Ambulant vor Stationär?
Von Christoph Ickert
Die Ambulante Therapie ist
eine Berliner Einrichtung für Suchtmittelabhängige und Teil eines Netzwerkes im
Drogentherapie-Zentrum e.V.. Der Träger engagiert sich seit 1978 in
verschiedenen Bereichen der Betreuung und Therapie von
Abhängigkeitserkrankten.
Die Ambulante Therapie wurde 1993
als eine der ersten und mittlerweile größte ambulant arbeitende Einrichtung
entwickelt. Bisher recht eingleisige Behandlungsmethoden und –zeiten sollten
ergänzt werden durch ein Behandlungsmodell mit einer größeren Differenzierung
und flexiblen, aufeinander abgestimmten Übergängen von Entzug,
Therapievorbereitung, stationärer und ambulanter Therapie.
Die Rentenversicherungsträger hatten mit
der Empfehlungsvereinbarung Ambulante Reha Sucht vom 29.01.91 die rechtlichen
Grundlagen für eine ambulante Behandlungsform geschaffen, die in der Geschichte
der Suchthilfe, insbesondere für den illegalen Bereich, lange Zeit als
unangemessen betrachtet wurde.
Keine
Konkurrenz zu stationären Angeboten
Die in Berlin-Neukölln arbeitende Ambulante
Therapie versteht sich nicht als ein in Konkurrenz stehendes alternatives
oder preiswerteres Therapieangebot zu den stationären oder teilstationären
Suchthilfeeinrichtungen, sondern ist ein eigenständiges Behandlungsangebot mit
eigenen Indikationskriterien. Stationäre
Therapieprojekte gehen von der Grundannahme aus, dass Abstinenz, ein
intendierter Entwicklungsprozess und die Vorbereitung und Einleitung der
beruflichen Rehabilitation für ihre Klienten ausschliesslich mit der
Herausnahme aus ihrem alltäglichen Umfeld, eben unter stationären Bedingungen,
am ehesten zu erreichen sind. Wir haben in den Neunzigerjahren allerdings die
Therapiestandards deutlich in Richtung Individualisierung und Flexibilisierung
weiterentwickelt.
Krankheit früh erkennen
Übergreifendes Ziel dieser zunehmenden
Differenzierung der Behandlungskette ist es, mehr Suchtkranke durch individuell
abgestimmte Behandlungsangebote zu erreichen, Abhängige und Gefährdete in
früheren Krankheitsstadien ansprechen zu können und Therapieergebnisse direkt
bei der Umsetzung im Alltag zu begleiten, einzuüben und zu stabilisieren.
Die Ambulante Therapie hat sich
diesen Zielen verschrieben und stellt als eigenständiger Behandlungstyp
folgende Therapieelemente in den Mittelpunkt der Arbeit:
§
Primat der Einzeltherapie,
§
hohe Beziehungsdichte,
§
Fokussierung auf individuell definierte
Therapieziele,
§
frühe Förderung der beruflichen
Rehabilitation
§
multiprofessioneller Ansatz
§
ressourcenorientiertes und
lösungsorientiertes Vorgehen,
§
frühe Einbeziehung des sozialen Kontextes
sowie
§
die enge Einbindung in eine
Gesamtbehandlung und in ein individuell stützendes Behandlungsnetzwerk
Nicht
für alle Klienten ist eine ambulante Therapie geeignet, doch für eine stetig
steigende Anzahl von Bewerbern und Therapieabsolventen die Methode der Wahl. In
den persönlichen Kontaktgesprächen lernen sich Bewerber und Therapeuten kennen.
Zur Diagnostik und Indikationsstellung werden die Bewerber u.a. zu Merkmalen
wie seelische und körperliche Störungen, soziale Probleme, soziales Umfeld,
berufliche Situation, Mitwirkungsfähigkeit und –bereitschaft,
Abstinenzfähigkeit und Suchtverlauf befragt. Ergeben sich ausreichend
stabilisierende Faktoren und erscheint ein Therapieerfolg erreichbar, kann ein
Therapieplatz angeboten werden.
Nicht
alle für das Angebot geeignet
Wir
bieten nur den Bewerbern einen Therapieplatz an, die auf Grund ihrer derzeitigen
Situation ausreichend geeignet erscheinen. Überfordernde Angebote führen zu
Misserfolgen, von denen unsere Klienten in der Regel schon viel zu viele
hatten. Wen wir nicht aufnehmen können, versuchen wir in andere, eher geeignete
Therapieformen und -projekte zu vermitteln.
Dabei
fühlen sich die Therapeuten der Ambulanten Therapie nicht einem extern
definierten Gesundheits- oder Normalbegriff verpflichtet, sondern bevorzugen
ein individuell ausgerichtetes Behandlungsprogramm, das nicht vorrangig an den
Defiziten der Klienten, sondern an Kompetenzen und individuellen Ressourcen
anknüpft.
Primäre
Therapieziele sind die psychische, soziale und physische Rehabilitation, die
Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit. Die Berliner Einrichtung
ist davon überzeugt, dass eine drogenfreie Lebensperspektive die genannten
Therapieziele leichter erreichen lässt und betrachten Abstinenz als ein Mittel
zur Erreichung des Rehabilitationszieles.
Die
ambulante Behandlungsweise zwingt die Therapieeinrichtung und die behandelnden
Therapeuten zur Aufgabe einer ausschliessend psychopathologischen
Betrachtungsweise, in der Klienten mit immer mehr und immer differenzierteren
Diagnosen versehen, ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten aber ausser
Acht gelassen werden. Der jeweilige Behandlungs- oder Beziehungskontakt ist
zwar intensiv und dicht, aber relativ kurz, und unsere Klienten gehen
anschliessend wieder in ihren Alltag zurück. Therapeutisches Destabilisieren,
Verunsichern und das Übersehen der gesünderen Verhaltensweisen würde dazu führen, dass sich Patienten auch
ausserhalb der Einrichtung zunehmend “krankheitsangepasst” verhielten.
Kurz,
alltagsnah und kundenorientiert
Die Ambulante
Therapie versteht sich als kundenorientiertes Dienstleistungsangebot, in
dem die Bedürfnisse, Wünsche und Ziele der Klienten Ausgangspunkt
therapeutischen Arbeitens sind. Der Klient wird als Partner betrachtet, der die
Therapieziele und den Therapieverlauf mitbeeinflussen kann und soll. Dies
findet sowohl in der Konzeptentwicklung als auch in der persönlichen Haltung
der Mitarbeiter seinen Niederschlag.
Das
Programm der Ambulanten Therapie ist alltagsnah und offen gestaltet und
orientiert sich an den Lebensbedingungen ihrer Klienten. Die einzelnen
Therapiesegmente sind genau aufeinander abgestimmt. Wir achten darauf, dass
immer wieder zur Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen Wahlmöglichkeiten
wahrgenommen werden können. Rigide Programmvorgaben führen zur Erstarrung
eigener kreativer Veränderungsmöglichkeiten. Wahlmöglichkeiten erhöhen die
Motivation und stärken die Einbeziehung der Klienten in eine auf Wechselwirkung
zielende therapeutische Atmosphäre.
Angebot:
§ Wöchentliche Einzelgespräche
§ Regelmäßige Gruppentherapie
§ Wahl-Gruppenangebote
§ Therapie mit kreativen Medien
§ Angehörigen- und Partnertherapie
§ Hilfe bei allen sozialen und juristischen Angelegenheiten
§ Aktive Unterstützung bei der beruflichen Rehabilitation
§ Ärztliche Untersuchung, Beratung und Betreuung, z.B. bei Hepatitis oder HIV
§ Fachärztliche Betreuung bei psychischen Problemen, z.B. bei drogeninduzierten Psychosen
§ Akupunktur
"Wir wollen keine
Misserfolgserlebnisse produzieren"
Christoph Ickert im Gespräch mit konturen
Konturen: Ist die ambulante Therapie ein
Modell der Zukunft?
Ch. Ickert: Ja. Die Kostenträger
finanzieren zunehmend preiswerte Behandlungsmodelle und die Prognose,
Betroffene sehr früh in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist bei einer
ambulanten Therapie sehr günstig.
Wo sehen Sie Grenzen und welche Vorteile
bringt diese Behandlungsform mit sich?
Ch. Ickert: Zu den Vorteilen zähle ich,
dass die Suchtmittelabhängigen ihren Tagesablauf trotz Therapie beibehalten
können, ihre Hobbys nicht aufgeben müssen und in ihrem sozialen Umfeld weiter
leben können. Grenzen setzten wir bei der Aufnahme. Abhängige mit massiven
Schädigungen, psychischen Erkrankungen beispielsweise, oder ohne soziale Kontakte empfehlen wir die stationäre
Therapie. Für uns ist immer die Distanz wichtig, die der Betroffene zu seiner
Drogenkarriere hat.
Wie stehen die Kostenträger zur ambulanten
Therapie?
Ch. Ickert: Die ersten ambulanten
Behandlungsmodelle wurden eher skeptisch seitens der Kostenträger gesehen. Hier
hat sich in den vergangenen Jahren einiges positiv verändert. In der Regel werden
Anträge positiv entschieden, wenn eine soziale Integration absehbar ist. Dabei spielen vor allem die Kriterien
Erwerbsfähigkeit, Schulausbildung, Gesundheitszustand und soziales Umfeld eine
entscheidende Rolle. Bei der endgültigen Entscheidung stellen auch der
Drogenberater und die Einrichtung mit ihren Einschätzungen die Weichen. Bis auf
wenige Ausnahmen arbeiten wir sehr kooperativ
zusammen.