Internetsucht.
Begriffsbestimmung
Internationale
Synonyme |
Nationale
Synonyme |
(Inter-)Net
Addiction |
Internetsucht |
Online
Addiction |
Onlinesucht |
Internet
Addiction Disorder (IAD |
Internetabhängig-
keitssyndrom (IAB) |
Pathological
Internet Use (PIU) |
Pathologischer
Internet Gebrauch (PIG) |
Cyberdisorder |
Internetabhängigkeit |
Die
Zahl der Personen, die das Internet regelmäßig nutzen
ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Zählte man
1997 4,1 Millionen Deutsche (6,5 Prozent der Bevölkerung),
gingen 2001 schon fast 25 Millionen Deutsche regelmäßig
online (38,8 Prozent). Die Prognose bis 2005: In zwei Jahren sollen
mehr als zwei Drittel der Bevölkerung im Netz sein.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern am Forschungslabor (PSILab) des
Lehrstuhls Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie
an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde durch die öffentliche
wie wissenschaftliche Diskussion um das Phänomen der Internetsucht
im Juni 1999 dazu veranlasst, mit einer fünfteiligen Untersuchungsreihe
zum Thema zu beginnen. Ziel war zu ergründen, ob Internet- sucht
auch bei Anlegung strenger diagnostisch-methodischer Kriterien als
Phänomen Bestand hat. Zum einen sollten Informationen zur Verbreitung
der Problematik in der deutschen Online-Bevölkerung (24,2 Millionen,
Stand Juni 2001) bereit gestellt werden. Zum anderen wurde nach Personenmerkmalen
gesucht, die mit dem Phänomen einhergehen. Gibt es Personen,
die häufiger betroffen sind als andere? Wenn ja, durch welche
Merkmale zeichnen sich diese Personen aus? Diese und weitere Fragen
haben Berliner Wissenschaftler um Prof. Dr. Matthias Jerusalem in
einer Pilot-Studie zu diesem Thema bearbeitet. Dabei ging es zunächst
um die Entwicklung eines Instruments zur Diagnose der Internetsucht.
Ergebnisse dieser ersten Studie liegen vor.
Definition
von Internetabhängigkeit
Die Wissenschaftler definieren Internetabhängigkeit,
wenn die folgenden fünf Kriterien erfüllt sind:
• Einengung des Verhaltensraums: über längere
Zeitspannen wird der größte Teil des Tageszeitbudgets
zur Internetnutzung verausgabt (hierzu zählen auch verhaltensverwandte
Aktivitäten wie beispielsweise Optimierungsarbeiten am PC)
• Kontrollverlust: die Person hat die Kontrolle bezüglich
des Beginns und der Beendigung ihrer Internetnutzung weitgehend verloren
(Versuche, das Nutzungsausmaß zu reduzieren oder die Nutzung
zu unterbrechen, bleiben erfolglos oder werden erst gar nicht unternommen
(obwohl das Bewusstsein für dadurch verursachte persönliche
oder soziale Probleme vorhanden ist)
• Toleranzentwicklung: im Verlauf wird zunehmend
mehr Zeit für internetbezogene Aktivitäten verausgabt,
d.h. die „Dosis“ wird im Sinne von Kriterium 1
gesteigert (dynamisches Verlaufsmerkmal)
• Entzugserscheinungen: bei zeitweiliger, längerer
Unterbrechung der Internetnutzung treten psychische Beeinträchtigungen
auf (Nervosität, Gereiztheit, Aggressivität) und
ein psychisches Verlangen zur Wiederaufnahme der Internetaktivitäten
• Negative soziale und personale Konsequenzen: wegen
der Internetaktivitäten stellen sich insbesondere in den
Bereichen „soziale Beziehungen“ (z. B. Ärger
mit Freunden) sowie „Arbeit und Leistung“ negative
Konsequenzen ein
Verbreitung
Die erste Frage der Untersuchung bezog sich auf die Verbreitung der
Internetsucht in der Bundesrepublik Deutschland. Die Befragung
von 7.091 Teilnehmern der ersten Pilotstudie 1999 ergab, dass
90 Prozent aller Studienteilnehmer als unauffällig, sieben
Prozent als internetsuchtgefährdet und drei Prozent als
süchtig eingeschätzt wurden. Die Befragung zeigte auch,
dass es einen Zusammenhang zwischen der Zeit, die täglich
im Netz verbracht wird und der Internetsucht gibt. So sind Internetsucht-Gefährdete
durchschnittlich 28 Stunden pro Woche und Süchtige sogar
35 Stunden pro Woche im Netz. Die unauffälligen Netznutzer
surfen dagegen durchschnittlich nur 17 Stunden pro Woche im Internet.
Süchtige sind also tatsächlich sehr lange online. Allerdings
gilt der Umkehrschluss nicht: Nicht jeder der lange online ist,
ist auch internetsüchtig. Sonst wären ja beispielsweise
alle internetabhängig, die täglich mit dem Internet
in Ausbildung oder Beruf zu tun haben. Die Onlinezeit ist daher
auch kein Kriterium für die Diagnose der Internetabhängigkeit.
Betroffen von der Internetsucht waren vor allem männliche Jugendliche
unter 20 Jahren. Die Anzahl der Internetsüchtigen sank mit zunehmendem
Alter kontinuierlich. Frauen unter 20 waren weniger betroffen als
Männer gleichen Alters. Ab Mitte 20 drehte sich das Verhältnis
um, und die Frauen schienen eher als die Männer betroffen zu
sein. Für Frauen zeigte sich auch keine mit zunehmendem Alter
abnehmende Tendenz.
Unter den Befragungsteilnehmern
ohne Schulabschluss befanden sich mit 10,8 Prozent die meisten Internetsüchtigen.
Mit zunehmendem höherem Schulabschluss sank die Anzahl der Betroffenen.
In der Gruppe der Personen mit abgeschlossenem Studium war der Anteil
der Süchtigen mit 1,3 Prozent am geringsten. Neben
dem Ausbildungsgrad interessierte auch die momentane berufliche Tätigkeit
der Teilnehmer. |
Berufstätige
waren am wenigsten von der Internetsucht betroffen. Unter den Arbeitslosen
fand sich dagegen mit zwölf Prozent der größte
Anteil an Internetsüchtigen überhaupt. Allerdings wissen
die Wissenschaftler nicht, ob die Internetsucht zur Arbeitslosigkeit
oder die Arbeitslosigkeit zur Internetsucht geführt hat.Wahrscheinlich
trifft beides zu einem Teil zu. Auch Schüler, Hausfrauen und
Rentner schienen stärker betroffen zu sein als berufstätige
Menschen. Diese Personengruppen sind vielleicht gefährdeter,
weil ihnen einfach mehr Zeit zur Verfügung steht sich mit
dem Internet zu beschäftigen.
Eine Partnerschaft (ob verheiratet oder nicht), so die Ergebnisse der
Studie, schützt vor Internetsucht. So fanden sich Internetsüchtige
oder Gefährdete unter den Teilnehmern ohne Partner fast doppelt
so häufig wie unter den Teilnehmern, die in einer Partnerschaft
leben.
Allein lebende Menschen sind also gefährdeter als Menschen mit
einem festen Partner. Vielleicht versuchen gerade die allein Lebenden
im Internet Kontakte zu knüpfen. Einige der Partnerlosen scheinen
aber ihren Wunsch nicht in die Wirklichkeit umsetzen zu können
und bleiben im Netz hängen. Da aber auch Menschen ohne Partner
betroffen sind, ist eine fehlende Partnerschaft sicher nicht der einzige
Grund für die Internetsucht.
Natürlich stellte sich die Frage, ob es im Internet Inhalte und
Services gibt, die von Internetsüchtigen häufiger genutzt
werden als von den unauffälligen Internetnutzern. Gibt es also
Angebote mit hohem Suchtpotential? Die Befragung zeigte, dass dies
so zu sein scheint. Die deutlichsten Unterschiede fanden sich bei der
Nutzung der Chatsysteme. Während der unauffällige Teilnehmer
gerade mal 18 Prozent seiner gesamten Internetaktivitäten mit
chatten verbringt, war der Chatanteil eines Internetsüchtigen
mit 35 Prozent fast doppelt so hoch. Auf Platz 2 der Hitliste der Internetsüchtigen
landeten die Online-Games, gefolgt von Musik-Downloads. Erst auf Platz
4 fanden sich Erotik- und Sexangebote - auch diese Angebote wurden
von Internetsüchtigen viel häufiger in Anspruch genommen.
Ohne Suchtpotential sind bislang Internetangebote wie Online-Auktionen,
Online-Casinos (also Gewinnspiele mit Geldeinsatz) oder Daytrading.
Hier waren die Nutzungszahlen insgesamt noch sehr niedrig (kleiner
als zwei Prozent), so dass mögliche Unterschiede nicht deutlich
wurden.
Fazit
der Befragung
Die Häufigkeitsrate der Internetabhängigkeit beträgt
für die BRD etwa drei Prozent (obere Grenze). Das entspricht
(April 2001) etwa 650.000 Internetnutzern. Die Online-Zeit eines
Internetsüchtigen beträgt im Mittel 35 Stunden in der
Woche.
Internetabhängigkeit scheint besonders Jugendliche und Heranwachsende
zu betreffen. Mit zunehmendem Alter sind Frauen häufiger betroffen
als Männer. Weitere Risikogruppen sind: Menschen ohne Lebenspartner(in);
Arbeitslose und Teilzeitbeschäftigte. Internetabhängige
nutzen signifikant häufiger Chat- und Kommunikationssysteme,
spielen öfter über das Netz (ohne Geldeinsatz) und greifen
reger zu Musikangeboten (z. B. MP3 Downloads) als unauffällige
Internetnutzer.
Zu Bedingungen oder Ursachen der Internetsucht kann diese Pilotstudie
noch keine Aussagen machen. Soziale oder personale Bedingungen
der Internetsucht werden erst in den nachfolgenden Studien untersucht
und sind erst nach Vorliegen der Ergebnisse der Wiederholungsbefragung,
die Ende April 2001 begonnen wurde, möglich.
In weiteren Studien erforschen die Wissenschaftler jetzt, welche
Risikofaktoren zu problematischem Internetverhalten führen
können und ob es auch Schutzfaktoren gibt, die einen konstruktiven
Internetgebrauch ohne negative Konsequenzen ermöglichen. Ziel
ist die Erarbeitung von Präventionsmöglichkeiten zur
Verminderung psychosozialer Risiken der Internetnutzung.
Kontakt:
Humboldt-Universität zu Berlin
Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie
Geschwister-Scholl-Str. 7
Unter den Linden 6 • 10099 Berlin
Fax 030/20 93 40 10 • E-Mail: info@internetsucht.de
Forschung
„Internet
und Persönlichkeit“
Psychologische
Internet-Forscher stellten auf einer Fachtagung Mitte Oktober
2003 in Chemnitz ihre wissenschaftlichen Ergebnisse vor.
Auf dem Tagungsprogramm standen Vorträge von renommierten
Wissenschaftlern wie Bernard Batinic, einem der Begründer
der psychologischen Internetforschung im deutschsprachigen
Raum, Guido Hertel, Spezialist für arbeits- und organisationspsychologische
Internetanwendungen und Michael Bosnjak, dessen Spezialgebiet
internetbasierte Markt- und Werbepsychologie ist. Im Mittelpunkt
der Veranstaltung standen folgende Fragen: Wie lassen sich
Persönlichkeitsmerkmale im Internet erfassen? Bestehen
Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen
und der Art der Internetnutzung? Wie stellen sich Personen
auf privaten Homepages dar? Und welche Rolle spielen Persönlichkeitsmerkmale
bei angewandten Aspekten der Internetnutzung?
Seit 1988 beschäftigt sich die DFG-Forschergruppe „Neue
Medien im Alltag“ an der TU Chemnitz mit Fragen der
alltäglichen Nutzung neuer Medien aus der Perspektive
verschiedener Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften
sowie der Informatik. Die Forschergruppe stellt für
sich den Anspruch, mit ihren Projekten aus unterschiedlichen
Wissenschaftsdisziplinen einen hohen Grad an fächerübergreifender
Kooperation zu erreichen. Ergebnisse der ersten drei Förderungsjahre
stellte die DFG-Forschergruppe im soeben erschienenen Band „Neue
Medien im Alltag: Nutzung, Vernetzung, Interaktion“ vor.
Der von Evelyne Keitel, Klaus Boehnke und Karin Wenz herausgegebene
Band ist Band 3 der Publikationen aus der Forschergruppe
beim Pabst-Verlag. |
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