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Fliegenpilz
Der
Fliegenpilz (Amanita muscaria) wächst in Deutschland von Juli
bis November meist in Nadel- und Laubwäldern und ist wegen
seines markanten Aussehens (leuchtend roter Hut mir weißen
Tupfen) weitläufig bekannt. Er gehört zur Gattung der
Wulstlinge, zu der auch die samtschwarze Varietät, Amanita
mexikana, zu rechnen ist. Vor allem das Pilzfleisch und die Lamellen
beinhalten einige Toxine (Ibotensäure, Muscimol, Muscazon,
Muscarin), die beim Genuss starke Erregungs- und Rauschzustände
hervorrufen. Weitere Bestandteile sind Muskaridin, Cholin, Acetylcholin
und Bufotenin. Zum Gebrauch wird üblicherweise die Haut des
Hutes abgezogen, das Pilzfleisch getrocknet und gemahlen. Fliegenpilz
wird geraucht, geschnupft, verzehrt oder zu einer Salbe verarbeitet
und auf Schleimhäute oder die Haut aufgetragen. Wiederholter
Gebrauch ist extrem hirntoxisch. Fälle psychischer Abhängigkeit
soll es vor allem im Mittelalter gegeben haben.
Geschichte
Es gibt Hinweise, dass der Fliegenpilz schon im Altertum in Sibirien,
Nordostasien und bei germanischen Völkern im Ritual Verwendung
fand. Teilweise wurde auch der Urin der Berauschten getrunken, der
die unveränderten ausgeschiedenen Wirksubstanzen enthält.
Die noch heute sprichwörtliche „Berserkerwut“ der
alten Skandinavier ist gegebenenfalls mit auf den tobsüchtig
machenden und gleichzeitig unbändige Kraft verleihenden Pilz
zurückzuführen. Daneben gibt es Hinweise, dass Fliegenpilzextrakte
beziehungsweise mit Fliegenpilz vermischter Wein als göttlicher
Trunk („Ambrosia“, „Nektar“) in der Antike
im Rahmen der Eleusischen, Orphischen und anderen ausschweifenden „dionysischen“ Mysterien
eine Rolle spielten. Auch bei dem „Soma“ der Rigweda
(Sammlung hinduistischer Opferschriften) könnte es sich um das
gleiche, etwa um 1.500 vor Christus aus dem Nordwesten nach Indien
mitgebrachte Rauschmittel handeln.
Durch das aufkommende Christentum wurde der rituelle Gebrauch des
Fliegenpilzes zurückgedrängt. Hierauf weist möglicherweise
der volkstümliche Name hin, denn nach mittelalterlichen Vorstellungen
musste man sich der Hexerei bedienen und eine spezielle Salbe auf
die Haut streichen, um fliegen zu können. Der syrische Gott
Baal, dessen Name sich im Zuge der Christianisierung in „Beelzebub“ wandelte,
wurde als „Herr der Fliegen“ apostrophiert. Seinen Namen
könnte der Pilz aber auch von der Verwendung als Insektenfalle
haben, die mindestens seit dem 13. Jahrhundert belegt ist. In Milch
oder Wasser eingeweichte Pilzstückchen wirkten als Locksubstanz
für Fliegen und andere Insekten, die nach Genuss des Pilzes
in der Flüssigkeit ertranken.
Als erste aktive Substanz des Fliegenpilzes wurde das Muscarin entdeckt,
das dem Pilz dann auch seinen Beinamen gab und fälschlicherweise
lange für den Hauptwirkstoff gehalten wurde. Erst in den sechziger
Jahren wurden die eigentlich psychoaktiven Isoxazole des Fliegenpilzes
entdeckt und isoliert.
Geographische Verbreitung
Fliegenpilz wird auch heute noch von vielen nordasiatischen und
nordeuropäischen Völkern benutzt, um in Ekstase zu geraten.
Am häufigsten kommt er in Kamtschatka vor, von wo aus ihn die
Händler in die übrigen Teile Nordostasiens bringen. Der
Gebrauch als Rauschdroge ist bei einigen indianischen Stämmen
in Mittelamerika bekannt. Berichte über den Konsum von Fliegenpilz
in den USA geben einen Anhaltspunkt dafür, dass der Genuss zu
Rauschzwecken dort üblich ist. Über die Verbreitung als
Rauschmittel in Deutschland liegen keine genauen Daten vor.
Pharmakologie, Wirkmechanismus, Toxizität
Die
eigentlichen Wirksubstanzen des Fliegenpilzes sind Isoxazole, von
denen Ibotensäure und Muscimol zu jeweils 0,1 Prozent im Pilzfleisch
enthalten sind. Muscarin hat wegen seiner äußerst geringen
Konzentration (0,0003 Prozent) praktisch keinen Anteil an der pharmakologischen
Wirkung des Pilzes. Die Isoxazole haben eine große Ähnlichkeit
mit dem Neurotransmitter
g-Aminobuttersäure (GABA) und entfalten ihre Wirkung an der
entsprechenden Synapse im Zentralnervensystem. GABA hat im Zentralnervensystem
als Neurotransmitter vor allem eine inhibitorische Wirkung und vermittelt
die Aktionen hemmender Interneurone innerhalb des neuronalen Netzes.
GABA-erge, das Zielneuron hemmende Synapsen, befinden sich vor allem
an efferenten cerebellaren Neuronen, Nervenfasern des Cortex, des
Hippocampus, des Tractus olfactorius und der Substantia nigra. Die
hemmenden Interneurone setzen als Neurotransmitter präsynaptisch
GABA frei, welches an der postsynaptischen Seite an den Zielneuronen
an GABA-Rezeptoren bindet. Durch diese Bindung wird die Hemmung der
Erregungsübertragung im Zielneuron bewirkt und vermittelt. Gerade
Muscimol hat eine starke agonistische oder zumindest GABA-ähnliche
Wirkung auf die GABA-Rezeptoren im Gehirn. Wie genau und in welchen
Strukturen letztendlich die psychtrope, rauscherzeugende Wirkung
durch die GABA-mimetische Wirkung der Isoxazole hervorgerufen wird,
oder ob noch andere Mechanismen dabei eine Rolle spielen, ist noch
unklar. Aufgrund einer als anticholinerg imponierenden Symptomatik
nach Pilz-Intoxikationen sind unter Umständen auch noch andere
Wirkstoffe der Pilze pharmakologisch wirksam. Es konnten bisher jedoch
keine Substanzen wie Atropin, Scopolamin oder Hyoscyamin in Amanita
muscaria nachgewiesen werden.
Dosierung, Kinetik, Metabolismus
Der Gesamtgehalt an Isoxazolen in getrockneten Pilzen von Amanita
muscaria variiert je nach Jahreszeit und Standort zwischen 30 Milligramm
und 180 Milligramm pro 100 Gramm Trockenpilze. Ibotensäure ist
unter den Isoxazolen am meisten in den Pilzen nachzuweisen. Eine
toxische Wirkung ist nach Einnahme von cirka sechs Milligramm Muscimol
und 30 bis 60 Milligramm Ibotensäure zu erwarten. Diese Wirkstoffmengen
können unter Umständen schon in einem einzigen Pilz enthalten
sein. Von psychtropen Effekten wurde nach Einnahme von zwei bis vier
Pilzen berichtet. Der Verzehr von bis zu 20 Pilzen wurde überlebt.
Genaue Daten über die Wirkungskinetik der Isoxazole liegen nicht
vor. Auf Grund beobachteter Fälle mit Intoxikationserscheinungen
ist jedoch von einer guten oralen Bioverfügbarkeit auszugehen.
Der Wirkungseintritt geschieht innerhalb von Minuten bis Stunden,
die Wirkung hält danach mehrere Stunden an. Zumindest ein Teil
der Ibotensäure wird zum pharmakologisch wirksameren Muscimol
umgewandelt. Der überwiegende Teil der Ibotensäure wird
innerhalb von 20 bis 90 Minuten unverändert über die Nieren
ausgeschieden. Muscimol wird teilweise unverändert und teilweise
in Form von Metaboliten innerhalb von sechs Stunden über die
Nieren ausgeschieden.
Klinische Symptomatik
Durch den Genuss von Fliegenpilzen kommt es zu Erregungs- und Rauschzuständen,
wie Agitation, Konfusion, Euphorie, Weinanfällen, Schwindelgefühlen,
Wahrnehmungsstörungen für Farben und Formen, Veränderungen
der Raum- und Zeitvorstellung, Glücksgefühlen, Halluzinationen
und manischen Zuständen. Diesen initialen, stimulierenden psychischen
Symptomen folgt meist nach einiger Zeit eine ausgeprägte Schläfrigkeit
bis Sedation für vier bis acht Stunden, die unter Umständen
auch in komatöse Zustände übergehen kann. Die somatische
Wirkung äußert sich durch heftige Magen- und Darmkontraktionen
mit Übelkeit und Erbrechen. Weitere Symptome sind die Änderung
der Pulsfrequenz, verengte Pupillen, Hitzewallungen, Schweißausbrüche,
Gleichgewichtsstörungen, Muskelzuckungen, Hypotonie und Somnolenz.
An schweren Komplikationen wurde in diesem Zusammenhang von Kardialen
Arrhythmien mit Kammerflimmern, Hyperthermie und generalisierten
Krampfanfällen berichtet.
Nachweis im Test
Ein Schnelltest auf Amanitatoxine erfolgt, indem ein Tropfen Pilzsaft
auf unbedrucktes Papier gegeben wird. Nach Eintrocknen wird die Stelle
mit konzentrierter Salzsäure befeuchtet. Tritt nach fünf
bis zehn Minuten eine intensive Blaufärbung auf, waren Amanitatoxine
enthalten. Die Reaktion entwickelt sich zwischen den Bestandteilen,
die durch Säure aus Lignin entstehen und dem indolartigen Anteil
der Amanitawirkstoffe.
Zusammenfassung: Beate Maria Bollig
Quellen:
Geschwinde, Th. (1990):
Rauschdrogen. Marktformen und Wirkungsweisen, Berlin/Heidelberg.
Sahihi, A. (1990):
Drogen von A bis Z. Gifte, Sucht und Szene, Weiheim/Basel.
Sauer, O., Weilemann, S., (2000):
Drogen. Eigenschaften - Wirkungen - Intoxikationen, Hannover.
Stimmer, F. (Hrsg.) (2000):
Suchtlexikon, München/Wien.
Täschner, K.-L. (2002):
Rauschmittel. Drogen - Medikamente - Alkohol, Stuttgart.
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