| |
Das erwachte
Interesse an Ethnobotanik führt dazu, dass alte, in Vergessenheit
geratene Pflanzen und ihre Inhaltsstoffe
„neu entdeckt “ werden.
Zu den noch wenig bekannten Arten gehört der Aztekensalbei
(Salvia divinorm). Er enthält das Diterpen Salvinorin A,
das außergewöhnliche halluzinogene Eigenschaften besitzt.
Salvinorin A löst Störungen des Ich- Bewusstseins aus,
die als derart beängstigend empfunden werden, dass die meisten
Probanden weitere Experimente ablehnen.
Für Naturstoffchemiker, Pharmakologen und Neurobiologen
ist Salvinorin A von großem Interesse, weil es einer in
der Natur weit verbreiteten Verbindungsklasse angehört,
die bislang kaum als halluzinogen aufgefallen ist, und weil es
auf einen noch unbekannten Rezeptor wirkt.
|
| |
Der zunehmende
Gebrauch von Salvia divinorm („magic mint “) in
der Drogenszene ist ein weiteres Beispiel dafür, dass
es immer dann, wenn die Bindung an jahrhundertealte Traditionen
im Umgang mit psychoaktiven Pflanzen und ihre rituelle Einbindung
in religiöse und medizinische Zeremonien aufgegeben werden,
zu ungehemmtem und maßlosem Gebrauch der Drogen kommt.
Auf soziale Probleme, die damit heraufbeschworen werden, sei
hier nur hingewiesen.
Die psychoaktive Wirkung des Aztekensalbeis beruht auf seinem
Gehalt an Salvinorin A, einem stickstofffreien Pflanzenwirkstoff,
der als eines der potentesten und zugleich rätselhaftesten,
natürlich vorkommenden Halluzinogene gilt. [1].
Es unterscheidet sich durch einige bemerkenswerte chemische und
psychopharmakologische Eigenschaften von anderen Halluzinogenen: •Salvinorin
A ist kein Alkaloid wie die meisten Halluzinogene, sondern ein
bicyclisches Diterpen mit einem Clerodan-Kohlenstoffskelett (Abb.
2)
Als erstes Diterpen mit nachgewiese- ner psychedelischerWirkung
[2] öffnet es den Zugang zu den noch weitgehend unerforschten
halluzinogenen Terpenen.
• Die unter dem Einfluss von Salvinorin A auftretenden psychedelischen
Phänomene werden als extrem bizarr und
äußerst wechselvoll beschrieben. Die Störung
des Ich- Bewusstseins und der drohende irreversible Identitätsverlust
werden als stark negativ und hochgradig beängstigend empfunden,
so dass die meisten Probanden die psychonautischen Experimente
mit Salvinorin A nicht mehr wiederholen möchten.
• Wegen der für Halluzinogene ungewöhnlichen Diterpen-
Struktur vermutete man bereits früher, dass Salvinorin A
an einen noch unbekannten Neurorezeptor bindet. Dies konnte durch
ausführliche Rezeptor- Bindungsstudien bestätigt werden. |
| |
Salvinorin
A ist der Wirkstoff des Azteken- oder Wahrsagesalbeis Salvia
divinorm der erst 1962 von den Botanikern Carl Epling und Carlos
D. Játiva wissenschaftlich beschrieben wurde.
Die Verbindung ist erstmals 1982 von A. Ortega im Rahmen einer
systematischen Untersuchung über Terpenvorkommen in verschiedenen
Salbeiarten entdeckt worden [3].
1984 stieß L. J. Valdes [4] bei der Suche nach dem Wirkungsprinzip
des Aztekensalbeis das zweite Mal auf diese Substanz. Beide Entdecker
haben Salvinorin A aus frischen Blättern extrahiert, in
reiner Form isoliert und unabhängig voneinander die Struktur
aufgeklärt. Sein außergewöhnliches psychedelisches
Potenzial haben sie jedoch nicht erkannt.
Erst zehn Jahre später hat D. J. Siebert [2] nachgewiesen,
dass die volle psychedelische Wirkung nur dann auftritt, wenn
die Deaktivierung im Magen- Darmkanal durch sublingulare Applikation
oder durch Inhalation umgangen wird. Salvia divinorm ist eine
seltene Staude und nicht unproblematisch zu kultivieren. Sie
bevorzugt Feuchtgebiete, hat großflächige, lanzettförmige
Blätter und wird ausschließlich durch Stecklinge oder
Ableger vermehr. Dies sind Indizien dafür, dass der Aztekensalbei
schon seit langem in Kultur ist. Sein ritueller Gebrauch wurde
1962 von R. G. Wasson bei einer ethnobotanischen Expedition in
das Gebiet der Mazateken- Indianer in Südmexiko entdeckt
[5].
Die Mazateken benutzen die Blätter in schamanischen Heilritualen
als Ersatzdroge für die sonst gebräuchlichen Psilocybe-
Pilze.
Die frischen Blätter werden „priemartig “ gekaut;
die getrockneten Blätter meist unvermischt geraucht. Der
Ethnopharmakologe J. Ott vermutet, dass Salvia divinorm mit dem
alten aztekischen Halluzinogen Pipiltzintzintl identisch ist
[6].
|
Inhaltsstoffe
des Aztekensalbeis und seiner Verwandten
Die Blätter des Aztekensalbeis enthalten neben Salvinorin
A das unwirksame Salvinorin B, das an Stelle der Acetylgruppe
am C- Atom 2 eine OH- Gruppe trägt, sowie zwei weitere,
noch nicht näher identifizierte Terpene mit vermutlich
ähnlicher Struktur.
Außerdem wurde in den Blättern das ungesättigte,
. -Lacton Loliolid (Abb. 2) nachgewiesen, ein verbreiteter Naturstoff,
der als Ameisenrepellent wirkt und auch im Weidelgras (Lolium
perenne) und in einigen Digitalis- Arten vorkommt; seine pharmakologische
Wirkung auf den Menschen ist jedoch noch unbekannt [7].
Das stark psychoaktive Terpenketon Thujon, das in geringer Menge
in den Blättern des Gartensalbeis (Salvia officinalis) enthalten
ist (und in deutlich höheren Anteilen im Wermut Artemisia
absinthium, einem Korbblütler), konnte hingegen nicht in
den Blättern des Aztekensalbeis nachgewiesen werden. |
Drei weitere Clerodan- Diterpene, die dem Salvinorin A strukturell ähnlich
sind, haben G. Savona und Mitarbeiter aus der brasilianischen
Salbeiart Salvia splendens und aus Salvia coccinea isoliert [8].
Es handelt sich um die Furanolacton- Clerodane Salviarin, Splendidin
und Salviacoccin (Abb. 2).
Sie unterscheiden sich von Salvinorin A im Wesentlichen durch
die g-Lactongruppierung an C-4/C-5 und durch das Fehlen beziehungsweise
durch die andere Anordnung der sauerstoffhaltigen Substituenten
am Ring A. Die Psychoaktivität der beiden Pflanzen und ihrer
salvinorinähnlichen Inhaltsstoffe haben Savona und Mitarbeiter
nicht erkannt. Sie ist, wie im Falle des Salvinorin A von Salvia
divinorm, erst viel später (etwa 1997) entdeckt worden.
Die Kenntnis, dass Salvia splendens und Salvia coccinea psychedelische
Erlebnisse verursachen können, geht zurück auf psychonautische
Erfahrungen, die mehrere Probanden unabhängig voneinander
mit frischen Blättern (sublingulare Applikation) und mit
gerauchten, getrockneten Blättern gemacht haben. Die Mehrzahl
der Probanden berichtet von Visionen, wie sie bei Einnahme einer
mittleren Dosis von Salvinorin A auftreten.
Das psychedelische Erleben scheint hier milder und von größerer
mentaler Klarheit begleitet zu sein. Methodische psychopharmakologische
Untersuchungen der vermutlichen Wirkstoffe Salviarin / Splendidin
und Salviacoccin stehen noch aus.
Salvinorin A, Salviarin Splendidin und Salviacoccin haben das
gleiche Clerodan- Kohlenstoffskelett, mit dem typischen zentralen
Dekalin- Bicyclus. Das Clerodan- Kohlenstoffskelett leitet sich
formal vom offenkettigen Diterpen Phytan ab und bildet, nach
zweifachen Ringschluss, zusammen mit den Labdanen und Halimanen
die Gruppe der bicyclischen Diterpene.
Labdan-und Halimanderivate sind weit verbreitete Inhaltsstoffe
von höheren Pflanzen.
Im Salvinorin A findet man sauerstoffhaltige Substituenten in
den Positionen C-1, C-2, C-4, C-12 und C-17.
Die typische Seitenkette der Clerodane (am C-Atom 9) ist äußerst
wandlungsfähig. Sie kann unter anderem konjugierte Diensysteme
ausbilden und diese durch Epoxylierung in Furylreste überführen.
A. T. Merrit und S. V. Ley haben in einer Übersichtsarbeit
mehr als 650 natürlich vorkommende Clerodane einschließlich
ihrer Strukturen aufgelistet [9].
Sie kommen überwiegend in höheren Pflanzen vor (20
Familien), aber auch in Meeresorganismen und Bakterien. Die biologischen
Eigenschaften und das Psychoaktivitätspotenzial der
überwiegenden Mehrheit der natürlichen Clerodane sind
unbekannt.
Clerodane können nach einer von T. Tokoroyama entwickelten
Methode aus einfach zugänglichen Ausgangsverbindungen stereospezifisch
synthetisiert werden [10].
Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, dass einfachere und
idealerweise wirksamere Strukturvarianten der psychoaktiven Furano-
Clerodane synthetisiert und möglicherweise die psychoaktivitätsverursachenden
Strukturmerkmale erkannt werden können. |
| |
|
| |
|

Aztekensalbei Salvia divinorum.
a. Blühender Spross. b. Einzelblüte. c.
Sprossver zweigung.
Aus [13]
|
Wirkung und Wirkungsprinzip
Für die volle psychedelische Wirkung des Salvinorin
A genügt eine geringe Dosis. Sie liegt bei sublingularer
Applikation oder bei Inhalation zwischen 0, 5 und 1, 0 mg.
Das exakte Abwiegen so geringer Mengen und die Technik des
Inhalierens sind für viele Probanden problematisch,
so dass Überdosierungen mit fatalen Folgen nicht auszuschließen
sind. Aus diesem Grunde wird vor der Verwendung von purem
Salvinorin A eindringlich gewarnt [11]. Getrocknete Blätter
von Salvia divinorm werden trotz des hohen Sicherheitsrisikos
mit leider steigender Tendenz im Handel und im Internet angeboten.
Der Handel mit Salvinorin A und mit der Droge ist (noch)
legal, weil sie nicht im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt
sind. Die Wirkung von Salvinorin A setzt innerhalb von Sekunden
ein und erreicht unmittelbar danach mit dem
Übergang in den Trancezustand die Phase der intensivsten
psychedelischen Erlebnisse [1]. Diese Phase ist gekennzeichnet
durch die typische Loslösung von der Realität und
wird begleitet von positiven, kosmischen Vereinigungs- und
Ich- Auflösungserlebnissen, aber auch von negativen,
Angst auslösenden Gefühlen der Zerstörung
des Ich- Bewusstseins.
Nach etwa 10 Minuten ist der Höhepunkt überschritten
und nach weiteren 20 Minuten wird der Ausgangszustand wieder
erreicht. Wegen der ausgeprägten bewusstseinsverändernden
Potenz des Salvinorin A wird seine Wirkung häufig mit
der von Ketamin verglichen, während die von Salviarin,
Splendidin und Salviacoccin eher der von Meskalin gleichen
soll. Es gibt jedoch einige Merkmale, durch die sich das
Wirkungsspektrum des bicyclischen Diterpens Salvinorin A
von dem des Phenylcyclohexanamin- Derivats Ketamin unterscheidet.
Zu nennen sind die deutlich kürzere Wirkdauer (Ketamin
wirkt über Stunden), die im Vergleich zu Ketamin auch
positiv ausgeprägten psychedelischen Erlebnisse und
die fehlende Einwirkung von Salvinorin A auf den NMDA (N-Methyl-D-Aspartat)-
Rezeptor, die den Wirkungsmechanismus von Ketamin und anderen
Phenylcyclohexanamin-Derivaten kennzeichnet.
Ketamin blockiert den lonenkanal des glutamatergen NMDA-
Rezeptors, greift damit verändernd in das Gleichgewicht
der dopaminergen / glutamatergen Neurotransmissionsvorgänge
der Nervenverbindungen des subcortikalen striatolimbischen
Komplexes ein und destabilisiert dadurch die Kontrolle und
die Regulierung des thalamischen Filters. Die resultierende
Disfunktion des Thalamus, der Schaltstelle für alle
wichtigen sensorischen Systeme in der Nähe des Mittelhirns,
und die Öffnung des thalamischen Filters führen
zu einem Durchbruch von irrelevanten sensorischen und kognitiven
Informationen und zu einer Reizüberflutung der Areale
des frontalen Großhirns, die als die neuroanatomischen
Substrate für die Ich- strukturierenden und bewusstseinsbildenden
Vorgänge angesehen werden.
Die Reizüberflutung dieser Großhirnbereiche und
die damit verursachte Fragmentierung der Erkenntnisfähigkeit
gehen einher mit psychedelischen Erlebnissen und mit Veränderungen
des Wachbewusstseins. Die von Ketamin verursachte Störung
der normalen sensorischen Informationsverarbeitung
äußert sich als deutliche Zunahme der metabolischen
Aktivität in den frontalen Cortexbereichen (Hyperfrontalität)
und kann mittels Positronen- Emissions- Tomografie (PET)
bildhaft dargestellt, quantitativ gemessen und in eindeutige
Wechselbeziehung zu den veränderten Bewusstseinszuständen
gebracht werden [12].
Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind auch andere Neurotransmittersysteme
(GABAerge, serotonerge) sekundär an den metabolischen
Effekten beteiligt.
|
Obwohl
auch Salvinorin A im Stande ist, ähnliche Bewusstseinsveränderungen
hervorzurufen, können die Vorstellungen über den
Wirkmechanismus des Ketamins schon deshalb nicht auf das bicyclische
Diterpen übertragen werden, weil bisher keine Interaktion
von Salvinorin A mit dem NMDA-Rezeptor oder mit einem anderen
bekannten Rezeptor festgestellt werden konnte.
Möglicherweise verursacht Salvinorin A eine bewusstseinsverändernde
Reizüberflutung im frontalen Cortex durch Interaktion mit
einem noch nicht entdeckten Rezeptor im striatolimbischen Kontrollkomplex
des thalamischen Filters. Die Fortführung der neuropharmakologischen
und neurochemischen Untersuchungen mit dem noch immer rätselhaften
Salvinorin A könnte zu neuen Erkenntnissen und zu erweiterten
Vorstellungen
über die Regulierung der thalamischen Filterfunktion und über
das Zustandekommen chemisch induzierter bewusstseinsverändernder
Vorgänge im frontalen Cortex führen.
|
Botanischer
Steckbrief
Salvia divinorum Epling et Játiva (Familie Labiatae,
Lippenblütler) Namen: Aztekensalbei, Salvia of the
seers, hierba de la pastora, hierba de la virgen, yerba
de Maria, la hembra.
Verbreitung: Mexiko.
Anbau in der Sierra Mazateca im Hochland von Oaxaca (Südmexiko)
durch Indios in unzugänglichen Schluchten oder im
Wald.
Wildvorkommen sind bislang unbekannt.
Botanische Merkmale: Bis über 1 Meter hohe Staude.
Stängel mehr oder weniger behaart. Blattspreite
der Laubblätter eiförmig, 12-15 cm lang, zugespitzt
an der Basis abgerundet; verjüngen sich in den 2-3
cm langen Blattstiel; nur unterseits an den Blattnerven
und in den Blattbuchten behaart.
Blüten in Scheinquirlen angeordnet, die in 30-40
cm langen, verzweigten Scheinähren stehen. Blüten
bis 15 mm lang, Kronblätter weiß, Kelch purpurn
(vgl. Abb. 1).
|
Literatur
[1] D.. M. Turner:Salvinorin
-The Psychedelic Essence of Salvia divinorum. Panther Press.
San Francisco 1996.
[2] D. . L Siebert, Journal of Ethnopharmacology
43, 53 (1994). -
[3] A. . Ortega, J. Chem. Soc. Perkin
Trans. 1, 2505 (1982).
[4] L. . J. Valdes, J. of Organic
Chemistry 47, 16 (1984).
[5] R. . G. Wasson, Bot. Museum
Leaflets Harvard Univ. 20, 77 (1962).
[6] J. . Ott, Curare 18, 103 (1995).
[7] Ch. . Rätsch:Enzyklopädie
der psychoaktiven Pflanzen. AT-Verlag.
Aarau 1998.
[8] G. . Savona, J. Chem. Soc. Perkins
Trans. 1, 533, 643 (1978);ders. , Phytochemistry
21, 256 (1982).
[9] A. T. Merrit, S. V. Ley, Nat.
Prod. Report 9, 243 (1992)
[10] T. Tokoroyama, Tetrahedron
44, 6607 (1988).
[11] D. . J. Siebert, The Entheogen
Review 3, 122 (1994).
[12] F. . X. Vollenweider, European
Neuro- pharmacology 7, 9 (1997).
[13] Hagers Handbuch der pharmazeutischen
Praxis. 5. Aufl. Bd. 6. Springer- Verlag.
Berlin, Heidelberg, New York 1994.
[14] E. Mutschler et al. :Arzneimittelwirkungen.
Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie.
8. Aufl. Wissenschaftlich Verlagsgesellschaft.
Stuttgart 2001. |
Quelle:
Heinz Benoni (Naturwissenschaftliche Rundschau, Heft 11,
2001) |
nach oben
|