Die Love Parade wurde in diesem Jahr bereits elf Jahre alt und
auch dieses Mal tanzten wieder ungefähr eine Million Raver und Schaulustige
durch den Berliner Tiergarten. Die Techno-Szene ist zwar schon oft totgesagt
worden – und möglicherweise lässt sich die ursprüngliche “Szene” auch kaum noch
finden - elektronische Musik jedoch hat ihren Siegesmarsch durch die
Jugendkultur vor allem europäischer Länder vollzogen. So finden sich heute in
vielen Metropolen Europas eine Vielzahl von szenespezifischen Bars und Klubs
sowie Ableger der Love Parade.
Schon zu Beginn der
90er-Jahre wurde von den Medien ein enger Zusammenhang zwischen “Techno” und
Drogenkonsum postuliert. So konnte man in einer Ausgabe des Stern lesen: “Techno
und Ecstasy gehören zusammen wie Bratwurst und Senf” (Heft 3/1996). Und
tatsächlich wurde spätestens seit den ersten veröffentlichten
Forschungsarbeiten zum Drogenkonsum in der Techno-Szene deutlich, dass die
Besucher von Techno-Partys eine wesentlich höhere Konsumerfahrung mit Ecstasy
aufweisen als eine altersentsprechende “Normalbevölkerung”. In mehreren
Forschungsarbeiten zeigte sich auch, dass der Konsum von Ecstasy eng mit dem
Konsum anderer Drogen zusammenhängt. So konnte gezeigt werden, dass fast alle
Ecstasykonsumenten auch Cannabis, Speed (Amphetamine), Halluzinogene und/oder
Kokain konsumieren (Ayer, Gmel, & Schmid, 1997, Tossmann, 1997, Rakete,
& Flüsmeier, 1997, Künzel, Kröger, Bühringer, Tauscher & Walden, 1997;
Tossmann & Heckmann, 1997, Tossmann, Boldt & Tensil, 1999).
Wie viele andere Jugendkulturbewegungen vorher auch schon ist
“Techno” ein internationales Phänomen. Sollen adäquate präventive Strategien
auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene konzipiert bzw.
weiterentwickelt werden, so sind differenzierte Erkenntnisse über die
Verbreitung spezifischer Konsummuster und deren soziokulturellen Zusammenhängen
erforderlich. Mit dieser Zielsetzung wurde in den Jahren 1998-99 eine Studie
zum Drogenkonsum Jugendlicher in der Techno-Party-Szene von sieben europäischen
Metropolen durchgeführt (Tossmann, Boldt & Tensil, 2000). Im Rahmen dieser
Ausgabe von Konturen sollen nun einige Ergebnisse dieser
Forschungsarbeit zusammenfassend dargestellt werden.
Untersuchungsmethode
Mit Hilfe eines in die jeweilige Landessprache übersetzten Erhebungsbogens
wurden in Amsterdam, Berlin, Madrid, Prag, Rom, Wien und Zürich
jeweils 500 Besucher unterschiedlicher Techno-Partys nach ihrer sozialen
Situation, ihrem Drogenkonsum und ihrem Szenebezug befragt. Insgesamt konnten
3.503 Besucher von Techno-Veranstaltungen für die Befragung gewonnen werden.
Dabei wurde nach einem Erhebungsplan vorgegangen, der eine vergleichbare
Rekrutierung in den beteiligten Metropolen sicherstellen sollte.
Tabelle 1: Anzahl erhobener
Fragebögen in den Metropolen (N=3503)
|
Amsterdam |
Berlin |
Madrid |
Prag |
Rom |
Wien |
Zürich |
|
n = 496 |
n = 501 |
n = 500 |
n= 505 |
n = 496 |
n = 505 |
n = 500 |
Soziodemografische
Merkmale der Untersuchungsteilnehmer
Bevor nun auf die Frage
nach dem Drogenkonsum in der Techno-Party-Szene einzugehen ist, soll die
Untersuchungsstichprobe hinsichtlich einiger wesentlicher Charakteristika
beschrieben werden. Nach den hier vorliegenden Daten aus den beteiligten
Metropolen Europas ist der durchschnittliche Techno-Besucher 22 Jahre alt und
männlich (68 Prozent in der Gesamtstichprobe), wohnt noch bei seinen Eltern und
macht gerade seine Berufsausbildung bzw. studiert oder arbeitet schon.
Tabelle 2: Soziale
Situation der Untersuchungsteilnehmer in der Gesamtstichprobe (N=3503)
|
|
|
Anteil
an der Gesamtstichprobe (%) |
absolute Häufigkeiten n |
|
aktuelle Tätigkeit |
Schule / Universität berufstätig erwerbslos sonstiges |
31,6 44,2 6,4 4,0 |
1440 1530 220 140 |
|
|
|
|
|
|
Berufsausbildung |
hat eine Berufsausbildung befindet sich in einer Berufsausbildung |
41,3 42,8 |
1420 1481 |
|
|
|
|
|
|
Wohnsituation |
bei den Eltern alleine Wohngemeinschaft mit Partner(in) sonstiges |
59,1 17,9 10,1 9,3 3,6 |
2041 620 348 320 127 |
Entsprechend der
vorliegenden soziodemografischen Daten kann angenommen werden, dass sich die
Techno-Szene Europas aus vergleichsweise unauffälligen jungen Menschen
zusammensetzt, die eine eher gute soziale Integration aufweisen. Abgesehen von
den “harten” Daten, die wir per Fragebogen erhoben haben, konnten wir natürlich
auch Eindrücke vor Ort sammeln: So fällt auf, dass "Techno-nahen"
Jugendliche unterschiedlicher Länder ein relativ ähnliches Outfit tragen. Man
könnte meinen, dass kulturelle Unterschiede durch Techno gewissermaßen
minimiert werden.
Einige nationale Studien
sind bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass unter Jugendlichen und jungen
Erwachsenen, die Techno-Veranstaltungen besuchen ein vergleichsweise hoher
Anteil an drogenkonsumierenden Personen zu finden ist. Bisher gab es aber keine
verlässliche Grundlage, auf der auch ein internationaler Vergleich möglich war.
Mit der oben beschriebenen methodischen Vorgehensweise konnten vergleichbare
Daten gewonnen werden. Tabelle 3 vermittelt einen Überblick über die
Lebenszeitprävalenz in den Metropolen. D.h. es wurde danach gefragt, wie viele
Personen mindestens 1 Mal in ihrem Leben eine der aufgelisteten Substanzen
schon einmal genommen haben.
Tabelle 3: Lebenszeitprävalenz des Konsums
illegaler Substanzen in den Metropolen (%)
|
|
Amsterdam |
Berlin |
Madrid |
Prag |
Rom |
Wien |
Zürich |
|
Cannabis |
91,7 |
78,6 |
87,0 |
88,2 |
65,5 |
71,5 |
85,8 |
|
Ecstasy |
83,4 |
44,6 |
64,1 |
38,2 |
30,5 |
37,5 |
51,8 |
|
Speed |
61,3 |
46,1 |
51,7 |
46,1 |
21,1 |
36,2 |
38,6 |
|
Halluzinogene |
66,8 |
41,6 |
55,8 |
48,7 |
21,1 |
34,9 |
54,4 |
|
Kokain |
59,6 |
33,2 |
68,3 |
21,3 |
31,5 |
29,0 |
37,8 |
|
Opiate |
6,0 |
7,0 |
6,1 |
20,6 |
3,9 |
10,7 |
11,4 |
Interessant
sind nun zum einen die unterschiedlichen Prävalenzen der Substanzen und zum
anderen die Unterschiede zwischen den Metropolenstichproben. Das heisst, die
Ergebnisse können horizontal (Vergleich der Metropolen im Hinblick auf eine
Substanz) und vertikal (Vergleich der Substanzen innerhalb der Metropolen)
gelesen werden. Fasst man die wichtigsten Ergebnisse auf der vertikalen Ebene
zusammen, so kann zunächst gesagt werden, dass Cannabis in jeder Metropole die
am weitesten verbreitete Substanz ist. In Amsterdam haben sogar neun von zehn
Befragten mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Hingegen
gehören die Opiate zu den Substanzen, mit denen bisher am wenigsten Erfahrung
gemacht wurde, wobei aber in Prag immerhin jeder Fünfte schon einmal Opiate
konsumiert hat. Im Hinblick auf die übrigen Substanzen ergeben sich
unterschiedliche Rangplätze in den Metropolen. Hier zeigt der horizontale
Vergleich, dass die Konsumerfahrung mit Ecstasy vor allem in der Amsterdamer
Techno-Szene weit verbreitet ist. Erstaunliche 83 Prozent haben bereits
Erfahrung mit Ecstasy gemacht. Das sind fast doppelt so viele Konsumerfahrene
wie in Berlin. Am wenigsten Erfahrung haben die Untersuchungsteilnehmer aus
Rom, wobei der Anteil von zwei Dritteln Erfahrener immer noch weit über dem in
der altersgleichen Normalbevölkerung liegen dürfte.
Ein weiteres erstaunliches
Ergebnis ist der Konsum von Kokain. Ungefähr zwei Drittel der Befragten in
Amsterdam und Madrid haben Konsumerfahrung mit Kokain. In Rom ist die Rate zwar
deutlich niedriger, der Anteil der Konsumerfahrenen rangiert allerdings schon
auf dem zweiten Platz. Angesichts des vergleichsweise hohen Gesundheitsrisikos
des Kokainkonsums müssten diese Ergebnisse einer weiteren differenzierten
Überprüfung unterzogen werden.
Ein konstituierendes
Merkmal für Drogenkonsummuster ist die Konsumfrequenz. Mit diesem
Parameter lässt sich die Bindung des Konsumenten an die Substanz beschrieben.
Die nächste Abbildung gibt Aufschluss über die Häufigkeit des Substanzkonsums
in der untersuchten Gesamtstichprobe aller 3503 Besucher von Techno-Partys.
Sieht man einmal vom
Cannabiskonsum ab, so hat die Mehrheit der Befragten in den letzten 30 Tagen
zum Zeitpunkt der Untersuchung gar keine illegale Droge konsumiert. Wenn
Ecstasy, Speed, Halluzinogene oder Kokain konsumiert wurden, so sind ein bis
vier Konsumtage am wahrscheinlichsten, wobei in Bezug auf Ecstasy immerhin 20
Prozent der Befragten diese Konsumfrequenz aufweisen. Vermutlich beschränkt
sich der Konsum dieser Substanzen noch vorwiegend auf das Wochenende. Opiate
werden nur von einer kleinen Minderheit aktuell konsumiert und können unter
epidemiologischen Gesichtspunkten betrachtet zumindest in dieser Analyse
vernachlässigt werden. Besondere Beachtung soll aber dem Konsum von Cannabis geschenkt
werden. Zwar haben knapp 40 Prozent der Befragten keinen aktuellen Konsum, aber
fast 20 Prozent aller Untersuchungsteilnehmer der sieben Metropolen konsumieren
Cannabis täglich.
Im Rahmen der Studie wurde
weiterhin untersucht, ob es denn auch zum Mischkonsum dieser Substanzen kommt,
was ja die ähnlichen Konsumfrequenzen der Substanzen nahe legen. Mischkonsum
von Substanzen – so die konzeptionelle Überlegung – liegt dann vor, wenn
mindestens zwei Substanzen mit psychotropem Wirkspektrum in einem so engen
zeitlichen Rahmen konsumiert werden, dass sich die Rauschwirkungen überlagern
(können). Um den Interpretationsspielraum einzugrenzen, wurde festgelegt, dass
von Mischkonsum in Zusammenhang mit dem Ecstasykonsum gesprochen werden kann,
wenn sechs Stunden vor oder nach dem Konsum von Ecstasy noch andere psychotrope
Substanzen eingenommen werden.
Um einen ersten Überblick
über das Phänomen des Mischkonsums zu erhalten, werden nun zunächst die
Prävalenzen der einzelnen Substanzen vor und nach sowie vor und/oder nach dem
Konsum von Ecstasy im Überblick dargestellt. Alkohol wurde mit in die Analyse
einbezogen, da es sich dabei ebenfalls um eine potente psychotrope Substanz
handelt.
Tabelle 4: Mischkonsum von Ecstasy und anderen
Substanzen* (N=1594)
|
|
6 Stunden vor und
/ oder nach dem Konsum von Ecstasy |
6 Stunden vor dem
Konsum von Ecstasy |
6 Stunden nach dem
Konsum von Ecstasy |
|
Cannabis |
70,7 |
55,5 |
55,9 |
|
Alkohol |
66,2 |
57,3 |
42,2 |
|
Speed |
29,3 |
19,4 |
20,3 |
|
Kokain |
25,2 |
16,2 |
18,1 |
|
Halluzinogene |
12,4 |
7,0 |
8,7 |
|
Opiate |
2,9 |
1,4 |
2,1 |
*Angaben
in Prozent
Im Hinblick auf die
Substanzen haben Ecstasykonsumenten offenbar bestimmte Präferenzen, da die
Drogen sonst gleiche Wahrscheinlichkeiten aufweisen müssten. Mehr als zwei
Drittel der Ecstasykonsumenten hat innerhalb des definierten Zeitrahmens
zusätzlich Cannabis konsumiert, und nur etwas weniger Befragte haben zusätzlich
Alkohol getrunken. Angeblich wird Cannabis ja gerne als Drogen zum
“Runterkommen” vom Ecstasyrausch benutzt. Betrachtet man sich die nächsten
beiden Spalten, so ist jedoch zu erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit des
Cannabiskonsums vor der Einnahme von Ecstasy genauso hoch ist, wie hinterher.
Und der Mythos von den alkoholabstinenten Ecstasykonsumenten kann mit diesen
Zahlen wohl auch begraben werden. Speed, Kokain und auch die Halluzinogene
werden ebenfalls von vielen zusätzlich konsumiert, wobei letzteres schon
deutlich weniger mit Ecstasy gemischt wird. Nur die Opiate scheinen im Zusammenhang
mit Ecstasy keine Rolle zu spielen, was aber in Anbetracht der geringen
Konsumprävalenzen zu erwarten war. Bedenkt man nun, dass Dutzende von
Informationsbroschüren in jedem Land auf die Gefahren des Mischkonsums
hinweisen, so gibt es auch in diesem Punkt wohl eine internationale
Übereinkunft, sich nicht dran zu halten. Zwar kann mit diesen Zahlen keine
Aussage über die Quantität der zusätzlich konsumierten Substanzen gemacht
werden, man kann aber davon ausgehen, dass die Gefahr gesundheitlich Schaden zu
nehmen oder eine Abhängigkeit zu entwickeln mit der Anzahl zusätzlich
konsumierter Drogen steigt.
Was kann nun über den
Zusammenhangs zwischen dem Drogenkonsum und der Affinität für die Techno-Szene
gesagt werden? Stehen hoch involvierte Techno-Fans dem Konsum von Substanzen
näher? Um diesen Zusammenhang untersuchen zu können haben wir zwei Maße
herangezogen: die Ausgehhäufigkeit und die Ausgehdauer, wobei
angenommen wird, dass die Eingebundenheit in die Szene umso stärker ist, je
häufiger jemand auf Techno-Veranstaltungen geht und je länger der/diejenige
sich dort aufhält. Aus diesem beiden Maßen wurden nun vier “Extremgruppen” der
Involviertheit in die Techno-Party-Szene gebildet, die sich folgendermaßen
aufschlüsseln:
· Gruppe I: hohe
Ausgehfrequenz und lange Ausgehdauer (mind. 1x/Woche & >16 h)
· Gruppe II: niedrige
Ausgehfrequenz und kurze Ausgehdauer (< 1x/Monat & <8 h)
· Gruppe III: niedrige
Ausgehfrequenz und lange Ausgehdauer (< 1x/Monat & >16 h)
· Gruppe IV: hohe Ausgehfrequenz und kurze Ausgehdauer
(mind. 1x/Woche & <8 h)
Die ersten beiden Gruppen
sind homogen, was die beiden Maße betrifft. Gruppe III und IV sind
Mischgruppen. Aus den Ergebnissen dieser Gruppen lässt sich später ablesen,
welche der beiden Involviertheitsmaße stärker mit dem Drogenkonsum
zusammenhängt. Differenziert nach den Substanzen ergibt sich nun folgende
Abbildung:
Wie zu erwarten war,
bestehen große Unterschiede in der Prävalenz zwischen der hoch involvierten
Gruppe I und den niedrig involvierten Personen der Gruppe II. Die
Prävalenzraten der Gruppe III und IV müssen jedoch differenziert betrachtet
werden. In Bezug auf Ecstasy, Speed und Halluzinogene zeigt sich, dass die
Ausgehdauer stärker mit der Prävalenz des Konsums zusammenhängt als die
Ausgehfrequenz. Die Monatsprävalenz des Cannabiskonsums ist zwar unter der
Bedingung einer langen Ausgehdauer ebenfalls höher, die Unterschiede sind aber
vergleichsweise gering. In Hinblick auf den Kokainkonsum zeigen sich allerdings
so gut wie keine Unterschiede, und die Prävalenzen des Opiatkonsums sind
insgesamt so niedrig, dass praktisch kein Zusammenhang mit der
Szene-Involviertheit besteht.
Somit kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Konsum
von Ecstasy, Speed, Halluzinogenen und Kokain stark mit der Involviertheit in die
Techno-Party-Szene zusammen hängt. Je häufiger eine Person auf
Techno-Veranstaltungen geht und je länger sie dort bleibt desto
wahrscheinlicher wird der Konsum der genannten Substanzen. Die Prävalenz des
Cannabiskonsum ist insgesamt sehr hoch, steigt dann zwar auch mit zunehmender
Ausgehdauer und -frequenz, erreicht aber relativ schnell ein vergleichsweise
hohes Niveau. Ob jemand mittelmäßig oder hoch involviert ist, macht in Bezug
auf den Cannabiskonsum kaum noch einen Unterschied. Darüber hinaus muss konstatiert
werden, dass die Ausgehdauer stärker mit dem Drogenkonsum zusammenhängt
als die Ausgehfrequenz. Dies gilt vor allem für den Konsum von Ecstasy,
Speed und Halluzinogenen. Bei Cannabis ist der Unterschied sehr gering und bei
Kokain so gut wie nicht vorhanden.
Ob man nun in Berlin, Amsterdam oder Madrid tanzen geht, wo
Techno ist, da werden auch Drogen konsumiert. Dieser Zusammenhang besteht in
jeder Metropole, da die Prävalenz des Drogenkonsums sich jeweils deutlich von
der in der altersentsprechenden Normalbevölkerung unterscheidet. Erstaunlich
sind insbesondere die Prävalenzraten für den Cannabiskonsum. In jeder der
untersuchten Metropolen hat die Mehrzahl des Party-Publikums Konsumerfahrung
mit Marihuana oder/und Haschisch. Unterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich
der Substanz, die in der jeweiligen Szene von nächst größerer Bedeutung sind.
Während die meisten Techno-Fans in Amsterdam und Wien Konsumerfahrung mit
Ecstasy haben, zeigen die Raver in Madrid und Rom eine stärkere Affinität zu
Kokain. In Prag und Zürich haben die meisten zusätzlich schon mal Halluzinogene
konsumiert, wohingegen das Berliner Party-Publikum offenbar eine etwas größere
Erfahrung im Umgang mit Amphetaminen hat. Eine Erklärung dieser differenziellen
Unterschiede kann mit dem hier vorliegenden Datenmaterial nicht geleistet
werden. Wahrscheinlich gehen diese Unterschiede jedoch stärker auf regionale
Marktgegebenheiten als auf subjektive Präferenzen zurück.
Was
bedeuten nun die hier dargestellten Ergebnisse für die Praxis der Drogenprävention?
Zuerst einmal fordert der in allen Ländern Westeuropas festzustellende
epidemiologische Trend zu synthetischen Drogen politisch Verantwortliche wie
Praktiker heraus, eine kritische Bestandsaufnahme aktueller drogenpräventiver Maßnahmen
durchzuführen, um gegebenenfalls neue Programme zu entwickeln. Eine
Expertengruppe, die im Auftrag des European Monitoring Centre for Drugs and
Dug Addiction EMCDDA eine Übersicht aktueller Präventionsprogramme in
Ländern der Europäischen Gemeinschaft durchführte, kommt zu dem Schluss: “Most
Member States run, or are planning to run, activities specifically related to
synthetic drugs. In general, the
number of activities organised follows the rough prevalence of synthetic drug
use. (...) The education of legislators, policy-makers and planners about the
complexities of recreational and dance drugs will become an increasing priority
in the future” (Griffiths,
Vingoe, Jansen, Sherval & Lewis, 1997, S. 90/91).
Auch
wenn sich in vielen Ländern Europas mittlerweile ein breiter Konsens
hinsichtlich des Bedarfs an spezifischen drogenpräventiven Maßnahmen
findet, so muss dennoch ein Mangel auf der programmatischen Ebene konstatiert
werden. So finden die beschriebenen neuen Entwicklungstrends des Drogenkonsum
nur in wenigen zurzeit vorliegenden Präventionsmaterialien einen Niederschlag.
Auch ist zu fragen, ob die Konzepte der schulischen Suchtprävention angesichts
der neuen Drogensituation überarbeitet werden müssen und welche Methoden
hierbei angemessen scheinen.
Eine weitere Implikation
der vorliegenden Forschungsarbeit betrifft die Aufgabe einer stärkeren Zielgruppenorientierung
drogenpäventiver Maßnahmen. Damit ist zum einen gemeint, dass präventive
Maßnahmen auf die Lebensweise und das Milieu der Zielgruppe ausgerichtet sein
müssen, und dass Zielgruppen nach Möglichkeit an der Gestaltung der Maßnahmen
zu beteiligen sind. Zielgruppenorientierung bedeutet in diesem Fall aber auch,
dass Programme dort angesiedelt werden sollten, wo sich die Zielgruppe aufhält,
unabhängig davon, ob es sich hierbei einfach nur um Bereitstellung von
Information (Faltblatt, Infostand, etc.) oder um ein komplexeres Angebot, in
dem unterschiedliche szenenahe Kooperationspartner einbezogen werden.
Ayer, S., Gmel, G. & Schmid, H. (1997). Ecstasy und Techno
- Eine Befragung in der französisch-sprachigen Schweiz. Sucht, 3,
182-190.
Griffiths, P.
Vingoe, L., Jansen, K., Sherval, J. & Lewis, R. (1997). New Trends in
Synthetic Drugs in the European Union: Epidemiology and Demand Reduction
Responses. In: European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction EMCDDA
(Ed.). Insights - New Trends in Synthetic Drugs in the European Union. Lissabon.
Künzel, J., Kröger, Ch., Bühringer, G., Tauscher, M. &
Walden, K. (1997). Repräsentative Befragung von Mitgliedern der Techno-Szene
in Bayern. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA): Köln.
Rakete, G. & Flüsmeier, U. (1997). Der Konsum von Ecstasy.
Empirische Studie zu Mustern und psychosozialen Effekten des Ecstasykonsums.
Ergebnisbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA, Köln.
Tossmann, H. P. (1997). Ecstasy-Konsummuster, Konsumkontexte und
Komplikationen. Ergebnisse der Ecstasy-Infoline. Sucht, 43 (2),
121-129.
Tossmann, H. P. & Heckmann, W. (1997). Drogenaffinität
Jugendlicher in der Techno-Party-Szene. Ergebnisbericht. Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Köln.
Tossmann, H. P., Boldt, S. & Tensil, M.-D. (1999).
Variabilität und Stabilität des Drogenkonsums in de Techno-Party-Szene.
Forschungsbericht. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Köln.
Tossmann, H. P., Boldt, S. & Tensil, M.-D. (2000). Drug affinity amongst youths within the Techno party
scene in European metropolises. Final report. European Commission,
Luxembourg.
[1]
Interessierte Leser seien auf die in Aussicht
genommene Publikation hingewiesen:
Tossmann, Boldt & Tensil (2000). Drug affinity amongst youths within the Techno party scene in European metropolises. In press.