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Pathologisches Glücksspiel

Der Begriff

In der Fachliteratur finden sich derzeit vielfältige sprach- liche Bezeichnungen für problematische Formen des Glücksspiel- verhaltens. Dabei wird der englisch- sprachige Begriff „gambling“ durch den Gegenstand einengender Adjektive wie „excessive“, „obsessive“, „compulsive“, „addictive“ oder aktuell „pathological“ ergänzt. Für die Erfassung der wesentlichen Merkmale des komplexen Gegenstandsbereiches erscheint der deutsch- sprachige Begriff „Glücksspielsucht“ am geeignetsten, wenn man die inhaltlichen Implikationen der drei darin enthaltenen Substantive Spiel, Glück und Sucht betrachtet.

Das Störungsbild

Die Anerkennung des „Pathologischen Glücksspiels“ als eigenständiges Störungsbild begann 1980 mit der Auf- nahme in die internationalen psychiatrischen Klassi- fikationssysteme DSM und später ICD. Die aktuellste Operationalisierung findet sich im DSM-IV von 1994, wobei sich in der deutschen Übersetzung (Saß et al., 1996) eine unkorrekte Bezeichnung als „Pathologisches Spielen“ findet, so dass die englischsprachige Unterscheidung zwischen „playing“ (Spielen) und „gambling“ (Glücksspielen) verwischt wird.
Danach handelt es sich um ein andauerndes und wieder-kehrendes fehlangepasstes „Glücksspiel- verhalten“, das sich in mindestens fünf von zehn glücksspielertypischen Merkmalen ausdrückt:

• Das starke Eingenommensein vom Glücksspiel 
• Die Erhöhung der Einsätze, um die gewünschte Erregung zu erreichen 
• Wiederholt gescheiterte Versuche, das Glücksspielen einzuschränken oder aufzugeben 
• Das Auftreten von Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Glücksspielen einzuschränken oder aufzugeben 
• Die Funktion des Glücksspielens, Problemen oder  unangenehmen Gefühlen auszuweichen 
• Der Versuch, durch wiederholtes Glücksspielen frühere Geldverluste auszugleichen 
• Lügen gegenüber sozialen Bezugspersonen, um das Glücksspielverhalten zu vertuschen 
• Kriminelle Handlungen, um das Glücksspielen  zu finanzieren 
• Die Gefährdung oder der Verlust partnerschaftlicher Beziehungen oder beruflicher Perspektiven aufgrund des Glücksspielverhaltens
• Das Verlassen auf andere Personen, um die glücksspielbedingte finanzielle Sackgasse zu überwinden

Dabei erfolgt eine Abgrenzung des „Pathologischen Glücksspielens“ von den unproblematischen Formen des „sozialen Glücksspielens“ oder „professionellen Glücksspielens“, die durch Eingrenzen der Risiken dem Zeitvertreib beziehungsweise dem Lebensunterhalt dienen, vom exzessiven Glücksspielen als Bestandteil einer manischen Episode, jedoch nicht mehr von der antisozialen Persönlichkeitsstörung, für die von einer möglichen Koexistenz ausgegangen wird.

Häufigkeit

schachÜber die Häufigkeit von behandlungsbedürftigen Formen des Glücksspielverhaltens liegen für Deutschland bisher nur widersprüchliche Angaben vor, da eine große Kluft besteht zwischen epidemiologischen Studien, die auf- grund der geringen Anzahl von Betroffenen einen großen Unsicherheitsbereich aufweisen, und klinischen Schätzungen, die sich auf Hoch- rechnungen anhand der Behandlungsnachfrage stützen. Im Vergleich zu den angloamerikanischen Ländern, für die von einer Prävalenzrate von ein bis drei Prozent ausgegangen wird, handelt es sich in der Bundesrepublik um eine wesentlich kleinere Gruppe von vielleicht 0,1 Prozent der Bevölkerung, das heißt ca. 100.000 betroffene Personen. Immerhin weisen derzeit ca. zwei bis drei Prozent der in ambulanter Suchtberatung befindlichen Klienten eine entsprechende Diagnose auf und es existieren im stationären Bereich eine Anzahl von Einrichtungen, zu der die psychosomatische Fachklinik Münchwies gehört, die seit mehr als zehn Jahren eine ansteigende Anzahl von Glücksspielern nach einem ausgewiesenen Konzept behandeln.

Aktuelle Erscheinungsformen

Nach der multizentrischen deskriptiven Studie von 558 in Beratung oder Behandlung befindlichen Glücksspielern handelt es sich dabei fast ausschließlich (94,1 Prozent) um männliche Patienten, deren Altersschwerpunkt bei 30 Jahren liegt, die bereits über viele Jahre mit hoher Intensität vor allem an den gewerblichen Geldautomaten (93,7 Prozent) spielen und zu Behandlungsbeginn erhebliche, vorwiegend glücksspielbedingte Auffällig- keiten wie hohe Verschuldung, erhöhte Suizidtendenz und häufige Delinquenz aufweisen. Bei einer beträcht- lichen Teilgruppe besteht zusätzlich eine stoffgebun- dene Abhängigkeit.
Eine klinisch-deskriptive Unterteilung lässt sich anhand des von dem Betroffenen bevorzugten Glücksspiel- mediums treffen. Danach lassen sich die behandelten Glücksspielsüchtigen unterteilen in Geldautomaten- spieler, die „Unterhaltungsautomaten mit Gewinn- möglichkeit“ bevorzugen; Casinospieler, das heißt vorwiegend Roulettespieler; Karten- und Würfelspieler, die illegale Glücksspielformen wie Poker ausüben; Lottosystemspieler; Geldwetter, das heißt vorwiegend Pferdewetter sowie sonstige Glücksspieler, die glücks- spielmäßige Formen der Börsenspekulation oder Spiele um Geld mit einem hohen Kompetenzanteil wie Schach, Back Gammon oder Billard bevorzugen.

Diagnostische Verfahren

Die Diagnostik der Glücksspielsucht befindet sich noch in ihren Anfängen. Bezogen auf mögliche glücksspielerspezifische Verleugnungstendenzen konnte, ähnlich wie auf dem Gebiet des Alkoholismus, eine sehr hohe Übereinstimmungs- quote zwischen Selbst- und Fremdaussagen bei der katamnestischen Erfassung des Glücksspiel- verhaltens gefunden werden. Dennoch ist in der frühen Phase der Suchtentwicklung und im Rahmen eines therapeutischen Erstkontaktes von Verleugnungstendenzen auszugehen, die vor allem die Funktion besitzen, den durch die negativen Konsequenzen des Glücksspiels bedrohten Selbstwert zu schützen, indem zum Beispiel die finanziellen Verluste und die damit verbundene zunehmende Verschuldung bagatellisiert werden.
Bei einer fortgeschrittenen Glücksspielproblematik haben sich Screening-Verfahren bewährt, die das Vorhandensein und die Schwere der vorliegenden Problematik erfassen können. Bei dem von Petry und Baulig entwickelten Kurzfragebogen zum Glücksspielverhalten handelt es sich um ein solches test- theoretisch konstruiertes Screening- Verfahren, das im Rahmen der multizentrischen deskriptiven Studie normiert wurde und sich als ökonomisches, reliables und valides Instrument erwiesen hat. Dabei lassen sich mit diesem Fragebogen beratungs- und behandlungs- bedürftige Glücksspieler von Bridgespielern, die nicht um Geld spielen, und normalen Vergleichs- personen gut diskriminieren.
Weitergehende therapierelevante Diagnose- verfahren zur mehrdimensionalen Erfassung der Glücksspielproblematik und Funktionalität des Glücksspielverhaltens liegen im Gegensatz zur Alkoholismusdiagnostik bisher nur als Forschungs- skalen vor, so dass sich der Kliniker derzeit noch auf psychodynamische oder verhaltensanalytische Leitfäden zum Erstinterview stützen muss. Auch die Erfassung glücksspielerspezifischer Persönlichkeits- merkmale und psychopatho- logischer Auffälligkeiten befindet sich noch in den Anfängen, da bisher lediglich eine erhöhte Depressivität bei Glücksspielsüchtigen ausreichend belegt werden konnte, die sich jedoch auch bei Alkoholabhängigen findet, dass heißt nicht als glücksspielerspezifisch angesehen werden kann. Klinisch besonders relevante Merkmale wie die zentrale Selbstwertproblematik und Beziehungs- störung wurden bisher noch nicht im Rahmen der modernen Selbstkonzept- und Bindungsforschung untersucht und auch die Erfassung einer angenommenen erhöhten Risikobereitschaft, externalen Kontrollüberzeugung und Leistungs- motivation ist aufgrund methodischer Einschränkungen bisher nicht gelungen.
Bisherige Versuche zur Typologisierung von Glücksspielern und Glücksspielsüchtigen beziehen sich auf die Art des ausgeübten Glücksspiels, die Intensität des Glücksspiels und damit verbundener negativer Konsequenzen, die Funktionalität des Glücksspielverha-tens, die Persönlichkeitsstruktur, psycho- pathologische Auffälligkeit und Devianzneigung. Die Problematik all dieser Klassifikationen liegt darin, dass die begriffliche und theoretische Ebene nicht ausreichend differenziert und klinische Erfahrungen mit empirischen Befunden vermischt werden. 

Der kognitiv-behaviorale Behandlungsansatz

Als erstes muss eine Einstellung des glücksspielbezogenen Lebensstiles als Grundlage für einen weitergehenden Veränderungsprozess erfolgen. Dies betrifft den motivationalen Aspekt der individuell bestehenden ambivalenten Einstellung gegenüber dem Glücksspielen, zu deren Bearbeitung kognitive und imaginative Verfahren eingesetzt werden, um die sogenannte attributive Triade zu stärken, das heißt die Überzeugung, dass eine Veränderung notwendig, möglich und individuell erreichbar ist. Als zweites bedarf es der Entwicklung von Fähigkeiten zur Lebens- bewältigung als Werkzeuge einer Verhaltens- änderung. Im Zentrum steht dabei die Verbesserung der Gefühlsregulation, da die Rückfallforschung gezeigt hat, dass negative Gefühle als wesentliche Rückfalldeterminanten anzusehen sind, so dass es notwendig ist, spezifische und allgemeine Stressbewältigungs- fähigkeiten zu fördern. Das dritte übergeordnete Therapieziel besteht in der Förderung von glücksspielunabhängigen Aktivitäten, wozu neben der Entwicklung von Ersatzaktivitäten der Aufbau eines alternativen sozialen Stützsystems einschließlich einer abstinenzorientierten Nachsorge gehört.

Glücksspielabstinenz als Behandlungsgrundlage

Innerhalb des suchttherapeutischen Ansatzes zur Behandlung von Glücksspielern bildet das in der Behandlung von stoff- gebundenen Abhängigkeiten bestehende Abstinenzprinzip die Grundlage für eine dauerhafte Bewältigung der Glücksspiel- problematik. Auch wenn es sich dabei nicht um das alleinige Kriterium und eigentliche Ziel der Behandlung handelt, bildet es für fortgeschrittene Formen der Glücksspielsucht den notwendigen Rahmen, um darüber hinausgehende Verände- rungen, die eine zufriedene Lebensbewältigung gewährleisten, zu ermöglichen. 

Symptomorientierte Behandlungsschwerpunkte

Die Behandlung von Glücksspielsüchtigen muss sich zunächst auf das symptomatische Glücks- spielverhalten selbst richten, so dass die selbstauferlegte Glücksspielabstinenz thera- peutisch stabilisiert wird, um den Behandlungs- rahmen für weitergehende Änderungen herzu- stellen. Dabei ist es erforderlich, zunächst die motivationale Ambivalenz gegenüber dem Glücksspielverhalten zu bearbeiten, darüber hinaus glücksspielerspezifische Ver- zerrungen der Informationsverarbeitung zu verändern und schließlich Kompetenzen zur Verhinderung und Bewältigung von Rückfällen zu entwickeln.

Quelle:
Diagnostik und Behandlung der „Glücksspielsucht“
Jörg Petry
Psychosomatische Fachklinik Münchwies
Turmstraße 50-58
66540 Neunkirchen, 
Tel. 06858/69 12 23
E-Mail: J.Petry@ t-online.de

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