Anorexia
nervosa. [Essstörungen]

Der
Begriff
"Anorexia“ bedeutet
im Neulateinischen eigentlich Appetitlosigkeit. Ein irreführender
Begriff, da bei den meisten Patientinnen sehr wohl ein
ausgeprägtes
Hungergefühl vorhanden ist und ihre Gedanken während
des Tages sich um das Thema „Essen“ drehen.
Mit „Anorexia nervosa“ wird eine Störung vor
allem des Essverhaltens bezeichnet, die auch als „Magersucht“ bekannt
ist. Betroffen sind vorrangig Mädchen und junge Frauen,
doch auch Männer können an Magersucht erkranken. Durch
die extreme, selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme drohen
bei magersüchtigen Patientinnen oft sehr ernsthafte Komplikationen,
die einen stationären Aufenthalt meist unumgänglich
machen.
Klinisches
Bild
Die
Anorexia nervosa ist dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen
aus Angst vor dem Dickwerden einen Gewichtsverlust selbstständig
herbeiführen, indem sie die Nahrungsaufnahme sehr restriktiv
gestalten. So vermeiden sie beispielsweise hochkalorische Speisen,
oder lösen Erbrechen oder Abführen selbst aus. Sie nehmen
Appetitzügler ein und treiben oft exzessiv Sport. Der Gewichtsverlust
ist schließlich so ausgeprägt, dass das Körpergewicht
15 Prozent oder mehr unter dem des altersgemäß zu erwartenden
Gewichtes liegt. Ein genaueres Maß, um das altersgemäße
Gewicht einzuschätzen, wird durch die Berechnung des sogenannten
Körpergewichts-Index oder body-mass index (BMI) vorgenommen.
Hierbei wird der Quotient aus dem Körpergewicht und dem Quadrat
der Körpergröße (in m) gebildet. Der BMI bei anorektischen
Mädchen oder Frauen - Jungen oder Männer sind wesentlich
seltener betroffen - liegt in der Regel unter 17,5 kg/m².
Im Gegensatz zu Erwachsenen gilt für Kinder und Jugendliche
bis 18 Jahre nicht der BMI, da Kinder und Jugendliche noch im Wachstum
sind. Hier werden Perzentilen, sogenannte Wachstums- und Gewichtskurven
verwendet, in die Alter, Gewicht und Körpergröße
einfließen. Im Einzelfall sollte die Perzentile eines Kindes
bei einem Arzt bestimmt und besprochen werden.
Symptome
Als Folge der Mangel- und Unterernährung
können zahlreiche körperliche Beschwerden oder Symptome
auftreten. Erwähnt seien hier beispielsweise Störungen
im Herz- und Kreislaufsystem, im Wasser- und Mineralsalzhaushalt,
im Knochenstoffwechsel, im Körperwachstum, im Stoffwechsel
des Gehirns und im Drüsensystem. Die Störung im Drüsensystem
kann auch zu einer verminderten Bildung der Geschlechtshormone
und im weiteren Verlauf zu einem Ausbleiben der Monatsblutung
bei Frauen führen.
Bei Beginn der Magersucht im frühen Jugendalter kann
die Geschlechtsreife verzögert sein oder ganz ausbleiben.
Zu dieser Zeit ist auch die Gefahr eines Wachstumsstopps
besonders groß. Schließlich leiden die Betroffenen
unter erheblichen Ängsten vor einer Gewichtszunahme
und einer Störung in der Wahrnehmung der eigenen Körperproportionen,
was als Körperschema-Störung bezeichnet wird. Diese
Störung äußert sich darin, dass sich Betroffene
beispielsweise als zu dick wahrnehmen, obwohl sie untergewichtig
sind.
Bei Magersüchtigen ist oft eine extreme Leistungsorientiertheit
zu bemerken. Ihre Fähigkeit zu intensiveren Kontakten
und emotionalem Austausch ist eingeschränkt, sie leben
meist in sozialer Isolation. Das Verlangen nach Sexualität
ist gering oder sogar mit Angst besetzt.
Ursachen
Die Magersucht ist eine multifaktorielle Erkrankung, bei deren Entstehung
psychologische, soziale aber auch biologische Faktoren beteiligt
sind. Daher ist es notwendig bei jeder einzelnen Patientin individuell
festzustellen, welcher Bereich besonders betroffen ist. Da die
typische Magersucht in der Pubertät auftritt, spielen häufig
Themen aus den Bereichen der Autonomiegewinnung, der Beziehungsabwehr
oder eine generelle Lebensverweigerung eine Rolle.
In der Literatur existieren unterschiedliche Erklärungsmodelle
zur Erklärung der Ursachen von Magersucht. Es gibt keinen universellen
Ansatz. Nachfolgend werden drei allgemein akzeptierte Ansätze
aufgeführt.
Familiendynamisches Erklärungsmodell: Die Familiendynamik betrachtet
das System Familie als Ganzes und untersucht die Interaktionen zwischen
den Familienmitgliedern. Die Magersüchtigen werden nicht isoliert
betrachtet, sondern im Familienkontext, beispielsweise die Beziehung
zu Eltern und Geschwistern.
Magersucht tritt häufig in Familien mit starken Bindungen auf,
in denen ein großes Harmoniebestreben herrscht. In diesem Familiensystem
haben Magersüchtige als Symptomträger eine wichtige Funktion.
Die Krankheit kann zur Aufrechterhaltung des Familienzusammenhaltes
sowie der Ableitung von Spannungen und Konflikten dienen. Die Anforderungen
an die Familienmitglieder sind in solchen Bindungsfamilien in der
Regel sehr hoch.
Psychoanalytische - Triebtheoretische Erklärung: Dieses Modell
versteht die Magersucht als eine Form der Abwehr sexueller Wünsche
und als die Möglichkeit, psychosexuelle Entwicklungskrisen in
der Pubertät zu beenden, um damit in die scheinbar heile Kinderwelt
zurückzukehren. Anzeichen dafür sind, dass der Körper
um seine sekundären Geschlechtsmerkmale beraubt wird. So wird
die sexuelle Signalwirkung des Körpers reduziert. Ebenso bestätigt
das Ausbleiben der Monatsblutung die oben genannte These. Sexuelle
Regungen werden bei Magersüchtigen häufig nicht oder angstbesetzt
wahrgenommen.
Intrapsychische und intrapersonelle Selbstbehauptung:
Aufgrund einer „Überangepasstheit“ in der Kindheit
entwickeln einige Magersüchtige später ein Ohnmachtsgefühl
gegenüber dem eigenen Körper. Häufig können Magersüchtige
nur über die Kontrolle des eigenen Körpers und der Überwindung
der Hungergefühle sich erleben. Aus diesem Grund gewinnt die
Beschäftigung mit dem Körpergewicht an enormer Bedeutung.
Risiken
In der akuten Phase der Gewichtsabnahme
stehen zunächst körperliche Faktoren im Vordergrund,
wie besonders Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems, die
lebensbedrohliche Ausmaße annehmen können. Darüber
hinaus sind die Patientinnen auch auf Grund einer häufig
begleitenden depressiven Störung erhöht Suizid gefährdet.
Der chronische Verlauf dieser Erkrankung ist gekennzeichnet
durch Auswirkungen auf allen Ebenen. Körperlich sind sie
Hochrisikopatientinnen für das Auftreten einer Osteoporose
schon in jungen Jahren oder von Nierenschädigungen, die
bis zur Dialyse führen können. Von der psychischen
Seite stehen neben der depressiven Symptomatik besonders Angst-
und Zwangsstörungen im Vordergrund. Sozial sind diese
Patientinnen häufig isoliert, und führen dann das
Leben einer chronisch Kranken. |
Epidemiologie
Essstörungen nehmen seit 20
Jahren beständig zu. Nach Schätzungen der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung litten im Jahr 2000
in Deutschland mehr als 100.000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren
an der Magersucht. Insbesondere zwölf bis 25-Jährige
laufen Gefahr, an einer Essstörung zu erkranken. Die Häufigkeit
der Magersucht liegt zwischen 0,5 und einem Prozent, diejenige
der Ess-Brechsucht (Bulimie) wird auf zwei bis fünf Prozent
geschätzt, wobei es vermutlich eine hohe Dunkelziffer
gibt. Untersuchungen sprechen dafür, dass diese Erkrankungen
insbesondere vor dem Eintritt in die Pubertät zunehmen.
Rund 90 Prozent der Erkrankten sind weiblichen Geschlechts.
Behandlung
Für magersüchtige Patientinnen
ist die Vereinbarung eines Zielgewichts in einem Behandlungsvertrag
unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychotherapie,
wobei ein Normalgewicht (z.B. BMI 20 bis 25 kg/m2) nicht unbedingt
angestrebt wird. Magersüchtige Patientinnen müssen
aber in eine körperliche Situation gebracht werden, die
sie gerade noch akzeptieren und mit der sie gleichzeitig relativ
ungefährdet leben können.
Die Erfahrung in der Behandlung von magersüchtigen Patientinnen
hat gezeigt, dass die ständige Diskussion über
das Körpergewicht die psychotherapeutische Behandlung
zunehmend lähmen kann. Insbesondere bei fortschreitender
Gewichtsabnahme und der damit verbundenen vitalen Gefährdung
wird es zu einem alles beherrschenden Thema, was letztendlich
den Behandlungsprozess in Frage stellt. Im Hinblick auf den
Autonomie-Abhängigkeitskonflikt vieler junger magersüchtiger
Patientinnen besteht der Sinn eines Behandlungsvertrages
darin, das Autonomieproblem zu akzeptieren und gleichzeitig
therapeutisch anzugehen. Eine Annäherung an das Zielgewicht
ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für die weitere
körperliche Gesundung und dient der Begegnung schwerwiegender
körperlicher Folgeerscheinungen, wie zum Beispiel der
Osteoporose. Gleichzeitig bietet die mittels des Zielgewichts
angestrebte Normalisierung der endokrinen Funktionen (dazu
gehört, dass die Menstruation wieder einsetzt) für
die Patientin die Möglichkeit eines Zugangs zu ihrer
weiblichen Identität und deren psychotherapeutischer
Bearbeitung vorwiegend in der späteren ambulanten Psychotherapie.
Eine Therapie, die auch die seelischen Probleme der Erkrankten
behandelt, kann erst erfolgreich sein, wenn der körperliche
Zustand stabilisiert beziehungsweise nicht mehr lebensbedrohlich
ist. Da magersüchtige Patientinnen ausgeprägte
Verleugnungstendenzen haben und große Schwierigkeiten
in Hinblick auf die Normalisierung ihres Essverhaltens, ist
die Indikation für eine stationäre Psychotherapie,
in der schon in der Phase der Gewichtszunahme eine psychotherapeutische
Betreuung gewährleistet ist, meist gegeben. Der stationäre
Aufenthalt ist als Einstieg in den psychotherapeutischen
Prozess zu sehen, der ambulant fortgesetzt werden muss, wenn
die Behandlung Erfolg haben soll.
Die Psychotherapie kann magersüchtigen Frauen andere
Lösungen für die Bewältigung ihrer Probleme
eröffnen, ohne auf ihr gestörtes Essverhalten als
Lösungsstrategie zurückgreifen zu müssen.
Bei jüngeren Anorektikerinnen, die noch in ihren Herkunftsfamilien
leben, wird oft eine Familientherapie durchgeführt,
um die Störung auch aus dem Lebensumfeld der Patientin
heraus verstehen und behandeln zu können. In der Familientherapie
werden auch die Eltern und Geschwister in den Behandlungsprozess
mit einbezogen.
Studie mit
magersüchtigen Patientinnen in Australien
In
dieser Langzeitstudie wurde versucht,
61
Patientinnen mit Anorexia nervosa, die zwischen 1989
und 1992 in Lehrkrankenhäusern der University of
Sydney, Australien, auf speziellen Essstörungs-Stationen
behandelt worden waren, erneut zu erfassen. Zum Zeitpunkt
der Behandlung war als Hauptparameter Gesamtkörperstickstoff
(TBN) gemessen worden.
Follow-up-Information konnte von 50 Patientinnen (82
Prozent) erhoben werden. Alle Probandinnen wurden klinisch
und psychologisch untersucht. Bei 39 Patientinnen wurde
erneut TBN gemessen, zusammen mit zwei Parametern,
die zu Beginn des Projekts nicht verfügbar waren:
Knochendichte und Gesamtkörperkalium (TBK).
Siebzig Prozent der nachuntersuchten Patientinnen fielen
in die Kategorie „Good Outcome“, sie erreichten
eine Normalisierung von Gewicht und Menstruation. Die
Mehrzahl der Probandinnen hatte normale TBN-Werte mit
einem durchschnittlichen Nitrogen Index von 0.98. Die
Knochendichte war jedoch suboptimal bei allen Probandinnen,
selbst Patientinnen, deren Knochendichte im Normalbereich
lag, hatten ein gewisses Risiko, Osteoporose zu entwickeln.
Die TBK-Werte der Probandinnen waren im Vergleich zu
einer gesunden Kontrollgruppe aus der Literatur erniedrigt.
Im Mittelpunkt dieser Studie stand der Vergleich des
Verlaufes von Patientinnen, die während der Behandlung
einen Body Mass Index (BMI) von mindestens 19 erreicht
hatten und derer, die mit einem BMI von unter 19 entlassen
worden waren. Patientinnen mit einem BMI von mindestens
19 hatten zum Katamnesezeitpunkt eine höhere Gesamtknochendichte
und weniger essstörungsspezifische Symptomatik
als diejenigen, die das Krankenhaus verfrüht verlassen
hatten. Obwohl die Mehrzahl der Probandinnen die Kriterien
für Anorexie - geringes Gewicht und Amenorrhoe
- nicht mehr erfüllten, schien ein Zusammenhang
zwischen niedrigem Entlassungsgewicht und bleibenden
körperlichen und psychischen Problemen zu bestehen.
Zusammengefasst, suggerieren die Ergebnisse dieser
Studie einen möglichen prognostischen Vorteil
zugunsten adäquater Gewichtswiederherstellung
bei Patientinnen mit Anorexia nervosa.
|
Gaby Groß
Longitudinal Study of Patients with
Anorexia Nervosa 6 to 10 Years after Treatment
Impact of Adequate Weight Restoration on Outcome
Schriften zur medizinischen Psychologie, Bd. 1
Hamburg 2002, 236 S., ISBN 3-8300-0498-2
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