Alles unter
Kontrolle
Magersucht -
Schlankheitswahn oder psychische Erkrankung?
Interview mit Dr. med.
Stephan Zipfel
Konturen: Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie
"Appetitsverlust oder -verminderung. Ist das nicht eine irreführende
Bezeichnung für Magersucht?
Stephan Zipfel: In der Tat ist der Begriff irreführend, da bei den meisten Patientinnen sehr wohl ein ausgeprägtes Hungergefühl vorhanden ist und ihre Gedanken während des Tages sich um das Thema “Essen” drehen.
Welche Ursachen führen am häufigsten zur Anorexie?
Die Magersucht ist eine multifaktorielle Erkrankung, bei deren Entstehung psychologische, soziale aber auch biologische Faktoren beteiligt sind. Daher ist es notwendig, bei jeder einzelnen Patientin individuell zu identifizieren, welcher Bereich besonders betroffen ist. Da die typische Magersucht in der Pubertät auftritt, spielen häufig Themen aus den Bereichen der Autonomiegewinnung, der Beziehungsabwehr oder einer generellen Lebensverweigerung eine Rolle.
In welchem Stadium der Krankheit sollte ein Arzt
aufgesucht werden?
Idealerweise sollte in einem abgestuften Vorgehen Kontakt mit “professionellen Helfern” gesucht werden. Das sollte in der ersten Phase der Gewichtsreduktion zunächst der Hausarzt sein. Dieser kann andere Ursachen einer Gewichtsabnahme relativ einfach ausschließen und mit der Patientin einen ersten Kontakt über die Gefahren der Erkrankung herstellen. Falls ein solches Vorgehen zu keiner Änderung des Gewichtsverlaufs führt sollte Kontakt mit einem ambulanten Psychotherapeut/in aufgenommen werden. Bei jener Subgruppe von Patientinnen, die auch dann nicht ausreichend therapierbar sind, sollte die Patientin frühstmöglich in eine spezialisierte Psychosomatische Klinik, zur stationären Behandlung, überwiesen werden.
Welche Risiken sind mit dieser Esstörung
verbunden?
In der akuten Phase der Gewichtsabnahme stehen zunächst körperliche Faktoren im Vordergrund, wie besonders Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems, die lebensbedrohliche Ausmaße annehmen können. Darüber hinaus sind die Patientinnen auch auf Grund einer häufig begleitenden depressiven Störung erhöht Suizid gefährdet. Der chronische Verlauf dieser Erkrankung ist gekennzeichnet durch Auswirkungen auf allen Ebenen. Körperlich sind Sie Hochrisikopatientinnen für das Auftreten einer Osteoporose schon in jungen Jahren oder von Nierenschädigungen, die bis zur Dialyse führen können. Von der psychischen Seite stehen neben der depressiven Symptomatik besonders Angst- und Zwangsstörungen im Vordergrund. Sozial sind diese Patientinnen häufig isoliert, und führen dann das Leben einer chronisch Kranken.
Im Kontext von Magersucht geht man in der Regel
davon aus, dass nur Frauen mit dieser Krankheit kämpfen. Stimmt das?
Ich habe auch in meinem Kommentar immer von Patientinnen gesprochen, allerdings behandeln wir auch gelegentlich männliche Patienten mit dieser Erkrankung. Diese Gruppe macht aber nur fünf bis acht Prozent der Gesamtgruppe aus und ist somit wirklich absolut gesehen selten.
Kaum eine andere psychische Störung ist in den
letzten Jahren so häufig in den Medien erwähnt worden wie die Magersucht. Tritt
die Krankheit heute häufiger auf oder führt das Medieninteresse zu vermehrten
Diagnosen?
Gute epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass die Magersucht in den vergangen 20 Jahren nur etwas zugenommen hat. Allerdings wird heutzutage die Erkrankung kaum mehr übersehen und somit häufiger diagnostiziert und behandelt. Die zweite noch häufigere Ess-Störung, die Bulimie, hat tatsächlich sprunghaft zugenommen.
Wo sollte Ihrer Meinung nach in Zukunft der
Schwerpunkt bei der Behandlung von Magersucht liegen?
Programme für die Prävention von Ess-Störungen müssen entwickelt werden, um beispielsweise auch in Schulen ein Gegengewicht zur reinen “Diätkultur” und “Schlankheitsidee” zu vermitteln. Hier sollte die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins im Vordergrund stehen. Für die Mädchen und Frauen, die bereits eine Magersucht entwickelt haben, sollte eine bessere psychosomatische Grundkompetenz der Hausärzte angestrebt werden. Für die Behandlung der Gruppe mit einem chronischen Verlauf sollten in Ergänzungen des bisherigen stationären Therapieprogramms, neue teilstationären Elementen entwickelt und finanziert werden.
Heidelberger Langzeitstudie
Frauen leiden oft
Jahrzehnte unter Magersucht
Von Stephan Zipfel,
Bernd Löwe, Christine
Buchholz, Deborah L.
Reas, Hans-Christian Deter, Wolfgang Herzog
In den vergangenen Jahren wurde eine beachtliche Anzahl von Studien zum Verlauf von Magersucht (Anorexie) publiziert. Diese Studien zeigen, dass eine Besserung der Symptomatik oder eine Heilung viel Zeit brauchen und oft erst Jahre nach Behandlungsbeginn erreicht werden. Angesichts dieser Erkenntnis fällt auf, dass die Studien zumeist nur einen kurzen Beobachtungszeitraum einschließen und wenig Informationen über somatische Variablen enthalten. Aus diesem Grunde untersuchten Wissenschaftler der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg in einem multidimensionalen Design Patientinnen mit Magersucht 21 Jahre nach der Erstbehandlung. Die Ergebnisse wurden nun im Lancet veröffentlicht.
Von 84 Patientinnen der Ausgangsstichprobe waren zum Zeitpunkt der Untersuchung 16,7 Prozent der Patientinnen (=14) verstorben. Von den noch lebenden Patientinnen konnten 90 Prozent (=63) für die Nachuntersuchung gewonnen werden. Die Patientinnen waren im Mittel 41,9 Jahre alt. Eine komplette Untersuchung wurde bei 65,1 Prozent (=41) der Patientinnen durchgeführt. Die restlichen Patientinnen wurden mit Fragebögen oder Telefoninterviews untersucht.
Ergebnisse
14,3 Prozent der Patientinnen (=12) mit einer Magersucht verstarben an den direkten Folgen der Erkrankung. Dies entspricht einer fast zehnfach erhöhten standardisierten Mortalitätsrate. Zwei ehemalige Patientinnen waren aus anderen Gründen verstorben (metastasiertes Rektumkarcinom, Asthmaanfall). Die häufigsten Todesursachen waren Infektionen, Dehydratation und Suizid. Zum Todeszeitpunkt lag bei den meisten Patientinnen das Vollbild einer Magersucht vor. Somit stellt die Magersucht in diesem Altersspektrum die psychosomatische/ psychiatrische Erkrankung mit der schlechtesten Prognose dar.
Bei den überlebenden Patientinnen waren in den meisten Fällen nicht mehr alle diagnostischen Kriterien für eine Magersucht vorhanden. Drei Patientinnen wurden als "Eating disorder not otherwise specified (EDNOS)" klassifiziert. Bei sieben Patientinnen lag eine Magersucht vom bulimischen Typ vor. Nur bei einer Patientin wurde eine restriktive Magersucht diagnostiziert. Gleichzeitig fand sich eine große Gruppe von Patientinnen (20,8 Prozent, n=16) mit mittlerem Verlaufsergebnis, bei denen zwar nicht die Volldiagnose einer Magersucht vorlag, die aber dennoch an einigen Symptomen einer Magersucht litten. Bei 50,6 Prozent der überlebenden Patientinnen (=39) kann von einem guten Verlaufsergebnis ausgegangen werden.
Hinsichtlich der psychosozialen Situation der ehemaligen Patientinnen fanden sich Unterschiede zwischen den Gruppen mit gutem, mittlerem und schlechtem Verlaufsergebnis. Die Teilgruppe mit einem schlechten Verlauf hatte im Durchschnitt 99 Fehltage/Jahr im Vergleich zur Gruppe mit partieller Heilung, bei der noch im Schnitt 40 Fehltage/Jahr zu verzeichnen waren und der gesundeten Gruppe mit durchschnittlich vier Fehltagen. Auch in den Bereichen Arbeitsfähigkeit, Familienstand und psychosoziales Funktionsniveau wurde eine hohe psychosoziale Desintegration bei den Patientinnen mit anhaltender Magersucht deutlich.
Als statistisch gesichert für den Verlauf der Ess-Störung konnten die Dauer bis zur Aufnahme in eine spezialisierte Einrichtung, die Schwere der psychologischen und sozialen Einschränkung als auch der Subtyp der Anorexia identifiziert werden. Gewichtsspezifische Parameter wie Ausgangsgewicht und die Gewichtsentwicklung während des initialen stationären Aufenthaltes waren weitere signifikante Variablen für den Verlauf der Ess-Störung.
Schlussfolgerungen
In dieser Studie wurde der Langzeitverlauf der Magersucht bei ursprünglich 84 Patientinnen dargestellt. Die Teilnahmequote lag bei 90 Prozent. Es zeigte sich eine hohe, mit Magersucht assoziierte Sterblichkeit (15,6 Prozent). Bei 10,4 Prozent der überlebenden Patientinnen muss auch noch nach 21 Jahren die Volldiagnose von Magersucht gestellt werden, 20,8 Prozent der Patientinnen zeigten ein mittleres Verlaufsergebnis, während bei 50,6 Prozent der Überlebenden von einer vollständigen Heilung ausgegangen werden kann. Zwischen den drei Verlaufsgruppen fanden sich signifikante Unterschiede hinsichtlich Arbeitsfähigkeit, Familienstand und psychosozialem Funktionsniveau im Sinne der Erwartungen.
Insgesamt belegen die Ergebnisse die Schwere und Chronizität der Magersucht. Die Ergebnisse verweisen auf die große Bedeutung frühzeitiger Identifikation und effektiver Behandlungsstrategien dieser Störung.
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