Schnüffelstoffe. 

schnuff

Schnüffelstoffe sind potenzielle Rauschdrogen, die insbesondere in den 50er-Jahren durch das weit verbreitete „glue-sniffing“ (Leimschnüffeln) amerikanischer und englischer Jugendlicher bekannt wurden. Eine Reihe von weiteren Begriffen beschreibt diese Form des Rauschmittelmissbrauchs: Lösemit-telmissbrauch und -abhängigkeit (solvent abuse), Schnüffeln (sniffing), Klebstoffschnüffeln (glue sniffing, huffing, inhalant abuse). Der englische Terminus „volatile substance abuse“ charakterisiert das ganze Spektrum der Erscheinungen zutreffend: den Missbrauch organischer Lösemitteldämpfe, organischer Gase oder Edelgase.

Substanzen: 
Als so genannte Schnüffelstoffe werden inhalierbare Substanzen zum Zweck der Rauscherzeugung bezeichnet. Die Bandbreite der missbrauchten – pharmakologisch betrachtet sehr unterschiedlichen – Stoffgruppen ist ebenso groß, wie die der daraus resultierenden missbrauchten Produkten. Sie reicht von aliphatischen Nitriten ( z.B. Amynitrit in Arz-
neimitteln gegen Herzerkrankungen) über organische Lösungsmittel, wie sie in Tipp-Ex, Reinigungsmitteln, Klebstoffen, Farbverdünnern vorkommen, sowie über Gase (z. B. in Feuerzeugen und Camping-Kartuschen) bis hin zu Aerosolen (z. B. in Haarspray).

Herkunft und Verbreitung:  
Herkunft und Verbreitung
Bereits 1799 erwähnte Sir Humphrey Davy die angenehmen Effekte bei der Inhalation von Lachgas als Narkosemittel. Um 1955 erschienen zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema in den USA, wo es zu ersten Fällen von Missbrauch unter Jugendlichen kam. Ende der 60-er/Anfang der 70-er Jahre erreichte die Lösungsmittelabhängigkeit in den USA einen Höhepunkt und breitete sich nach Schweden, England und Deutschland aus. 
In Deutschland wurde 1968 der erste Missbrauch eines Klebstoffverdünners in Berlin registriert, ab 1978 erstreckte sich die Schnüffelsucht auf alle Teile Deutschlands. 1985 meldeten bereits 50 Städte Gesundheitsstörungen, akute Vergiftungsfolgen oder Sozialprobleme jugendlicher Schnüffler. Schnüffelstoffe beziehungsweise flüchtige Lösungsmit-tel werden in Deutschland in nur äußerst geringem Umfang gebraucht. Im Bericht der Deutschen Referenzstelle für die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) zur Drogensituation 2000 wurde festgestellt: „Die Repräsentativerhebung zeigt, dass 1997 insgesamt 0,7 Prozent der befragten Westdeutschen jemals in ihrem Leben Schnüffelstoffe konsumiert haben, in den letzten zwölf Monaten taten dies jedoch nur noch 0,2 Prozent. Die häufigsten Erfahrungen mit flüchtigen Lösungsmitteln liegen im Westen in der Gruppe der 21- bis 24-jährigen vor. Hier haben 2,4 Prozent bereits ein oder mehrmals im Lösungsmittel inhaliert, in den letzten zwölf Monaten 1,1 Prozent.“

Wirkung:
Die meisten der Substanzen werden wegen ihrer psychologischen Wirkung „geschnüffelt“. Sie wirken dämpfend auf das Zentralnervensystem. Nach Auslösung einer milden Euphorie und Erregung wird die Sinneswahrnehmung verändert. Eine zunächst gesteigerte, intensivere Wahrnehmung geht mit zunehmender Dosis in Halluzinationen über.
Ähnlich in den Wirkungen wie Narkotika bewirken auch Inhalanzien eine Lähmung der Funktion der Hirnrinde, die zum Verlust von Schmerzempfinden und zu Bewusstseinsveränderungen bis hin zur Bewusstlosigkeit führen kann.
Akute Risiken des Missbrauchs sind Atemstörungen, die Gefahr der Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle und Herzrhythmusstörungen. Regelmäßiges Schnüffeln kann zu erheblich psychischer Abhängigkeit und schweren körperlichen und seelischen Schäden führen: Verbrennungen und Verätzungen der Atemwege, spastische Lähmungen, Organschäden. Längerer Konsum führt zur Demenz. Bei zu hoher Dosis kann Bewusstlosigkeit und Atemlähmung mit Todesfolge auftreten. Das Inhalieren hoher Dosen konzentrierten Aerosolsprays führt unter Umständen zum Tod. Körperliche Abhängigkeit stellt sich offensichtlich nicht ein, dennoch kommt es bei einigen Mitteln zur Toleranzbildung. Besorgnis erregend ist ferner der weit verbreitete Missbrauch bestimmter Inhalationsmittel wegen ihres angeblich luststeigernden Effekts. In der Medizin werden diese so genannten „Popper“ zur Erweiterung der Blutgefäße eingesetzt, so z. B. die chemische Verbindung Isoamylnitrit. Fortgesetztes Inhalieren dieser Stoffe kann das Kreislaufsystem schädigen und damit indirekte Störungen nach sich ziehen. Bei allen Schnüffelstoffen handelt es sich um zum Teil sehr gefährliche Gifte. Neben den akuten Schäden wie Verätzungen und entzündlichen Veränderungen der Nasen- und Lungenschleimhäute kommt es unter den oft sehr jungen Abhängigen immer wieder zu Todes-fällen durch Überdosierung.
Bei längerem Gebrauch entwickeln alle Süchtigen schwere Leberschäden und Nierenkrankheiten, die sich gewöhnlich nicht wieder zurückbilden. Die Jugendlichen sind deshalb in ihrer Lebenserwartung deutlich eingeschränkt. Viel schlimmer sind jedoch die häufigen Schäden in der Hirnsubstanz. Je nach Ort der Schädigung im Gehirn kommt es zu Gedächtnisausfällen, Lähmungen oder auffälligen Persönlichkeitsverände-rungen. Süchtige sind wegen dieser starken Persönlichkeitsveränderungen nur schwer zu behandeln. Viele von ihnen sind pflegebedürftig.

 


Akute Intoxikation:  
Eine akute Intoxikation ist selten tödlich, allerdings wurden Ausnahmen beschrieben. Zu den Ursachen zählten dabei Atemstillstand infolge Atemlähmung, wobei Sauerstoffmangel und /oder Kohlendioxidvergiftungen oder aber Herzarrhythmien und plötzlicher Herzstillstand eine Rolle spielen

Chronischer Missbrauch:  
Chronischer Missbrauch wird begleitet durch ernsthafte Komplikationen, die zum Beispiel das Knochenmark und die Leber betreffen, sowie Gewichtsverlust, Muskelschwäche und Ermüdbarkeit, generelle Desorientiertheit, Koordinations- und Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen und Depressionen. Man unterscheidet zwischen allgemeinen chronischen Schäden, die von fast allen Lösungs-mitteln hervorgerufen, und solchen, die speziell nur durch bestimmte Solvenzien verursacht werden. Solche speziellen irreversiblen Effekte sind u.a. Gehörverlust durch Toluol und Trichlorethylen, periphere Neuropathien oder Gliederspasmen durch Hexan und Lachgas, ZNS oder Hirnschädigungen durch Toluol und Knochenmarkschädigungen durch Benzol. Seltener wurden Parkinsonismus oder Myopathien beobachtet.

Abhängigkeit:  
Der chronische Missbrauch führt zu einer starken psychischen Abhängigkeit bei gleichzeitig fehlender physischer Abhängigkeit. Das heisst, es werden keine Entzugssymptome bei längerer Abhängigkeit beobachtet. Beschrieben sind jedoch von einigen Süchtigen unspezifische Symptome wie Übelkeit, Gliederschmerzen, Müdigkeit und seltener Magenkrämpfe. Auf Grund der starken psychischen Abhängigkeit ist die Rückfallquote sehr hoch. Bereits nach drei bis sechs Monaten chronischen Missbrauchs entwickelt sich beim Inhalieren organsicher Lösungsmittel eine Toleranz, die eine erhebliche Steigerung sowohl der Konsummengen und -zeiten erfordert, um die gleiche Rauschwirkung zu erreichen. Charakteristisch ist auch die polytoxikomane Suchtentwicklung, wobei der Abhängige gleichzeitig verschiedene Substanzen konsumiert.
Der typische Schnüffler weist eine früh ausgeprägte Experimentierbereitschaft auf, hat eine negative Einstellung gegenüber seinem Körper und möglichen Gesundheitsschädigungen und eine antisoziale Einstellung. Das Einstiegsalter liegt zwischen 13 und 16 Jahren.

Verfügbarkeit:
Schnüffelstoffe sind einfach und leicht zugänglich, denn sie befinden sich in frei verkäuflichen und alltäglichen Produkten, wie sie in jedem Haushalt zu finden sind. Insgesamt gibt es weit über Tausend Substanzen, die als Schnüffelstoffe eingesetzt werden können. Die Drogen können legal beschafft werden, die Abhängigen geraten dadurch nicht in einen Gesetzeskonflikt wie beim Missbrauch anderer Drogen. Einige Länder verbieten deshalb inzwischen eine Abgabe von Verdünnungs-mitteln an Jugendliche unter 18 Jahre.

Quellen:A. Uchtenhagen, W. Zieglgänsberger, Suchtmedizin, Konzepte,Strategien und therapeutisches Management,Urban & Fischer Verlag, München 2000, 640 S., ISBN 3-437-21780-1

Deutsche Referenzstelle für die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD), Bericht zur Drogensituation 2000, IFT, BzgA, DHS 2001, 182 S.



Missbrauchte Substanzen

Halogenierte aliphatische Kohlenwasserstoffe:
Dichlormethan, Trichlormethan, Tetrachlormethan, 1,2-Dichlorethylen, Dichlorfluormethan, Chloroform
Halothan

Aliphatische Kohlenwasserstoffe: 
Benzin, Petroleum, Butan, Propan

Aromatische Kohlenwasserstoffe: 
Benzol, Toluol, Xylol etc.

Alkohole:
Methanol, Ethanol, Butanol, Isopropanol,
1,3-Dichlor-2-propanol

Ether: 
Diethylether

Ketone:
Aceton, Methylethylketon, Methylisobutylketon

Ester:
N,N-Dimethylformamid, Ethylacetat, Amylacetat,
Butylacetat

Nitrite:
Amylnitrit, Isobutylnitrit


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