Bulimia
nervosa. [Essstörungen]

Unter Bulimie, die umgangssprachlich
auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet wird, versteht man eine Essstörung
mit Heißhungerattacken und Essanfällen, der selbstausgelöstes
Erbrechen und Missbrauch von Medikamenten zur Verhinderung von Gewichtszunahme
folgen. Im Gegensatz zur Anorexie sind die Betroffenen jedoch
normalgewichtig. Charakteristisch ist der Kontrollverlust während
der Hungerattacken, bei denen bis zu 20.000 kcal zugeführt werden.
Die häufigsten Maßnahmen zum Ausgleich der exzessiven Nahrungs-
und Energiezufuhr sind Erbrechen und der Missbrauch von Abführmitteln
und Diuretika (purging-Typ) sowie andere unangemessene kompensatorische
Verhaltensweisen wie Fasten oder exzessiver Sport (non- purging-Typ). Im
Gegensatz zur Magersucht wird die Bedrohung durch die Krankheit wahrgenommen
und der Zustand als unangenehm empfunden.
Grundlagen
und Ursachen
Bei der Entstehung von Bulimie wird das Zusammenwirken von
verschiedenen Einflüssen vermutet. Um dem Schönheitsideal
zu entsprechen führen etwa 20 Prozent aller Frauen regelmäßig
Schlankheitsdiäten durch. Auch frühe Erfahrungen
im Umgang mit Nahrungsmitteln können bei Entstehung
von Bulimie eine entscheidende Rolle spielen. Kinder, die
bei Traurigkeit beispielsweise mit Schokolade getröstet
wurden, reagieren auch später bei gedrückter Stimmung
mit Essen, insbesondere dann, wenn keine anderen Arten der
Problembewältigung gelernt wurden. Auch kann ein Problem
dadurch entstehen, dass die Nahrungsaufnahme von dem eigentlichen
körperlichen Bedürfnis losgelöst ist (beispielsweise,
weil ein Kind gelernt hat zu essen, „was auf den Tisch
kommt“, unabhängig davon, ob es Hunger hat) und
so das normale Hunger- und Sättigungsgefühl verlernt
wird.
In Familien bulimischer Patientinnen findet man häufig
bestimmte Auffälligkeiten, wie starke Überbehütung
durch die Eltern oder mangelnde Konfliktbearbeitung. Wissenschaftliche
Nachweise dafür, dass diese Faktoren eine ursächliche
Rolle bei der Entstehung der Bulimie spielen, fehlen jedoch.
Eine andere Erklärung wäre, dass die Tatsache,
dass ein Familienmitglied an Bulimie leidet, sich auf die übrige
Familie auswirkt. So entwickeln bulimische Patientinnen wenig
Selbstständigkeit. Das kann einerseits als Folge von Überbehütung
gedeutet werden; es ist aber auch möglich, dass die
mangelnde Selbstständigkeit erst dazu geführt hat,
dass die Eltern sich besonders stark um ihre Tochter kümmern.
Aber auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend,
beispielsweise sexueller Missbrauch, können als Ursache
in Frage kommen.
Ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung einer
Essstörung kann ein genetisch bedingter, relativ niedriger
Energieverbrauch sein. In diesem Fall neigt die Person zu
einem höheren Körpergewicht trotz normaler Nahrungsaufnahme.
Das Erreichen einer schlanken Figur ist für die Betroffenen
nur durch Maßnahmen der Gewichtskontrolle zu erreichen.
Darüber hinaus ist bei Bulimiepatientinnen häufig
ein reduzierter Spiegel von Botenstoffen des Gehirns festgestellt
worden, die Einfluss auf das Sättigungsgefühl und
die emotionale Befindlichkeit haben. Die vorgestellten Faktoren
stellen Ursachen dafür dar, warum Bulimie entsteht,
sie können aber nicht erklären, wodurch die Störung
letztendlich ausgelöst wird. Bei vielen Patientinnen
gehen belastende Ereignisse, beispielsweise der Tod eines
Angehörigen oder besondere Leistungssituationen, denen
sie sich nicht gewachsen fühlen, der Erkrankung unmittelbar
als Auslöser voraus. Neben Erklärungen für
die Entstehung und Auslösung der Bulimie, bestehen auch
Vermutungen darüber, wie die Störung aufrechterhalten
wird. Das veränderte Essverhalten führt zu biologischen
und psychologischen Konsequenzen, die dazu beitragen, dass
die Störung bestehen bleibt, auch wenn die an der Entstehung
beteiligten Faktoren gar nicht mehr vorhanden sind.
Verlauf
Zum
Verlauf der Bulimie ist recht wenig bekannt, da Bulimie erst
seit 1980 als eigenständige Diagnose erhoben wird. Es
wird davon ausgegangen, dass sich im Krankheitsverlauf Phasen
mit geringer und stark ausgeprägter Symptomatik abwechseln.
Im Durchschnitt besteht die Störung bereits fünf
Jahre, ehe der erste Behandlungsversuch unternommen wird. Das
ist u.a. darauf zurückzuführen, dass die Patienten
häufig versuchen, ihre Krankheit zu verheimlichen und
Vorkehrungen treffen, damit sie auch nicht von anderen entdeckt
wird. Nach einer stationären Therapie können etwa
40 Prozent der Patientinnen als deutlich gebessert und 20 Prozent
als teilweise gebessert bezeichnet werden. Bei den übrigen
40 Prozent bleibt aber ein Behandlungserfolg aus. Das scheint
insbesondere bei Frauen der Fall zu sein, die neben der Bulimie
auch unter depressiven Symptomen oder Angststörungen leiden
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Konsequenzen
der Mangelernährung
Die Konsequenzen der Mangelernährung
sind hormonelle und Stoffwechselveränderungen, durch die der
Energieverbrauch herabgesetzt wird. Unter diesen Bedingungen führt
auch eine normale Kalorienzufuhr zu einer kurzfristigen Gewichtszunahme,
was zur Folge hat, dass die Patientinnen verstärkt versuchen
ihr Gewicht zu kontrollieren. Auf diese Weise können sich die
biologischen Veränderungen nicht normalisieren. Auf psychologischer
Ebene ist zu beobachten, dass die Betroffenen sich isolieren, was
den Mangel an Selbstwertgefühl, unter dem bulimische Frauen
häufig leiden, verstärken kann. Diesen Mangel versuchen
die Frauen dadurch auszugleichen, dass sie durch Gewichtskontrolle
ein vermeintlich attraktiveres Äußeres erreichen.
Symptomatik
Das Hauptmerkmal der Bulimie ist das wiederholte Auftreten von
Essanfällen. Während dieser Anfälle nehmen die Betroffenen
in kurzer Zeit große Nahrungsmengen zu sich, ohne das Gefühl
zu haben, die Nahrungsaufnahme kontrollieren zu können. Es
handelt sich meist um kalorienreiche Speisen wie Gebäck, Schokolade,
Kartoffelchips oder Pudding. Durchschnittlich nehmen Patientinnen
während eines Essanfalls 3.500 Kalorien zu sich. Diese Anfälle
treten mehrmals wöchentlich, bei manchen Patientinnen sogar
mehrmals täglich auf und dauern in der Regel etwa 60 bis 90
Minuten.
Folgeerscheinungen
Als Konsequenz des Erbrechens treten
medizinische Probleme auf. Es kommt häufig zu Kaliummangel,
der zu Herz-rhythmusstörungen führen kann. Darüber
hinaus treten Schwellungen der Speiseröhre, Schädigung
des Zahnschmelzes und Veränderung an Haut und Haaren auf.
Durch das Einführen des Fingers oder von Fremdkörpern,
um Erbrechen herbeizuführen, kann die Mundhöhle verletzt
werden, außerdem besteht Erstickungsgefahr, wenn der
Mageninhalt in die Luftröhre gelangt. Durch dem Missbrauch
von harntreibenden und abführenden Mittel wird der Mineralstoffwechsel
schwer gestört. Häufig leiden die Patientinnen an
Unterernährung, die u.a. zu Störungen des Hormonsystems
führt. Zu den Konsequenzen zählen häufig das
Ausbleiben der Menstruation, Unfruchtbarkeit, Energiemangel
und Kälteempfindlichkeit. Bei bis zu 50 Prozent der bulimischen
Frauen treten, möglicherweise in kausaler Abhängigkeit
zur Essstörung, depressive Symptome auf. Stimmungslabilität,
Schuldgefühle und Suizidgedanken werden häufig im
Zusammenhang mit den Ess- und Brechanfällen beobachtet.
So ist zum Beispiel das Gefühl der Erleichterung nach
dem Erbrechen nur von kurzer Dauer und wird von Niedergeschlagenheit
gefolgt. Essanfälle lösen häufig Selbstvorwürfe
aus, sich selbst nicht genug unter Kontrolle zu haben.
Therapie
Bei der Therapie der Bulimia nervosa
steht zunächst die Normalisierung des Essverhaltens im
Vordergrund. Für unterernährte Bulimikerinnen gelten
die für Anorexie aufgeführten Ernährungsempfehlungen
(siehe konturen 5-2002). Bei der Veränderung des Essverhaltens
ist die verhaltenstherapeutische Unterstützung von besonderer
Bedeutung. Im Rahmen eines Esstrainings werden die „normalen“ Verhaltensweisen
einstudiert, geübt und durch entsprechende Aufklärungsmaßnahmen
unterstützt (nutritional counselling).
Nach der Normalisierung des Essverhaltens, was relativ wenig
Zeit in Anspruch nimmt, gewinnt die Therapie der ursächlichen
Probleme an Bedeutung. Dazu zählen in erster Linie die
gestörte Körperwahrnehmung, der Bezug zu Gewicht
und Figur sowie die Stressbewältigung. Erst wenn die
psychischen Probleme überwunden sind, können Rückfälle
vermieden beziehungsweise reduziert werden.
Auch hier ist eine psychologische Unterstützung erforderlich.
Das Austauschen von Informationen mit Betroffenen kann ebenfalls
sehr nützlich sein.
Evelyn Löscher
Auswirkungen
der Bulimie
IAllgemein:
Die negativen Auswirkungen
der Bulimie sind sowohl auf die Fastenperioden als auch
auf das bei dieser Erkrankung typische Verhalten zurückzuführen.
Die hormonellen Störungen ähneln in abgeschwächter
Form denen der Magersucht.
Kaliummangel:
Der durch die
Mangelernährung meist vorliegende Kaliummangel
wird durch die Kaliumverluste verstärkt, die
durch das Erbrechen entstehen. Dies erhöht weiter
das Risiko von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung
beziehungsweise eines Herzstillstandes.
Mundhöhle:
Der Kontakt
von Magensäure mit der Mundhöhle hat
ebenfalls negative Auswirkungen. Durch die Säure
wird der Zahnschmelz angegriffen und geschädigt,
was zu einer Entmineralisierung führt. Dennoch
ist die Karieshäufigkeit nur leicht erhöht,
da die meisten Betroffenen anschließend
ihre Zähne putzen, um den unangenehmen Geschmack
zu beseitigen. Das Eindringen von Magensäure
in die Speicheldrüsen kann dort Entzündungen
und Schwellungen hervorrufen.
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Literatur: Brunna Tuschen-Caffier, Irmela Florin: Teufelskreis Bulimie,
Ein Manual zur psychologischen Therapie, Hogrefe 2002; Marya
Hornbacher: Alice im Hungerland, Leben mit Bulimie und Magersucht,
Ullstein Taschenbuchverlag 2002; Barbara G. Bauer, Wayne P.
Anderson, Robert W. Hyatt: Bulimie, Behandlungsanleitung für
Therapeuten und Betroffene, Beltz 2002; Margret Gröne:
Wie lasse ich meine Bulimie verhungern?
Ein systemischer Ansatz zur Beschreibung und Behandlung der Bulimie,
Carl-Auer-Systeme Verlag 2000; Ulrike Schmidt, Janet Treasure: Die
Bulimie besiegen, Ein Selbsthilfe-Programm, Beltz Taschenbuch 2000;
Corinna Jacobi, Andreas Thiel, Thomas Paul: Kognitive Verhaltenstherapie
bei Anorexia und Bulimia nervosa, Beltz 2000; Barbara Buddeberg-Fischer:
Früherkennung und Prävention von Essstörungen, Schattauer
2000;
Dr. med. Monika Gerlinghoff, Dr. med. Herbert Backmund, Dr. phil.
Norbert Mai: Magersucht und Bulimie, Beltz Verlag 1999
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