Buprenorphin.
Das halbsynthetische
Buprenorphin wurde in der 70er-Jahren als Schmerzmittel entwickelt.
In den 90er-Jahren wurde seine Bedeutung auch für die Behandlung
Opiatabhängiger intensiv untersucht. Seit Februar 2000 ist
Buprenorphin in Deutschland als Substitutionsmittel zugelassen.
Ergänzend zu Methadon und Polamidon kann es im ambulanten
und stationären Bereich zur Substitution und zudem auch zur
Entgiftung eingesetzt werden.
In Frankreich, wo Buprenorphin in Tablettenform seit 1996 unter
dem Warenzeichen Subutex öfter zur Substitution verschrieben
wurde als Methadon, wird ein Rückgang der Todesfälle
infolge Heroin-Überdosierung in Zusammenhang gebracht. Auch
in Italien, Österreich, England, in einigen skandinavischen
Ländern und in der Schweiz wird das Arzneimittel seit einiger
Zeit zur Substitutionsbehandlung erfolgreich verwendet.
In Deutschland wird der Wirkstoff in erster Linie bei schwangeren
und kürzer Abhängigen als Alternative zu Methadon verabreicht.
Zugleich laufen Untersuchungen, inwieweit Buprenorphin zur Unterstützung
der klinischen Entgiftung bei methadon-substituierten polytoxikomanen
Heroinabhängigen eingesetzt werden kann.
Pharmakologie
Unter dem Handelsnamen Temgesic® ist der Wirkstoff Buprenorphin
seit Jahrzehnten in der Schmerzbehandlung bekannt. Da die Dosierungen
bei der Substitution wesentlich höher sind als bei Temgesic® mussten
neue Tablettengrößen hergestellt werden. So entspricht
die Wirkung einer Tablette Subutex® 8 mg 20 Tabletten Temgesic
forte® oder 40 Tabletten Temgesic®.
Buprenorphin ist wie Heroin oder Methadon ein Opioid, unterscheidet
sich aber etwas in seiner Wirkungsweise.
Es wird durch die Mundschleimhaut aufgenommen, das heißt,
die Tablette muss unter der Zunge aufgelöst werden. Wird das
Medikament geschluckt, wirkt es nicht. Subutex® ist ein sogenannter „partieller
Agonist“, das heißt, es hat nur eine Teilwirkung und
keine volle am Rezeptor. Verdrängt Subutex® einen kompletten
Agonisten wie Heroin oder Methadon vom Rezeptor, treten Entzugssymptome
auf. Es gibt nicht nur eine Sorte von Opiatrezeptoren, sondern
mehrere. Die schmerzstillende und euphorisierende Wirkung wird
am µ-Rezeptor ausgelöst, unerwünschte Opiatwirkungen
wie Müdigkeit und Depression dagegen am K-Opiatrezeptor. Subutex® wirkt
als Gegenspieler, das heißt Antagonist, am K-Rezeptor. Hierdurch
löst es keine Müdigkeit oder depressive Verstimmung aus.
Aus der klinischen Praxis werden in diesem Zusammenhang über
deutlich aufklarende Eigenschaften berichtet. Buprenorphin-substitutierte
Patienten sind deshalb psychotherapeutischen Maßnahmen zugänglicher
und bewältigen Anforderungen im Alltag leichter als unter
Methadon.
Vorteile
gegenüber Methadon
Durch diese pharmakologischen Unterschiede ergeben sich einige
Vorteile dieses Medikamentes gegenüber Methadon: Die
Gefahr der Auslösung von Atemdepressionen ist geringer,
es kommt damit seltener zu Todesfällen, die Substanz
ist insgesamt nicht so gefährlich wie Methadon. Der
Wirkstoff hat ein weniger hohes Suchtpotential als die anderen
Opioide, damit verläuft der Entzug von Buprenorphin
einfacher. In Untersuchungen konnte nachgewiesen werden,
dass Kinder der mit Buprenorphin substituierten Frauen weniger
Neugeborenensyndrome entwickeln als Kinder von Frauen, die
mit Methadon oder L-Polamidon behandelt werden. Seit Mai
2002 gilt Buprenorphin in der Schwangerschaft nicht mehr
als kontraindziert.
Praktische Erfahrungen und klinische Studien zeigten, dass
der Drogenhunger (drug-seeking-behaviour) reduziert wird
und der Heroinkonsum rückläufig ist. Die Vorteile
gegenüber der üblichen MethadonSubstitutionstherapie
bestehen in einer niedrigeren Abhängigkeitstoleranz
durch das Buprenorphin, einer minderen Toleranzentwicklung
und seiner relativen Sicherheit vor Überdosierung. Darüber
besitzt hinaus besitzt die Substanz antidepressive Eigenschaften,
die unter anderem bei der Behandlung von Begleiterkrankungen
wie einer Hepatitis C zum Tragen kommen.
Quellen:
Zerdick, J. (Hg.), (2001):
Suchtmedizin im Dialog, Berlin 2001
Gellert, R.; Schneider, G. (2002): Substitution und Heroin,
Freiburg 2002
Substitutionstherapie bei Opiatabhängigkeit (2002) in:
Beilage zur Zeitschrift Suchttherapie, Heft 4, 3. Jg., 2002
Geschwinde, T. (2003): Rauschdrogen, Heidelberg 2003 |
Pharmakologische
Daten von Buprenorphin
| Sublingualtabletten
mit den Dosierungen: |
0,4 mg, 2 mg + 8 mg |
| Wirkdauer
(klinisch): |
24
bis 72 Std. |
| Plasmaproteinbildung: |
ca.
96 % alpha-und beta-Globuline, nicht Albumin |
| Relative
Bioverfügbarkeit: |
sl
Tabletten 50
bis 70 % |
| Metabolisierung: |
Biliär
und renal, 70 % fäkale Ausscheidung,
hohe Lipophilie, langsame Freisetzung aus dem
Fettgewebe |
Als
Nebenwirkungen sind beschrieben:
Schwindel, Kopfschmerzen, Miosis, Übelkeit, Verstopfung,
Schweißausbruch
oder Erbrechen.
Bei gleichzeitiger Gabe von Ketokonazol (Antimikotikum),
Cimetidin (H2 Blocker) und Erythromycin (Antibiotikum)
kann derAbbau von Buprenorphin gehemmt werden, d. h.
es kommt zu einer Wirkungsverstärkung.
Carbamazepine führen zu einem beschleunigten Abbau
von Buprenorphin,
d. h. es kommt zu einer Wirkungsverstärkung.
Eine HIV-Therapie mit Proteaseinibitoren (Ritonavir,
Indinavir oder Saquinavir) führt zu einer Wirkungsabschwächung
von Buprenorphin (in vivo). Umgekehrt besteht keine Einflussnahme
der Proteaseinibitorenspiegel durch Buprenorphin.
Quelle: Suchttherapie 2002, Heft 4, S. 206 |
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Buprenorphin
als Alternative zu Methadon (Buprenorphin
als Alternative zu Methadon)
Der partielle Opiat-Rezeptor-Agonist
Buprenorphin wurde schon länger als Alternative zu Methadon
in der Substitutionstherapie Heroinabhängiger vorgeschlagen.
Bislang war die Datenlage zu diesem Wirkstoff aber sehr dünn.
Unter Führung des Karolinska-Institut in Schweden wurde
nun eine kontrollierte Studie zur Ein-Jahres-Wirksamkeit
des Buprenorphin unternommen. 40 Süchtige im Alter über
20 Jahre nahmen daran teil. Alle erfüllten seit mindestens
einem Jahr die DSM-IV-Kriterien für eine Opiatabhängigkeit,
kamen aber aus verschiedenen Gründen in Schweden nicht
für ein Methadonprogramm in Frage. Randomisiert erhielten
sie ein Jahr lang eine tägliche Dosis von 16 Milligramm
sublingual, oder Placebo. Mindestens sechs Monate lang wurde
die Einnahme überwacht, danach durften zuverlässige
Studienteilnehmer die Dosis alleine zuhause einnehmen. Alle
Süchtigen nahmen überdies an einem kognitiven Verhaltenstraining
teil, um einen Rückfall zu vermeiden. Wöchentlich
sprachen sie mit ihrem Therapeuten und gaben drei Mal wöchentlich
Urinproben ab, was einen Rückfall schnell aufdeckte.
Nach einem Jahr waren noch 75 Prozent der Süchtigen
unter Buprenorphin bei der Therapie dabei. In der Placebogruppe
dagegen waren alle Teilnehmer rückfällig geworden
(p = 0.0001). Unter den Patienten, die in der Therapie blieben,
waren die Urinproben zu 75 Prozent negativ in Bezug auf Opiate,
zentrale Stimulantien, Cannabinoide und Benzodiazepine. Außerdem
wurden Süchtige unter Buprenorphin und psychosozialer
Therapie seltener straffällig.
Quelle: Lancet 2003, Vol. 361, S. 662-668 |
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