| Art
der Droge |
| Im
Schatten moderner Designerdrogen entwickeln
sich fast unbemerkt Abhängigkeiten von
Wirkstoffen pflanzlicher Herkunft. Sie werden
frisch gesammelt und getrocknet, in der Apotheke
erworben oder übers Internet bestellt.
Nachtschattengewächse wie Engeltrompete,
Stechapfel, Tollkirsche, Bilsenkraut und Alraune
stehen hoch im Kurs von Jugendlichen. Die Naturdrogen
sind leicht zugänglich und unterstehen
nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Vergiftungsfälle
mit biogenen Drogen, insbesondere mit der Engelstrompete,
nehmen seit Jahren zu. Die Pflanze mit den
imposanten Blüten hat sich einen festen
Platz in Parks und Gärten erobert. Konturen
stellt in den folgenden Ausgaben verschiedene
der so genannten Bio-Drogen vor und beginnt
im ersten Teil mit der Engelstrompete - wissenschaftlicher
Name: Datura suaveolens (Datura sanguinea,
Datura candida oder Brugmansia suaveo- lens)
- einem Nachtschattengewächs. |
| Standort
und Verbreitung |
| Die
Engelstrompete wächst im Freien, man findet
sie auch in Gärten oder als einzelstehende
Balkonpflanze. In Blumenläden und auf
Märkten werden eng verwandte Sorten unter
der Bezeichnung Brugmansia angeboten. Im Handel
sind gegenwärtig Datura candida, datura
suavolens und datura sanguinea (gelb-rot) zu
finden. Die unterschiedlichen Arten der Pflanze
stammen ursprünglich aus Südamerika
und gehören zur Familie der Nachschattengewächse
(Solanaceae). In Europa sind sie nur als Kulturpflanzen
bekannt. |
| Bestimmungsmerkmale |
| Der
Trompetenbaum oder Engelstrompete fällt
durch seine bis zu 30 Zentimeter langen, trichterförmigen
Blüten auf. Die Farbe der Blüten
ist entsprechend der Art oder Zuchtform weiß,
gelb und rosarot. Die strauch- bis baumartige
Pflanze ist mehrjährig und kann eine Höhe
von bis zu fünf Metern erreichen. Während
sie in den Tropen das ganze Jahr über
blüht, kann sie in den kälteren europäischen
Regionen auf Grund ihrer Frostempfindlichkeit
nur als Kübel- oder Wintergartengewächs
gehalten werden und blüht nur bei ausreichendem
Licht und warmen Temperaturen. Die Blüten
verströmen einen starken, betäubenden
Geruch, der leichte Vergiftungserscheinungen
hervorrufen kann. Die Blütezeit dauert
von Juli bis Oktober. Eine Blüte welkt
nach fünf bis sieben Tagen. |
| Bestimmungsmerkmale |
| Im
Herbst reift die Frucht heran. Sie ist beim
Trompetenbaum ohne Stacheln und wird fünf
bis sieben Zentimeter lang. Ihre Farbe ist
grün. Die Fruchtkapsel ist hängend,
eiförmig und behaart und beinhaltet zwei
Samenpakete aus je zirka 25 Samen. Diese sind
grau, runzelig und nierenförmig. Die lanzett-
bis eiförmigen, weich behaarten Blätter
der Pflanze sind am Rand gewellt, gestielt
und grün. Sie riechen unangenehm und werden
bis zu 20 Zentimeter lang. |
| Giftstoffe,
Wirkung, Symptome |
Die
psychoaktiven Substanzen der genannten
Pflanzen sind in erster Linie Atropin,
Scopolamin und Hyoscyamin. Diese drei
Inhaltsstoffe ergänzen sich in ihrer
Wirkung. Atropin wirkt erregend auf das
Zentralnervensystem. Dies äußert
sich in einer allgemeinen Erregung mit
motorischer Unruhe und Erhöhung
der Herzfrequenz. Hinzu kommen eine Erweiterung
der Pupillen und eine verminderte Speichelsekretion.
Auf Grund der chemischen Verwandtschaft
zum Kokain hat Atropin eine lokal betäubende
Wirkung. Scopolamin wirkt im Vergleich
zum Atropin mehr beruhigend und dämpfend.
Es sorgt für einen Zustand der Willenlosigkeit
und Apathie, ähnlich einer Hypnose.
Früher wurde es als Wahrheitsdroge
angewandt. Der dritte Inhaltsstoff im
Alkaloidtrio ist das L-Hyoscyamin. Den
Namen hat es vom Bilsenkraut (Hyoscyamus
niger), kommt jedoch in den meisten Nachtschattengewächsen
vor. Beim Trocknen der Pflanze wandelt
es sich zu Atropin um. Die Wirksamkeit
des Hyoscyamins ist deutlich stärker
als die des Atropins. Dies erklärt,
warum die getrocknete Droge schwächer
wirkt als die frische.
|
|
|
Bei
Dosen von mehr als einem Milligramm Wirkstoff
kommt es zu visuellen Sinnestäuschungen,
die mit einem Verlust des Realitätsgefühls
verbunden sind. Der Konsument ist in seinem
Rausch nicht klar, die dämpfende Wirkkomponente
überwiegt. Der Berauschte fällt in
einen deliriumähnlichen Schlaf und erinnert
sich später kaum an die Rauscherlebnisse.
Typische Vergiftungssymptome sind erweiterte
Pupillen (Glanzaugen), Trockenheit der Schleimhäute
im Mund- und Rachenbereich, woraus sich Schluck
-und Sprachstörungen ergeben. Zwei bis vier
Stunden nach der Giftaufnahme können starke
Halluzinationen auftreten, die mitunter tagelang
anhalten. Nach der Erregungsphase kommt es oft
zu einem Dämmerschlaf. Betroffene berichten
häufig
über einen Gedächtnisschwund, der Stunden
oder Tage anhalten kann. Die Hauptgefahr für
den Anwender ist das Auftreten von lebensgefährlichen
Herzrhythmusstörungen. Das Herz schlägt
so schnell, dass es nicht mehr in der Lage ist,
Blut durch den Organismus zu pumpen. Bei dieser
so genannten Tachykardie oder beim noch schlimmeren
Kammerflimmern arbeitet das Herz 200 bis 300
mal in der Minute, normal sind etwa 80 Schläge
pro Minute. Da der Acetylcholin-Rezeptor in sehr
vielen Organen und Organsystemen lokalisiert
ist, kommt es zu einer Vielzahl weiterer Erscheinungen,
die unter dem Begriff des „Anticholinergen
Syndroms “ zusammengefasst werden. |
| Wie
giftig ist die Droge? |
Die
Pflanzen werden gegessen, als Tee aufgebrüht
oder geraucht. Die Anwender verwenden
entweder die frischen oder die getrockneten
Pflanzen(teile). Alle Pflanzenteile sind
giftig. Insbesondere Samen und Blüten
stellen für Heranwachsende eine
große Gefahr dar, weil sie im unreifen
Zustand süß und schmackhaft
sind. 15 bis 20 Samen gelten für
Kinder als tödliche Dosis. Eine
Blüte enthält ca. 0.65 Milligramm
Scopolamin und ca. 0.2 Milligramm Atropin.
Bereits 0,2 Gramm der Pflanzen können
zu Vergiftungserscheinungen führen.
Wenige Gramm der frischen oder getrockneten
Pflanzen können lebensbedrohliche
Zustände hervorrufen. Die Sterblichkeitsrate
ist bedenklich hoch. Der Tod tritt durch
die zentrale Atemlähmung ein. Auf
Grund von bereits gemeldeten Todesfällen
muss dringend vor unsachgemäßem
Gebrauch gewarnt werden. Besonders im
Herbst und im Frühjahr ereignen
sich oft Unfälle mit Kindern, die
von einer giftigen Pflanze gegessen oder
sich durch den bloßen Kontakt verletzt
haben. Allein in der Giftnotrufzentrale
im Klinikum rechts der Isar der Technischen
Universität München treffen
jährlich rund 3.250 Anrufe mit Fragen
zu Gift- pflanzen ein. In mehr als drei
Vierteln der Fälle, in denen es
um eine mögliche Pflanzengiftintoxikation
geht, seien Kinder im Vorschulalter betroffen,
berichtete der Leiter der Toxikologischen
Abteilung, Prof. Thomas Zilker. Im Frühjahr
werden von den Kindern häufig die
Blüten von Löwenzahn, Tulpen,
Narzissen und Hyazinthen gegessen, im
Sommer und Herbst sind es meist die Früchte
und Beeren von Eibe, Vogelbeere, Heckenkirsche,
Kotoneaster, Felsenbirne, Goldregen,
Liguster, Mahonie und Maiglöckchen.
Auch Zimmerpflanzen wie Ficus, Weihnachtssterne,
Kakteen und die Diffenbachia spielen
nach Zilkers Angaben eine Rolle. Etwa
13 Prozent der Pflanzengiftintoxikationen
betreffen Erwachsene, die Pflanzen verwechselt
haben beziehungsweise Pflanzen in suizidaler
Absicht oder als Drogenersatz einnehmen.
In jüngster Zeit, so Zilker, sei
es bei Jugendlichen „in “,
sich Tees aus den Blättern der Tollkirsche,
des Stechapfels oder der Engelstrompete
zuzubereiten. Ohne eine genaue Kenntnis
der Dosierung könne dies jedoch
fatale Folgen haben: Bereits geringe Überdosierungen
führen zu bedrohlichen Halluzinationen,
Tobsuchtsanfällen und epileptischen
Krampfanfällen. Bei Vergiftungen
ist unbedingt der nächste Giftnotruf
zu informieren, da intensivmedizinische
Maßnahmen erfolgen müssen.
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