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 Adipositas. [Essstörungen]

adi

Definition
„Übergewicht und Adipositas sind definiert als eine Vermehrung des Körpergewichtes durch eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körper- fettanteiles. Eine graduierte Klassifizierung der Adipositas ist sinnvoll, um diejenigen Personen zu identifizieren, die ein erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko haben, und um adäquate Therapiestrategien entwickeln zu können. Die Klassifizierung der Adipositas erfolgt mit Hilfe des Körper- masseindex (Bodymass-Index = BMI). Der BMI ist der Quotient aus Gewicht und dem Quadrat der Körpergröße. Übergewicht und Adipositas werden anhand des BMI wie folgt klassifiziert (WHO Report 1995 und 1998):
BMI kg/(m²)
Normalgewicht 18,5 - 24,9
Übergewicht 25,0 - 29,9
Adipositas Grad I 30,0 - 34,9
Adipositas Grad II 35,0 - 39,9
Extreme Adipositas Grad III >40,0
Der Quotient aus Taillen- und Hüftumfang (waist-hip-ratio, WHR) ist ursprünglich als ein Parameter für die Charak- terisierung der abdominalen Adipositas identifiziert worden. Er sollte bei Männern unter 1,0 und bei Frauen unter 0,85 liegen. Ein weiterer Parameter für die Klassifizierung der Adipositas ist der Taillenumfang. Ein leicht beziehungsweise stark erhöhtes Risiko liegt gemäß WHO vor, wenn der Taillenumfang bei Männern über 94 beziehungsweise 102 cm und bei Frauen über 80 beziehungsweise 88 cm liegt.

Epidemiologie
Trotz umfangreicher Erhebungen in den letzten Jahren schwanken seit 1990 in der Bundesrepublik Deutschland die Werte zwischen zehn und 25 Prozent. Es ist davon auszugehen, dass ein BMI von 30 und h öher bei etwa zwölf bis 18 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vorliegt. Frauen sind von Adipositas häufiger betroffen als Männer. Bei Schulkindern liegt der Anteil adipöser Kinder (BMI > 30 kg/m²) bei 13 Prozent, dabei sind übergewichtige Kinder mit einem BMI zwischen 25 und 30 kg/m² nicht berücksichtigt. 
Die DAG geht aufgrund der vorliegenden Daten (DHP-Studie, Monica-Projekt, BGA) davon aus, dass jeder zweite erwachsene Bundesbürger übergewichtig (BMI > 25) und jeder fünfte bis sechste adipös (BMI > 30) ist. Im internationalen Vergleich gehört die Bundesrepublik Deutschland zu den Ländern mit sehr hoher Prävalenz der Adipositas, mit allgemein steigender Tendenz. Längst ist unbestritten, dass Übergewicht und Adipositas hohe Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Knapp fünf Prozent aller Gesundheitsausgaben in den Industrieländern werden für die Behandlung der Adipositas und ihrer Folgen aufgewendet.

Ursachen
ABei der Entstehung der Adipositas sind viele Faktoren beteiligt. Als relevante Einflussgrößen werden immer wieder genetisch-biologisch, verhaltensbezogene und Umweltfaktoren genannt. Der Stellenwert jedes Faktors muss in jedem individuellen Fall detailliert untersucht werden. So sind die biologische Vulnerabilität, u. a. in Form des Energieverbrauchs, das Essverhalten und die Energiezufuhr, die körperliche Aktivität, soziale und emotionale Faktoren zu beachten.
Wissenschaftlich erwiesen ist, dass sich Diäten sehr ungünstig auf das Körpergewicht auswirken. Nach einer reduzierten Nahrungsaufnahme kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer Wiederherstellung des ursprünglichen Gewichts, oft zu einer Gewichtszunahme. Der zunehmende Wegfall von körperlicher Arbeit und Bewegung in den letzten zehn bis 15 Jahren führte außerdem dazu, dass sich der durchschnittliche tägliche Kalorienbedarf fast halbiert hat. Auch verschiedene psychosoziale Variablen können als charakteristische Funktionshintergründe der Adipositas gelten. Dazu zählen u.a. das Essen als Belohnung in der Familie, Essen als „Lösungsmittel“ von Frust und Spannung, Dicksein als Funktion des emotionalen Schutzes oder, insbesondere bei Männern, des Machtbewusstseins.

Risiken
Körperliche Komplikationen und Folgeschäden sind vor allem auf internistischem Gebiet: hohe Prävalenz von Bluthochdruckerkrankungen, koronare Herzkrankheit, Diabetes mellitus, Gallensteine, Schlaganfälle, Schlafbezogene Atemstörung und Hiatushernien. Auf chirurgischem Gebiet: erhöhte Rate von Abszessbildungen, Infekten und Wundheilungsstörungen, erhöhtes Narkoserisiko und Bauchwand- und Leistenbrüche und Krampfadern. Auf orthopädischem Gebiet: frühzeitige Gelenkverschleißungen, Bandscheibenvorfälle, Schenkelhalsermüdungsfrakturen, gehäufte Instabilitäten u.a. am Kniegelenk. Auf gynäkologischem Gebiet: Zyklusstörungen und Schwangerschaftsrisiken.

Behandlung
Die Behandlung muss kausal erfolgen, das heißt, die Ursache für die Entstehung der Adipositas muss herausgefunden und therapiert werden. Liegt beispielsweise eine endokrinologische Erkrankung zugrunde, muss sich die Behandlung vornehmlich auf diese Krankheit beziehen. Gemäß den Richtlinien der DAG besteht bei einem BMI von mehr als 30 kg/m² grundsätzlich die Notwendigkeit einer Behandlung. Ziele der Behandlung sollten sein: ein langfristiger Gewichtsverlust, die Reduktion von Begleit-erkrankungen, die Verbesserung des Gesundheitsverhaltens und die weitestgehende Vermeidung von Nebenwirkungen.
Vor Beginn einer langfristig angelegten Adipositastherapie sollte eine realistische Zielvereinbarung erfolgen. Überhöhte Therapieerwartungen, wie das Erreichen des Normalgewichtes, führen zu erhöhten Rückfallquoten. Deshalb hat sich eine stufenweise Reduktion des Körpergewichtes bewährt. Das Ziel sollte dann jeweils bei entsprechendem Erfolg erneut definiert werden. Das National Institute of Health (NIH) definiert den Therapieerfolg als eine Reduktion des Körpergewichtes um wenigstens fünf Prozent unter dem Ausgangsgewicht ein Jahr nach erfolgter Gewichtsreduktionstherapie. Diese Grenze erscheint bescheiden, allerdings belegen zahlreiche Untersuchungen, dass bereits wenige Kilogramm Fettgewebsverlust zu deutlichen Besserungen im Stoffwechsel führen können. Parallel zu einer verminderten Energiezufuhr ist auch ein erhöhter Energieverbrauch ein wichtiges Mittel für die Reduktion des Körpergewichtes. Da Bewegungsarmut entscheidend an der Entstehung der Adipositas beteiligt ist und einen niedrigen Energieumsatz fördert, ist vermehrte körperliche Aktivität auch häufig eine ursächliche Therapie.
Eine operative Therapie extrem übergewichtiger Patienten ist unter folgenden Kriterien möglich: BMI < 40 seit mehr als drei Jahren; die konservative Therapie - möglichst unter ärztlicher Anleitung oder im Rahmen von Selbsthilfegruppen - hat sich als erfolglos oder nur von vorübergehendem Effekt gezeigt. In Ausnahmefällen kann bei BMI 35 bis 40, in Verbindung mit schweren Begleit- und Folgeerkrankungen, operiert werden.



Psychosoziale Folgen  
Im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten lässt sich die Adipositas kaum verheimlichen. Im Kontext mit der negativen Stigmatisierung des Übergewichtes können psychosoziale Komplikationen der Adipositas auftreten.
In den letzten Jahrzehnten sank das gesellschaftliche Ansehen der Adipösen in den Industriestaaten ganz erheblich, gleichzeitig stieg die soziale Diskriminierung erheblich an. Bereits bei Kindern sind Vorurteile gegenüber Adipösen vorhanden. Eine repräsentative Erhebung an 2.063 jungen Frauen ergab, daß die Prävalenz von Angststörungen und Depressionen nach den DSM-IV-Kriterien bei einem BMI von mindestens 30 sich gegenüber normalgewichtigen Frauen in etwa verdoppelt.

Prävention  
Die Vermeidung eines mit zunehmenden Lebensalter häufiger auftretenden Übergewichtes und die Erhaltung eines durch Gewichtsreduktion erzielten, geringeren Körpergewichtes ist aus ärztlicher Sicht von Bedeutung. Wer einmal übergewichtig war, lebt mit dem Risiko, erneut übergewichtig zu werden. Deshalb sind präventive Bemühungen ohne zeitliche Begrenzung notwendig, insbesondere bei familiärer Belastung.
In dem umfassenden ganzheitlichen präventiven Ansatz spielt die ausgeglichene Energiebilanz eine Schlüsselrolle bei der Vermeidung von Übergewicht. Sie muß sowohl durch die richtige Ernährung als auch durch eine Steigerung des Energieverbrauches mit körperlicher Aktivität abgesichert werden.
Als präventive Ernährungsmaßnahmen haben sich eine fettnormalisierte, kohlenhydrat- (Stärke-) und ballaststoffreiche Ernährung (gemäß DGE) bewährt. Bei der Lebensmittelauswahl sollten Vollkornprodukte, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Gemüse und Obst bevorzugt werden, während fettreiche Lebensmittel, insbesondere tierischer Herkunft, nur gelegentlich verzehrt werden sollten. Zucker und alkoholhaltige Getränke sollten nur begrenzt aufgenommen werden.
Verstärkte körperliche Aktivität durch intensivere sportliche Betätigung oder im Alltag vereinfacht durch mehr Zufußgehen, Treppensteigen, Fahrradfahren, führt zu einem größeren Energieverbrauch, aber auch zu vielfältigen metabolischen, hämodynamischen und autonomen Funktionssteigerungen. Bei intensiverer körperlicher Aktivität gelten als Richtschnur der Belastungsintensität 50 bis 75 Prozent der maximalen Pulsrate. Ausschlaggebend ist, wie intensiv die Lebensweise umgestellt wurde. Zweifellos bringt eine Verhaltenstherapie zusätzlich zu richtiger Ernährung und höherer körperlicher Aktivität einen Vorteil. Am Anfang gilt es, die Motivation des Patienten zu wecken, auszuloten und zu stärken. Sie muß auch für die Prävention der Adipositas die treibende Kraft sein. Besonders ist die Prävention bereits im Kindesalter anzustreben und erforderlich.

Quellen: 
Leitlinien zur Therapie der Adipositas, Deutsche Adipositas-Gesellschaft 1998 •
Essstörungen, Eine Information für Ärztinnen und Ärzte, DHS 1997 • 
Deutsches Institut für Ernährungsforschung • Petra Warschburger, Franz Petermann, Carmen Fromme, Nancy Wojtalla, Adipositastraining mit Kindern und Jugendlichen (Materialien für die Klinische Praxis),
1999 • Barbara Buddeberg-Fischer, Früherkennung und Prävention von Essstörungen, 2000 • Günter Reich, Manfred Cierpka, Psychotherapie der Essstörungen, Krankheitsmodelle undTherapiepraxis - störungsspezifisch und schulen-übergreifend, 2001• Ärzte Zeitung, 4.10.2002

Drastische Zunahme adipöser Kinder

Etwa jedes sechste Kind in Deutschland ist zu dick. Bei sieben bis acht Prozent liegt eine Adipositas vor. Trend steigend, beklagte Dr. Martin Wabitsch von der Unikinderklinik Ulm und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) bei der Jahres- tagung der Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Leipzig.
Verantwortlich sind, so Wabitsch, zu fett- und energiedichte Lebensmittel gepaart mit deutlicher Abnahme körperlicher Bewegung und somit des Energieverbrauchs. Der deutliche Anstieg der Zahl übergewichtiger Kinder in Deutschland in den vergangenen Jahren werde durch Studien und Reihenuntersuchungen belegt. So hat sich der Anteil der Kinder mit zu hohem Gewicht in Jena zwischen 1975 und 1995 verdoppelt. Im Leipziger CrescNet-Projekt wird in den Vergleichen der Gewichts- und BMI-Pertenzilen von 1995 und 2001 eine drastische Zunahme adipöser Kinder festgestellt, während sich in den Körpergrößen kaum Unterschiede ergeben haben, berichtete er.
Zu den Folgen sagte Wabitsch, „aus überge- wichtigen Kindern werden übergewichtige Erwachsene mit einem hohen Risiko für das Auftreten von Typ 2 Diabetes, Herzinfarkt, Schlanganfall, Gelenk- und Gallenblasen- erkrankungen“. Der Typ 2 Diabetes, der normalerweise erst im höheren Erwachsenenalter auftrete, werde inzwischen mit einer Prävalenz von circa 1,5 Prozent bei adipösen Kindern und Jugendlichen beobachtet. Die Erfolge einer Behandlung von übergewichtigen Kindern mit dem Ziel der Gewichtsreduktion seien langfristig bei den meisten unbefriedigend. Er plädierte für Schritte im Sinne einer Primärprävention. Dabei sollte das Angebot an Nahrungsmitteln kontrolliert und die Attraktivität körperlicher Bewegung verbessert werden. Zum Beispiel durch den Ausbau von Radwegen und Öffnung von Schul- sportstätten an Nachmittagen und Wochenenden.

 
Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG)
Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft wurde 1985 gegründet und versteht sich als Vereinigung von Wissenschaftlern und therapeutisch tätigen Experten, die sich diesem Krankheitsbild in besonderer Weise widmen. Die DAG hat folgende Ziele gesetzt:
1. Förderung der Adipositasforschung einschließlich der Unterstützung junger Wissenschaftler
2. Förderung der wissenschaftlichen Diskussion und Weiterbildung auf dem Gebiet der Adipositas
3. Entwicklung von Konzepten und Leitlinien zur Prävention, Diagnose und Therapie der Adipositas 

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