drugs. In general, the number of activities organised follows the rough prevalence of synthetic drug use. (...) The education of legislators, policy-makers and planners about the complexities of recreational and dance drugs will become an increasing priority in the future” (Griffiths, Vingoe, Jansen, Sherval & Lewis, 1997, S. 90/91).

Auch wenn sich in vielen Ländern Europas mittlerweile ein breiter Konsens hinsichtlich des Bedarfs an spezifischen drogenpräventiven Maßnahmen findet, so muss dennoch ein Mangel auf der program­matischen Ebene konstatiert werden. So finden die beschriebenen neuen Ent­wicklungstrends des Drogenkonsum nur in wenigen zurzeit vorliegenden Präventionsmaterialien einen Niederschlag. Auch ist zu fragen, ob die Konzepte der schulischen Sucht­prävention angesichts der neuen Drogensituation überarbeitet werden müssen und welche Methoden hierbei angemessen scheinen.

Eine weitere Implikation der vorliegenden Forschungsarbeit betrifft die Aufgabe einer stärkeren Zielgruppenorientierung drogenpäventiver Maßnahmen. Damit ist zum einen gemeint, dass präventive Maßnahmen auf die Lebensweise und das Milieu der Ziel­gruppe ausgerichtet sein müssen, und dass Zielgruppen nach Möglichkeit an der Gestaltung der Maßnahmen zu beteiligen sind. Zielgruppenorientierung bedeutet in diesem Fall aber auch, dass Programme dort angesiedelt werden sollten, wo sich die Zielgruppe aufhält, unabhängig davon, ob es sich hierbei einfach nur um Bereitstellung von Information (Faltblatt, Infostand, etc.) oder um ein komplexeres Angebot, in dem unterschiedliche szenenahe Kooperationspartner einbezogen werden.

 

Literatur

Ayer, S., Gmel, G. & Schmid, H. (1997). Ecstasy und Techno - Eine Befragung in der französisch-sprachigen Schweiz. Sucht, 3, 182-190.

Griffiths, P. Vingoe, L., Jansen, K., Sherval, J. & Lewis, R. (1997). New Trends in Synthetic Drugs in the European Union: Epidemiology and Demand Reduction Responses. In: European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction EMCDDA (Ed.). Insights - New Trends in Synthetic Drugs in the European Union. Lissabon.

Künzel, J., Kröger, Ch., Bühringer, G., Tauscher, M. & Walden, K. (1997). Repräsentative Befragung von Mitgliedern der Techno-Szene in Bayern. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Köln.

Rakete, G. & Flüsmeier, U. (1997). Der Konsum von Ecstasy. Empirische Studie zu Mustern und psychosozialen Effekten des Ecstasykonsums. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA, Köln.

Tossmann, H. P. (1997). Ecstasy-Konsummuster, Konsumkontexte und Komplikationen. Ergebnisse der Ecstasy-Infoline. Sucht, 43 (2), 121-129.

Tossmann, H. P. & Heckmann, W. (1997). Drogenaffinität Jugendlicher in der Techno-Party-Szene. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Köln.

Tossmann, H. P., Boldt, S. & Tensil, M.-D. (1999). Variabilität und Stabilität des Drogenkonsums in de Techno-Party-Szene. Forschungsbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Köln.

Tossmann, H. P., Boldt, S. & Tensil, M.-D. (2000). Drug affinity amongst youths within the Techno party scene in European metropolises. Final report. European Commission, Luxembourg.



[1] Interessierte Leser seien auf die in Aussicht genommene Publikation hingewiesen:

Tossmann, Boldt & Tensil (2000). Drug affinity amongst youths within the Techno party scene in European metropolises. In press.